Das Ende des Lebens

Ein Buch über das Sterben - Ein SPIEGEL-Buch
 
 
DVA (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. April 2013
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10181-7 (ISBN)
 
Wie Tod und Leben zusammengehören

Die Endlichkeit unserer Existenz ist eine Tatsache, die viele lieber verdrängen. Dabei spricht alles dafür, dass die Angst vor dem Tod umso größer wird, je weniger wir die Grenzen des Lebens in unser Denken lassen. Das Ende des Lebens nähert sich diesem sensiblen Thema von verschiedenen Seiten und behandelt ein breites Spektrum von Fragen. Neuere Entwicklungen wie die Hospizbewegung und die Palliativmedizin werden ebenso geschildert und diskutiert wie die Veränderungen in der Bestattungskultur. Streitfragen wie die Sterbehilfe kommen so offen zur Sprache wie die Ratsamkeit vorausschauender Planung (Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Testament). Was bewegt Menschen, die in ihrem Beruf als Arzt, Polizist oder Leichenwäscher, als professionelle oder ehrenamtliche Sterbebegleiter ständig mit dem Tod zu tun haben? Wie gehen Angehörige mit dem Verlust um? Was machen wir mit der Trauer, was macht sie mit uns? In Porträts, Interviews und persönlichen Geschichten setzen sich SPIEGEL-Autoren und Mediziner, Psychologen und Soziologen mit diesen und anderen Problemen auseinander und machen so das schwierige Thema Sterben fassbar.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
DVA
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  • 7 s/w Abbildungen
  • 2,68 MB
978-3-641-10181-7 (9783641101817)
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Zu Beginn war es die Säkularisierung, die bewirkte, dass Sterben und Tod aus der Mitte der Gesellschaft gedrängt wurden. Sie hatte mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert eingesetzt und sich in den folgenden Jahrhunderten beschleunigt. Der französische Historiker Philippe Ariès hat diesen Wandel in seiner großen »Geschichte des Todes« eindrucksvoll nachgezeichnet. Mit der Erosion des Glaubens schwand die alte christliche Heilserwartung, ein gottgefälliges Leben werde nach der flüchtigen, oft beschwerlichen Existenz im Diesseits mit dem Weiterleben im Jenseits belohnt. Der Tod wurde immer weniger als Durchgangstor wahrgenommen - und immer mehr als grausiger Verhau am Ende.

Viele Jahrhunderte hindurch war das Lebensende ein soziales Ereignis gewesen wie Geburt, Taufe oder Hochzeit. Nicht nur nahe Angehörige umstanden Todgeweihte. Wenn der Priester, an Kleidung und Utensilien unschwer zu erkennen, unterwegs zu einem Sterbenden war, durften sogar Außenstehende ihm folgen und Anteil nehmen. »Memento mori« lautete das Motto - bedenke, dass auch du sterben wirst. Seit dem 15. Jahrhundert lehrte eine eigene Gattung religiöser Trostfibeln die »Kunst des Sterbens« (»ars moriendi«).

Im Verlauf der Moderne aber wurde das Sterben Zug um Zug ausgelagert und in öffentliche Institutionen abgeschoben. Das soziale Ereignis verwandelte sich in einen individuellen Unglücksfall. Immer häufiger trugen Traueranzeigen distanzierende Zusätze wie »Es wird gebeten, von Beileidsbekundungen abzusehen«. Die häusliche Aufbahrung Verstorbener, noch bis ins frühe 20. Jahrhundert in weiten Teilen Europas verbreitet und für Nachbarn, Freunde und Bekannte frei zugänglich, wich der diskreten, gern bei Dunkelheit durchgeführten Abholung von Leichen. Der Tod wurde so gründlich aus dem Alltag vertrieben, dass heute mancher Erwachsene noch nie eine Leiche gesehen hat.

Mit der Erosion des religiösen Grundes schwand auch immer mehr die alte Hoffnung, der Tod werde sich ankündigen und langsam nahen - nur so war ein wohlgeordneter Abschied vom Diesseits, im Reinen mit Gott und der Welt, möglich. Heute, wo die meisten im Sterben keinen tieferen Sinn, sondern nur mehr die unbegreifliche Auslöschung ihrer Existenz sehen, herrscht die entgegengesetzte Einstellung: Wenn es schon sein muss, dann bitte blitzschnell und am besten, ohne es zu spüren.

Mehr als zwei Drittel der Befragten antworteten im Mai 2012 bei einer Umfrage, welche Sterbeart sie bevorzugen würden, wenn sie wählen könnten: »Plötzlich aus guter gesundheitlicher Verfassung.« Der überfallartige Tod aus heiterem Himmel wird erhofft: jene unbewusste Art umzukommen, die viele Jahrhunderte lang als »mors repentina« gefürchtet wurde - und als schlimmste Art zu sterben galt. Die Wirklichkeit durchkreuzt auch hier die Wünsche: Nur ein kleiner Teil der über 800000 jährlich in Deutschland versterbenden Menschen wird jählings vom Tod ereilt.

Der zweite soziale Großtrend neben der Säkularisierung, der den Umgang mit dem Tod radikal verändert hat, ist die demografische Umwälzung infolge der Industrialisierung: die Einbeziehung von Frauen ins Berufsleben, der Rückgang der Geburtenzahl und die Vereinzelung, die der Verstädterung folgte. Immer weniger Hinfällige und Sterbende haben heute Angehörige, die in der Lage wären, sie zu Hause zu betreuen. Die Wahrscheinlichkeit eines mehr oder weniger fremdbestimmten Lebensendes in einer staatlichen oder privatwirtschaftlichen Institution wächst weiter.

Die dritte Ursache sind die Erfolge der modernen Hochleistungsmedizin. Sie ermöglichten es dem Arzt, in schwerste Krankheiten einzugreifen. Vom Dialyseverfahren, das versagende Nieren ersetzte, über die Intubationsbeatmung bis hin zu Organtransplantation, Herzschrittmacher und künstlicher Ernährung reicht die Skala der Errungenschaften. Heute haben viele Patienten, die noch vor fünf oder sechs Jahrzehnten keine Überlebenschance gehabt hätten, Aussichten auf ein erheblich verlängertes Dasein in guter Verfassung.

Diese an sich erfreuliche Entwicklung hatte jedoch eine prekäre Kehrseite, die in der Euphorie über die epochalen Innovationen aus dem Blick geriet. Sie betraf besonders Menschen am Lebensende. Nicht der Patient als körperlich-seelische Einheit war der Ausgangspunkt der neuen Intensivmedizin. Deren Vertreter richteten ihren Ehrgeiz zunehmend darauf, noch bis in den Sterbeprozess alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Funktion einzelner Organe oder Organsysteme wiederherzustellen. Der kritische Mediziner de Ridder klagt, heute stehe oft nicht der Patient selbst im Zentrum, »sondern die Technologie, die für die Behandlung seiner Organe und Körperfunktionen geeignet erscheint«.

Effiziente Apparate können versagende menschliche Organe ersetzen - am Lebensende den Tod aber nur hinauszögern. Wenn keine Aussicht auf Heilung mehr besteht, wollen jedoch die wenigsten bewusstlos im Intensivbett dahindämmern, »eingezwängt zwischen den sogenannten Bäumen der Spritzenpumpen, mit Kabeln und Schläuchen angeschlossen an effiziente, intelligente Maschinen«. So anschaulich hat der Arzt und Medizinethiker Ralf J. Jox (»Sterben lassen. Über Entscheidungen am Ende des Lebens«) die Auswüchse der Intensivmedizin beschrieben. Als vorsorglicher Schutz gegen sie wurde die »Patientenverfügung« erfunden, mit der jedermann ungewollte Behandlungsarten schriftlich verbieten kann. Auch wenn die Willensbekundung seit 2009 Gesetzeskraft hat, war und ist allein mit individuellen Notbehelfen dem Ausmaß der gesellschaftlichen Misere nicht beizukommen.

»Sterben heißt abstöpseln« - so hat der Gießener Soziologe Reimer Gronemeyer in einer scharfsichtigen Analyse (»Sterben in Deutschland«) einen häufigen Krankenhaustod beschrieben. Eine immer größere Anzahl von Patienten und Angehörigen empfand den technischen Umgang mit dem Sterben gegen Ende des 20. Jahrhunderts als unerträglich. In spontaner Gegenwehr bildeten sich lokale Bürgerinitiativen. Ihr Ziel war ein menschenwürdiges Sterben und eine neue, der ganzen Person zugewandte, lindernde ärztliche Fürsorge am Lebensende - die Palliativmedizin. Als Vorbild diente das St. Christopher's Hospice in London, das die große britische Ärztin und Sozialarbeiterin Cicely Saunders (1918 bis 2005) 1967 eröffnet hatte. Hier wurde vorgemacht, dass ein humanes Lebensende, begleitet von einfühlsamer Zuwendung und ohne Schmerzen, auch für diejenigen möglich war, die nicht zu Hause sterben konnten.

Einer der Pioniere der deutschen Hospizbewegung, die sich daran orientierte, ist der Arzt und Psychotherapeut Christoph Student, 69. In seiner Freiburger Praxis erinnert sich der schmale, lebhafte Mann an die Anfänge: »Bis in die achtziger Jahre starben bei uns die Menschen in Krankenhäusern buchstäblich im Badezimmer. Man bemerkte die Nähe von Sterbenden daran, dass die Türklinke mit einem Handtuch umwickelt war. Sie wurden nicht nur ihrer Einsamkeit, sondern auch ihren Schmerzen überlassen.« Die Mitglieder der frühen Hospizbewegung hätten »mit einem Bein im Gefängnis« gestanden »wegen des Verdachtes, beim Einsatz gegen unnötige Schmerzen Schwerkranke mit Morphium umzubringen«.

Zur intensiven Beschäftigung mit dem Sterben brachten Student persönliche Tragödien: Früh verlor er erst seine kleine Tochter, dann seinen besten Freund. »Das Thema hat sich mich ausgesucht, nicht ich habe es gewählt«, sagt er. Mit seinem Leid suchte er Rat in den Seminaren, die die Ärztin und Nahtod-Forscherin Elisabeth Kübler-Ross (1926 bis 2004) gab. Ihre Interviews mit Sterbenden, die zum internationalen Bestseller wurden (»On Death & Dying«) sprachen dafür, dass das Lebensende nicht unbedingt als Schrecknis erlebt werden muss. Mit ihrer charismatischen, sehr mediengewandten Persönlichkeit habe Kübler-Ross »wie ein Schneepflug viele Hindernisse aus dem Weg geräumt«, die einem neuen Umgang mit dem Sterben im Weg standen.

Die Widerstände in der Bundesrepublik waren jedoch enorm. »Wer damals in Bus oder Bahn ein Buch las, das sich mit Sterben und Tod befasste, versteckte es lieber in einem neutralen Schutzumschlag«, berichtet Student. In Hannover, wo er Sozialmedizin lehrte, richtete er 1984 Deutschlands ersten ambulanten Hospizdienst ein. »Aber meine Kollegen haben sich daraufhin von mir distanziert, als wäre ich vom Tod kontaminiert.« Der größte Widerstand gegen eine Broschüre mit dem Titel »Zu Hause sterben« sei ausgerechnet von Pfarrern gekommen, sagt er: Standen sie schon in der Krankenhaushierarchie weit unten, so fürchteten sie nun einen weiteren Bedeutungsverlust.

Das Bedürfnis nach Veränderung war jedoch so massiv, dass die Hospizbewegung sich rasch ausbreitete. Heute gibt es in Deutschland über 170 stationäre Hospize. Hinzu kommt die ambulante häusliche Betreuung unheilbar Kranker durch Teams der »spezialisierten ambulanten Palliativversorgung« (SAPV).

Immer mehr Krankenhäuser verfügen über Palliativstationen, Zustände wie in den achtziger Jahren sind kaum noch anzutreffen. Der Deutsche Hospiz-und PalliativVerband hat gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und der Bundesärztekammer eine »Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland« herausgegeben, deren erster Leitsatz so beginnt: »Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen. Er muss darauf vertrauen können, dass er in seiner letzten Lebensphase mit seinen Vorstellungen, Wünschen und Werten respektiert wird und dass Entscheidungen unter Achtung seines Willens getroffen werden.«

An den Sterbeorten hat die Hospiz-Alternative wenig geändert. Dass nur zwei von hundert Menschen in einem Hospiz sterben, erklärt...

»Ein äußerst bemerkenswertes Buch. [.] Vorbildhaft ausführlich wird das Tabu-belastete Thema von den Autoren mit großer Sachkenntnis, Einfühlungsvermögen und Sensibilität behandelt.«

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