Palais Heiligendamm - Stürmische Zeiten

Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Mai 2021
  • |
  • 525 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7517-0138-9 (ISBN)
 

Palais Heiligendamm, 1922: Während der Währungskrise kämpft Elisabeth erneut um das Überleben des frisch renovierten Palais. Erst als ein berühmter Regisseur in der schönen Kulisse des Hotels einen Film dreht, gibt es neue Hoffnung. Während der berufliche Erfolg zum Greifen nah ist, steht Elisabeths Liebe zu Julius unter keinem guten Stern. Auch ihr Bruder Paul muss Abschied von seinen Träumen nehmen. Er ist zutiefst unglücklich. Als er in den Dunstkreis der NSDAP gerät, trifft er eine Entscheidung, die die ganze Familie in Gefahr bringt.

1. Aufl. 2021
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 2,85 MB
978-3-7517-0138-9 (9783751701389)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Michaela Grünig, geboren und seelisch beheimatet in Köln, war lange Jahre im Ausland tätig. Dort kam sie nicht nur mit interessanten Menschen und ihren Geschichten zusammen, sie entdeckte auch ihre große Liebe zum Reisen, die sie aber immer wieder zu ihren Lieblingsorten an der Ostseeküste zurückführte. Seit 2010 hat sie ihr Hobby, das Schreiben, zum Beruf gemacht.

1. Kapitel
Bad Doberan, Palais Heiligendamm, Januar 1922

Der kleine Bankettsaal erstrahlte in all seiner frisch renovierten Herrlichkeit und bot einen denkbar schönen Rahmen für die kleine Hochzeitsgesellschaft ihrer Schwester Johanna. Zufrieden ruhte Elisabeths Blick auf dem matt glänzenden französischen Parkett, das von einem Spezialisten in hochkomplexen Mustern verlegt worden war und unter anderem Sterne und Rauten zeigte. Sie hatte wochenlang mit Julius über die hohen Kosten diskutiert. Er war als Miteigentümer des Palais der Meinung gewesen, dass es ein schlichterer Bodenbelag auch getan hätte, aber das Ergebnis gab ihr recht: Der Raum wirkte sogar noch edler als vor dem Krieg, und man konnte sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen, dass hier noch vor wenigen Jahren verletzte Soldaten in Feldbetten gelegen hatten.

Die Instandsetzung des Hotels hatte viel Zeit in Anspruch genommen, weil es nach 1918 kaum Handwerker und Baumaterialien gegeben hatte. Auch in Bad Doberan und Umgebung waren viele Familienväter nicht von der Front zurückgekehrt, und es hatte ewig gedauert, die notwendigen Fachkräfte aufzutreiben. Auch wegen der Schwierigkeiten bei der Beschaffung der kostspieligen Baustoffe - viele ausländische Firmen lieferten nicht mehr an deutsche Kunden - waren die Arbeiten immer wieder kurzfristig zum Erliegen gekommen. Alles in allem eine nervenaufreibende Aufgabe, die in den letzten Jahren ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht hatte. Doch es hatte sich gelohnt. Mit dem erneuerten Stuck, den glitzernden Kristalllüstern und den schlanken Säulen bot der kreisrunde Saal einen Rahmen, in dem auch royale Häupter hätten speisen und tanzen können, selbst wenn es diese nun in Deutschland nicht mehr gab, weil Kaiser und Co. nach der Niederlage abgedankt hatten.

Elisabeth hatte die Banketträume und den Ballsaal absichtlich in barockem Prunk restaurieren lassen. Für sie verkörperte dieser Stil nicht nur eine Rückkehr zur Tradition des Palais, sondern eignete sich auch bestens, um die lang vermisste Lebenslust wiederzuentdecken. In diesen Räumlichkeiten sollten abermals rauschende Feste gefeiert werden. Nach den düsteren, entbehrungsreichen Kriegsjahren und der chaotischen Zeit danach sehnte sie sich nach perlendem Champagner und der spielerischen Leichtigkeit des Seins. Ihre Gäste sollten endlich wieder im Luxus schwelgen dürfen. Ach, wenn ihr Vater, der das Hotel einst gegründet hatte, das noch hätte erleben können . er wäre sicherlich stolz auf sie gewesen. Genauso wie auf seine älteste, nun verheiratete Tochter.

Als Elisabeth an der überschaubar langen Tafel entlangsah, zog sie unwillkürlich die Stirn kraus. Ursprünglich hatte sie sich Johannas Hochzeitsfeier anders vorgestellt. Ausgelassener und vor allem mit einer weitaus größeren Gästeschar. Stattdessen saßen sich - abgesehen von ein paar Freunden - lediglich die Familien der Brautleute fremdelnd bei einem Abendessen gegenüber. Besonders ihrer Mutter schien es schwerzufallen, sich ein Lächeln abzuringen. Sie hatte sich offenbar noch immer nicht damit abgefunden, dass die Wahl ihrer schönen und begehrten Tochter ausgerechnet auf einen jüdischen Kinderarzt gefallen war. Dabei hatte sie weiß Gott genug Zeit gehabt, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Vor der Hochzeit hatte Johanna drei ganze Jahre lang Hebräisch, die Thora und jüdische Bräuche studiert, um für ihren Samuel zum jüdischen Glauben konvertieren zu können.

Erst letzten Monat war sie nach einem rituellen Tauchbad in die Religionsgemeinschaft aufgenommen worden. Kurz darauf hatten die beiden in einer Berliner Synagoge geheiratet. Und obwohl Elisabeth und der Rest der Familie von Johanna auf die dabei üblichen Riten vorbereitet worden waren, hatte vieles doch recht exotisch angemutet: Zum einen hatte die Vermählung auf Wunsch von Johannas Schwiegereltern an einem Dienstag stattgefunden, weil in der Bibel der dritte Tag der Schöpfungsgeschichte gleich zweimal mit den Worten »Gott sah, dass es gut war« gelobt wird und deshalb an diesem Tag geschlossene Ehen angeblich doppelt so gut hielten. Des Weiteren hatte die Braut ihren zukünftigen Ehemann erst dreimal unter einem Baldachin umrunden müssen, bevor der Rabbiner mit der Zeremonie beginnen konnte. Als Samuel schließlich ein in ein Tuch gewickeltes Weinglas zertreten hatte, waren die Augenbrauen ihrer Mutter pikiert in die Höhe gewandert.

Auch Samuels Eltern behandelten ihre neue Schwiegertochter eher mit kühler Höflichkeit, als sie mit offenen Armen im Kreis ihrer Familie aufzunehmen. Doch weder Samuel noch Johanna schienen sich an diesen unterschwelligen Konflikten zu stören. Ganz im Gegenteil, sie hatten nur Augen füreinander und schienen erfüllt von reinster Glückseligkeit.

In diesem Moment hob Johannas frischgebackener Schwiegervater Jakob Hirsch, ein asketisch wirkender emeritierter Professor für Pharmakologie, sein Glas: »Auf das Brautpaar. Denn ein Mann ohne Frau lebt ohne Freude, ohne Segen, ohne Güte. Masel tov!«

»Masel tov!«, schallte es vielstimmig zurück. Aus den Augenwinkeln bemerkte Elisabeth, wie ihre Mutter unwillig die Lippen aufeinanderpresste. Es war bereits der zehnte Trinkspruch, und selbst daran schien sie Anstoß nehmen zu wollen.

»Alle Achtung, Schwesterherz, bei der Renovierung hast du wirklich ganze Arbeit geleistet«, sagte Friedrich, der zu ihrer Rechten saß, und schaute sich wohlwollend um, während seine Hand weiterhin auf der seiner hübschen Verlobten Margot ruhte.

»Danke, Bruderherz«, erwiderte Elisabeth mit einem leisen Seufzen. »Jetzt brauchen wir nur noch mehr Gäste, um das Palais wieder mit Leben zu füllen.«

Ihr Bruder nickte abwesend. Er hatte sich noch nie für das Hotelgeschäft seiner Familie erwärmen können. Sein Herz schlug seit jeher nur für die Medizin, und so war es kein Wunder, dass es sich bei seiner zukünftigen Ehefrau ebenfalls um eine Medizinerin handelte. Die beiden hatten sich vor etwas über einem Jahr in der Berliner Charité kennengelernt, wo Friedrich als Chirurg arbeitete. Seine Verlobte forschte dort auf einem Gebiet, das sich etwas sperrig »Erbgesundheitslehre« nannte. Elisabeth konnte sich nichts Genaues darunter vorstellen, aber Margot schien - zumindest auf den ersten Blick - eine nette Person zu sein, und wenn sie ihren Bruder glücklich machte, freute Elisabeth sich für die beiden. Außerdem stand ihre Mutter dieser Verbindung überaus wohlwollend gegenüber: Margot war, wie der Rest der Kuhlmanns, protestantisch, zudem leitete ihr Vater die Abteilung für Innere Medizin der Charité, was Friedrichs weiterer Karriere sicher nicht abträglich sein würde.

Ihr eigener Erfolg stand dagegen - trotz all der harten Arbeit - in den Sternen: Obwohl das Hotel seit drei Monaten wieder geöffnet hatte, war derzeit lediglich knapp ein Drittel der Zimmer belegt. Und das ließ sich leider nur teilweise mit der momentanen Nebensaison erklären. Die ausländischen Gäste schienen nach dem Krieg deutsche Reiseziele immer noch zu meiden, und auch ihren eigenen Landsleuten stand der Sinn nicht nach Urlaub. Dabei war Doberan im letzten Jahr anlässlich seiner 750-Jahr-Feier sogar in den Stand eines Kurbads erhoben worden und durfte sich seither »Bad Doberan« nennen. Auch die sommerlichen Musikveranstaltungen auf dem Kamp waren wieder eingeführt und zu Kurkonzerten aufgewertet worden. Der Gemeinderat und sie selbst hatten sich davon einen Ansturm neuer Gäste erwartet. Doch der war bisher leider ausgeblieben. Das schien sogar ihre große Konkurrenz, das luxuriöse Grand Hotel in Heiligendamm, schmerzhaft zu spüren zu bekommen. Seit dem Krieg standen auch dort die Betten leer, dabei war das Haus ohnehin nur in der Hauptsaison geöffnet. Hinter vorgehaltener Hand munkelte man bereits, dass das Traditionshaus unmittelbar auf einen Konkurs zusteuerte. Wenigstens diese Schmach würde ihr in der nahen Zukunft erspart bleiben . Julius hatte ihr wieder und wieder versichert, dass er etwaige finanzielle Defizite mit privaten Mitteln ausgleichen werde. Doch wie lange würde er sich das leisten können? Obwohl er durch das Erbe seines Vaters immens reich geworden sein sollte, hatte sie keine Ahnung, wie es wirklich um seine Finanzen stand. Warum hatte er zum Beispiel darauf bestanden, dass sie für die Renovierungsarbeiten im Palais einen Kredit aufnahm? Und warum arbeitete er inzwischen als Filmproduzent bei der UFA und hatte die Geschäfte des väterlichen Konzerns in die Hände eines Generaldirektors gelegt? Fragen über Fragen. Doch sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als Julius damit zu löchern. Ihr Verhältnis war nach der für sie so schmerzhaften Trennung und den konfliktreichen Renovierungsarbeiten der letzten Jahre immer noch angespannt, und sie wollte nicht, dass er ihre Wissbegierde im Hinblick auf seine geschäftliche Situation als übermäßiges Interesse an seiner Person interpretierte. Niemand sollte wissen, wie es in ihrem Innersten aussah.

Am anderen Ende der Tafel erklang ein glockenhelles Lachen, in das sich umgehend ein kindliches Kichern und das belustigte Brummen einer männlichen Stimme mischten. Ohne hinzusehen, wusste Elisabeth, wer sich dort so köstlich amüsierte, und es versetzte ihr einen Stich: Sogar Luise konnte offenbar besser mit der fünfjährigen Julia umgehen als sie selbst. Dabei war die blondgelockte Kleine Julius' und ihre Tochter und nicht das Kind ihrer Schwester. Doch zwischen Julia und ihr fehlte die natürliche Verbundenheit, die normalerweise zwischen einer Mutter und ihrem Kind herrschte. Kein Wunder . Julius hatte sie ihr entfremdet!

Noch während ihr dieser boshafte Vorwurf durch den Kopf schwirrte,...

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