Alles Glück eines Lebens

Roman
 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2018
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-1585-7 (ISBN)
 
Wie kann eine Frau loslassen, was sie am meisten liebt - ihr Kind?. Für Karen Neulander, eine erfolgreiche politische Beraterin aus New York, ist ihr sechsjähriger Sohn Jacob das Wichtigste. Aufopferungsvoll kümmert sie sich um ihn und meistert die Herausforderungen des Alltags einer Alleinerziehenden. Doch dann erfährt sie, dass sie bald sterben wird, und muss die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen: Erfüllt sie ihrem Sohn seinen größten Wunsch und lässt seinen Vater - jenen Mann, der damals weder ihre Liebe noch ihr Kind wollte - Teil seines Lebens werden? "Lauren Grodstein bricht einem das Herz, um es dann es auf so wundersame Weise wieder zusammenzufügen, dass es sich größer - und stärker - anfühlt als zuvor." Celeste Ng. "Bemerkenswert, authentisch und mutig erzählt." Library Journal. "Mitreißend." The Washington Post.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,39 MB
978-3-8412-1585-7 (9783841215857)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Lauren Grodstein lehrt Kreatives Schreiben an der Rutgers-Camden University und lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in New Jersey. Von ihr sind mehrere Romane erschienen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Mehr Informationen zur Autorin unter www.laurengrodstein.com

Kapitel 2


Wie du dich vielleicht erinnerst, bemühte ich mich, während meiner Behandlung so viel wie möglich zu arbeiten, denn noch mehr, als mich um dich zu kümmern, gab mir meine Arbeit das Gefühl, etwas für mich zu tun. Sie gab mir ein Ziel und die Hoffnung, dieser Welt etwas hinterlassen zu können, was auch noch eine Rolle spielen würde, wenn ich nicht mehr da wäre. Durch meine politische Arbeit bereitete ich Veränderungen den Weg, die Millionen Menschen betrafen. Wenn nur der Richtige gewählt würde, würden die richtigen Veränderungen folgen, daran habe ich immer geglaubt, Jake, und ich hoffe, das tust du auch.

Trotzdem war ich in letzter Zeit einfach zu krank, um mich für meine Klienten starkzumachen, und es war mir unangenehm, so vieles nicht mehr tun zu können. Gerade zu Beginn meiner Karriere war ich wie ein bissiger Terrier. Als ich etwa die Wallace-Kampagne betreute, fand ich heraus, dass die Tochter unseres Konkurrenten, ein junges Mädchen, das auf eine noble Privatschule ging, eine Woche vor ihrem Abschlussball eine Abtreibung hatte. Zwar lag es mir eigentlich fern, eine Sechzehnjährige wegen so einer Sache bloßzustellen, aber ihr Vater war einer dieser bigotten Enthaltsamkeitsdschihadisten, die Abtreibungen sogar bei Vergewaltigung oder Inzest verbieten wollten. Wer im Glashaus sitzt, mein Freund. Ich ließ die Sache gegenüber einem mir gewogenen Reporter durchsickern, und Wallace gewann mit fünfzehn Prozentpunkten Vorsprung.

Mittlerweile ging ich bei meiner Arbeit mit sehr viel mehr Augenmaß vor. Wenn ich denn überhaupt arbeiten konnte. Mein Partner Chuck (erinnerst du dich noch an ihn?) füllte die Lücke gut aus, und wir hatten einen Trupp Jungspunde eingestellt, die sich um den Kleinkram kümmerten. Außerdem war es ein wahlarmes Jahr, daher verpasste ich nicht viel. Und dennoch. Mochte ich zuvor ein regelmäßiger Gast bei den großen Nachrichtenkanälen gewesen sein, war ich seit meiner Diagnose kein einziges Mal mehr im Fernsehen aufgetreten.

Eines Morgens rief ich, um sechs Uhr Ortszeit in Seattle, Ace an, um über einen Flyer oder irgendetwas in der Art zu reden. »Geht es dir gut?«, erkundigte er sich.

Es ging mir nicht gut. Die rätselhaften Schmerzen in meiner Seite waren schlimmer geworden, am Abend zuvor hätte ich mich fast übergeben, und ich wusste, dass ich eigentlich zum Hutchinson Cancer Research Center sollte. Aber die Vorstellung, in Seattle ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, war mir einfach unerträglich. »Alles wunderbar, Ace.«

»Hast du immer noch Krebs?«

»Ich bin in Remission.« Was sich besser anhörte, als es war.

»Also kannst du deinen Job machen?«

»Sonst hätte ich ihn nicht übernommen«, erwiderte ich. Wir rechneten damit, dass eine Frau namens Beverly Hernandez gegen ihn antreten würde, eine Tochter von Immigranten aus der Dominikanischen Republik: Sie hatte im Gesundheitswesen Karriere gemacht und würde ganz andere Wählergruppen ansprechen als Ace. Dennoch hatten Stadträte in der Regel große Chancen, wiedergewählt zu werden. Wir hätten es schon gründlich vermasseln müssen, um das zu gefährden. Es war unser Ziel, den Gegner vernichtend zu schlagen.

»Übrigens hat Hernandez auch Krebs, genau wie du. Brustkrebs. Sie trägt immer eins von diesen rosa Schleifchen.«

»Ich habe Eierstockkrebs«, entgegenete ich. »Das ist was anderes.«

»Weiß ich doch«, sagte er. »Amani wird dich wegen der Termine in der nächsten Zeit anrufen. Ich habe gerade eine neue Assistentin eingestellt, sie heißt Haley. Wenn du Amani nicht erreichst, rede mit ihr. Für nächste Woche hat Jill eine Reise zum Hochzeitstag gebucht, aber im Notfall kannst du mich erreichen. Ansonsten: Amani oder Haley.« Haley - das klang jung. »Und während ich weg bin, findest du alles über diese Hernandez heraus«, fügte Ace hinzu. »Zwar kommt sie mir wie ein Leichtgewicht vor, aber wir müssen trotzdem etwas gegen sie in der Hand haben.«

»Genau das ist mein Job, Ace.«

»Zwanzig Punkte«, sagte er.

»Lass uns dreißig daraus machen.«

Ace gluckste. »Grüß deinen Sohn.« Damit beendete er das Gespräch, bevor ich noch etwas sagen konnte.

Trotz all seiner Fehler erreichte Ace Reynolds auf der Karen-M.-Neulander-Skala unangenehmer Despoten höchstens die Fünf. Im Gegensatz zu einigen dieser Sprücheklopfer, die mir in der Politik begegnet sind und für die ich teilweise sogar gearbeitet habe, wusste Ace immerhin, dass ich Krebs hatte. Er wusste immerhin, dass es dich gab.

Also füllte ich ein paar Unterlagen aus und schickte sie ihm zurück, und da ich schon mal dabei war, bat ich Julisa per Mail, nach deinem Hamster zu schauen. Gegen sieben klopftest du an meine Tür - auf der Insel gingst du immer früh schlafen und wachtest beim ersten Tageslicht auf -, und wir beschlossen, im Ort zu frühstücken, denn es war ein Samstag, und alle anderen würden noch mindestens zwei Stunden schlafen. Außerdem schien draußen die Sonne, es war ein herrlicher Tag im Juni. Und du hattest Hunger, und ich würde dir zuliebe so tun, als ginge es mir genauso.

Das Bell Café am Wasser bot ein Frühstücksbuffet mit verschiedenen Sorten Schlagsahne und Ahornsirup; dorthin gingen wir oft in der Früh, bevor die Heerscharen verkaterter Musiker und Eltern in Fleecepullis aus Seattle uns vertreiben konnten.

»Hast du ihn schon angerufen?«, fragtest du, als wir in der Nähe des Cafés parkten.

»Soll das ein Scherz sein? Ich weiß noch nicht einmal, wie ich ihn kontaktieren soll.«

Du wirktest betroffen, griffst jedoch nach meiner Hand, als wir die Straße überquerten. »Ich dachte, das wüsstest du schon.«

»Ich habe gesagt, ich könnte es herausfinden«, entgegnete ich, »nicht, dass ich es wüsste. Aber so schwer kann es nicht sein. Ich werde ihn googeln. Wir können heute Nachmittag im Internet nach ihm suchen.« Das war viel früher, als ich geplant hatte.

»Was, wenn er nicht gefunden werden will?«

»Das ist unmöglich, selbst wenn er es wollte. Echte Privatsphäre gibt es nicht mehr. Außerdem«, sagte ich und nickte der Kellnerin zu, die uns mittlerweile kannte, »ist er Anwalt. Und Anwälte wollen gefunden werden, damit die ganze Welt sieht, wie großartig sie sind.«

Du nicktest, als hätte ich dir eine Offenbarung verkündet. »Wird er sauer sein, wenn du dich bei ihm meldest?«

»Nein«, sagte ich. »Überrascht vielleicht, aber nicht sauer.« Ich hoffte nur, dass das stimmte.

Wir griffen uns die Speisekarte und ließen uns Zeit beim Aussuchen, obwohl doch längst feststand, was wir nehmen würden. Ich ging so gern mit dir essen, schon seit deiner Geburt. Damals stillte ich dich sogar im Restaurant, was für mich ziemlich untypisch war, denn bevor ich dich bekam, war mir der Anblick stillender Frauen immer unangenehm. Aber was denkt man sich nicht alles, bevor man selbst ein Kind bekommt. Ich liebte es, dich zu stillen, und tat es, bis du fast ein Jahr alt warst und meine Brust wegstießest, als hättest du genug davon.

Damals hatte ich ständig Angst um dich: Wenn du in meinen Armen einschliefst, blieb ich trotz meiner ewigen Erschöpfung wach vor lauter Angst, dich fallen zu lassen (als hätte ich dich je fallen lassen!). Doch jedes Mal, wenn ich versuchte, dich in dein Bettchen zu legen, bist du schreiend aufgewacht. Also saß ich einfach nur in meinem Schaukelstuhl und zwang mich, wach zu bleiben, indem ich über deinen schweren kleinen Körper hinweg Scrabble auf meinem Handy spielte. Eines Tages, als du fünf Wochen alt warst, besuchte uns Allie und nahm dich, als du gerade eingeschlafen warst, aus meinen Armen, und wie durch ein Wunder, so als hätte sie dich mit einem Zauber belegt, wachtest du nicht auf. Dann schob sie ein Kissen unter meine Füße, und wir schliefen in deinem Kinderzimmer, wir beide, tief und fest, sechs Stunden am Stück. Das war der beste Schlaf, den ich in diesem ganzen ersten Jahr bekommen sollte.

»Guck mal, das Kind«, sagtest du, nachdem die gutgelaunte Kellnerin mit Lippenpiercing unsere Bestellung gebracht hatte. Als ich mich umdrehte, sah ich am Ahornsirup-Buffet ein Kleinkind in voller Batman-Montur, mit Cape, Maske und glänzenden Schuhen. Es balancierte einen Riesenteller mit Waffeln und Schlagsahne, und wie einst Cassandra wusste ich, was gleich passieren würde, ahnte jedoch, dass niemand meine Warnrufe erhören würde.

Dennoch sagte ich, ganz leise: »Vorsicht!«

Da rannte Batman los, und das Unvermeidliche geschah: Er stolperte über sein Cape, flog in hohem Bogen zu Boden und fing an zu heulen, während die anderen Gäste überrascht aufblickten und der Vater des Jungen, der es schon bis zu seinem Tisch geschafft hatte, sich umdrehte und brüllte: »Herrgott noch mal!«

Im ganzen Café wurde es mucksmäuschenstill. Einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Dann rief der Vater: »Was zum Teufel ist bloß los mit dir!«

»Harry!«, sagte die Mutter mit hochrotem Gesicht. Das Kind heulte laut wie ein italienisches Klageweib.

»Wieso passt du nicht auf, wo du hinläufst!«

Aber Batman schlug zurück. Er wälzte sich auf dem Boden und kreischte: »Ich hasse dich! Ich hasse dich!«, woraufhin beide Eltern zu ihm stürzten und versuchten, ihn vom Boden zu heben und zum Schweigen zu bringen. Mittlerweile war eine Brigade von Kellnern damit beschäftigt, die Sahne aufzuwischen und die Scherben aufzusammeln. Schließlich ging die Mutter auf den Vater los, weil...

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