Einen Versuch haben wir noch

Skurrile Geschichten aus dem Leben eines Mediziners
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. April 2013
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09473-7 (ISBN)
 
Was man schon immer über medizinische Hintergründe wissen wollte - und hinterher am liebsten sofort wieder vergessen würde .

Was geht in den finsteren Gängen der Pathologie vor sich? Wie kommen Ärzte an ihre Diplome? Was geschieht eigentlich mit amputierten Gliedmaßen? Manche Details möchte man wirklich nicht wissen . irgendwie aber doch. Auf herrlich skurrile Art lässt der ehemalige Arzt Rainer Gros in seinen fiktiven Geschichten seinem schwarzen Humor freien Lauf. Und offenbart dem Leser Dinge, die hoffentlich nicht mal im Entferntesten mit der Realität zu tun haben .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 0,45 MB
978-3-641-09473-7 (9783641094737)
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DER BALKONGARTEN

Wenn Sie sogenanntem Frischgemüse, das man Ihnen auf dem Markt oder in Supermärkten anpreist, genauso skeptisch gegenüberstehen wie ich, werden Sie die folgende Geschichte sicher gut verstehen.

Denn dann machen auch Sie sich Gedanken über die Schadstoffe im Boden, auf dem das Gemüse herangewachsen ist, genauso wie über die dubiosen Düngemethoden, mit denen das Grünzeug zu schnellerem Wachstum angetrieben wurde. Ganz zu schweigen von all den Giften, mit denen es skrupellose Bauern überschüttet haben, um vermeintliche Schädlinge zu bekämpfen, oder gar radioaktiven Strahlen, mit denen das Gemüse länger haltbar gemacht wurde.

Obendrein ist es heute doch schon fast selbstverständlich, die Oberfläche von Paprikaschoten wie einen Parkettboden zu wachsen, damit das glänzende Erscheinungsbild die giftigen Chemikalien aus dem Bewusstsein des Käufers verdrängt.

Während man sich früher auf die seltene Bezeichnung aus natürlichem Anbau noch halbwegs verlassen konnte, erzeugt sie heute dank ihrer epidemischen Verbreitung nur noch tiefes Misstrauen – ebenso wie die Prädikate bio oder öko.

Aus diesem Grund habe ich auch einmal pro Woche eine längere Fahrt zum Bauern meines Vertrauens unternommen, dessen Anbaumethoden schließlich noch meinen Vorstellungen von einer natürlichen Herstellung entsprachen. Hier war das Gemüse frisch und knackig, und ich konnte sicher sein, dass sein Vitamingehalt noch höher lag als die Konzentration der Schadstoffe. Wo Hühner frei herumliefen und ein Hahn auf dem Mist krähte, musste die landwirtschaftliche Welt doch noch halbwegs in Ordnung sein.

Doch stetig steigende Benzinpreise und mein wachsendes Umweltbewusstsein zwangen mich, die Fahrten zu dieser bewährten Quelle schweren Herzens einzustellen.

»Du wirst noch an Skorbut sterben«, witzelten meine Freunde, als ich ihnen von meiner Entscheidung erzählte.

»An Vitaminmangel stirbt man nicht«, antwortete ich, »wohl aber an den Giften, die im Supermarkt-Gemüse stecken.«

»Dann musst du dir eben einen eigenen Garten zulegen«, schlug einer vor.

Ein eigener Garten! Warum war ich da nicht selbst draufgekommen?

Die Idee war gut, aber realistisch betrachtet, kaum umzusetzen. Denn abgesehen von dem spärlichen Erdreich, das die Alleebäume vor meinem Haus umgab, fand man im Umkreis von mehreren Kilometern kein unbetoniertes Stück Land.

Der Garten musste ja gar nicht groß sein, sinnierte ich und blickte nachdenklich zum Fenster hinaus. Selbst die Größe meines Balkons sollte für etwas Gemüse ausreichen.

Mein Balkon!

Warum eigentlich nicht?

Er war zwar höchstens sechs Quadratmeter groß, aber zeigte genau nach Süden und lag im vierten Stock – hoch genug also, dass die Luft nicht mehr so stark durch Abgase verunreinigt war wie weiter unten, nahe der Straße. Plötzlich erschien mir die Idee mit dem Balkon geradezu genial, und ich wunderte mich, dass mir das nicht schon früher eingefallen war.

Bei näherer Überlegung bot ein solcher Balkongarten, von dem bescheidenen Platzangebot einmal abgesehen, praktisch nur Vorteile, allem voran die Nähe, die es mir ermöglichte, die Pflanzen ohne großen Aufwand zu pflegen. Und dem Gemüse war es sicher egal, wo es wuchs, wenn es nur genug Wasser und Sonne abbekäme. Für Ersteres würde ich schon sorgen, und was die Sonne anging, so waren die Pflanzen dem Wärme spendenden Gestirn hier oben ja bereits näher als in einem ebenerdigen Garten.

Aber auch in Bezug auf mögliche Schädlinge schien mir die Lage in der vierten Etage vorteilhaft. Befanden sich Landwirte nicht in einem ständigen Kampf mit großem und kleinem Ungeziefer, das ihnen die Ernte streitig machte? Bei mir bestand jedenfalls keine Gefahr, dass Wildschwein, Maulwurf, Hase oder Wühlmaus über mein Gemüse herfielen. Für sie war mein Balkon unerreichbar. Eine gut trainierte Schnecke könnte es eventuell bis zum vierten Stock schaffen, aber bis die oben ankäme, wäre die Ernte längst vorbei.

Blieben also nur noch die Schädlinge aus der Luft, die der Bauer für gewöhnlich mit einer Vogelscheuche zu vertreiben versucht. Aber auch diesbezüglich brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Denn mein Balkon grenzte unmittelbar an das Wohnzimmerfenster meiner altjüngferlichen Nachbarin, die von dort aus gemeinsam mit ihrem überfütterten Mops den ganzen Tag die Straße beobachtete. Beide zusammen boten einen Anblick, der selbst eine hartgesottene Nebelkrähe abschrecken musste.

Bloß die Tauben, die in unserer Straße in großer Zahl vorkamen, ließen sich häufig auf der nachbarlichen Fensterbank nieder. Allerdings nur, wenn sie mit entsprechenden Futtergaben gelockt wurden. Da die Tauben jedoch keine Bedrohung meiner gärtnerischen Ambitionen darstellten, betrachtete ich die Schädlingsfrage als erledigt.

Die ackerbauliche Nutzung meines Balkons war also beschlossene Sache.

Bis zum Frühjahr hatte ich zahlreiche großvolumige Pflanzkübel auf dem Balkon verteilt und mit bester Blumenerde, die ich Sack für Sack heranschaffte, gefüllt. Den ersten Sommer wollte ich dazu nutzen, Erfahrungen zu sammeln, weshalb ich mich auf den Anbau meines Lieblingsgemüses, Tomaten, konzentrierte. Um das Erscheinungsbild der Vegetation jedoch nicht eintönig wirken zu lassen, setzte ich zwischen die Tomaten noch einige Kürbisse. In einem schlauen Buch hatte ich nämlich gelesen, dass die Größe der Kürbisse ein gutes Maß für die Qualität des Anbaus darstellte, sodass ich meine gärtnerischen Fähigkeiten damit einer freiwilligen Selbstkontrolle unterziehen konnte.

Bei der Lektüre verschiedener Gartenbücher stieß ich zu meiner Überraschung immer wieder auf den Hinweis, dass Guano und Taubenkot die besten Gemüsedünger seien. Da Guano aus den Exkrementen von Kormoranen besteht und für teures Geld aus Südamerika importiert wird, man Taubendreck in unserer Straße aber zum Nulltarif bekommen konnte, bedurfte die Frage nach dem geeigneten Dünger keiner weiteren Diskussion.

Bei näherer Betrachtung musste ich allerdings feststellen, dass die Tauben ihre Exkremente fast nur auf entlegenen Dächern und unerreichbaren Mauervorsprüngen ablegten. Lediglich auf der Fensterbank meiner Nachbarin lagen einige stattliche Häufchen in greifbarer Nähe. Was vermutlich damit zusammenhing, dass der grässliche Anblick von Mops und Frauchen die Darmtätigkeit der Tauben unverzüglich in Gang setzte.

Da ich auf diesen wertvollen Dünger in meiner Reichweite nicht verzichten wollte, besorgte ich mir ein Kehrblech und ein altes Küchenmesser und wartete, bis sich Nachbarin und Hund zum Mittagessen zurückzogen. Als ich durch das gekippte Fenster meiner Nachbarin schließlich das Klappern des Bestecks hörte, nahm ich das Messer, beugte mich über das Balkongeländer und kratzte die Fäkalien auf das Blech. Ich hatte noch nicht einmal die Hälfte der Häufchen eingesammelt, als ich hinter der Scheibe ein bedrohliches Knurren vernahm. Mit einem gewaltigen Satz, den ich dem alten Fettsack gar nicht zugetraut hätte, sprang der Mops auf die Fensterbank und fletschte die Zähne.

Diese sportliche Leistung schien auch sein Frauchen neugierig gemacht zu haben, denn sie tauchte unmittelbar nach ihm am Fenster auf. Ihr ohnehin stets missmutiger Gesichtsausdruck verwandelte sich in ungläubiges Staunen, als sie entdeckte, welcher Tätigkeit ich nachging.

Mit einem gequälten Lächeln zog ich mich zurück und verzichtete schweren Herzens auf die restlichen prachtvollen Häufchen. Sollte sie damit doch ihren Mops füttern!

Aber wenn sie die Tauben mit Futter anlocken konnte, dann konnte ich das schon lange. Also kaufte ich am nächsten Tag einen riesigen Sack Taubenfutter und verstreute einige Hände davon gleichmäßig über meinen Balkon.

Der einsetzende Flugverkehr war beachtlich. Und das Futter schmeckte den Tauben offensichtlich hervorragend, denn schon nach kurzer Zeit bestand der Balkon nur noch aus einem wogenden Meer gefiederter Leiber.

Damit die lieben Tiere an ihrem neuen Futterplatz ungestört waren, hielt ich mich im Hintergrund und beobachtete das emsige Treiben nur gelegentlich durch die vorgezogene Gardine. Erst als sich gegen Abend auch die letzte Taube satt gegessen und zur Nachtruhe zurückgezogen hatte, nahm ich einen Eimer und ein Schippchen zur Hand, um den Dünger einzusammeln.

Doch welch ein Entsetzen durchfuhr mich, als ich den Balkon betrat!

Der Boden war wie leer gefegt, kein müdes Korn war übrig geblieben. Aber statt des erwarteten Gebirges von Taubenkot fand ich nur ein paar ausgefallene Federn vor. Offensichtlich hatte ich die hygienische Grundeinstellung der Vögel total unterschätzt. Die Tiere schienen ihrem neuen Futterplatz so viel Respekt zu zollen, dass sie ihn nicht mit ihrem Stuhlgang verunreinigen wollten.

Als mein Blick auf die Fensterbank meiner Nachbarin fiel, erstarrte ich. Der Taubendreck vor ihrem Fenster reichte fast bis zur Unterkante der Scheibe. Es war nicht zu fassen, aber die Tatsachen sprachen für sich: Das, was die Vögel bei mir gefressen hatten, hatten sie auf der Fensterbank des alten Drachens wieder ausgeschieden. Hinter der Scheibe hockte der Mops und starrte mit gefletschten Zähnen zu mir herüber. Für einen Augenblick sah es so aus, als ob er grinste.

Zerknirscht zog ich mich ins Wohnzimmer zurück und ertappte mich bei der Überlegung, wie sich wohl der Mops als Tomatendünger machen würde.

Da fiel mir plötzlich die Lösung des Problems ein.

In dem Bewusstsein, bald eine neue Ära...

»Verpackt in witzige Anekdoten lassen sich die Geschichten leicht lesen, leichte Kost sind sie aber dennoch nicht.«

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