Berufliche Belastungen bewältigen

Psychosoziale Herausforderungen in helfenden Berufen
 
 
Kohlhammer (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juli 2020
  • |
  • 217 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-17-032757-3 (ISBN)
 
Die tägliche Arbeit vieler Fachkräfte in helfenden Berufen ist geprägt durch Stress und Überlastung. Das Buch behandelt zunächst die typischen Belastungsfaktoren in diesen Berufen, z. B. anhaltende Konflikte oder Mangel an Spielräumen für Lösungsansätze oder für eigene Bedürfnisse. Zu jeder Problemlage liefert das Buch Theorien und Konzepte (Erklärungswissen) sowie typische Beispiele aus dem Berufsalltag. Darauf folgt ein Abschnitt zum Handlungswissen mit Lösungsansätzen des jeweiligen Problems. Reflexive Fragen laden zum Weiterdenken und zum Selbstbezug ein. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Folgen der Belastungen (Burnout, Helfersyndrom, Coolout) und zeigt Bewältigungsstrategien auf verschiedenen Ebenen auf.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 4,24 MB
978-3-17-032757-3 (9783170327573)
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Prof. Dr. phil. Jörg Rövekamp-Wattendorf lehrt Theorien, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW in Münster.

1          Gesundheitsförderung für MitarbeiterInnen in helfenden Berufen


 

 

 

Die eigene Gesundheit zu fördern, ist für Menschen in helfenden Berufen eine wichtige Aufgabe, denn psychosoziale Herausforderungen wirken beständig auf ihre Konstitution. Pflegefachkräfte, HeilpädagogInnen und SozialarbeiterInnen begegnen einer Reihe von tätigkeitsspezifischen Belastungen, die ihre Gesundheit beeinträchtigen können, aber in ihrem latenten Vorhandensein nicht immer erkennbar sind, wie etwa die strukturelle Gewalt, die in Kapitel 2 dargestellt wird. Zur Veranschaulichung finden sich in diesem und weiteren Kapiteln von Hannah Brauer gestaltete Illustrationen. Ebenso wird in Kapitel 5 der Bedeutung von Macht in der helfenden Beziehung nachgespürt, um auch die verborgenen Aspekte, etwa die Macht der Sprache oder des Wissens, zu verdeutlichen. Damit Arbeit aber eine positive Wirkung auf die Gesundheit haben kann, braucht es eine Ressourcenaktivierung, um auftretende Belastungen umfänglich bewältigen zu können, denn zu »den Berufsgruppen mit den höchsten Raten an arbeitsbedingtem Stress gehörten die Berufe des Gesundheitswesens (hier vor allem die Krankenpflege), der Erziehung und Bildung sowie der Sozialarbeit«, kommentieren Naidoo und Wills in ihrer aktuellen Erhebung die Situation dieser Berufsgruppen (Naidoo/Wills 2019, S. 448 f.). So werden etwa in Kapitel 6 Stressoren in ihrer Wirkung als anhaltende Stressbelastung erarbeitet. Der Begriff »Professionelle« bezeichnet im Folgenden die AbsolventInnen akademischer Ausbildungen sowie von Berufs-/Fachschulen bzw. Schulen im Bildungswesen Soziales und Gesundheit. Gesundheitsförderung betrifft jedoch auch weitere Beteiligte. Denn wenn helfende Berufe krank machen, ist das nicht nur ein persönliches, sondern genauso ein institutionelles wie gesellschaftliches Risiko (vgl. Rövekamp-Wattendorf u. a. 2018 a, S. 174). Insofern findet sich in Kapitel 10 unter dem Titel »Belastungen durch das Coolout-Phänomen« das Dilemma der Widerspruchserfahrung zwischen ethisch-fachlichen und organisationalen Normen.

Deshalb werden solche Erklärungs- und Handlungskompetenzen nötig, die einen kritisch-reflektierten Fokus auf die Arbeit richten (vgl. Gollner u. a. 2018, S. 41 ff.), mit deren Hilfe es den Fachkräften zur Chance wird, ihre Gesundheitsentwicklung im Lebenszusammenhang Arbeit positiv zu gestalten.

Laut der Ottawa-Charta zielt eine Gesundheitsförderung im Setting Arbeitsplatz

»auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen, sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können.« (WHO 1986, S. 1, zit. n. Gollner u. a. 2018, S. 31)

Reflexive Fragen:

  Wie kann Gesundheit durch die Menschen in ihren helfenden Berufen hergestellt werden?

  Welche Beteiligten können diesen Prozess begleiten?

  Welche Ressourcen und Strategien können Menschen erlangen, um Herausforderungen zu bewältigen?

Die Förderung von Ressourcen schließt auch die Gesundheitsbildung ein: »Gesundheitsaufklärung, Gesundheitsberatung, Gesundheitserziehung und Gesundheitsbildung können als Methoden der Gesundheitsförderung bezeichnet werden.« (Gollner u. a. 2018, S. 43) Deren zugrunde liegendes Verständnis ist nicht die rein kognitive Vermittlung von Sachverhalten (Wissensvermittlung), sondern vielmehr eine komplexe, praxisorientierte, bewusstseinsfördernde und diskursive Auseinandersetzung mit Gesundheitsproblematiken und -lösungen im Sinne von Coping. Entsprechend vollzieht sich Gesundheitsbildung dort, wo Lernprozesse neue Kompetenzen anregen, die zur beruflichen Entwicklung notwendig sind. In Kapitel 7 erhalten LeserInnen Anhaltspunkte zum Umgang mit Befürchtungen und Ängsten der Klientel, aber auch zur selbstreflexiven Vergewisserung im Umgang mit eigenen Ängsten. Diese Kompetenzen zu stärken gelingt, indem

  Belastungssituationen umfassend und verständlich analysiert werden

  Vertrauen in die eigene Gesundheitsförderung verstärkt wird

  zu kooperativen Handlungen eingeladen wird

  Lösungsmöglichkeiten erprobt werden können und

  Erfolge sichtbar gemacht werden.

Dazu ist die aktive Rolle der Fachkräfte am Bildungsprozess offenkundig. Aktivierungen regen Methoden an, die

  das individuelle Problemverständnis der MitarbeiterInnen treffen

  deren lebensweltliche und sozialräumliche Voraussetzungen berücksichtigen

  Kompetenzen für eine direkte Umsetzung und damit Verbesserung vermitteln

  auf der Beziehungsebene eine symmetrische Kommunikation anbieten

  ein realistisches Maß an Verhaltensänderungen anstreben.

Die Funktionsbestimmung von Gesundheitsförderung ist weniger stark auf die Analyse der Entstehung und Entwicklung beruflicher Belastungen ausgelegt. Eher lösungsorientiert stehen das subjektive Empfinden und der Umgang mit den Herausforderungen an. Doch: Welche Faktoren machen es den Fachkräften möglich, ihre Gesundheit zu fördern? Mittels des Konzeptes der Salutogenese lässt sich weiter fragen: Wie und wodurch bleiben die MitarbeiterInnen trotz beruflicher Belastungen gesund?

Das Salutogenesemodell von Aaron Antonovsky vermittelt ein Verständnis davon, warum Menschen trotz schwieriger Situationen vermögen, gesund zu bleiben. In einem Kontinuum zwischen Gesund/Wohlbefinden und Krank/Missempfinden bewegt sich, im Sinne Antonovskys, ein Individuum unter dem Einfluss stressender Herausforderungen (Stressoren) abhängig von zwei Faktoren: seinem Kohärenzsinn und seinen Widerstandsquellen.

Kohärenzsinn meint das Gefühl,

  die herausfordernde Situation verstehen zu können

  Fähigkeiten zu besitzen, um die Situation bewältigen zu können, und

  die Arbeitswelt sinnvoll gestalten zu können.

Daneben »hängt das individuelle Gefährdungsrisiko durch die Stressoren auch von der unterschiedlich ausgebildeten Widerstandsfähigkeit [.] ab.« (Rövekamp-Wattendorf u. a. 2018a, S. 175)

Funktionale Widerstandsquellen sind Ressourcen als

  unterstützende soziale Strukturen und

  sozialisierte persönliche Kompetenzen.

Dysfunktionale Verhaltensmuster, wie z. B. Alkoholmissbrauch, sind keine Widerstandsquellen. Aber je stärker es den Fachkräften gelingt, Kohärenzgefühl und Widerstandsquellen zu bilden, desto besser erhalten sie ihre Gesundheit. Wenn ihre Maßnahmen zur Gesundheitsförderung beitragen, verbessern diese Copingstrategien die Reaktionen auf die wahrgenommenen Herausforderungen. Mit Hilfe des Homöostase-Begriffs gelingt die Vorstellung, dass Menschen selbstregulative Fähigkeiten entwickeln können, einen sich immer wieder anpassenden Zustand gegenüber Anforderungen aus der Umwelt (wieder)herzustellen (vgl. Rövekamp-Wattendorf u. a. 2018a, S. 176). Kapitel 9 thematisiert etwa die Verletzung des Selbstwertgefühls durch sexuelle Belästigung ebenso wie die Wichtigkeit, sich zu schützen und energisch zurückzuweisen.

HeilpädagogInnen, SozialarbeiterInnen, Pflegefachkräfte und andere Fachkräfte in den helfenden Berufen stellen sich in diesem Zusammenhang Fragen wie:

  Wie würde ich meinen beruflichen Gesundheitszustand während der letzten 12 Monate beschreiben?

  Wodurch wird meine Gesundheit beeinflusst?

  Was brauche ich, um gesund zu bleiben?

Doch nicht nur die Berufstätigen selbst sind aufgefordert, möglichst früh aufkommende berufliche Herausforderungen zu erkennen, bevor sie zu Deformationen werden, um diesen entgegenzuwirken und damit ihre Gesundheit zu erhalten. Denn auch die Einrichtungen, in denen sie tätig sind, müssen Strategien und Methoden betrieblicher Gesundheitsförderung umsetzen, damit Gesundheit erhalten bleibt.

Da herrschende Arbeitsbedingungen eine Hauptdeterminante von Gesundheit darstellen, etwa hinsichtlich sozialer Bindungen zu AdressatInnen, sozialen...

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