Hybristikon

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2020
  • |
  • 648 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-6436-4 (ISBN)
 
Hybristikon handelt vom Umgang mit dem Anderen. Es wird am Beispiel des Hermaphroditen durchgespielt. Die medizinische, mythologische und religiöse Sicht dient als Rahmen fürs reale Leben des Betroffenen. Der Form nach Satire, sind die Inhalte kaum zum Lachen. Dem Buch ist eine zu beherzigende Warnung vorangestellt: Es ist für Freaks, Fantaster, geistige Ritzer, Rasierklingenreiter, Gevierteilte, Lichtblicklose und Spitzentänzer in Bleischuhen. Wer's Roman nennt, ist selber schuld.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,68 MB
978-3-7519-6436-4 (9783751964364)
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Stefan T. Gruner, geboren in Leipzig, Kindheit in München, Jugend in Bonn. Sprachlehrer in Palma / Mallorca. Hotelangestellter und Sprachlehrer in Madrid. Danach Sprachlehrer in Valencia. Hauptschullehrer in Versmold. Psychologe mit zusätzlicher Ausbildung zum Gesprächstherapeut. Interner Trainer und Schulungsleiter in Pharma-Unternehmen. Anschließend freier Trainer mit Schwerpunkt Teamtraining, Konfliktlösung, Mediation. Verheiratet in Bielefeld, eine Tochter.
Veröffentlichung: Romane, Lyrik, Essays, Erzählungen, Prosapoeme, Szenen.

Athletinnen, die durch Östrogeneinnahme ihren Testosteronwert verringerten, fielen hinter ihre früheren Leistungen zurück. Die Grenzwertsetzer sahen sich bestätigt. Fairer Wettbewerb war wieder hergestellt. Mannweiber wurden nicht mehr durch Unterleibsbetrachtung, sie wurden molekularbiologisch enttarnt! 4,9 Nanomol pro Liter Blut noch Frau - 5,1 Nanomol schon Mann!

Sieg der wahren Geschlechtsbestimmung jenseits des äußeren Erscheinungsbilds? Nicht ganz. Die Testosteronmenge ist als entscheidendes Kriterium nach dem Motto herausgepickt worden, dass es eine letzte Ursache für die unterschiedliche Geschlechtsbildung gibt, die dann auch den Marker für die wissenschaftlich korrekte Bestimmung liefert. Die Idee ist verlockend, doch das Motto ist falsch.

Jede Letztursache fällt auf den Mythos vom Urei herein... Der Mythos infiziert periodisch auch die Naturwissenschaften, die bekanntlich weder von der Natur handeln noch Wissen schaffen.

- Sondern, Dok? Sondern?

- Sondern sich im Spiegel der Natur betrachten.

- Und?

- Und kausale Erzählfäden spinnen statt Wissen zu schaffen.

- Also?

- Also sind wir unterm Strich alle Wünschelrutengänger. Dazu später mehr.

- Besser nicht, Dok, besser nicht!

- Michel Foucault - unter uns Mischa Furunkel - geht wie wie Friedrich Nietzsche - unter uns Federführende Niete - von einer genealogischen Geschichte aus, die nicht auf einem einzigen Ursprung zurückzuführen ist. Statt eines einzigen Ursprungs postuliert er heterogenen Anfängen und Abbrüchen, Metamorphosen und Wendepunkten, die zur Herstellung eines neuen Objekts beitragen. So findet man denn auch am historischen Anfang aller Dinge keinen identifizierbaren Ursprung, sondern unstimmige Vielfalt und nicht weiter aufzudröselnde Andersartigkeiten.

Mit dem Testosteron-Östrogen Verhältnis als Marker für Mann und Frau wechseln wir - die dramatische Wende habe ich schon betont und werde sie weiter betonen - vom sichtbar Äußeren zum unsichtbar Inneren. Durch diesen Wechsel landen wir beim Irrtum Nummer zwei: Die Keimdrüsen und ihre Produkte als die wahren Geschlechtsentscheider.

Ende des 19. Jahrhunderts behauptet Rudolf Virchow - unter uns Rolf Wirrschopf - in seiner Cellularpathologie, dass sich die Frau allein durch das Ovarium bestimmen lasse. Die Beziehung des Mannes und des Weibes hinsichtlich des Vorhandenseins von Eizellen zu erkennen, schreibt er, heißt so gut wie alle Mysterien der Geschlechter zu lösen. Das Weib sei eben Weib durch seine Generationsdrüse. Alle Eigentümlichkeit seines Körpers und Geistes, die süße Zartheit und Rundung der Glieder bei der eigentümlichen Ausbildung des Beckens, die Entwicklung der Brüste bei Bewahrung der Stimmhöhe, jener schöne Schmuck des Kopfhaares bei dem kaum merklichen, weichen Flaum der übrigen Haut, die Tiefe des Gefühls, die Fähigkeit der unmittelbaren Anschauung, die Sanftmut, Hingebung und Treue - kurz, alles, was wir an dem wahren Weib bewundern, ist nur ein Ausfluss ihrer Eierstöcke...

Man nehme ihre Eierstöcke weg, folgert Virchow, und das Mannweib in seiner hässlichsten Halbheit mit den groben und harten Formen, den starken Knochen, dem Schnurrbart, der rauen Stimme, der flachen Brust, dem missgünstigen und selbstsüchtigen Gemüt und dem schiefen Urteil steht vor uns.

Hoden wiederum markieren den Mann. Bleiben sie unter der Bauchdecke verborgen, helfen Tastversuche wenig, da sie mit Eierstöcken zu verwechseln sind. Eierstöcke waren schon für die Anatomen vor Christi Geburt nichts anderes als weibliche Hoden - testis muliebris. Damalige Zeitgenossen trauten ihnen sogar die Entwicklung von männlichen Samen zu, bis die Orientierung an äußerer Ähnlichkeit der Erkenntnis unterschiedlicher biologischer Funktionen wich und testis muliebris durch ovarium ersetzt wurde: dem eibildenden Organ.

Was die Keimdrüsen anging, gab's kein Rasten noch Ruhen, bis geklärt war, wann genau und durch was sich die W und die M Drüse auseinanderentwickelte, denn die erste Keimdrüsenanlage, die beim Embryo von etwa vier bis fünf Millimeter Länge am medialen Anhang der Urniere sichtbar wird, ist geschlechtlich indifferent.

Testikel und Ovar entwickeln sich in gleicher Segmenthöhe. Das mehrschichtige Zölomepithel der Genitalleiste wird vorübergehend durch eine Basalmembran vom Mesenchym getrennt, doch verwischt sich die Grenze bald wieder, so dass eine Vermengung von Zölomepithel und Mesenchym möglich wird. Aus diesem Zellmaterial bilden sich bei dreizehn bis fünfzehn Millimeter langen Embryonen die primären Keimstränge. Ab einer Embryonallänge von etwa fünfzehn Millimetern wird die Grenze zwischen Zölomepithel und Mesenchym wieder durch eine Basalmembran markiert. Nach dem Auftreten der primären Keimstränge werden die oberflächlichen Zelllagen zweischichtig: Die periphere Schicht wird zum Oberflächenepithel, aus der zentralen Schicht bilden sich die sekundären Keimstränge.

Primäre wie sekundäre Keimstränge produzieren im Eierstock und im Hoden die dem Geschlecht zukommenden Samenkanälchen oder Eiballen gleich; im Hoden überwiegen lediglich die primären, im Eierstock die sekundären Keimstränge.

- Mal Stock, mal Ballen, Dok?

- Der übliche Knax'sche Wortsalat!

- Dok Knax rührt hier eine Buchstabensuppe an, die ich mich weigere, im Namen der unzufriedenen Mehrheit länger zu löffeln.

- Ich möchte mich nicht an Begriffen wie Saubeutel vergreifen, aber es drängt sich mir aus dem Mund.

- Mir liegt Schlimmeres auf der Zunge!

- Es besteht eine Analogie zu den Befunden bei den sogenannten niederen Tieren, bei denen im Verlauf der Hodenentwicklung mehr der Markanteil, bei der Ovarbildung mehr der Rindenanteil der Gonadenanlage ausreift. Wie sich die Prostata aus einer bisexuellen Anlage entwickelt, entwickeln sich die äußeren Genitalien bei beiden Geschlechtern aus Geschlechtshöckern ventrokranial, aus Geschlechtsfalten beiderseits der Kloakenmembran und aus Geschlechtswülsten.

- Aha!

- Höcker!

- Falten!

- Membranen!

- Wülste!

- Kloaken!

- Fundament für beide Geschlechter.

- Gelächter.

- Wer zieht als erster die rote Karte für Sir Knax?

- Ich! Ich! Und nochmal ich!

- Aus diesen zunächst indifferente Gebilden werden je nach den einwirkenden Determinanten, die aufzuzählen eine Bibliothek füllte, die Kopulationsorgane, die wiederum Nicolaus Otto - unter uns Niko Agostotto - inspirierten, sie mit Kolben und Zylinder maschinell nachzuahmen. Was daraufhin in Ottos Motoren kopulierte, trat eine Geburtenlawine von Autos los, die zeitweilig die Zahl der Menschen zu übersteigen drohte.

- Zu überstinken drohte.

- Zu überrollen drohte.

- Zu überlärmen drohte.

- Wenn ich diesen Otto zu fassen kriege!

- Einwirkende Determinanten, das sagt sich leicht, aber welche sind es? Wo stecken die? Woher kommen die? Wie viele gibt es davon? Jeder, der hier den Finger hebt und letzte Antwort gibt, steht im nächsten Moment als Trottel da. Schon die Annahme eines indifferenten Ausgangsmaterials könnte falsch sein. Womöglich tappen wir damit einmal mehr in die Vorstellung eines alles noch unterschiedslos in sich vereinigenden Ureis, wie es die Schöpfungsmythen im Urvater, in der Urmutter oder dem Urknall weiter ausfantasieren...

Statt eines einzigen Ursprungs folgt Michel Foucault - unter uns Mischa Furunkel - dagegen seinem Vordenker Friedrich Nietzsche - unter uns Federführende Niete - in der Annahme heterogener Anfänge und Abbrüche, Metamorphosen und Wendepunkte, die alle zur Herstellung eines neuen Objekts beitragen.

- Leiden Sie unter Wiederholungszwang, Dok?

- Gedächtnissturz?

- Kurzzeitamnesie?

- Wortwörtlich der gleiche Mist nach fünf Minuten!

- Wenn Dok Knax 'n Plattenspieler wär, könnt ma' sagen, dass seine Nadel öfter in ner Rille hängenbleibt.

- Wer sagt, dass Knax kein Plattenspieler ist?

- In menschenähnlicher Tarnung. Arg verkorkst.

- Dass Knax nur Rillen abfährt, wo wir Gehirnzellen unser Eigen nennen?

- Sir Knax ist unberillt! schreit Knaxito empört.

- Oho, Knaxito macht sich zum Meister-Retter!

- Macht uns zu Meister-Verfolgern!

- Und Knax zum Meister-Opfer!

- Das klassische Drama-Dreieck!

- Macht er.

- Oho!

- Können wir weiter? Die Annahme von einer ersten geschlechtlich indifferenten Keimdrüsenanlage verlängerte Josef Halban - unter uns Halber Hahn - zum hermaphroditischen Ur-Ei, das Richard Goldschmidt - unter uns Rich Goldgreed - schon in der ersten Zelle des neuen Lebens angelegt sieht. In dieser Ur-Ei Zelle liegen männlichkeitsbildende und weiblichkeitsbildende Faktoren gleich stark zusammen, bis einer der beiden...

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