Der 24. Dezember

Neue Weihnachtsgeschichten
 
Susanne Gretter (Herausgeber)
 
Suhrkamp Verlag AG
1. Auflage | erschienen am 4. Dezember 2011 | 216 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76970-6 (ISBN)
 
So sicher wie das Amen in der Kirche kommt er, der 24. Dezember. Der 'heilige Abend'. Ist er zu heilig, um ihn in Gesellschaft zu verbringen? Begeht man ihn also lieber allein als in Gesellschaft? Oder fährt man 'nach Hause' und setzt sich dem Diktat der böhmischen Großmutter aus, die schwer atmend am Herd mit den Pfannen hantiert, und alle, die ihr helfen wollen, wütend ins Eßzimmer zurückkläfft. Für die einen ist der 24. Dezember das große Familienereignis, geprägt von gelebten Traditionen und fröhlichen Ritualen. Für die anderen ein Tag voll sinnentleertem Tun und Familienterror. Wir haben Autorinnen und Autoren eingeladen, 'ihren' 24. Dezember zu schildern und freuen uns auf Beiträge von Oswald Egger, Urs Faes, Anna Katharina Hahn, Angela Krauß, Sibylle Lewitscharoff, Andreas Maier, Thomas Meinecke, Robert Menasse, Doron Rabinovici, Judith Schalansky, Clemens J. Setz und vielen anderen. Das große erzählerische Potential der Suhrkamp Autoren: versammelt in einem Band mit neuen Weihnachtsgeschichten.

Susanne Gretter studierte Anglistik, Romanistik und Politische Wissenschaft in Tübingen und Berlin. Sie hat zahlreiche Bücher herausgegeben, darunter die Reihe Die kühne Reisende. Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Berlin.

suhrkamp taschenbücher Allgemeine Reihe
1. Auflage
Deutsch
1,84 MB
978-3-518-76970-6 (9783518769706)
3518769707 (3518769707)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Susanne Gretter studierte Anglistik, Romanistik und Politische Wissenschaft in Tübingen und Berlin. Sie hat zahlreiche Bücher herausgegeben, darunter die Reihe Die kühne Reisende. Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Berlin.

1 - Inhalt [Seite 8]
2 - Param papapam [Seite 10]
2.1 - Sibylle Lewitscharoff: Flocken [Seite 12]
3 - Es ist nur ein Datum [Seite 22]
3.1 - Saskia Fischer: Schwefelhölzchen [Seite 24]
3.2 - Andreas Maier: Und dann ins Lascaux. Weihnachten, eine Selbstbefragung [Seite 36]
3.3 - Doron Rabinovici: Lichtspiele [Seite 42]
3.4 - Gerald Zschorsch: Bitte bitte sei nicht tot [Seite 52]
4 - Heilige Nacht [Seite 56]
4.1 - Reinhold Batberger: WeihNACHTen [Seite 58]
4.2 - Clemens J. Setz: Zauberlehrling [Seite 65]
5 - O du fröhliche [Seite 92]
5.1 - Esther Dischereit: Brokat/Karpfen/Hirtenlied/Bob Dylan/Peaches [Seite 94]
5.2 - Wolfgang Welt: Mehr Majoran. Weihnachten vor fünfzig Jahren [Seite 107]
5.3 - Elisabeth Rank: Das große Tier [Seite 109]
5.4 - Urs Faes: Urbino [Seite 115]
5.5 - Anna Katharina Hahn: Wie ein Kaiser [Seite 126]
6 - Ein Weihnachtsmärchen [Seite 130]
6.1 - Bärbel Reetz: Weihnachten geschlossen [Seite 132]
7 - Do they know it's Christmas time at all? [Seite 140]
7.1 - Kerstin Grether/Sandra Grether: Die Stadtkatzen. Wissen sie überhaupt, dass Weihnachten ist? [Seite 142]
7.2 - Thomas Meinecke: Fünfmal werden wir noch wach [Seite 161]
8 - Das Fest der Liebe [Seite 164]
8.1 - Marion Poschmann: Doppelgängergeschenke [Seite 166]
8.2 - Susanne Fischer: Zwei Engel [Seite 170]
8.3 - Michael Scharang: Der regelmäßige Christbaum [Seite 184]
9 - Zur zwölften Nacht [Seite 192]
9.1 - Oswald Egger: Zwölften [Seite 194]
10 - Autoren- und Quellenverzeichnis [Seite 213]

Sibylle Lewitscharoff


Flocken

Es begab sich im Jahr 2011 in der breiten und weiten Stadt B. Peter, ein ehemaliger Student der Theaterwissenschaften, hatte den Einfall gehabt, für den Weihnachtsabend die Eislaufbahn zu mieten; exklusiv für ein Grüppchen, seine Freunde von ehedem, mit denen er zusammen studiert hatte. Viel Wasser war seither den Jordan hinuntergeflossen. Das Grüppchen hatte einst in wechselnden Gemeinschaften zusammengelebt und sich dann in alle Winde zerstreut. Die Winde hatten sie nicht allzusehr voneinander entfernt, aber in der weiten und breiten Stadt B. war es möglich, sich jahrelang nicht über den Weg zu laufen.

Was aus ihnen geworden war? Keiner von ihnen hatte am Theater Fuß fassen können – bis auf Matthes, der sich in der Nähe des Theaters hielt, indem er antike Stücke übersetzte, womit er sich unter Kennern einen Namen gemacht hatte. Peter, Herr der Eislaufbahn für eine Nacht, besaß einen Fahrradladen für anspruchsvolle Kunden, in dem seine zwei Angestellten hypermoderne Unikate zusammenbastelten, das Stück selten unter fünftausend Euro. Thomas, dem sein Spitzname von früher immer noch anhing, Tops also, der etwas kurz geratene Tops, war nach langen Wegen und Irrwegen Heilpraktiker geworden und hatte es zu einer eigenen Praxis gebracht. Er war der erste, der mit einem Paar altmodischer Schlittschuhe aufkreuzte, vorschriftsmäßig winterlich gekleidet mit wattiertem Anorak und Pudelmütze, was ihn nach einem fröhlichen Zwerglein aus einem Vorgarten aussehen ließ.

So gegen zehn waren alle eingetrudelt, sogar der Vogelobre, von dem allseits erwartet worden war, daß er auf keinen Fall käme. Der Vogelobre hatte noch immer sein schwarzes Imponierhaar, das ihm wie Rabenfedern vom schmalen Kopf abstand. Er war schlank und drahtig, ein Mann, der mehrfach den Lockungen der Geschwindigkeit erlegen war, sehr zu seinem Unglück. Sein abenteuerlustiger Trieb war in Form von Motorradunfällen jäh an Grenzen gestoßen, Trieb, der zu seinem sonstigen Leben, einem klassischen Stubenhockerleben, wenig paßte. Er war Privatier, hatte eine einträgliche Erbschaft gemacht, über die er sich aus Geiz eisern ausschwieg. Man munkelte, er schreibe an einem inzwischen auf dreitausend Seiten angeschwollenen Werk über das Theaterleben seit Äschylos. Niemand wußte etwas Genaues. Sprach man ihn darauf an, wurde er mürrisch, wedelte mit den Händen und murmelte Unverständliches. Erwischte man den Vogelobre in einem glücklichen Moment, sprühte sein Geist, er zitierte Gedichtzeilen wie im Flug, war zu Späßen aufgelegt, aber solche Momente waren mit den Jahren selten geworden; nur Peter hatte Kontakt zu ihm gehalten, wenn auch einen lockeren.

Kurioserweise war ausgerechnet der Vogelobre von der Idee, Weihnachten auf der Eisbahn zu verbringen, so begeistert gewesen, daß er sogar Matthes anschleppte, der keinesfalls hatte kommen wollen: weil er unsportlich war, und weil er seit Jahrzehnten vergraben in seinem Dreikatzenhaushalt lebte. Matthes war menschenscheu. Er verließ das Haus nur, um Lebensmittel einzukaufen oder bei seinen Antiquariaten vorbeizuschauen. Der Vogelobre hatte den widerstrebenden Matthes mit dem Motorrad abgeholt, ihn auf den Beifahrersitz genötigt, von irgendwoher sogar ein Paar Schlittschuhe für ihn aufgetrieben.

Wer hockte denn da drüben auf der Bank? Matthes und der Vogelobre wußten im ersten Augenblick nicht, wer sich da so umständlich über die eigenen Fettwülste hinweg bückte, um die Schuhe zu wechseln. Himmel hilf! Katharina! Tatsache, es war Katharina, eigentlich eine falsche Katharina, sie hatte sich den Namen zugelegt, weil der Taufname Magda ihr zuwider gewesen war.

Wie die Frau von Goebbels hatte sie nicht länger heißen wollen. Matthes und der Vogelobre erkannten sie daran, wie sie aus verquollenem Gesicht zu ihnen her sah. Aus der feingliedrigen Katharina mit dem langen goldenen Haar, die alle verehrt hatten und mit der so ziemlich alle Männer im Bett gewesen waren, mit Ausnahme von Matthes, war eine unförmige Walze geworden, mit praktischer Kurzhaarfrisur. Bis vor zwei Jahren war sie Lehrerin an einer Waldorfschule gewesen, danach vorzeitig in Rente gegangen.

Auch Sissi hatte mit dem Theater nichts mehr zu tun. Sie verkaufte afrikanische Skulpturen in einer kleinen Galerie, schmale, schlanke Figuren aus abgegriffenem dunklem Holz, ihre Arme nach hinten gebogen und in die falsche Richtung geknickt. Johann fuhr Taxi. Jacob hatte einen Teeladen. Andi war Reiseleiter, führte Rentnergruppen zu den antiken Stätten und nach Palästina. Philipp war der einzige von ihnen, der eine Softwarefirma gegründet hatte und damit gutes Geld verdiente. Simon verbrachte seine Nächte für gewöhnlich als Seelsorger am Telefon, mit Leuten, die stotterten, stammelten oder in Schwallen redeten und nicht mehr zu stoppen waren. Am Weihnachtsabend dienstfrei zu haben, sich all das elende Geschluchze und Gedruckse einmal nicht anhören zu müssen, empfand er als Wohltat. Glucksend vor Heiterkeit, hatte er Peter zugesagt, sich in kindlicher Vorfreude sogar nagelneue Schlittschuhe extra für die Nacht gekauft.

Die Eisbahn war leer, das Eis ordentlich gepflegt, oben in der neonbeleuchteten Kabine saß ein Angestellter, regulierte das Licht und starrte auf eine Liste, auf der Peter unter fortlaufender Numerierung die Songs verzeichnet hatte, mit denen der Recorder hintereinander gefüttert werden mußte. Es gab Glühwein und Fischbrötchen.

Der Vogelobre betrat als erster das Eis, fuhr drauflos, als wäre er sechzehn und müßte seinen Jugendschwarm beeindrucken. In der Mitte der Bahn geriet er ins Stolpern, fing sich aber und kurvte weiter herum, ein Flattermann in engen Hosen, mit wehendem Schal und gesträubtem Haar. Matthes klammerte sich mit einer Hand am Rand der hölzernen Balustrade fest, mit der anderen strich er sich nervös über den langen Bart.

Tops, der lustige Tops, stiefelte mehr, als daß er glitt, aufs Eis, fiel hin, rappelte sich sofort wieder auf und versuchte, dem langbeinigen Vogelobre hinterherzufahren, der inzwischen in geübten, langzügigen Schleifen seine Spuren ins Eis fuhr.

Aus dem Lautsprecher ertönte Rüdiger, das melancholische Lied von Mark Knopfler über einen Fan, der immerzu auf den Star wartete, auch im strömenden Regen tropfnaß auf seinem Posten blieb, wartete und wartete und wartete. Ein Lied, so traurig und schön, wie ein kleines, tapferes, trauriges Leben sein konnte, wenn man ihm mit weicher Stimme und schmiegsamen Tönen eine edle Grablege stiftete.

Ihrer Fülle zum Trotz, bewegte sich Katharina erstaunlich leicht auf dem Eis. Sie mußte eine gute Schlittschuhläuferin gewesen sein, ja, sie bewegte sich mit einer Anmut, in der die Männer ihre altvertraute Katharinawieder erkannten, die sie einst begehrt hatten.

Anna und Marie waren zu spät gekommen. Zusammen und zu spät wie eh und je, dachte Peter, sie waren früher schon verbündet gewesen, hatten alles gemeinsam besprochen und beflüstert und belächelt. Anna erschien in einem fast am Boden schleppenden grauen Wollmantel, sie war lang gewachsen und trug das Haar hochgesteckt, jetzt war es unter einer hohen Fellmütze verborgen. Auch Marie war ihrem Stil treu geblieben, sie bevorzugte immer noch die lichten, hellen Kleider von damals, heute einen weißen Webpelz mit schwarzen Kragenspitzen, der unter dem Flutlicht leuchtete, als wär’s ein Hermelin. Inzwischen war ihr Haar allerdings grau. Die beiden Frauen setzten die Füße fast synchron aufs Eis; im Gleichmaß fuhren sie nebeneinander her, ohne sich zu berühren.

Die Kameraden von ehedem waren sich nicht gleich so ungezwungen in die Arme gefallen, wie Peter es erhofft hatte. In ihren Gesichtern, an ihren Leibern hatten sie wechselweise den Friedhof ihrer Niederlagen erkannt, was den Elan des Wiedersehens gebremst hatte. Andi hatte keine Haare mehr. Philipp nur noch einen schütteren Kranz.

Gottlob waren erst einmal alle damit befaßt, sich Schlittschuhe anzuziehen, das half. Und die ersten wackeligen Schritte auf dem Eis hatten noch mehr geholfen. Bis mit Hilfe des Glühweins der Übermut gesiegt hatte und alle auf dem Eis waren, sogar der übervorsichtige Matthes, der lange nicht von seinem Bart und der Balustrade hatte lassen wollen.

Simon fuhr einen konzentrierten Bogen, frei von den Sorgen, mit denen ihn seine unglücklichen Anrufer Nacht für Nacht beluden. Das Lied vom armen Rüdiger summte er so falsch wie fröhlich mit, weil es zu seinen Lieblingsliedern zählte. Sissi schnitt ihm den Weg ab, so daß er um ein Haar gestürzt wäre. Sie war noch immer dieses von tausend überschüssigen Trieben umhergeworfene Geschöpf mit dem fahrig überschminkten Mund; Mund, der wie eine kußfressende Fleischblume im Gesicht prangte. Sie war schon während des Studiums zu nervös gewesen, um eine Vorlesung lang still auf ihrem Platz zu verharren. Sissi fuhr ein mutwilliges Zickzackmuster ins Eis und kreuzte vor den anderen Läufern, immer knapp auf Kollisionskurs.

Inzwischen ertönte ein Weihnachtslied von Bob Dylan. Do you hear what I hear? Matthes, ein Dylanologe der puristischen Sorte, wollte es nicht hören und protestierte mit erhobener Faust, wobei er das Gleichgewicht verlor und aufs Eis plumpste. Johann und Jacob stellten den zitternden Mann wieder auf die Beine und setzten ihm die Brille auf. Als Dylan in seiner rauhfeinen Verflüsterung das Lied vom kleinen Weihnachtstrommler anstimmte, fing es an zu schneien, param papapam, große Flocken, linde Flocken fielen vom Himmel, weiß und sanft und leis. Param papapam, allmählich...

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