Eine Frau flieht vor einer Nachricht

Roman
 
 
Hanser, Carl (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. August 2009
  • |
  • 736 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-23458-1 (ISBN)
 
Ora erzählt: von ihrer Liebe zu zwei Männern, von Wut und Zärtlichkeit, Verzweiflung und Leidenschaft und von ihrem Sohn Ofer, der sich freiwillig für einen Militäreinsatz im Westjordanland meldet. Seine Mutter hofft, das drohende Unglück zu bannen, indem sie ihrem Jugendfreund Avram, der im Jom-Kippur-Krieg selbst Soldat war, von Ofers Vorhaben berichtet. Und unerreichbar zu sein, falls das Schreckliche geschieht ... Autor und Friedensaktivist David Grossman spiegelt die großen Fragen in den kleinen Erlebnissen des Alltags. Er zeigt, wie in Israel das Schicksal der Menschen unauflöslich mit Politik verbunden ist. Ein mitreißendes, unvergessliches Buch und ein Protest gegen den Krieg.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Höhe: 2 mm
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  • Breite: 1 mm
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  • Dicke: 1 mm
  • 1,25 MB
  • 1 gr
978-3-446-23458-1 (9783446234581)
3446234586 (3446234586)
weitere Ausgaben werden ermittelt
David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren und gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2017 den internationalen Man-Booker-Preis für seinen Roman Kommt ein Pferd in die Bar. Bei Hanser erschienen zuletzt Diesen Krieg kann keiner gewinnen (2003), Das Gedächtnis der Haut (2004), Die Kraft zur Korrektur (2008), Eine Frau flieht vor einer Nachricht (Roman, 2009), Die Umarmung (2012), Aus der Zeit fallen (2013), Kommt ein Pferd in die Bar (Roman, 2016), Die Sonnenprinzessin (2016) und Eine Taube erschießen (Reden und Essays, 2018).

 

 

 

 

 

Hey, du da, Ruhe!

Wer ist das?

Sei endlich still! Du hast schon alle aufgeweckt!

Aber ich hab sie gehalten

Wen?

Auf dem Stein, da haben wir zusammengesessen

Auf was für einem Stein? Jetzt lass uns schlafen

Plötzlich ist sie mir runtergefallen

Du schreist, du singst

Aber ich hab geschlafen

Geschrien hast du!

Sie hat meine Hand losgelassen und ist gefallen

Hör auf, jetzt schlaf schon

Mach mal Licht

Bist du verrückt?

Ach so, hab ich vergessen

Die bringen uns um, wenn wir Licht machen

Wart mal

Was?

Ich hab gesungen?

Gesungen und geschrien, alles zusammen, sei jetzt still

Was hab ich gesungen?

Was du gesungen hast?!

Als ich geschlafen hab, was hab ich da gesungen?

Woher soll ich das wissen? Geschrien hast du! Und da fragst du noch, was du gesungen hast?

Aber du hast doch gesagt, ich hätte gesungen

Es war ein Lied ohne . keine Ahnung, Mensch

Und du weißt nicht, welches Lied?

Sag mal, bist du durchgeknallt? Ich leb kaum noch

Und wer bist du?

Zimmer drei

Auch auf Isolation?

Ja, ich muss zurück

Geh nicht . Bist du schon weg? Warte, hallo . Er ist gegangen . Aber was hab ich da gesungen?

 

In der nächsten Nacht weckte er sie wieder, schimpfte wieder, dass sie lauthals sang und das ganze Krankenhaus aufweckte, und sie flehte ihn an, er solle ihr doch sagen, ob es dasselbe Lied gewesen war wie letzte Nacht. Das müsse sie unbedingt wissen. Wegen des Traums, den sie geträumt hatte und den sie damals fast jede Nacht träumte. Alles darin war weiß, die Straßen, die Häuser und die Bäume, die Katzen und die Hunde und der über den Abgrund ragende Fels. Auch Ada, ihre rothaarige Freundin, war ganz weiß, ohne einen Tropfen Blut im Gesicht und im Körper. Doch auch diesmal konnte er nicht sagen, was sie gesungen hatte. Er zitterte am ganzen Leib, und ihm gegenüber zitterte sie in ihrem Bett. Wie zwei Kastagnetten sind wir, sagte er, und sie brach, selbst ganz überrascht, in ein frisches Gelächter aus. Das kitzelte ihn. Seine ganze Kraft hatte er auf der Reise von seinem Zimmer zu ihrem Zimmer verbraucht, fünfunddreißig Schritte, ein Schritt, Pause, noch einer, Pause, hatte sich an der Wand, an Türrahmen, an leeren Essenswagen festgehalten. Jetzt sackte er in der Tür zu ihrem Zimmer auf den klebrigen Linoleumboden zusammen. Eine ganze Weile mussten sie beide verschnaufen. Er wollte sie noch einmal zum Lachen bringen, konnte aber nicht mehr reden. Danach war er wohl eingeschlafen.

Sag mal

Was? Wer ist das?

Ich bin's

Ach, du

Sag mal, bin ich allein im Zimmer?

Wie soll ich das wissen?

Man sieht echt nichts. Hallo, ist hier noch jemand?

Das hier, das bin ich

Nein, ist sonst noch jemand hier?

Hier, ich steh jetzt

Was war das?

Ich bin hingefallen

Zitterst du so?

Ja, ich zitter

Wie viel hast du?

Abends hab ich vierzig gehabt

Ich vierzig drei

Ich muss zurück ins Zimmer

Sag mal

Was?

Wann stirbt man?

Bei zweiundvierzig

Das ist nah

Nein, nein, du hast noch Zeit

Das ist wahnsinnig nah

Morgen früh fühlst du dich besser

Geh nicht, ich hab Angst

Hörst du das?

Was?

Diese Stille plötzlich

Hat es vorher nicht gekracht?

Kanonen

Ich schlaf die ganze Zeit, und dann ist es plötzlich schon wieder Nacht

Sogar wenn ich lieg, fühlt es sich an, als ob ich fall

Immer wenn ich die Augen aufmach, ist es Nacht

Wegen der Verdunklung

Ich glaub, die werden siegen

Wer?

Die Araber

Quatsch

Sie haben schon Tel Aviv erobert

Woher hast du . Wer hat dir das gesagt?

Weiß nicht. Vielleicht hab ich's gehört

Das hast du geträumt

Nein, das hat hier jemand gesagt, vorhin. Ich hab hier Stimmen gehört

Das kommt vom Fieber, Albträume, hab ich auch

Der Traum, den ich geträumt hab

Ich muss jetzt zurück

Da war ich mit meiner Freundin

Erstmal vom Boden aufstehn

So ein Abgrund, und dort oben so ein Fels

Weißt du vielleicht

Was?

Aus welcher Richtung ich gekommen bin

Ich kenn mich hier nicht aus

Wie lang bist du schon hier?

Keine Ahnung

Ich vier Tage, vielleicht auch schon eine Woche

Warte, und wo ist die Schwester?

Nachts ist sie auf der Inneren Station A

Die ganze Nacht?

Manchmal kommt sie hier vorbei. Eine Araberin

Woher weißt du das?

Man hört's beim Sprechen

Du zitterst

Der Mund, das ganze Gesicht

Sag mal, wo sind denn alle?

Uns nehmen sie nicht mit in den Schutzraum

Warum nicht?

Damit wir keinen anstecken

Dann sind bloß noch wir

Und die Schwester

Ich dachte

Was?

Könntest du mir das vielleicht vorsingen

Fängst du schon wieder damit an?

Nur summen

Dass ich ihr vorsing, dass ich ihr vorsumm, die denkt wohl, ich bin ein

Wäre es umgekehrt, würd ich's dir vorsingen

Ich geh

Geh nicht

Ich muss zurück

Wohin?

Wohin? Wohin? Mich zu meinen Vätern versammeln und in tiefer Trauer in die Unterwelt hinabfahren, dahin muss ich

Wie bitte? Was hast du da gesagt? Warte, vielleicht kenn ich dich ja? Hey, komm zurück

 

Auch in der folgenden Nacht kam er schon vor Mitternacht zu ihr, an die Tür ihres Zimmers; wieder schimpfte er und beschwerte sich, dass sie im Schlaf sang und ihn und die ganze Welt aufweckte. Auch diesmal fragte sie, ob er sagen könne, welches Lied sie gesungen habe, und er murrte, er habe die Nase voll, jede Nacht ihretwegen aufzuwachen und diesen verfluchten Flur langzukriechen, und sie lächelte und fragte, ob sein Zimmer wirklich so weit weg sei, und erst da merkte er, dass ihre Stimme nicht von derselben Stelle kam wie am Tag zuvor oder an dem davor.

Denn jetzt sitze ich, erklärte sie, und er fragte vorsichtig nach, warum sitzt du denn? und sie, weil ich nicht geschlafen hab, und er, was hast du dann gemacht? und sie, ich hab dagesessen und auf dich gewartet, und er, warum hast du dann gesungen? und sie, ich hab überhaupt nicht gesungen, und er, ach, und sie, echt nicht.

Beide hatten den Eindruck, als sei das Dunkel noch dunkler geworden. Eine neue Hitzewelle, die vielleicht gar nicht mit der Krankheit zusammenhing, breitete sich in Ora aus, fing bei den Zehen an, stieg auf und trieb ihr rote Flecken auf Hals und Gesicht. Ein Glück, dass es dunkel ist, dachte sie und drückte den Kragen ihres weiten Pyjamas an den Hals. Schließlich räusperte sich der Typ in der Tür schwach und sagte, also, ich muss zurück, und sie, warum eigentlich? Und er sagte, er müsse sich dringend teeren und federn, und sie verstand nicht, aber dann verstand sie doch und lachte aus vollem Hals, komm, du Spinner, hör auf mit dem Theater, ich hab hier neben mir einen Stuhl für dich hingestellt.

Er tastete sich am Türrahmen, an metallenen Nachttischchen und Betten entlang, bis er irgendwo stehen blieb, sich auf ein leeres Bett stützte und laut schnaufte. Hier bin ich, ächzte er, und sie, komm bis zu mir, und er, warte, lass mich erstmal atmen. Das Dunkel machte ihr Mut, und sie sagte mit lauter Stimme, mit der Stimme ihrer Gesundheit, einer Stimme von Meer, Strandball und Wettschwimmen bis zum Stillen Strand, wovor hast du Angst, ich beiße nicht, und er, in Ordnung, in Ordnung, wir haben's vernommen, ich leb ja kaum noch. Die unterschwellige Beschwerde in seiner Stimme berührte sie, und auch, wie mühsam er angeschlurft kam. Wir sind ein bisschen wie ein altes Paar, dachte sie.

Wo bist du überhaupt?

Ans Ende des Zimmers haben sie mich gelegt

Autsch!

Was ist passiert?

So ein Bett hat plötzlich beschlossen . autsch!

Noch eins?

Fuck. Sag mal, vom Gesetz der Gemeinheit .

Was hast du gesagt?

Vom Gesetz der Gemeinheit der Gegenstände hast du schon gehört?

Wann kommt du endlich?

Ihrer beider Zittern hörte nicht auf, wurde manchmal zu einem langen Schüttelfrost, und wenn sie sprachen, war ihre Rede abgehackt und hastig, nicht selten mussten sie abwarten, bis die Muskeln des Gesichts und des Mundes sich ein bisschen erholten, und dann stießen sie die Wörter schnell und mit verkrampften, hohen Stimmen aus, und das Stottern zerbrach die Sätze in ihrem Mund. Wie-alt-bist-du? Sech-zehn, und-du? Sech-zehn und-ein-vier-tel. Ich-hab-Gelb-sucht, sagte sie, und-was-hast-du? Er sagte, ich-glaub-ei-ne-Ei-er-stock-ent-zün-dung.

Stille. Er atmete schwer: Üb-ri-gens, das-war-ein-Witz. Sehr witzig, sagte sie. Er seufzte: Ich hab versucht, sie zum Lachen zu bringen, aber ihr Humor ist wohl zu - sie war gespannt und fragte, mit wem er da rede. Er sagte, mit dem, der mir meine Witze schreibt, ich muss ihn wohl feuern. Wenn du dich nicht sofort hier hinsetzt, drohte sie, fang ich an zu singen. Er mimte einen Schüttelfrost und lachte. Sein Lachen knarzte. Wie ein schreiender Esel, so ein Lachen, das sich selbst ernährt, und sie schluckte sein Lachen heimlich wie eine Medizin, wie eine Belohnung.

Er lachte sehr über ihren kleinen dummen Witz, und fast hätte sie ihm erzählt, dass es ihr in letzter Zeit nicht mehr gelang, die Leute dazu zu bringen, sich vor Lachen zu kringeln, wie früher - »Mit ihrem Humor ist es nicht sehr weit her« - hatte man an der Purimfeier dieses Jahr über sie gesagt, und das war nicht bloß ein Schönheitsfehler, bei ihr war das schon ein schwerwiegender Defekt, eine Behinderung, die sich in Zukunft noch entwickeln und zu Komplikationen führen konnte, und...

"Meisterhaft beleuchtet Grossman die Psyche einer Frau und Mutter, erzählt von Liebe und erotischer Leidenschaft, von Männerfreundschaft und leisen Nuancen des Alltags in einem von Gewalt und Angst zermürbten Land." Anat Feinberg, Die Welt, 22.08.09

"Kann ein Buch Leben retten? Der israelische Schriftsteller David Grossman wollte erzählend seinen Sohn beschützen. Er schrieb ein Epos über sein Land. Und - Weltliteratur." Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.08.09

"Man liest immer langsamer, weil man nicht will, dass der Roman aufhört. Noch Tage danach ist man wie benommen und voll von dieser Romanwelt, die ein Leben nicht retten konnte, die aber ihrerseits Rettung ist, weil man in einer Welt ohne Bücher wie dieses gar nicht leben will." Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.08.09

"Grossman erzählt mit einer angstfreien Verletzbarkeit, er schreibt sich um Kopf und Kragen, spricht in die Welt hinein, poetisch und wuchtig, sinnlich und wütend, leidenschaftlich und sanft, und so schreibt er nicht allein um sein Überleben, sondern um unseres." Carolin Emcke, Die Zeit, 13.08.09

"Ein Meilenstein in der zeitgenössischen hebräischen Prosa." Anat Feinberg, Die Welt, 22.08.09

"Sein bisher schönstes und reifstes Buch: eine Familiengeschichte, die zugleich eine Geschichte Israels ist." Klara Obermüller, Neue Zürcher Zeitung, 30.08.09

"Es ist nicht zuletzt die geradezu zärtliche Geduld, mit der Grossman seine Geschichte wachsen lässt, die diesen Roman so ergreifend macht. Ohne jedes Pathos, ohne jede Sentimentalität entsteht vor den Augen des Lesers ein Raum aus Worten, der die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz ausspricht und bewahrt. (...) Ein wahrhaft großer Roman, der die kleinen Dinge, aus denen wir Menschen gemacht sind, mit so viel Zärtlichkeit bedenkt." Meike Fessmann, Süddeutsche Zeitung, 28.08.09"Vom ersten Wort an imprägniert diesen meisterlichen Roman eine schmerzliche Intensität, die ihm Kraft und Tiefe gibt und ihn zum großen Sehnsuchts- und Trauerbuch macht." Sigrid Löffler, Frankfurter Rundschau, 09.09.09

"DER moderne Israel-Roman, so etwas wie ein israelisches Pendant zu 'Krieg und Frieden'. Er verbindet das Private mit dem Politischen, verknüpft die wechselvolle Liebes- und Familiengeschichte von Avram, Ilan, Ora und deren beiden Söhnen mit der Geschichte der letzten 40 Jahre. Und er setzt der israelischen Landschaft ein literarisches Denkmal." Rolf Spinnler, Der Tagesspiegel, 13.09.09

"Dies ist einer dieser wenigen Romane, bei denen man das Gefühl hat, sie hätten die Welt verändert." Colm Tóibín, New York Times Book Review, 23.09.10

"Sein bisher wichtigstes Buch." Felicitas von Lovenberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.06.10

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