Abbildung von: Der Manuskriptfund in der Lunigiana - novum pro Verlag

Der Manuskriptfund in der Lunigiana

und andere fantastische Erzählungen
Stephan de Groote(Autor*in)
novum pro Verlag
1. Auflage
Erschienen am 7. Februar 2024
130 Seiten
E-Book
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
978-3-99146-552-2 (ISBN)
11,99 €inkl. 7% MwSt.
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Verzaubernde Liebesgeschichten in Ägypten, Wanderungen durch sagenumwobene Waldgebiete und übernatürliche Gestalten mit einem Faible für Heavy Metal: Bei diesen Kurzgeschichten ist für jeden etwas dabei. Mit viel Fantasie entführen die Charaktere den Lesenden in ferne Welten. Dabei liegen große Prüfungen vor ihnen: Wird Godefroy den Einbürgerungstest bestehen? Wie geht Ole damit um, als er seinem zweiten Ich begegnet? Was macht Stadtmensch und Unternehmer Matthias, als er mit einem Motorschaden in einem abgelegenen Dorf steckenbleibt? Und wird es Rinuccio schaffen, in Ägypten die wahre Liebe zu finden? Diese und viele weitere Fragen werden in den zehn spannenden Geschichten von Stephan de Groote aufgeklärt.
Sprache
Deutsch
Dateigröße
1,22 MB
ISBN-13
978-3-99146-552-2 (9783991465522)
Schlagworte
Schweitzer Klassifikation
DNB DDC Sachgruppen
BISAC Klassifikation
Warengruppensystematik 2.0

Der Einbürgerungstest

Godefroy Amílcar1 beschloss, Deutscher zu werden. Zugegeben, er war nicht wegen des schönen Wetters oder des guten Essens nach Deutschland gekommen. Oder wegen dem schönen Wetter oder dem guten Essen. Vielmehr gestalteten sich die Verhältnisse in seinem Herkunftsland nicht gerade idyllisch. Geduldet wurde er hierzulande wegen eines dortigen folkloristischen Operetten-Putschs mit Obristen in Zirkusdirektor-Uniformen und mit Schnurrbärten. Indigene, Studenten und Subjekte wie er, die Bücher lasen und klugscheißerisch ihre subversive Meinung kundtaten, bekamen den bitteren Geschmack von Gummiknüppeln, Geschossen und hasserfüllten ohnmächtigen Tränen zu spüren. Der abgesetzte Präsident wurde des Umsturzes bezichtigt. George Orwell ließ grüßen. Die Pressefreiheit wurde wiederhergestellt, aber nur für die, die genau das schrieben, was die neuen Herren hören wollten. Oder über Kochrezepte. Journalisten als Callboys. Blutrünstige Hunde fletschten die Zähne, Personen verschwanden. Drei Kugeln würde man ihm in seinen Arsch verpassen und dann auf seinen Leichnam pissen, zischten ihm Paramilitärs wie Nattern an einer der Straßenkontrollen zu, die es jetzt überall gab. Genau die gleichen Worte, die Federico García Lorca als letzte in seinem Leben vernahm. Sie machten sich nicht mal die Mühe, sich selbst was Neues auszudenken, dumpf wie sie waren. Aber das sagte er ihnen nicht, sie hätten es doch nicht verstanden. Einmal ging eine ähnliche Szene mit ihm im Mittelpunkt viral, verbreitet von einem einsamen, aber unbeugsamen Menschenrechtsaktivisten aus seinem Kellerloch oder Dachboden. Dann hatte Godefroy Amílcar auch noch einen schmalen Band mit Gedichten in einem Garagen-Selbstverlag veröffentlicht, das gab es dort auch, so weit fortgeschritten war man immerhin. Das eine oder andere davon in anklägerischem Pathos und mit revoluzzerischen Zeichnungen, die ein Schulfreund beigesteuert hatte. Aber meistens ging es in dem Bändchen um Lucinda. Freizügig, das war es gewiss. Eltern mussten es von ihren Kindern fernhalten und auch in der Messe ging das nicht als allegorische Liebe zu Gott durch, denn hatte der Allmächtige etwa -grammatikalisch männlich ging das nicht, auch gendern war nicht drin - "keck aufgerichtete rosige Brustwarzen, die wohlige Weichheit ihrer Brüste wie Pampelmusen, die Spalte dazwischen wie ein Canyon, den man von oben bewundern oder besser herabsteigen sollte, den magischen Dschungel ihrer schier undurchdringlichen verheißungsvollen Scham, terra incognita, bereit für ihren Konquistadoren, die süße Todeserfahrung beim Beinahe-Erwürgtwerden mit ihren Oberschenkeln beim Lecken, ihren vor Lust bebenden Hintern?" Stöhnte er auch so laut "um Erlösung, oh gewähre er sie ihm doch endlich!?" Möglicherweise, sinnierte Godefroy, niemand wusste ja Genaueres. Frühe Kulturen mit ihren weiblichen Gottheiten waren da schon sehr viel weiter gewesen. Aber die Monotheisten mussten dann ja alles vergeigen.

Lucinda gibt (oder gab) es übrigens im wirklichen Leben unter diesem Namen. Sie fühlte sich sehr geschmeichelt wegen ihrer Lobpreisung und realitätsgetreu abgebildet, auch mit den dazugehörigen höchst anschaulichen Zeichnungen des Schulfreundes. Sie hatte nun mal etwas ausgeprägt Avantgardistisches und Psychedelisches an sich. Gab's in seinem Land auch, aber nicht so häufig. Sie war auch noch an der Front zum Sozialismus 21. April aktiv. Fahnenschwenkend und sich die Kehle heiser schreiend war sie immer in der allerersten Reihe. Ein klasse Aufmacher, durchaus auch viral auf Facebook und Twitter. Entfachte nicht nur das revolutionäre Feuer. Sie erlangte eine gewisse Berühmtheit in den Sozialen Medien bei den an den Verhältnissen in ihrem Land Interessierten, von denen es allerdings in der Welt nicht so viele gab, und bei den Studenten und Aktivisten ihrer Heimat. Jugendlicher Überschwang, gewiss. Sie lebte danach nicht mehr lange, die Schöne und Gute, die experimentelle französische Lyrik in der Originalsprache las. Die angefangen hatte, Japanisch zu lernen und sich in Haikus versuchte. Alles auf einmal vorbei. Niemand weiß, wo sie begraben oder verscharrt ist. Man musste ihr wünschen, dass es schnell gegangen war. Mit den Tätern zu verhandeln und gesichtswahrende Kompromisse zu suchen, um des lieben Friedens oder der eigenen Bequemlichkeit willen, mochten andere fordern. Godefroy ganz sicher nicht, niemals. Er vergaß nicht, was die Schweine auch ihm, vor allem aber anderen angetan hatten, die er geliebt hatte. Gewiss, manche unserer heutigen Despoten, von früheren ganz zu schweigen, bringen hundert- oder tausendmal mehr Menschen um. Aber kann das irgendetwas entschuldigen? Wer einen Menschen tötet, tötet eine ganze Welt, heißt es im Koran, auch wenn sich nicht alle seine Adepten daran halten. Wer ein Menschenleben rettet, rettet ein ganzes Universum, sagt uns der Talmud. Er muss es wissen.

Das Machwerk erfreute sich einer gewissen Beliebtheit in bestimmten unaussprechlichen Kreisen seines Landes. Der Rezensent einer zersetzenden Postille für Schwule und Arbeitsscheue besprach es enthusiastisch, sich dabei rotzfrecher Bemerkungen, sowas von daneben, was für eine Zecke, über das in seinen Augen obszöne Gebaren der Oligarchen nicht enthaltend. Dabei wollten die doch nur verbohrte Fanatiker wie ihn davon abhalten, das Land wirtschaftlich zugrunde zu richten, ihre Bilderbuch-Schweiz. Seien wir ehrlich, Straßenkinder und Wellblech-Slums gibt es nun mal überall, auch in der Eidgenossenschaft. Oder etwa nicht? Sehen Sie! Dem Büchlein wurde sogar die große Ehre zuteil, zusammen mit etlichen anderen auf einem öffentlichen Platz in der Hauptstadt unter Gejohle, Buhrufen und zu den Klängen patriotischer Militärmusik verbrannt zu werden. Konnte man sich alles auf Facebook und Twitter ansehen, Tausende Male angeklickt und geteilt. Das alles überzeugte einen Major mit Sonnenbrille, dem, weil er schon einmal ein Buch gelesen hatte, das Sichten jugendgefährdenden Schrifttums übertragen worden war und dessen Geschmackssicherheit bereits Alice im Wunderland und Huckleberry Finn zum Opfer gefallen waren, von Godefroys Bedeutung, die er aber doch gar nicht hatte. Er hatte doch nur in seiner Hängematte liegend und auf das Meer schauend ein paar Dutzend Gedichte für einen höchst überschaubaren Leserkreis verfasst und auf einmal war er Staatsfeind. Unter anderen Umständen hätte er sich sehr geschmeichelt gefühlt, es hätte ja auch die Auflage seines Bändchens erhöht, vielleicht um hundert verkaufte Exemplare, immerhin. Aber so? Er wurde zur Fahndung ausgeschrieben. Er war dran. Niemand hätte in seinem Fall wohl ernsthaft auf die Einhaltung rechtsstaatlicher Standards gepocht, die EU allenfalls äußerst halbherzig. Die internationale Presse hätte sich ganz gewiss auch nicht für ihn interessiert. Er drückte sein Mütterchen, das verstand, lange unter Tränen an sich und verschwand dann für immer. Bald nach seiner Ankunft in Deutschland ohrfeigte er auch noch den Konsul seiner Republik. Selber Schuld, das hatte der verdient. Er hätte ihn auch noch ins Meer geschubst, das aber gerade nicht zur Stelle war. Die Presse berichtete darüber und zeigte Verständnis. Gründe, mehr als genug, um hier sehr sehr viel Geduld mit ihm zu haben.

Aber was führte ihn ausgerechnet nach Deutschland? Angst überschwemmte ihn, als er im Bus, zusammengekauert auf einem der hintersten Sitze, die Grenze zu seinem Nachbarland überschritt. Das Gefühl der Verlassenheit. Alles, was man hinter sich lässt, wenn man geht und vielleicht nie wieder zurückkehrt. Seine Mutter. Seine Freunde, die ausharrten. Was sollte er jetzt machen? Die Verhältnisse im Nachbarstaat waren auch nicht sonderlich besser, dunkle Wolken waren aufgezogen, Schlimmes zu befürchten. Aber wohin gehen? In die USA? Ganz unmöglich für ihn, ein Touristenvisum zu bekommen, er versuchte es vergeblich. Sein Geld reichte gerade noch für ein Flugticket nach Europa und wenig mehr. Wovon sollte er dort leben? "Hauptsache erstmal in Sicherheit", sagte er sich, alles Weitere würde sich schon ergeben. Aber in welches Land? Schweden? Zu kalt. Italien? Berlusconi, nee! England? Dass ein englischer Pirat in seiner Ahnenreihe gewesen sein könnte, hielt er für gut möglich und auch für plausibel. Sie machten dort zu ihren Zeiten keiner erst artig mit Blumensträußchen den Hof. Aber wie hätte er das beweisen können? Ihm kam Deutschland in den Sinn. Mit guter Bildung ausgestattet, dafür hatte seine Mutter gesorgt, verband er damit etliches mehr als nur Adolf Hitler und Mercedes Benz, da war er den meisten seiner Landsleute weit voraus. Er hatte sogar Buddenbrooks und Unterm Rad gelesen, das können beileibe nicht alle Deutschen von sich behaupten. Deutsche Gedichte gab es für ihn nur in schlechten Übersetzungen, von deren Groteskheit und Stilblüten er sich Jahre später selbst ein Bild machen konnte. Johann Gottlieb von Bier, den Erfinder des nach ihm benannten Getränks, kannte er auch. Aber wirklich viel Wissen über Deutschland kam dabei trotzdem nicht zusammen. Er hatte einmal einen Dokumentarfilm über den Schwarzwald gesehen und einzelne Bilder von schneebedeckten Tannen und schäumenden Bächen und Wasserfällen in wilden Schluchten hatten sich ihm eingeprägt. Er hatte gehört, dass man in Deutschland wegen abweichender Meinungen nicht mehr zusammengeschlagen wird oder nur, wenn Alkohol im Spiel ist. Vor deutschen Frauen hatte ihn ein Freund, der es wissen musste, gewarnt. Sie seien wie Schokolade. In der Hitze schmölzen sie dahin, in der Kälte würden sie...

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