Balthazar

Roman
 
 
Penhaligon Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. März 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10265-4 (ISBN)
 
Jeder Vampir träumt davon, wieder ein Mensch zu sein ...

Das Blut der 16-jährigen Skye verfügt über eine einzigartige Macht. Wenn ein Vampir davon trinkt, wird er in die Zeit zurückversetzt, in der er noch lebte. Diese Erfahrung macht den Blutsauger beinahe sofort abhängig. Da ist es nicht überraschend, dass der brutale Vampir Redgrave alles daran setzt, Skye in seine Gewalt zu bekommen. Denn wer Skyes Blut kontrolliert, beherrscht auch die Abhängigen. Nur der Vampir Balthazar nimmt den Kampf gegen Redgrave auf. Doch was anfangs lediglich Beschützerinstinkt und Rebellion gegen seinen vampirischen Erzeuger ist, entwickelt sich rasch zu mehr, als Balthazar erkennt, was Skye wirklich ist: die andere Hälfte seiner Seele.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Penhaligon
  • 1,30 MB
978-3-641-10265-4 (9783641102654)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Bevor Claudia Gray sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie als Anwältin, Journalistin und DJ. Seit ihrer Kindheit interessiert sie sich für Filmklassiker, die Stile vergangener Epochen und Architektur.



1

Ständig war sie gezwungen, Menschen beim Sterben zuzusehen.

Skye Tierney umklammerte die Zügel ihres Pferdes mit ihren behandschuhten Händen und kniff fest die Augen zusammen, um so dieses Gefühl loszuwerden. Aber es nützte nichts. Ob sie nun die Bilder sehen konnte oder nicht - sie wusste, was ganz in ihrer Nähe geschah. Das Entsetzen war so greifbar und wahrhaftig wie der graue Winterhimmel über ihrem Kopf.

Nicht hinzuschauen machte die Sache aber nur noch schlimmer. Skye holte tief und zitternd Atem und zwang sich, die Augen wieder zu öffnen, um zuzusehen, wie eine Frau um ihr Leben rannte.

Sie hatte geglaubt, er würde ihr nicht bis hierher folgen. Er war seit seinem Sturz vor zwei Monaten nicht mehr derselbe; es war, als ob alles Gute aus ihm herausgeströmt wäre, als er mit dem Kopf aufgeschlagen war, und als ob etwas anderes - etwas Dunkleres - stattdessen eingedrungen wäre. Sie hatte geglaubt, er würde sie gar nicht mehr beachten, aber das stimmte nicht. Er hatte sie ständig beobachtet, und das tat er auch jetzt.

Ja, er ist hier bei ihr, und seine Finger bohren sich tief in ihren Arm, als er davon spricht, dass sie aufgehalten werden müsse.

Es ist anders als bei seinen früheren Anfällen. Er jagt ihr eine solche Angst ein, dass ihre Kehle trocken wird und sie sich auf den Boden fallen lassen und sich tot stellen will wie ein vor Schreck erstarrtes Tier, sodass er vielleicht in seinem benebelten Zustand von ihr ablässt. Aber sie kann sich nicht einmal so weit von ihm lösen, dass sie sich hinwerfen könnte; er ist einfach zu groß und zu stark. Mit zitternder Stimme sagt sie zu ihm, dass er nicht mehr klar denken könne und dass es ihm leidtun werde, wenn er wieder zu sich käme. So verzweifelt will sie sich von ihm losreißen, dass er seine Finger nur noch tiefer in ihr Fleisch gräbt, bis ihre Haut aufzureißen droht. Ihre Füße rutschen auf den Herbstblättern aus, als sie mit ihrer freien Hand nach ihm schlägt.

Er lächelt, als hätte er gerade etwas Schönes gesehen, und er wirbelt sie im Kreis um sich herum wie ein Kind, das mit einer Freundin Karussell spielt. So hat er sich mit ihr herumgedreht, als sie beide noch Kinder gewesen waren, nur dass er sie dieses Mal über den Klippenabhang schleudert und dann loslässt.

Sie schreit und schreit, ihre Arme und Beine rudern und strampeln in der vorbeirauschenden Luft, doch nichts kann ihr jetzt noch helfen. Der Sturz dauert lange, so lange, und sie fällt immer schneller .

Skye taumelte rückwärts und prallte mit Eb zusammen. In ihren Adern rauschte das Adrenalin, und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Das Bild verblasste, aber das Entsetzen ließ nicht nach.

»Er geschieht noch immer«, flüsterte sie. Niemand konnte sie hören außer ihrem Pferd, und Eb wandte ihr seinen großen, schwarzen Kopf zu; der Ausdruck in seinen Augen war sanft. Ihre Eltern sagten immer, sie würde Eb Gefühle zuschreiben, die er weder haben noch verstehen könne. Aber die beiden hatten einfach keine Ahnung von Pferden. Skye lehnte ihren Kopf an Ebs dicken Hals und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Trotz ihres warmen Mantels und des dicken Pullis, den sie trug, fand die kalte Luft einen Weg bis auf ihre Haut, sodass sie zitterte. Der Wind riss an ihren kastanienbraunen Locken, die unter ihrem Reiterhelm hervorlugten, und das erinnerte sie daran, dass schon bald die Nacht hereinbrechen würde und die winterliche Schönheit des öffentlichen Reitpfades hinter ihrem Haus einer schneidenden, heimtückischen Kälte würde weichen müssen. Aber trotzdem schaffte sie es nicht, sich in Bewegung zu setzen.

Die beiden, die sie eben gesehen hatte, hatten Worte in einer Sprache gewechselt, die Skye nicht beherrschte, ja die sie, wie sie glaubte, noch nie zuvor gehört hatte. Aus ihrer Kleidung und ihren Frisuren hatte sie geschlossen, dass es sich bei ihnen um Indianer gehandelt haben müsste. Lag das, was sie gesehen hatte, bereits fünf- oder sechshundert Jahre zurück? Trugen ihre Visionen sie so weit in die Vergangenheit? Oder gar noch weiter? Es fühlte sich an, als würden sie überhaupt keine Grenzen kennen.

So unglaublich es auch schien: Die aufsteigenden Bilder von Todesfällen aus längst verflossenen Zeiten, die Skye nun schon seit fünf Wochen plagten - seit dem Tag des Falls der Evernight-Akademie -, verschwanden einfach nicht mehr. Skye hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, dass es das Sterben, das sie sah, tatsächlich und nicht nur in ihren Albträumen gegeben hatte. Diese . geistige Fähigkeit, oder wie auch immer man es nennen mochte, war zu einem Teil ihrer selbst geworden.

Es war nicht so, dass sie vor diesem Winter an nichts Übernatürliches geglaubt hätte; das Zuhause, in dem sie aufgewachsen war, war von Geistern heimgesucht worden. Der Geist auf ihrem Dachboden war für sie stets ebenso real gewesen wie ihr großer Bruder Dakota; man konnte es ihm ganz genauso zutrauen, dass er ihr Lieblingsspielzeug versteckte, nur um sie ein bisschen zu ärgern. Sie hatte sich nie vor dem Geistermädchen im Stockwerk über ihr gefürchtet; denn irgendwie war ihr klar gewesen, dass es jung war und nur mit ihr spielen wollte. Seine Streiche waren lustig und harmlos; es nahm zum Beispiel heimlich Skyes rosafarbene Socken und versteckte sie in Dakotas Kommode, oder sie klopfte an das Bettgestell, wenn Skye kurz vor dem Einschlafen war. Dakota hatte den Geist schon vor ihr »kennengelernt«, und er war es gewesen, der ihr versichert hatte, sie bräuchte sich nicht zu fürchten; denn Geister seien vermutlich ebenso natürlich wie Regen, Sonnenschein oder sonst irgendetwas Reales. Und so hatte sie niemals daran gezweifelt, dass etwas jenseits der Welt existierte, die jeder mit den Augen sehen konnte.

Trotzdem hatte Skye niemals vermutet, wie viel näher das Übernatürliche rücken und als wie viel gefährlicher es sich erweisen könnte.

Seit ihrem ersten Highschooljahr war sie Schülerin der Evernight-Akademie gewesen, die, soweit sie wusste, eines von mehreren Elite-Internaten in den Bergen von Massachusetts war. Sicherlich gab es da einige seltsame Regeln, und einige ihrer Mitschüler kamen ihr sehr viel älter vor, als sie es den Jahren nach waren, aber das war nicht allzu ungewöhnlich . hatte sie immer geglaubt.

Nein, sie hatte nicht vermutet, dass in Evernight etwas nicht stimmte. Als ihr guter Freund Lucas sie warnte, dass es dort für sie gefährlich sein würde, weil es sich bei Evernight um eine Schule für Vampire handelte, hatte sie geglaubt, er wolle sie nur aufziehen.

Bis dieser verrückte Vampirkrieg ausgebrochen war.

Eb stupste sie mit dem Kopf an, als ob er sie ins Hier und Jetzt zurückholen wollte. Skye entschied, dass er recht hatte. Nichts half ihr so sehr wie das Reiten.

Sie suchte im Schnee nach sicherem Stand, ehe sie einen Fuß in den Steigbügel steckte und sich in den Sattel hievte. Eb wartete reglos, bis sie bereit war. Er gehörte ihr, seit sie als Zwölfjährige ihren Eltern verkündet hatte, sie wolle unbedingt ein schwarzes Pferd mit einer weißen Blesse haben.

Das ist albern, hatte Dakota gesagt. Er war damals sechzehn und ihr in einer empörenden Weise überlegen gewesen, die sie ganz krank machte, aber gleichzeitig war er derjenige gewesen, den sie mehr als jeden anderen beeindrucken wollte. Man sucht sich ein Pferd nicht nach der Farbe aus. Das ist doch nicht wie bei deinen Sammelfiguren. Aber er hatte dabei gelächelt, und sie hatte ihm sofort verziehen . Doch nein, sie würde jetzt nicht über Dakota nachdenken.

Nun gut, sie war albern gewesen. Damals hatte sie noch nicht gewusst, worauf man bei einem Pferd achten musste: auf Verlässlichkeit, Ausgeglichenheit und auf die Fähigkeit, die Person auf dem Rücken besser zu kennen, als es je ein anderer Mensch können oder wollen würde. Eb erfüllte all diese Kriterien, und er hatte einen weißen Fleck.

Ich sollte mich beeilen, falls Mom oder Dad einen Kontrollanruf machen, dachte sie. Selbst in ihren eigenen Ohren klangen die Worte hohl. Ihre Eltern waren in Albany und arbeiteten hart. Wahrscheinlich lag das daran, dass ihre anspruchsvollen Tätigkeiten ihnen das abverlangten - was auf jeden Fall stimmte. Skye wusste das. Aber sie wusste auch, dass sich die beiden im letzten Jahr noch mehr in die Arbeit gestürzt hatten, weil auch sie nicht über Dakota nachgrübeln wollten. Skye war lange nicht aufgefallen, wie weit sie es hatten kommen lassen, bis sie vor fünf Wochen aus dem Internat zurückgekehrt war. Ihr war auch nicht klar gewesen, wie sehr sie sich danach sehnen würde, ihre Eltern bei sich zu Hause zu haben.

Aber sie würden alle auf ihre eigene Weise bezüglich dieser Sache mit Dakota klarkommen müssen. Und wenn das für sie, Skye, bedeutete, dass sie alles mit sich allein würde ausmachen müssen, dann sollte es eben so sein.

Skye schnalzte mit der Zunge und drückte Eb sachte die Fersen in die Flanken. Seine Hufe knirschten im Schnee. Jetzt lag dieser nur etwa zehn Zentimeter hoch, was besser war als alles, worauf man in New York im Januar hoffen durfte. Schon bald würde der Schnee so heftig fallen, dass er dreißig Zentimeter oder sogar einen halben Meter hoch und höher liegen bleiben würde. Überall um sie herum reckten sich die kahlen Äste der blattlosen Bäume den tiefhängenden Wolken am grauen Himmel entgegen.

»Jetzt wissen wir also, dass wir den Hang meiden sollten«, sagte sie laut, und ihr Atem gefror in der kalten, spätnachmittäglichen Luft zu kleinen Wölkchen. »Noch ein Ort, um den wir einen Bogen machen müssen. Aber wir werden schon noch eine schöne, lange Strecke im Wald...

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