Projekt Green Zero

Können wir klimaneutral leben? Mein konsequenter Weg zu einer ausgeglichenen Ökobilanz - Mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen
 
 
Ludwig Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2020
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25831-3 (ISBN)
 
Ist es möglich, den eigenen ökologischen Fußabdruck auf ein Minimum zu reduzieren und sogar die bisher angehäuften Klimaschulden wieder auszugleichen? Dirk Gratzel tritt den Beweis an: Er hat fest vor, künftigen Generationen keine ökologischen Schulden zu hinterlassen. Umweltwissenschaftler der TU Berlin haben für Gratzel die Ökobilanz seines bisherigen Lebens errechnet. Das Ergebnis: Er muss seine gesamte Lebensweise auf den Kopf stellen, um seinen Ressourcenverbrauch und die Belastung der Ökosysteme zu reduzieren: Duschen? Nur noch 45 Sekunden. Neue Kleidung? Fehlanzeige. Fliegen? Nie wieder. Doch dabei bleibt es nicht: Gratzel möchte alle bisher verursachten Schäden wiedergutmachen und die »Grüne Null« erreichen. Dafür ergreift er erstaunliche Maßnahmen . Ein leidenschaftlicher, inspirierender Selbstversuch!
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Ludwig bei Heyne
  • 0,89 MB
978-3-641-25831-3 (9783641258313)
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Dirk Gratzel, geboren 1968, ist promovierter Jurist, ehemaliger Topmanager und Gründer eines viel beachteten KI-Unternehmens. Er hält regelmäßig Vorträge auf nationalen und internationalen Konferenzen zu den Themen Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit. Gratzel ist der erste Mensch, der die Ökobilanz seines Lebens kennt - und sie bis zu seinem Tod ausgleichen möchte. Der Vater von fünf mittlerweile erwachsenen Kindern lebt bei Aachen und ist passionierter Jäger und Sportler.

IV.

Nach der Entscheidung, meine Lebens-Ökobilanz auszugleichen, setzte ich mich am nächsten Morgen an den Rechner und googelte »Lebens-Ökobilanz ausgleichen«.

Das Ergebnis war bescheiden. Ich hatte eine lange Liste von Ratgebern, Konzepten, kontroversen Expertendiskussionen, »Grüne Null«-Foren und Fotos von glücklich wie zerknirscht guckenden Nachhaltigkeits-Champions erwartet. Doch stattdessen gab es auch bei intensiverer Recherche keine wirklich zufriedenstellende Information. Im Wesentlichen konzentrierten sich der Diskurs und das Angebot an Hilfestellungen auf »Footprint«-Rechner, also Online-Kalkulatoren, mit denen ich sehr grob meinen aktuellen Lebensstil auf seine laufenden, meist auf ein Jahr hochgerechneten CO2-Emissionen hin überprüfen und diese dann zu verschiedenen Vergleichsgrößen - den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, dem durchschnittlichen Weltbürger, dem Durchschnittsdeutschen oder dem Durchschnitts-Nordrhein-Westfalen - in Beziehung setzen konnte.

Das war durchaus interessant und verstärkte meine unguten Ahnungen im Hinblick auf meinen eigenen Status quo. Doch waren alle Angebote offenkundig ungeeignet, eine Lebens-Ökobilanz abzubilden. Ich wollte ja schließlich nicht nur wissen, welche CO2-Emissionen ich laufend bewirke, sondern welche ich im Laufe meines gesamten (bisherigen) Lebens verursacht hatte, und außerdem einen klaren Blick auf alle anderen Schadensformen meines Daseins werfen, zu denen in den Kalkulatoren nichts zu finden war. Was war mit all dem Müll, den ich hinterlasse, mit all den Elektrogeräten, Computern und Batterien, die ich benutzt und anschließend bequem im Hausmüll entsorgt, mit all den Dingen, die ich gegessen, getrunken, genutzt, verbraucht und zerstört hatte, den Bergen von Windeln meiner Kinder, den Flugreisen und Zigaretten der Jugend, den gigantischen Wassermengen für stundenlanges Duschen und die wöchentlichen Autowäschen, was war mit den Lagerfeuern unter offenem Himmel und dem Grünschnitt im Garten, mit den Haushalts- und Autoreinigern zweifelhaftester Herkunft und Mixtur, mit den Bergen von Klamotten, Schuhen, Tennisbällen? Was mit dem Hundefutter und den Armeen von Badezimmerutensilien? Wo blieben da Koks- und Kohleöfen meiner Kindheit, das Benzin im ersten Auto und Motorrad meiner Jugend und all das Kerosin der Dienstreisen und der Urlaube? Dazu die Säcke voll Party-Plastikbesteck und nutzlosem Firlefanz, die Tausenden von Spülmaschinentabs und die zumindest dereinst noch FCKW-getriebenen Deosprays? All das hatte nicht nur CO2, sondern gewiss auch unzählige weitere, vielleicht noch viel umweltschädlichere Emissionen verursacht, und keine dieser Wirkungen war Teil der Instrumente und Rechner, die ich finden konnte.

Einen ganzen Tag lang durchquerte ich das Internet. Mit zunehmender Verbissenheit versuchte ich, etwas seriösen Grund in mein Vorhaben zu bringen. Ich experimentierte damit, mit den Footprint-Rechnern und mit Rechenbeispielen diverser Kompensationsbörsen meine eigenen, natürlich nur groben Berechnungen anzustellen. Indem ich in mehreren Tabellen Mobilitäts- und Wohndaten überschlägig erfasste und dann auf verschiedenen Plattformen verarbeitete, erhielt ich zumindest ein halbes Dutzend persönlicher CO2-Bilanzen, einige sogleich auch mit einem Kompensationsvorschlag. Die Summen und Ergebnisse schwankten: Während ich hier mit einer Spende über 1 200 Euro für die Regenwaldaufforstung in Costa Rica tatsächlich vollständigen Wiederausgleich sollte leisten können, musste ich mehr als das Zehnfache in den Flächenschutz am Amazonas investieren, um eine Art grüne Absolution zu erhalten.

Eine Ökobilanz (im Englischen Life Cycle Assessment, kurz LCA genannt) ist ein wissenschaftlich-technisches Verfahren, um die Umweltrelevanz eines Produkts, einer Dienstleistung und mittlerweile auch einer Verhaltensweise zu erfassen. Sie folgt in der Regel internationalen Standards, die dank verschiedener Industrienormen (DIN EN ISO 14040 und 14044) auch in Deutschland gelten.

Die Ökobilanz versucht, alle potenziellen Umweltwirkungen eines Produkts und der dazugehörigen Produktionsprozesse zu erfassen. Dadurch unterscheidet sie sich zum Beispiel vom CO2-Fußabdruck (Carbon Footprint) oder Wasserfußabdruck (Water Footprint), die sich nur auf eine Umweltwirkung konzentrieren. Sie ist mithin das umfassendere und in der Regel aufwendige Instrument für die Analyse von Umweltwirkungen, weil der gesamte Wertschöpfungs-, Gebrauchs- und Verwertungs-/Beseitigungsprozess (die Entsorgung) eines Produkts analysiert werden muss, beginnend mit den allerersten Schritten der Rohstoffgewinnung bis zum Ende der Entsorgung. Dafür liefert sie weitreichende Erkenntnisse. So verbraucht etwa die Herstellung eines Smartphones deutlich mehr Energie als das Gerät bei durchschnittlicher Nutzung und über seinen gesamten Lebenszyklus für den Betrieb. Und auch beim Auto ist der Footprint aus der Herstellung in der Regel höher als der aus der Nutzungsdauer.

Ökobilanzen sind außerdem sinnvoll, ökologische Problemverlagerungen transparent zu machen. So helfen beispielsweise Biokraftstoffe, den CO2-Fußabdruck etwa der Mobilität zu reduzieren, was dann aber mit einem höheren Wasserfußabdruck einhergeht.

Die Ergebnisse und allemal die Kompensationsvorschläge irritierten mich. Verwirrend war weniger der Umstand, dass die Rechner teils schlicht konzipiert und in den Ergebnissen sehr vereinfachend aufgebaut waren - mich wurmte vielmehr und zunehmend die Erkenntnis, dass ich mich für einen zwar beträchtlichen, aber bei meiner Lebensführung nun auch nicht utopischen Betrag von aller ökologischer Verantwortung sollte freikaufen können. Da hatte ich fast fünfzig werden müssen, um den Selbstbetrug nicht länger durchzuhalten, und dann - wie soll ich es besser ausdrücken: so was . Kurz war ich versucht, den im Vergleich aller einschlägigen Börsen höchstgenannten Betrag zu überweisen, ordentlich noch eine Schippe draufzulegen und trotzig die nächste Fernreise zu planen - aber eben nur kurz.

Also der nächste Versuch. Ich fasste mein Anliegen in einer ausführlichen, freundlich formulierten E-Mail zusammen, erklärte sinngemäß, ich sei ein typischer alter weißer Mann mit für westeuropäische Lebensstile nicht unüblicher Biografie, hätte zeit meines Lebens die ökologischen Aspekte und Konsequenzen meiner Lebensführung eher vernachlässigt und wolle nun wiedergutmachen, was ich fraglos angerichtet hatte. Ich sei mir des Umstands bewusst, dass dies mit einem Fingerschnippen nicht zu machen sei, wolle ehrlich bilanzieren und dann mit eigenem Einsatz an Zeit, Geld und Energie aufräumen, was ich an irdischem Saustall bislang hinterlassen habe. Ob man mir helfen könne .

Der ökologische Fußabdruck (im Englischen Ecological Footprint genannt) ist eine Messgröße dafür, in welchem Verhältnis der menschliche Lebensstil und die Lebensführung zu den ökologischen Ressourcen unseres Planeten stehen. Das Konzept stammt aus der Mitte der Neunzigerjahre und wurde von dem Schweizer Mathis Wackernagel und dem Kanadier William Rees entwickelt. Die Idee des Konzepts ist, einen Abgleich zwischen unserem aktuellen Lebensstil und den planetaren Ressourcen vorzunehmen. Seine Anschaulichkeit und Einfachheit begründen seine weite Verbreitung und hohe Popularität.

Setzt man dem Footprint der Bevölkerung die Biokapazität gegenüber, erkennt man, in welchen Regionen und Ländern der Lebensstil den planetaren Ressourcen entspricht, diese sogar schont (unterschreitet) oder überstrapaziert. Letzteres beschreibt man auch als ökologisches Defizit. Dieses ist insbesondere in Europa und den USA, Australien, China, Teilen Nordafrikas und im Nahen Osten groß.

Zunehmend wird die Bezeichnung des ökologischen Fußabdrucks generalisierend für eine umfassende Bewertung der Umweltbelastung, zum Beispiel auch als Synonym für Ökobilanzen, verwendet. Im Englischen spricht man dann vom Environmental Footprint.

Die ordentlich formatierte, nach mehrfacher Kontrolle tippfehlerfreie E-Mail schickte ich an WWF (World Wide Fund For Nature) und NABU (Naturschutzbund Deutschland), an Greenpeace, das Umweltbundesamt, einige kleinere Organisationen und verschiedene Stiftungen und Nachhaltigkeitsunternehmen. Dann wartete ich auf Antwort. Eine Woche lang. Zwei. Drei. Ich überprüfte die Internetverbindung meines häuslichen Rechners, alle Spamfilter, den Postausgang und meinen Formulierungsstil und wartete eine weitere Woche, bis mich tatsächlich die erste und sodann auch bald die zweite Antwort erreichte - die beiden einzigen, die ich je aus dieser Aussendung erhielt. Sie kamen von WWF und NABU, waren ausführlich und sehr freundlich formuliert und hatten eine ähnliche Diktion und Empfehlung. Beide beglückwünschten mich herzlich zu meiner Entscheidung, wünschten mir viel Ausdauer und Erfolg, erläuterten mir die Systematik hinter den diversen Footprint-Konzepten und empfahlen mir, diese Rechner für eine Analyse meines Lebensstils, möglicher Veränderungen und gegebenenfalls auch einer gewünschten Kompensation zu nutzen. Weitergehende Konzepte im Sinne meines »Alles soll auf den Tisch«-Ansatzes gäbe es, ich kürze dies ein wenig ab, nicht.

Die ausführlichen und sichtlich ernsthaften, mit viel Mühe verfassten Antworten machten mich nachdenklich. Nun war und bin ich...

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