Mord ist eine harte Lehre

Ein Fall für Lizzie Martin und Benjamin Ross
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. November 2019
  • |
  • 365 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-7777-4 (ISBN)
 
März, 1870. In Piccadilly wird die Leiche einer Frau gefunden. Die Spur führt Inspector Ben Ross nach Yorkshire, während Lizzy, Bens Frau, sich mit einem anderen mysteriösen Fall beschäftigen muss: mit einem geheimnisvollen Mädchen, das die Leute immer wieder in einem Haus auftauchen sehen, von dem aber niemand etwas Genaues weiß - und das dann plötzlich ganz verschwindet. Bald schon weisen Indizien auf eine Verbindung zwischen den Fällen. Und es wird wieder einmal gefährlich für Lizzy und Ben!
1. Aufl. 2019
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 0,86 MB
978-3-7325-7777-4 (9783732577774)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe, von der 15 Bände vorliegen und die mit der Jessica-Campbell-Reihe fortgesetzt wird, sowie der siebenbändigen Fran-Varady-Reihe. Außerdem schreibt sie die Lizzie-Martin-und-Benjamin-Ross-Reihe, die im viktorianischen England spielt und von der bisher sieben Romane erschienen sind.

KAPITEL ZWEI


Der Besucher erklärte, dass in der Mülltonne draußen im Hof hinter dem Restaurant, wo er als Küchenhelfer arbeitete, die Leiche einer jungen Frau gefunden worden war. All das war mehr als genug für den Officer vom Dienst. Der Besucher wurde augenblicklich zu mir nach oben gebracht.

Inzwischen hatten sich auch Morris und Biddle mitsamt seiner Erkältung sowie einem Notizbuch zum Niederschreiben einer Aussage in meinem beengten Büro eingefunden.

Nachdem der Informant sich seiner kunterbunten Überbekleidung entledigt hatte, erwies er sich als junger Mann von vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahren. Er trug noch seine schmuddelige Schürze, und seine untersetzte Statur ließ vermuten, dass er kurzen Prozess machte mit den Essensresten, die aus dem Lokal in die Küche zurückkamen. Ich war überrascht, dass überhaupt noch irgendetwas in den Mülleimer wanderte. Sein Kopf reichte mir nur bis zum mittleren Westenknopf, und mit seinem großzügigen Leibesumfang und den kurzen Beinen vermittelte er den allgemeinen Eindruck, dass seine Körpermaße mehr oder weniger in sämtliche Richtungen die gleichen waren, wie bei einem Würfel. Sein Name lautete Horace Worth.

»Es ist nicht meine Schuld, Gents!«, jammerte Horace zutiefst betrübt, zum einen, weil man ihn aus der warmen Küche geworfen und auf solch einen Botengang geschickt hatte, und zum anderen, weil er einen Mangel an Mitgefühl von unserer Seite zu spüren vermeinte. »Ich weiß überhaupt nicht, warum jeder mir die Schuld gibt!«

»Wir geben dir keine Schuld, mein Junge«, rumpelte Morris. »Es sei denn natürlich, das alles stellt sich als ein Haufen Unsinn heraus.«

»Ich hab sie nicht da reingeworfen! Ich wusste nicht, dass sie dort war! Hätt' ich das gewusst, wär ich in der Küche geblieben und hätt' die Nase nicht aus der Tür gesteckt! Ich schwör' auf 'nen Stapel Bibeln, ich wusst' nich', dass sie dort ist! Es ist nicht meine Schuld, oder? Aber O'Brien, das Erste, was er macht, er haut mir die Suppenkelle über'n Kopf und .«

»Wer ist O'Brian?«

»Das ist der Koch. Er ist ein übellauniger Mist . Er ist ständig schlecht gelaunt. Als ich reingerannt kam und ihm erzählt hab, was für einen grässlichen Schrecken ich bekommen hab - und ich kann Ihnen sagen, ich hab mich zu Tode erschrocken, das könn' Sie mir glauben! Jedenfalls, er hat mich mit der Kelle geschlagen, auf den Kopf!« Er rieb sich bei der Erinnerung die Stelle an seinem Schädel. »Und dann ist Mr. Bellini gekommen und hat auch noch angefangen! Mr. Bellini ist der Besitzer. Schlimmer noch, dann taucht auch noch Mr. Bellinis Frau auf! Sie ist ein Drachen, das ist sie! Ein richtiger Drachen! . Sie hält ein Auge auf das Geld«, fügte er nach einer kurzen Pause vertraulich hinzu. »Die Händler und Lieferanten fürchten sie, weil sie um jede Kartoffel feilscht.«

»Wie ist der Name dieses Lokals?«

»Wir heißen die Imperial Dining Rooms«, verkündete Horace mit großer Geste. »Wir sind in der New Bond Street und wir sind ein hochklassiges Etablissement. Also Mr. Bellini, er sagt, ich soll zum Scotland Yard. Es ist ihm egal, wie viele Probleme ich hab herzukommen. Man sieht die Hand vor Augen nich' da draußen, und die halbe Zeit wusst' ich nich', ob ich nach Norden oder nach Süden geh'.« Er redete in einem nasalen Ton, der auf eine verstopfte Nase hindeutete.

»Du hättest den ersten Constable anhalten können, dem du begegnet bist, und ihn informieren«, krächzte Morris mitleidslos ob der Mühsal unseres Besuchers. »Er wäre mit dir an deine Arbeitsstelle zurückgekehrt und hätte ein wenig mehr über die Angelegenheit herausgefunden, bevor er einen detaillierten Bericht abgeliefert hätte.«

»Ich hab Ihnen doch schon gesagt, Mr. Bellini hat angeordnet, dass ich zum Yard soll!«, erwiderte Horace würdevoll. »Er hat gesagt, er will nicht, dass ein gewöhnlicher Streifenpolizist seine Nase in unser Lokal steckt und rumschnüffelt. Er will einen Officer, der weiß, was er mit einer Toten machen muss. Ich sollt' zum Scotland Yard und sonst nirgendwohin. Abgesehen davon hab ich unterwegs keinen Constable gesehen. Ich hab einen gehört, mitten auf der Piccadilly, wo er versucht hat, irgendein Handgemenge zwischen einer Kutsche und einem Straßenhändler zu schlichten. Ich konnt' ihn nicht sehen, nur brüllen hör'n. Alle ham' gebrüllt, der Kutscher, der Händler und ein paar andere Leute. Gemüse lag über die Straße verteilt. Ich bin auf einen Pastinak getreten.«

Als Beweis kramte er in seiner Manteltasche und brachte ein zerquetschtes Etwas zum Vorschein, das vielleicht einmal ein Pastinak gewesen war.

»Warum hast du ihn aufgehoben und mit hergebracht?«, wollte Morris mit heiserer Stimme wissen.

»Ich nehm' ihn mit zurück ins Lokal«, erwiderte Horace. »Er kann in die Suppe.«

»Wo immer dieses Etablissement ist«, murmelte ich an Morris gewandt. »Ich glaube nicht, dass ich Lust habe, dort zu essen.«

Horace hatte scharfe Ohren. »Es ist nichts verkehrt mit unser'm Lokal!«, protestierte er. »Sie können ruhig vorbeikommen und sich in unserer Küche umsehen. Alles ist blitzblank und sauber! O'Brian lässt mich die halbe Zeit putzen und Töpfe und Pfannen und Geschirr spülen und die Tische schrubben. Aber nicht die Böden, wissen Sie?«, fügte er hinzu. »Das macht eine alte Frau, die morgens vorbeikommt. Ich bin nämlich kein Handlanger. Ich lern' das Kochen. Ich seh' O'Brian zu. Meistens lässt er mich Kartoffeln schälen oder Sachen umrühren. Wenn er gute Laune hat, erklärt er mir, wie man Gebäck macht und so. Ich werd' eines Tages selbst ein richtiger Koch.«

»Der Himmel steh uns bei!«, murmelte Morris.

»Erzähle das Ganze dem Constable hier noch einmal, und er schreibt es auf!«, befahl ich, und Biddle machte sich mit seinem Notizbuch und einem Stift bereit. »Wen könnten wir hinschicken?«, fragte ich an Morris gewandt.

»Mullins ist draußen und untersucht einen Einbruch«, informierte Morris mich. »Jessop hat sich heute Morgen zum Dienst gemeldet, aber er hat so furchtbar geschnieft und geniest, dass ich ihn wieder nach Hause geschickt habe. Die anderen sind ebenfalls alle unterwegs, hauptsächlich wegen Überfällen oder Straßenraub. Es ist dieser Nebel, wissen Sie, Sir? Jedes Schlitzohr in ganz London nutzt die Gelegenheit für seine krummen Touren. Wir sind sehr knapp an Personal, Mr. Ross.«

»Constable Biddle?«

Biddle kam hinter einem großen Taschentuch zum Vorschein und blinzelte mich aus wässrigen, rot geränderten Augen an. »Sir?«

Ich seufzte. »Sie bleiben besser hier. Aber informieren Sie einen Polizeiarzt, der uns vor Ort treffen soll, ja? Nun denn, Morris, die Angelegenheit ist an Ihnen und mir, schätze ich!«

Wir benötigten eine gute Weile, um zu dem Lokal zu gelangen. Wir mussten zu Fuß gehen. Horace Worth führte uns. Er rief die ganze Zeit laut nach uns, sodass wir wussten, wo er war, denn der Nebel verschluckte ihn schon nach ein oder zwei Metern. Manchmal konnten wir seine stämmige Gestalt in dem dicken Pelz schemenhaft erkennen, doch die meiste Zeit war er nichts weiter als eine Stimme, die »in die Wildnis rief«, wie Morris in einem düsteren Versuch von Humor bemerkte. Sowohl Morris als auch ich trugen unsere Blendlaternen bei uns. Ihr gelbes Leuchten im Nebel diente dazu, unsere Position anzuzeigen, doch das war auch schon alles. Wir rannten in andere Fußgänger und stolperten über ungesehene Hindernisse. Endlich, nach einer halben Ewigkeit, erreichten wir die Imperial Dining Rooms.

Die Front des Lokals war schmal, doch einmal im Innern stellten wir fest, dass es sich wie ein Schlauch in einer Abfolge von drei kleinen Speiseräumen bis zur Rückseite des Gebäudes zog, was die Mehrzahl im Namen rechtfertigte, auch wenn es derzeit keine Gäste gab, die dort aßen. Hinter den Speiseräumen debouchierten wir in die Küche, wo uns eine willkommene Wärme, eine weniger willkommene feuchte Atmosphäre und ein geradezu feindseliger Empfang entgegenschlugen.

Sie waren drei an der Zahl, und ihre Gesichter glänzten vor Schweiß. Es dauerte nicht lange, und ich spürte unter meinem schweren Uniformmantel selbst den Schweiß zwischen den Schulterblättern herunterrinnen. Schnell fing ich an zu bedauern, das eine Temperaturextrem gegen das andere getauscht zu haben.

O'Brian, der Koch, war ein kleiner Mann mit einer fleckigen weißen Schürze über einer grau karierten Hose und mit einer Kochmütze auf dem Kopf. Er sah uns finster an und fuchtelte mit der Kelle, die er in der Hand gepackt hielt - es war unklar, ob zur Begrüßung oder als Herausforderung. Neben ihm stand ein stämmiger Gentleman, der sich als Mr. Bellini entpuppte, der Besitzer des Etablissements. Er hatte einen prächtigen schwarzen Schnurrbart und sah wie der personifizierte italienische Restaurantbesitzer aus - bis er anfing, in reinstem Londoner Dialekt zu reden. Neben ihm stand Mrs. Bellini, gleichermaßen üppig proportioniert und in schwarzen Bombasin gehüllt. Ihr Gesicht war rot und ihr Haar noch viel röter. Es war in einem komplizierten Berg von Zöpfen arrangiert, die mich an ein Nest von sich windenden Nattern erinnerten. Obenauf saß eine kleine Spitzenhaube mit herabhängenden Bändern, die ihre breiten Gesichtszüge rahmten.

Alles in allem waren wir in der kleinen Küche ziemlich eng zusammengepfercht, und das Gedränge wurde alsbald durch einen Neuankömmling noch vergrößert. Die Hintertür ging auf, und herein kam ein Schwall Nebel zusammen mit einem Constable in einem schweren Übermantel....

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