Was zu dir gehört

Roman
 
 
Hanser Berlin (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-25960-7 (ISBN)
 
Ein amerikanischer Expat betritt die öffentlichen Toiletten des Kulturpalasts von Sofia, Bulgarien. Dort unten, wo niemand einfach so hingeht, trifft er Mitko, der Charisma ausstrahlt und Gefahr. Der Amerikaner bezahlt Mitko für Sex und trifft ihn danach immer wieder, gefangen in seinem Begehren und in einer Beziehung, in der Zärtlichkeit umzuschlagen droht in Gewalt. Und während er sich seiner komplizierten Vergangenheit stellen muss, kann er weder seinem Verlangen entkommen noch den Privilegien als Ausländer, die ihn von Mitko trennen. "Was zu dir gehört" ist ein tiefberührender Roman über die Macht von Scham und Sehnsucht. Und über eine Liebe entgegen jeder Wahrscheinlichkeit.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 1,25 MB
978-3-446-25960-7 (9783446259607)
3446259600 (3446259600)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Garth Greenwell wurde?1978 in Louisville, Kentucky geboren. Er hat unter anderem an der Harvard University und am Iowa Writers' Workshop studiert. "Was zu dir gehört" ist sein erster Roman. Er lebt in Iowa City.

 

 

Ich suchte Mitko in den nächsten Wochen wiederholt auf, und nach unserer dritten oder vierten Begegnung entschloss ich mich, ihn in meine Wohnung einzuladen. Ich wollte ihn für mich haben, unbeobachtet vom Publikum, das wir so häufig im NDK hatten, wo Männer vor der Tür der Toilettenkabine lungerten oder ihre Ohren an die Wände pressten, so wie ich es selbst getan hatte, wenn ich leer ausgegangen war. Ich wollte mehr Zeit mit ihm haben und mehr Privatsphäre, aber mir war auch unwohl dabei, ich wusste, wie unvernünftig es war, diesen immer noch fremden Mann in mein Zuhause zu bringen. Die Warnung eines Mannes fiel mir ein, der mich zu einem Kaffee im Haupttrakt des NDK eingeladen hatte, nachdem wir uns in den Toiletten begegnet waren. Diesen Jungs, hatte er gesagt, kann man nicht trauen, sie finden alles über dich heraus, verbreiten an deinem Arbeitsplatz Geschichten über dich, erzählen deinen Freunden von dir, rauben dich aus - und tatsächlich war ich schon bestohlen worden, einmal erfolgreich, ein anderes Mal hatte ich die Hand eines jungen Mannes ergriffen, als er sie gerade aus meiner Hosentasche zog, er hatte mich danach mit wilden Augen angestarrt, der Arme, und war geflohen. Doch die anderen Warnungen des Mannes stießen bei mir auf taube Ohren, da ich wenig zu verlieren hatte durch solche Enthüllungen - niemand würde sich betrogen fühlen, es würde kein Schaden entstehen, wenn man Geheimnisse über mich ausplauderte, die zu wahren ich mich kaum bemühte; ich war noch nie gut darin gewesen, etwas zu verbergen, mein ganzes Wesen ist aufs Bekennen ausgerichtet. Mitko und ich hatten Sex gehabt, und hinterher, während ich auf einer Bank in der Sonne saß - es war inzwischen November und trotzdem noch warm, die Trauben an den Weinstöcken waren verschrumpelt -, entschied ich mich, zu den Toiletten zurückzukehren und ihm ein Angebot zu machen. Wir einigten uns auf den folgenden Abend, und seine Augen begannen zu leuchten, als er mein Telefon sah, das ich, um seine Nummer zu notieren, zum ersten Mal in seiner Gegenwart aus meiner Tasche gezogen hatte. Er nahm es mir aus der Hand, dann erst sagte er moshe li, darf ich, und als ich ihm dabei zusah, wie er über den Bildschirm fuhr, um die Funktionen auszuprobieren, erinnerte ich mich an die Warnung, die ich erhalten hatte.

Dieses Unbehagen genügte jedoch nicht, um mich von meinem Vorhaben abzubringen, und am Nachmittag darauf eilte ich von der Schule ins Stadtzentrum. Ich traf ihn in der hintersten Ecke der Toiletten an, wo er sich mit drei oder vier anderen Männern aufhielt, die sich bei meinem Auftauchen zerstreuten, obwohl ich verlegen auf der Schwelle stehen blieb. Mitko, der mit dem Rücken zu mir stand, drehte sich um und lächelte, bot mir seine Hand und wies zugleich den Weg, weg von seinen Freunden (wenn es denn Freunde waren), hinauf zum Platz. Während wir die lange Treppe erklommen und uns von den Toiletten entfernten, die immer wirkten, als seien sie zu klein für ihn, als würden seine Figur und seine Stimme und seine Freundlichkeit eingeengt werden von den feuchten Fliesen an den Wänden, fühlte ich neben der Erregung, mit der ich gerechnet hatte, ein völlig unerwartetes Glück. Kak si, fragte ich, während wir durch den Park des NDK spazierten, wie geht es dir, und er zeigte mir die Fingerknöchel seiner rechten Hand, deren Haut abgeschürft war, die Wunden noch frisch. Er erzählte, dass er unten in eine Schlägerei mit einem anderen Mann geraten war, die Gründe dafür blieben mir jedoch unklar. Für einen Moment nahm ich seine Hand in meine und schaute mir die Wunden an, die ihn verwegen und beschädigt zugleich wirken ließen, und ich stellte mir vor, wie ich sie pflegen und salben und dann an meine Lippen drücken würde. Allerdings war diese Art von Zärtlichkeit bislang kein Teil unserer Begegnungen gewesen, und in diesem Moment, da er mit schnellen Hieben in die Luft die Prügelei nachstellte, war sie besonders fehl am Platze. Wir gingen den Wassil-Lewski-Boulevard entlang, Mitkos lange Beine verschlangen den Asphalt, ich hatte Probleme, mit ihm Schritt zu halten; er redete ununterbrochen, allerdings verstand ich nur einen Teil dessen, was er sagte. Ich fragte ihn, wo er eigentlich wohne, und er antwortete, s prijateli, bei Freunden, eine Wendung, die er oft benutzte und von der ich nie genau wusste, wie sie zu interpretieren war, denn über ihre übliche Bedeutung hinaus gebrauchte Mitko sie auch in Bezug auf seine Kunden. Während ich mich mühte, seinen Redeschwall zu verarbeiten, den er immer wieder mit der Wendung rasbirasch li, verstehst du, akzentuierte, wurde mir klar, dass Mitko zwischen verschiedenen Wohnungen pendelte, manchmal bei besagten Freunden übernachtete und manchmal bis zum Morgen draußen unterwegs war. Bei schlechtem Wetter kam er in einer kleinen Dachkammer mit Matratze, aber ohne Heizung oder fließendes Wasser unter, zu der ihm ein Freund die Schlüssel gegeben hatte (edna mansarda, sagte er und zeichnete mit den Händen die Form eines Daches in die Luft).

Das Gespräch schien Mitko unangenehm zu sein, er wechselte das Thema und sagte, dass er sich, obwohl ich ihn im NDK angetroffen hatte, wo er auch fast den ganzen Tag gewesen sei, für unseren gemeinsamen Abend aufgespart habe. Dabei schaute er mich von der Seite an (rasbirasch li?), und ich fühlte, wie ich vor Erregung errötete. Auch Mitko wirkte ungeduldig, von einer Energie erfüllt, die ihn vorwärtstrieb, und während wir auf dem Wassil-Lewski-Boulevard in Richtung Graf-Ignatjew-Straße liefen und unzählige Gassen und Seitenstraßen überquerten, musste ich ihn mehrmals am Arm greifen und tschakai tschakai tschakai sagen, damit er nicht vor ein Auto lief. Als wir in die Graf-Ignatjew-Straße einbogen, blieb er immer wieder vor einem der vielen Elektrogeschäfte und Pfandleihhäuser stehen, um die Produkte in den Schaufenstern zu begutachten. Ich war überrascht, wie viel er über Smartphones und Tablets wusste; seine Monologe waren von den englischen Begriffen für Ausstattungen, Bildschirmauflösungen, Speicherkarten und Akkulaufzeiten der verschiedenen Geräte durchsetzt, Informationen, die er Werbeblättern und Broschüren entnommen haben musste, die er offenbar mitnahm, wann immer sie ihm angeboten wurden. Ich versuchte, ihn zur Eile anzutreiben, ich wollte rasch nach Hause, zugleich wuchs in mir das Unbehagen über seine Litanei, die ich mehr und mehr als Andeutung verstand, vor allem als Mitko mir erzählte, dass sein jetziges Telefon, ein Modell, das er augenscheinlich durch ein besseres zu ersetzen hoffte, das Geschenk eines seiner Freunde war. Dieses Wort, podarak, Geschenk, sollte in unseren Unterhaltungen an jenem Abend immer wieder auftauchen, in Bezug, wie es schien, auf fast alles, was er besaß.

Schließlich erreichten wir das Ende der Graf-Ignatjew-Straße, und als wir uns dem kleinen Fluss näherten, der das Zentrum Sofias umrandet, im Grunde kaum mehr als ein Entwässerungsgraben, sagte Mitko: tschakai malko, warte kurz, verließ den Bürgersteig und trat zur spärlichen Vegetation des Uferstreifens hinunter. Ich ging ein paar Schritte weiter und drehte mich dann nach ihm um, konnte ihn jedoch kaum noch ausmachen (es war inzwischen dunkel geworden, die Herbstnacht hereingebrochen). Er stand am Ufer, um sich zu erleichtern. Die Passanten und der dichte Verkehr auf einer von Sofias meistbefahrenen Straßen schienen ihm überhaupt nichts auszumachen; und als ihm auffiel, dass ich ihn beobachtete, streckte er die Zunge heraus und wedelte mit der Hand seinen Schwanz hin und her, sodass die Pisse in hohen Bögen über das Wasser schoss, glitzernd im Licht der vorbeifahrenden Autos. Es war eine so unschuldige, kindlich-respektlose Geste, dass ich dümmlich lächelte, erfüllt von einem Gefühl des Wohlwollens, das auch auf dem Weg zur Metrostation und auf unserer kurzen Fahrt anhielt. Es gab nur eine einzige U-Bahn-Linie in Sofia (obwohl mehr geplant waren, über die ganze Stadt verteilt klafften große Baugruben), und zu den Stoßzeiten schien es, als würde sich die ganze Stadtbevölkerung unterirdisch fortbewegen, abwechselnd geschluckt und ausgespien von den sich unentwegt öffnenden und schließenden Türen. In der Bahn nach Mladost waren alle Sitzplätze besetzt, Mitko und ich wurden getrennt und standen schließlich in einiger Entfernung voneinander im Gedränge der Körper. Eingehend betrachtete Mitko die Pläne, die über den Türen der Wagen angebracht waren, sah hinaus in die erleuchteten Stationen, durch die wir kamen, und hin und wieder blickte er mich an, als wollte er sich vergewissern, dass ich noch da war und er meine volle Aufmerksamkeit hatte. Sein Blick war nun alles andere als unschuldig; er erwählte mich und war voller Verheißung, und in seiner Glut fühlte ich wieder diese Mischung aus Lust und Scham und eine so heillose Erregung in mir aufsteigen, dass ich wegschauen musste.

Als wir an der Endstation Mladost 1 ausstiegen und im Strom der Passagiere auf den Andrej-Sacharow-Boulevard gespült wurden, war ich erstaunt, wie gut sich Mitko dort auskannte. Schnell hatte er sich orientiert, deutete auf einen der blokowe, jener grässlichen Wohnblöcke sowjetischer Bauart zu beiden Seiten des Boulevards, und sagte, dort wohne einer seiner prijateli. Wie immer war ich frustriert, dass ich nur Bruchteile seiner Geschichten verstand, weil mein Bulgarisch mangelhaft war und weil er in einer Art Code sprach, sodass ich nur selten den genauen Charakter der Beziehungen verstand, die er beschrieb, oder warum sie so endeten, wie sie endeten. Noch nie hatte ich jemanden getroffen, der solche Transparenz (oder den Anschein davon) mit so viel Geheimnis verband, der zugleich so offen und so...

"Greenwell wurde mit James Baldwin und Alan Hollinghurst, mit Virginia Woolf und W.G. Sebald verglichen, und immer wieder heißt es: 'Der große schwule Roman unserer Zeit'." Hannah Lühmann, Welt am Sonntag, 28.01.18

"Ein Thriller ist dieses Buch in dem Sinn, dass latet etwas in der Luft liegt. Eine Gefahr, etwas Unangenehmes, das gleich über die Figuren hereinbrechen könnte . Die Gewalt zieht sich wie eine Ahnung durch das Buch, da war was, da ist was, da wird noch was kommen." Xaver von Cranach, Literaturspiegel, 27.01.18

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