Mord in Montparnasse

Miss Fishers mysteriöse Mordfälle
 
 
Insel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 370 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-76583-7 (ISBN)
 

Wenn Monsieur Anatole die gewitzte Detektivin Phryne Fisher in sein Restaurant einlädt, ist von vorherein klar, dass er ihr nicht nur seine köstliche Zwiebelsuppe vorsetzen wird, sondern auch einen Fall für sie hat: Seine Verlobte ist verschwunden, und Phryne soll herausfinden, wer sie entführt hat.
Phrynes Cleverness ist gefragt. Alle Spuren führen nach Paris - und Phryne zurück in ihre eigene Vergangenheit zwischen Spanischer Grippe, Rive Gauche und großen Gefühlen ..

Glamourös, klug und unabhängig, eine moderne Frau und eine gewitzte Detektivin - das ist Miss Phryne Fisher. Die wohlhabende englische Aristokratin lässt sich in den wilden 1920er Jahren in Melbourne nieder, wo sie ihr Single-Dasein in vollen Zügen genießt - und nebenbei einen Mordfall nach dem anderen löst. Nicht immer zur Freude der örtlichen Polizei.

weitere Ausgaben werden ermittelt

Kerry Greenwood, geboren 1954 in Maribyrnong City, Australien, studierte Rechtswissenschaften und englische Literatur. Sie arbeitete als Rechtsberaterin für die Victoria Legal Aid und als Bewährungshelferin. Aus Leidenschaft für Literatur begann sie zu schreiben. Sie verfasst historische, Fantasy- und Kriminalromane und wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2003 mit dem Ned Kelly Award für ihre Kriminalromane. Kerry Greenwood lebt in Melbourne.

Die überaus erfolgreiche Reihe um die lebenslustige Amateurdetektivin Phryne Fisher wurde für das australische Fernsehen in mehreren Staffeln verfilmt: Miss Fishers kuriose Mordfälle wurde weltweit ausgestrahlt, in Deutschland über netflix und ARD ONE.

Regina Rawlinson, geboren 1957 in Bochum, studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik sowie Literarisches Übersetzen aus dem Englischen. Seit 1988 übersetzt sie englische Belletristik ins Deutsche, u. a. Peter Carey, John le Carré und Lauren Weisberger. Sie ist Lehrbeauftragte für Literarisches Übersetzen an der LMU München und Vorsitzende des Münchner Übersetzer-Forums e.V.. Sie erhielt mehrere Arbeitsstipendien des Deutschen Übersetzerfonds e.V., unter anderem für Zurück auf Glück von Patricia Marx. 2011 wurde ihr zudem das Arbeitsstipendium des Freistaates Bayern für literarische Übersetzerinnen und Übersetzer gewährt. Regina Rawlinson lebt in München.

1


Unsere überaus aktive Lebensweise

lässt uns nicht die Muße, uns ausreichend

um unser Leibeswohl zu kümmern.

Auguste Escoffier

Ma Cuisine

In den Schaufenstern der Fitzroy Street spiegelte sich die Sonne, und der sandige Wind brannte in den Augen. Es war kalt und sonnig zugleich, eine durch und durch unerquickliche Kombination, wie man sie sonst nur in den weniger mondänen Wintersportorten antrifft.

Blinzelnd wischte sich die Ehrenwerte Phryne Fisher die Tränen aus den Augen. Warum bloß hatte sie keine Sonnenbrille dabei? Sie schlang den Zobel enger um ihren schlanken Körper. Mit dem Pelzmantel, der Pelzmütze und den russischen Lederstiefeln sah sie aus wie ein etwas zu klein geratenes Mitglied der Zarengarde, das kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren und einem Leibeigenen die Knute überzuziehen.

Während sie, durchgefroren und halb blind, still vor sich hin wütete, dass sie sich für den Versuch, das Hausnummernsystem in St Kilda zu ergründen, definitiv den falschen Tag oder womöglich sogar den falschen Planeten ausgesucht hatte, entdeckte sie das Café Anatole doch noch, und zwar im selben Augenblick, als ein gutgekleideter Mann es im hohen Bogen verließ - durchs geschlossene Fenster.

Phryne machte ihm höflich Platz, um seiner Landung nicht im Wege zu stehen. Dumpf schlug er auf dem Bürgersteig auf und blieb reglos liegen. Während Phryne noch kurz mit sich rang, ob sie, wie es die moralische Pflicht verlangte, einem Mitmenschen beistehen sollte, der durch eine Scheibe geflogen war - ohne Rücksicht auf Verluste, beziehungsweise auf Blutflecke an ihrem wunderschönen, sündhaft teuren Zobel -, wälzte sich der Mann auf die andere Seite, rappelte sich unter einigem Stöhnen auf und stolperte davon. Womit sich ihr Problem von selbst gelöst hatte.

Möglicherweise war das Café Anatole doch um einiges interessanter als sein Ruf. Glasscherben mit den Resten der goldenen Beschriftung knirschten unter ihren Blockabsätzen, als sie die Tür aufdrückte und eintrat.

Der Brief war am Vortag gekommen, eine Einladung zu einem besonderen Lunch in tadellosem, gestelztem Französisch, geschrieben von Anatole Bertrand persönlich. Phryne hatte von seinen Kochkünsten gehört und war, weil sie es von ihrem Haus an der Esplanade nicht weit hatte, zu Fuß herübergewandert.

Wie hatte sie diesen Entschluss noch vor wenigen Sekunden bereut! Doch nun? Betörte ihr ein himmlisches Aroma die Sinne, für das sie gern auch doppelt so weit gelaufen wäre - und über Schlimmeres als Scherben.

Der Duft versetzte sie geradewegs aus dem Melbourne des Jahres 1928 in das Paris von 1918 zurück. Zwiebelsuppe. Echte französische Zwiebelsuppe mit Cognac und einer Scheibe Baguette mit geschmolzenem Gruyère darauf. Phryne schenkte dem schlanken, attraktiven Mann mit der Schürze, der auf sie zugetänzelt kam, um sie zu begrüßen, ein derart glückseliges Lächeln, dass er regelrecht zurückprallte.

»Miss Fisher«, stellte sie sich vor.

»Es ist uns eine Ehre, Mam'selle«, antwortete der Kellner, während er der kleinen Frau mit dem schwarzen Pagenkopf, dem blassen Teint, den leuchtend grünen Augen und dem hinreißenden Lächeln Mantel und Mütze abnahm. Unter der Last der Garderobe leicht in die Knie gehend, hängte er die Sachen sorgfältig hinter der Theke auf und geleitete Phryne in den hinteren Teil des Bistros, an einen Tisch, der für eine Person eingedeckt war.

»Der Patron wird gewiss untröstlich sein, dass eine reizende Dame wie Sie eine derart unschöne Szene mit ansehen musste«, fuhr der Kellner bedauernd fort. Phryne winkte ab.

»Bringen Sie mir einen Pastis«, sagte sie. »Werden noch andere Gäste erwartet?«

»Nein, Mam'selle. Sie sind die einzige.« Der Kellner gab der jungen Frau hinter der Theke ein Zeichen. Draußen waren bereits zwei Männer damit beschäftigt, eine Plane vor das zerbrochene Fenster zu hängen. Aus der Küche hallte lautes Gebrüll, eine Stimme wie von einem brunftigen Chefkoch. Phryne bedeutete dem Kellner mit einem Kopfnicken, dass sie ihn nicht mehr benötigte. Er machte sich grinsend von dannen.

Der Pastis ließ nicht lange auf sich warten. Phryne nippte an ihrem Glas und ließ den Blick durch das Café Anatole schweifen. Es sah so aus, als hätte ein Gourmettornado ein Pariser Bistro bis ans andere Ende der Welt gewirbelt und kurzerhand in St Kilda abgesetzt, als ihm die Luft ausging. Alles war genau so, wie es sich gehörte: die Zinktheke mit der kessen Bedienung dahinter, die Barhocker für die Laufkundschaft, der Spiegel mit der Batterie Flaschen davor, von Chartreuse bis Armagnac. Die Tischchen mit den weißen Decken, die von einer Lage Wachspapier geschützt wurden. Die schmiedeeisernen Stühle. Die Künstler, die Zeichnungen aufs Papier warfen und erregt über den Modernismus diskutierten. Die biederen Bürger, die sich, leicht pikiert wegen des Klamauks, wieder über ihren Lunch beugten, eine Mahlzeit, der man mit dem gebührenden Ernst zusprach. Und alle sprachen Französisch. Phryne kam sich vor wie damals im Au chien qui fume in Montparnasse, mit den Mädchen in Hosen aus dem Quartier Latin plaudernd, Pastis schlürfend und Gauloises qualmend.

Sie schnupperte. Jemand rauchte tatsächlich eine Gauloise. Und ihre soupe à l'oignon oder ein anderes von einem Meisterkoch zubereitetes Gericht würde sicher auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Phryne lehnte sich zurück und genoss die Vorfreude.

Bevor sie sich auch nur in Ansätzen langweilen konnte, brachte ihr der Kellner einen Teller quenelles vom Fasan in delikater Brühe und schenkte ihr ein Glas fruchtigen Weißwein ein.

»Speist der Patron nicht mit mir?«, fragte sie erstaunt.

»Er ist untröstlich, Mam'selle. Ein Notfall in der Küche. Er wird sich beim Kaffee zu Ihnen gesellen.«

Phryne zuckte mit den Achseln. Die quenelles, mit dem Löffel abgestochene kleine Nocken, schmeckten vorzüglich. Der Hauptgang bestand aus einem poulet royale mit Buschbohnen, dazu ebenfalls ein Glas Wein. Sie ließ sich Zeit beim Essen. Jeder Bissen forderte die Geschmacksknospen mit immer neuen Aromen heraus. Estragon vielleicht - oder doch Petersilie?

Aus der Küche gellte ein Verzweiflungsschrei, gefolgt von einem »Plus de crème!« Wahrscheinlich wollte die Sauce nicht binden. Deshalb das Allheilmittel der französischen Küche: »Mehr Sahne!«

Zum krönenden Abschluss bekam Phryne ein winziges Vanillesoufflé, ein Glas Cognac, eine Tasse Kaffee und M'sieur Anatole.

Er gehörte zur Sorte der hageren, sehnigen und bärbeißigen Köche. Selbst in einem mit Regen vollgesogenen Militärwintermantel hätte er wohl kaum mehr als sechzig Kilo auf die Waage gebracht. Die unnatürlich schwarz glänzenden Haare trug er nach hinten gekämmt, weg von der zerfurchten Stirn, der man die jahrelange Konzentration auf das Anrühren von sauce béchamel, royale, crème oder suprême ansah. Seine hellgrauen Augen verrieten, dass er zu oft in einen heißen Backofen geschaut hatte, und auch an seinen Händen waren die unzähligen Zubereitungen von roux, garnitures und hors d'ouvres nicht spurlos vorübergegangen.

Von Natur aus war Phryne eher den Köchen der rundlichen, rotwangigen und leutseligen Art zugeneigt, aber der hervorragende Lunch hatte sie der gesamten Menschheit gegenüber wohlwollend gestimmt, daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass ihr Gegenüber sie an einen zerrupften Geier erinnerte, dem gerade ein Rivale den letzten Bissen Gnu unter dem Schnabel weggeschnappt hatte. M'sieur Anatole begrüßte sie mit einem Handkuss.

»Ich danke Ihnen für das köstliche Essen«, sagte sie. »Die Nocken waren vortrefflich. Das Hühnchen würde jeder Palastküche zur Ehre gereichen, und das Soufflé zerging auf der Zunge.«

Phryne hielt nichts davon, mit Komplimenten zu knausern. Das Geiergesicht hellte sich auf.

»Eine schöne Dame erfreut man gern«, entgegnete er und setzte im Befehlston hinzu: »Jean-Paul, noch einen Cognac!«

Der Kellner, der die Ausbildung zum kecken französischen Garçon offensichtlich mit Bravour...

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