Bluescreen

Essays
 
Mark Greif (Autor)
Kevin Vennemann (Herausgeber)
 
Suhrkamp Verlag AG
1. Auflage | erschienen am 16. November 2011 | 120 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-78080-0 (ISBN)
 
"Ein Schritt weiter", die Anthologie mit Texten aus dem New Yorker Magazin "n+1", stieß 2008 auf überwältigende Resonanz: "Die Zeit" nannte den Band einen »Rosinenbomber voll origineller Gedanken«, die NZZ bezeichnete ihn als »anregend, geistreich und erfrischend frech«. Mark Greif, einer der Herausgeber von n+1, gilt als einer der talentiertesten amerikanischen Essayisten seiner Generation, er verbindet narratives Geschick mit zeitdiagnostischer Klarheit. Der Band versammelt seine Texte über die digitalen Medien, die unseren Alltag erobern: YouTube, Reality-TV, Internet-Pornographie. In einem der Essays schildert er, wie schwer es für einen mit Rock sozialisierten weißen Ostküstenakademiker ist, Rappen zu lernen. Immer wieder scheitert er daran, 17 Silben in zwei Takten Musik unterzubringen.
Kevin Vennemann
Deutsch
1,42 MB
978-3-518-78080-0 (9783518780800)
3518780808 (3518780808)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Mark Greif, geboren 1975, studierte Geschichts- und Literaturwissenschaft in Harvard, Oxford und Yale. Er ist einer der Gründungsherausgeber der Kulturzeitschrift n+1 und publiziert regelmäßig in bedeutenden englischsprachigen Zeitschriften. Im Suhrkamp Verlag eröffentlichte er mit seinen Mitherausgebern die n+1-Anthologie Ein Schritt weiter (es 2539).

Vorwort: Unsere Zeit

In einem Lied heißt es: »We are living in the future, I’ll tell you how I know / I read it in the paper, fifteen years ago.« Ich summe diese Melodie vor mich hin, wann immer uns im Fernsehen jemand dazu gratuliert, in der fortschrittlichsten und glorreichsten Epoche aller Zeiten zu leben. So verliert der Diskurs ein bisschen von seiner Ernsthaftigkeit, und ich empfinde geradezu Mitleid für den Lobredner und meine optimistischeren Zeitgenossen. Unser Zeitalter ist fabelhaft, kein Zweifel. Doch die Erwartungsvollen versichern uns schon allzu lange, es werde das wichtigste sein, das einzigartigste von allen – und außerdem das letzte. Die Abrisskalender werden immer dünner, und die Hersteller planen keine neuen Auflagen.

Mir gefällt es durchaus, modern zu sein. Es ist so leicht, die nötigen Teile zu finden für alles, was man bauen möchte. Betrachtet man jedoch die Blaupausen, die die Aufklärer vor 1810 für uns gefertigt haben, so denke ich nicht, dass sich bei irgendjemandem das Gefühl einstellt, unter wahrhaft meisterhaften Handwerkern zu leben oder dass wir das, was wir heute, erfüllt von einem Gefühl der Verlegenheit, leisten, nicht doch wieder aus der Hand geben werden. Woher kommen das unterwürfige Unbehagen, das Erschrecken und das Misstrauen, die sich heute, im Jahr 2011, einstellen, wenn wir uns daran erinnern, dass wir die Erben Kants, Jeffersons und Joseph Listers sind und dennoch das tun, was wir gerade treiben? Die Welt ist nicht in der Utopie angekommen, sie sieht noch nicht einmal deren Leuchten am Horizont.

Die exzentrischen Umdrehungen des Globus prägen dem Gewebe der Ewigkeit einen Zwischenbericht zum zivilisatorischen Fortschritt auf. Nur wer sehr schlechte Augen hat, könnte annehmen, dieser Report sei das letzte Wort. Wir wollten Paläste des Geistes errichten oder zumindest eine Stadt auf einem Hügel. Stattdessen haben wir die westliche Welt in ein gigantisches Wartezimmer verwandelt, in dem es bunte Magazine gibt und einen Fernseher, der unablässig dröhnt. Wenn der Doktor uns zur Untersuchung hereinruft, drückt er uns ein paar Tabletten in die Hand und schickt uns gleich wieder hinaus, um noch ein bisschen länger zu warten. Wir werden die schlechte Nachricht später erfahren. Wann? Bald, sehr bald.

 

 

 

Die Milleriten, eine adventistische Bewegung in den USA, dachten, die Welt würde im Jahr 1844 untergehen. Das tat sie nicht. Sie weinten. Sie hielten an ihrem Glauben fest. Auch wenn die Adventisten inzwischen etwas vorsichtiger sind, was die exakte Datierung ihrer Jüngsten Tage angeht, heißt das nicht, dass sie glauben, der Weltuntergang würde sich ewig hinauszögern.

Der Sozialpsychologe Leon Festinger und seine Mitarbeiter haben die Konsequenzen dokumentiert, die es haben kann, wenn die Welt nicht planmäßig untergeht. Die Chicagoer UFO-Sekte, die sie untersuchten, ging fest davon aus, am 21. Dezember 1954 würde eine große Flut die Erde verwüsten, doch diese drehte sich auch am 22. Dezember weiter. In der Folge wandte sich die zuvor rein private Sekte an die Öffentlichkeit. Als ihr die Blamage drohte, wurde sie schamlos. Dasselbe passiert mit den zeitgenössischen Sektenanhängern, jenen falschen Erben der Versprechen vom immerwährenden Frieden und vom Streben nach Glückseligkeit, die uns die Aufklärung hinterlassen hat. Allzu beflissen verkünden sie, unsere Zeit sei die vollendete Epoche, und alles sei bereits so, wie es sein solle und auch in Zukunft sein werde. Die Uhr tickt über die Stunde der Parusie hinaus, und die umstehenden Beobachter beteuern: Da haben wir uns wohl um einen Tag vertan! Vor dem nächsten Termin müssen wir noch mehr Leuten Bescheid geben! Aber das Ende kommt!

Wir geben unsere Ängste und Hoffnungen auf dieselbe Weise weiter, wie wir andere bitten, verdorbene Milch zu probieren. Wir teilen unsere Enttäuschungen genauso gerne mit anderen wie die Schönheit eines Sonnenuntergangs.

 

 

 

Vielleicht lässt es sich ja gar nicht vermeiden, dass Menschen, die überzeugt sind, alles habe einen Anfang, auch daran glauben, alles werde eines Tages untergehen. Ein menschliches Wesen kommt durch einen Tunnel auf die Welt und verschwindet in einem Grab. Wir haben jedoch nicht mit eigenen Augen gesehen, wie die Gesellschaft im hellen Tageslicht ihren Anfang nahm. Vielleicht liegen wir daher falsch, wenn wir annehmen, sie müsse irgendwann enden. Ein Philosoph klagte einst, es gelänge zwar allen, ein Leben enden zu lassen, nur wenige hätten jedoch die Kraft, diesem Ende eine Bedeutung zu geben und aus ihrer Biografie eine runde, in sich abgeschlossene Erzählung zu machen. Wenn es um das Leben einer Gesellschaft geht, stehen wir vor der genau entgegengesetzten Schwierigkeit: Ihre Verehrer versuchen immer, vorzeitig ein Fazit zu ziehen, weil es besonderen Ruhm verspricht, der letzten Generation anzugehören. Es ist schließlich ein besonderer Nervenkitzel damit verbunden, im Schatten der letzten Dinge zu wandeln. Wenn jedoch später ganz andere Menschen dort wandeln, dann wird es ihnen schwerlich in den Sinn kommen, unsere Bedingungen zu akzeptieren. Sie werden ihr eigenes Manifest schreiben, und die Kultur wird lässig und ohne Haltung vor den Zeichen des Neuen stehen.

Das angeblich nahe Ende erweist sich als etwas ganz anderes, als eigentlich gedacht. Es schließt viele kleine, zyklische Veränderungen ein, die lange Zeit – vielleicht sogar endlos – periodisch wiederkehren, bis wir bei der letzten Generation angekommen sind, wenn ein solches Monster denn überhaupt geboren werden kann. In den neunziger Jahren kam eine Postrock-Platte mit dem Titel Millions Now Living Will Never Die heraus. (Ein Satz, der auf einen Slogan der Adventisten des frühen 20. Jahrhunderts zurückgeht. Entstand der Gedanke spontan ein zweites Mal? Oder überlebte er wie ein Keim in der Luft, um nun erneut auszuschlagen?)

Der letzten Generation wird unser Doktor sagen: »Ab jetzt kann euch nichts mehr etwas anhaben, wir haben die Krankheit besiegt. Lebt in alle Ewigkeit!« Und sie werden antworten: »Aber was sollen wir jetzt tun?«

 

 

 

Eigentlich weiß man ja kaum, was es überhaupt bedeutet, geboren zu werden oder zu sterben, schließlich tun wir beides äußerst selten. Unsere Leben werden nicht in erster Linie von ihren Enden geformt, sondern von den unendlichen Arten und Weisen, jene miteinander zu verknüpfen. Davon also, wie wir die Mitten unserer Lebensläufe zu Knoten oder Schleifen binden, obwohl wir uns nicht an ihren Ursprung erinnern und obwohl wir ihr Ende, über das wir nur Mutmaßungen anstellen können, niemals wirklich erfahren werden. In diesem Sinne müssen sogar politische Denker oder Denker, die sich mit ewigen Dingen befassen, die zentrale Rolle der Medien eingestehen.

In unserer Zeit können wir mithilfe der Bluescreen-Technologie hinter jedes Porträt eines Menschen einen vollkommen beliebigen Hintergrund setzen. Mit diesen Porträts verhält es sich wie mit jenen Hochzeitsfotos aus Hongkong – die auch in Dubai, Lagos und der Mall of America aufgenommen und verkauft werden –, bei denen mal das Taj Mahal hinter dem glücklichen Paar auftaucht, mal die Freiheitsstatue oder der Strand irgendeiner Insel. Wenn ich solche Fotos sehe, beuge ich mich unwillkürlich vor, als ob ich den Eheleuten auf diese Weise in die Augen sehen könnte. Für welche Art von Freude leben sie? Inwiefern wird ihre Hochzeit aufgrund der Orte, die sie ausgewählt haben, aber wohl niemals mit eigenen Augen sehen werden, zu etwas ganz anderem? Ganz weit im Hintergrund befindet sich dabei immer der Blaue Bildschirm des abgestürzten Computers. Nennen wir ihn Himmel.

 

 

 

Wenn ich mich frage, ob unsere Zivilisation an ihr Ende gelangen kann – und damit meine ich ihre Vollendung, nicht ihre Vernichtung –, dann finde ich es hilfreich zu berücksichtigen, dass der begrenztere kulturelle Bereich der Kunst schon zu meinen Lebzeiten tatsächlich an ein Ende gelangt ist, woran sich damals allerdings niemand groß zu stören schien. Jahrzehnte später sind wir immer noch da und tasten uns unsicher durch das Dunkel um uns herum.

Es gibt nur einen einzigen Weg, den Stil, die künstlerischen Erzeugnisse und die Denkweise der Achtziger zu verstehen: Man muss erkennen, dass die Künste und mit ihnen womöglich die Welt an ein Ende gelangt waren. Der Minimalismus in der Musik, der die modularen Blöcke seiner betäubenden Kompositionen immer wieder wiederholte; der Brutalismus oder das postmoderne Ornament in der Architektur, die Plattenbauten und Geburtstagskuchen hervorbrachte, in denen niemand lange leben wollte, in denen allerdings auch niemand lange leben zu müssen glaubte; der Minimalismus und der Fotorealismus in der Malerei, mit denen die Künstler bewiesen, dass auch ihre harte Arbeit ununterscheidbar werden konnte von den Automatismen einfacher mechanischer Prozesse: Sie alle machten deutlich, dass eine vollkommen logische Entwicklung, die im 19. Jahrhundert begonnen hatte, vorangetrieben von Kadern einer Avantgarde, die sich untereinander mit verbundenen Augen bekämpften, an ihr logisches Ende gekommen war. Mit den...

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