Das Talent

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2021
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-28628-6 (ISBN)
 

Das 17jährige Basketballtalent Samuel Sooleyman stammt aus dem Südsudan, einem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land. Eines Tages erhält er die Chance seines Lebens: Mit einem nationalen Jugendteam darf er in die USA reisen und an einem Showturnier teilnehmen. Talentscouts werden auf ihn aufmerksam, doch dann erhält er schreckliche Nachrichten von daheim. Sein Dorf wurde überfallen, seine Familie ist auf der Flucht. Nur wenn er den Erfolg in Amerika erzwingt, kann er sie retten.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,78 MB
978-3-641-28628-6 (9783641286286)
weitere Ausgaben werden ermittelt

John Grisham ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Seine Romane sind ausnahmslos Bestseller. Zudem hat er ein Sachbuch, einen Erzählband und Jugendbücher veröffentlicht. Seine Werke werden in fünfundvierzig Sprachen übersetzt. Er lebt in Virginia.

2

Zwei Wochen später trat die gesamte Familie früh am Freitagmorgen den langen Marsch nach Rumbek an. Von dort sollte Samuel mit dem Bus nach Juba fahren, zu einem Wochenende harter Wettkämpfe. Sie winkten ihm lange nach, und seine Mutter und seine Schwester waren in Tränen aufgelöst. Dabei sollte er am Montag wieder zurück sein.

Der Bus fuhr eine Stunde zu spät los, was für den Südsudan durchaus pünktlich war. Wegen der schlechten Straßen und überfüllten Busse waren die Fahrpläne flexibel. Oft kam der Bus gar nicht, und immer wieder gab es Pannen. Es war keine Seltenheit, dass ein Bus auf offener Strecke den Geist aufgab und die Fahrgäste sich zu Fuß auf den Weg ins nächste Dorf machen mussten.

Samuel hatte sich vorn auf eine enge Bank zwischen zwei Männer gezwängt, die erzählten, sie seien schon seit drei Stunden unterwegs. Offenbar wollten sie sich in Juba nach Arbeit umsehen oder etwas in der Art. Samuel war nicht sicher, weil sie nur gebrochen Englisch sprachen, in das sich immer wieder ihre Stammessprache Nuer mischte. Samuel gehörte zu den Dinka, der größten ethnischen Gruppe des Landes, und Dinka war seine Muttersprache. Seine zweite Sprache war Englisch. Die Mutter beherrschte sogar vier Sprachen.

Auf der anderen Seite des schmalen Gangs saß eine Frau mit drei Kindern, die die Augen weit aufgerissen hatten und keinen Laut von sich gaben. Samuel sagte etwas auf Englisch zu ihnen, aber sie antworteten nicht. Als die Mutter mit dem ältesten Kind sprach, verstand er kein Wort.

Der Bus hatte keine Klimaanlage, und der Staub der Schotterpiste wehte durch die offenen Fenster herein und setzte sich überall fest - auf der Kleidung, dem Gepäck, den Sitzbänken, dem Boden. Das Gefährt rumpelte und holperte über die unbefestigte Hauptverbindungsstraße nach Juba und hielt gelegentlich an, um einen Anhalter aufzunehmen oder einen Passagier abzusetzen.

Als seine Mitfahrer erfuhren, dass Samuel Basketballspieler war und vielleicht nach Amerika reisen würde, stand er plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Basketball war der neue Stolz des Südsudans, eine leuchtende Verheißung, über der die Menschen sogar die gewalttätige Geschichte ihrer ethnischen Konflikte vergaßen. Die Spieler waren zumeist groß und schlank und spielten mit einer Leidenschaft, die amerikanische Trainer erstaunte.

Das Gespräch drehte sich also um Basketball, und Samuel genoss die Bewunderung. Sie stoppten in jedem Dorf, um Fahrgäste an Bord zu nehmen. Ob ein Bus voll war oder nicht, wurde nach Lust und Laune entschieden, und es dauerte nicht lange, bis der Fahrer die jüngeren Männer, unter ihnen Samuel, anwies, oben auf den Bus zu klettern und dafür zu sorgen, dass keine Taschen und Kisten herunterfielen. Als sie sich Juba näherten, wich der Schotter Asphalt, und das ständige Geholpere ließ nach. Die Fahrgäste wurden immer stiller, als sie an kilometerlangen Slums vorbeifuhren, auf die solider gebaute Häuser folgten. Sechs Stunden nachdem er in Lotta aufgebrochen war, stieg Samuel am zentralen Busbahnhof aus, wo Heerscharen von Menschen kamen und gingen. Er fragte nach dem Weg und lief eine Stunde lang, bis er die Universität von Juba erreichte.

Er war schon einmal in Juba gewesen und trotzdem von den modernen Anlagen, den asphaltierten Straßen, dem hektischen Verkehr, den hohen Gebäuden, dem quirligen Leben und den gut gekleideten Menschen beeindruckt. Wenn er es nicht in die Mannschaft schaffte, wollte er auf jeden Fall hier studieren und später wenn möglich auch arbeiten.

Als er die Sporthalle auf dem Campus betrat, packte ihn die Nervosität. Die Halle war neu, sehr hoch und bot Platz für drei Basketballfelder in voller Größe, aber nur für wenige Zuschauerbänke. Hochschulsport gab es im Südsudan nicht, keine Collegemannschaften mit Spielplänen und Logos, keine Fans, die mitfieberten. Die Halle wurde für verschiedene Hallensportarten, aber auch für Veranstaltungen und Versammlungen genutzt.

Am hinteren Ende sah er einen Mann mit Klemmbrett und Trillerpfeife um den Hals, der ein Vier-gegen-Vier-Übungsspiel beobachtete. Samuel ging um das Spielfeld herum in seine Richtung.

Ecko Lam war vierzig und hatte die ersten fünf Jahre seines Lebens im Südsudan verbracht. Seine Familie war einem Rebellenangriff auf ihr Dorf gerade noch entkommen und nach Kenia geflohen. Am Ende hatte sie sich in Ohio niedergelassen und den amerikanischen Lebensstil übernommen. Als Teenager entdeckte Ecko Basketball für sich und spielte vier Jahre an der Kent State University. Später heiratete er eine Amerikanerin mit sudanesischen Wurzeln und arbeitete an seinem Traum, Trainer in der Division I zu werden. Er wechselte von einem Job zum anderen und brachte es bis zum Assistenztrainer an der Texas Tech University, bevor er von einer gemeinnützigen Organisation als Talentscout für Afrika engagiert wurde. Vor zwei Jahren war er damit beauftragt worden, im Südsudan Basketballligen zu gründen und in der Sommerpause All-Star-Mannschaften zu trainieren. Er liebte seine Arbeit und glaubte fest daran, dass Basketball das Leben der südsudanesischen Sportlerinnen und Sportler verändern konnte. Mit seiner U18-Mannschaft zu den Showturnieren in den USA zu fliegen war mit Abstand seine schönste Aufgabe.

Er hatte Samuel nie persönlich spielen sehen, kannte aber Videoaufnahmen des Jungen. Ein südsudanesischer Coach hatte ihn wärmstens empfohlen, weil er mit Füßen und Händen schneller sei als jeder andere, ganz zu schweigen von seiner erstaunlichen Sprungkraft. Seine Mutter, Beatrice, sei über 1,80 Meter groß, und der Scoutingbericht ging davon aus, dass Samuel noch wachsen würde. Mit 1,88 Meter war er der Kleinste der eingeladenen Sportler.

Im Film, einem Video auf einem Smartphone, dominierte Samuel die Verteidigung, hatte aber mit dem Ball zu kämpfen. Da er in einem Dorf lebte, war seine Erfahrung begrenzt, und Ecko befürchtete, dass er es gegen die Jugendlichen aus den großen Städten schwer haben würde.

Zwanzig Spieler aus dem gesamten Land waren zu den Try-outs eingeladen und trafen im Laufe des Nachmittags ein. Samuel war Ecko schon aufgefallen, als er sich am Rand eines Spielfelds herumdrückte - ein Junge vom Land, der von dieser Umgebung überwältigt war. Schließlich kam er auf den Trainer zu und sprach ihn schüchtern an.

»Entschuldigung, sind Sie Coach Lam?«

Ecko grinste breit. »Allerdings, und du bist bestimmt Mr. Sooleymon.«

»Stimmt.« Samuel streckte die Hand aus.

Sie schüttelten sich energisch die Hände und berührten einander an den Schultern, die übliche Begrüßung im Sudan.

»Freut mich sehr, dich kennenzulernen«, sagte Ecko. »Wie war die Fahrt?«

Samuel zuckte mit den Schultern. »Ganz okay. Wenn man gern Bus fährt.«

»Ich nicht. Bist du schon mal geflogen?«

»Nein«, gab Samuel unumwunden zu.

Von den zwanzig Eingeladenen hatte vermutlich keiner je ein Flugzeug von innen gesehen, da war sich Ecko fast sicher. »Wenn du es in meine Mannschaft schaffst, fliegen wir um die halbe Welt. Was hältst du davon?«

Samuel strahlte über das ganze Gesicht. »Klingt fantastisch.«

»Das wird eine tolle Sache. Die Umkleide ist da drüben. Zieh dich schnell um und fang mit dem Werfen an.«

Samuel ging in einen kleinen Raum mit Drahtgeflechtspinden. Er suchte sich einen freien Spind und zog rasch Shorts, T-Shirt und seine abgetragenen Schuhe an. Fünf Minuten später war er wieder auf dem Spielfeld. Ecko warf ihm einen Ball zu und deutete auf einen freien Korb am anderen Ende der Halle.

»Wenn du dich gedehnt und aufgewärmt hast, übst du Werfen von der Dreierlinie.«

»Alles klar.« Samuel dribbelte davon, wobei er nur die rechte Hand benutzte, dehnte sich kurz und ziemlich oberflächlich, bevor er mit dem Werfen begann. Ecko stellte belustigt fest, dass Samuel Dehnen genauso langweilig fand wie die meisten Siebzehnjährigen.

Ecko behielt das Übungsspiel im Auge, während er jede Bewegung von Samuel genau verfolgte. Seine Treffsicherheit ließ zu wünschen übrig. Andererseits warf er von oben, mit einer eindrucksvoll fließenden Bewegung. Aber er setzte niedrig an, in Stirnhöhe, und sein rechter Ellbogen war nicht, wo er sein sollte. Für einen Jungen mit derart wenig Training nicht ungewöhnlich.

Die ersten zehn Würfe gingen daneben. Die Nerven, dachte Ecko.

Bis zum späten Nachmittag waren alle zwanzig Spieler eingetroffen. Ecko versammelte sie in einer Ecke der Zuschauerbänke und ließ jeden von ihnen aufstehen, sich vorstellen und seinen Herkunftsort nennen. Die Hälfte von ihnen war aus Juba. Zwei stammten aus Malakal, einer vom Krieg verwüsteten Stadt in knapp vierhundert Kilometer Entfernung. Ein paar andere kamen vom Land, aus dem Busch.

Eckos nächster Punkt auf der Tagesordnung war der heikelste. »Wir sind alle Südsudanesen«, sagte er. »Unser Land wird von einem Bürgerkrieg zerrissen, bei dem Warlords um die Macht kämpfen und die Bevölkerung leidet. Aber diese Mannschaft wird zusammenstehen. Unser Land wird euch genau im Auge behalten. Ihr werdet die neuen Helden sein. Wenn jemand aus der Mannschaft fliegt, dann nicht, weil er nicht genug Talent hat oder zu wenig Einsatzbereitschaft, sondern weil er sich mit anderen Spielern wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit anlegt. Verstanden?«

Alle nickten. Ecko Lam war in ihren Kreisen eine Legende, und sie wollten ihn unbedingt beeindrucken. Er und er allein konnte ihnen die Reise nach Amerika ermöglichen. Sie beneideten ihn, weil er so cool war, perfekt Englisch sprach und vor allem, weil er die neuesten Air...

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