Die myrrhischen drei Könige

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Oktober 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11295-0 (ISBN)
 
So genial wurde die Weihnachtsgeschichte noch nie erzählt

Caspar, Melchior und Balthasar kommen nicht aus dem Morgenland. Sie kommen aus Jerusalem. Genauer gesagt: aus dem Knast in Jerusalem. Denn sie sind die meistgesuchten Verbrecher der Stadt. In Bethlehem reiten sie eigentlich nur zufällig vorbei, und diese hyperaktive Jungfamilie, die sie dort vorfinden, können sie auf der Flucht vor Herodes überhaupt nicht gebrauchen. Doch als dieser befiehlt, alle Erstgeborenen zu töten, nehmen die drei Gauner Josef, Maria und den Heiland notgedrungen mit nach Ägypten.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,77 MB
978-3-641-11295-0 (9783641112950)
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Eine Steinbockherde graste auf einem steilen Felsen hoch über der Judäischen Wüste - die winzigen antilopenhaften Körper wirkten klein im Vergleich zu den gewaltigen gekrümmten Hörnerpaaren. Eine willkommene Brise blies über ihre Rücken, während sie nach dem wenigen Strauchwerk suchten, das hier im großen Nichts wuchs. Jedes einzelne Tier schob die heiße, rissige Schnauze über die heiße, rissige Erde und nagte an jedem bisschen saftigen Grün, das es geschafft hatte, sich ans Tageslicht zu kämpfen.

Ein Steinbock - angelockt von ein paar einzelnen Halmen am Rand des Felsens - graste ein Stück weit von den anderen entfernt, näher an dem knochenzerschmetternden Abgrund, als sich selbst diese Tiere normalerweise wagten. An diesen Halmen zog er nun ach so sachte mit den Zähnen. Wenn er das Gewicht verlagerte, klapperten seine gespaltenen Hufe gegen die losen Steine, und gelegentlich stürzte ein Kiesel Hunderte Meter ins Tal hinab, womit zehn Millionen Jahre geologischen Ehrgeizes innerhalb von Sekunden zunichtegemacht wurden.

Etliche Meilen nördlich des Ortes, an dem das Tier diese redlich verdiente Mahlzeit kaute, befand sich ein Zimmermann in der glühenden Mittagshitze auf dem Weg nach Jerusalem - in Gedanken hing er Geschichten von Plagen und Überschwemmungen nach, um sich nicht vom Durst in den Wahnsinn treiben zu lassen. Seine junge, hochschwangere Ehefrau schlief auf dem Esel hinter ihm. Und obwohl der Steinbock es nie erfahren sollte - obwohl seinem Leben, wie dem Leben aller Steinböcke, in den Annalen der Geschichte keinerlei Bedeutung oder Wertschätzung zuteilwurde -, würde er bald der einzige lebende Zeuge eines wahrlich außergewöhnlichen Anblicks werden.

Etwas stimmt nicht .

Vielleicht war es ein Glitzern, das er in seinem Augenwinkel bemerkte, ein winziges, kaum wahrnehmbares Zittern unter seinen Hufen. Was auch immer der Grund sein mochte, jedenfalls fühlte der Steinbock sich auf einmal genötigt, den Kopf zu heben und den Blick über die gewaltige Wüste unter sich schweifen zu lassen.

Dort, in weiter Ferne, bemerkte er eine kleine Staubwolke, die in gleichbleibender Geschwindigkeit über die ineinander übergehenden Beige- und Brauntöne hinwegfegte. Das allein war kaum ungewöhnlich. Staubwolken, die willkürlich wie herumwirbelnde Geister durch die Wüste tanzten, gab es ständig. Doch zwei Dinge machten diese Wolke einzigartig: Erstens bewegte sie sich in einer völlig geraden Linie vorwärts, von rechts nach links. Zweitens wurde sie von einer zweiten, viel größeren Wolke verfolgt.

Jedenfalls sah es so aus. Der Steinbock hatte keine Ahnung, ob Staubwolken einander tatsächlich hinterherjagen konnten. Er wusste lediglich, dass man sie möglichst mied, da sie höllisch in den Augen brannten. Immer noch kauend sah er sich um, ob auch die anderen es bemerkt hatten. Das hatten sie nicht. Sie grasten alle völlig sorglos vor sich hin, die Schnauzen am Boden. Der Steinbock drehte sich wieder um und erwog dieses seltsame Phänomen einen Moment länger. Dann widmete er sich erneut seinem Mahl, überzeugt, dass für ihn oder die Herde keine Gefahr bestand. Die beiden Wolken bewegten sich in der Ferne geräuschlos fort.

Als der Steinbock den nächsten Grashalm mit den Zähnen aus dem Felsen riss, hatte er längst vergessen, dass es sie je gegeben hatte.

Balthasar konnte nicht das Geringste sehen.

Er ritt auf seinem Kamel quer durch das Wüstental und trat dem Tier mit aller Wucht in die Flanken. Balthasars Augen waren das Einzige, was durch die Kufija sichtbar war, die er zum Schutz gegen die Sonne und den Kamelgeruch trug. An beiden Seiten seines Tieres hing je eine zu voll gestopfte Satteltasche, und der Säbel an seinem Gürtel schwang heftig hin und her, während sie dahingaloppierten und die Wüste hinter sich aufwirbelten. Balthasar warf einen Blick zurück, um nachzusehen, wie nah seine Verfolger herangekommen waren, doch alles, was er erblickte, war die Wolke. Dieselbe riesige, unbarmherzige Wolke, die ihm seit Tel Arad hinterherjagte. Die Wolke, die es ihm unmöglich machte abzuschätzen, wie viele Männer ihm auf den Fersen waren. Dutzende? Hunderte? Unmöglich zu sagen. Derzeit handelte es sich um eine Wolke aus zahlenmäßig unbestimmtem Zorn.

Aus Richtung der Wolke drang ein leises Pfeifen, beinahe wie Wind, der durch eine Schlucht fuhr. Erst war es bloß ein einzelner Ton, der stetig tiefer und mit jeder Sekunde lauter wurde. Zu dieser einen Note gesellte sich noch eine und dann noch eine, bis die Luft hinter Balthasars Kopf mit einem Chor aus leisen Pfeiftönen erfüllt war - von denen jeder einzelne als Sopran anfing und sich zu einem Tenor steigerte, während sie lauter wurden und näher kamen. In dem Augenblick, in dem Balthasar erkannte, worum es sich handelte, bohrten sich Pfeile in den Boden hinter ihm.

Sie schießen im Reiten, dachte er.

Kein Pfeil war dicht genug herangekommen, um ihn zu beunruhigen. Das überraschte Balthasar nicht. Jeder erfahrene Bogenschütze wusste, dass einen Pfeil von einem galoppierenden Pferd abzuschießen in etwa den gleichen Effekt hatte, wie ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken. Selbst bei einer Entfernung von zwanzig Metern hatte man kaum Aussicht, das Ziel zu treffen. Aus dieser Distanz war es hoffnungslos - entweder ein Zeichen von Verzweiflung oder von Wut. Balthasar glaubte nicht, dass die Judäer verzweifelt waren. Sie waren zornig, und sie würden diesen Zorn an seinem Schädel auslassen, falls sie ihn einholen sollten. Schließlich jagten die zahllosen Legionen in jener Wolke nicht nur einen Dieb, der sich mit einem Vermögen davongemacht hatte, und sie waren nicht nur hinter einem Mörder her, der eine Handvoll ihrer Kameraden auf dem Gewissen hatte .

Sie versuchten, »den Geist von Antiochia« zu fangen.

Dieser Spitzname beruhte auf den einzigen beiden Dingen, die die Römer von ihm wussten: erstens, dass er gebürtiger Syrer war, was es ziemlich wahrscheinlich machte, dass er in Antiochia aufgewachsen war; und zweitens, dass er ein besonderes Geschick dafür hatte, in die Häuser der Reichen zu schlüpfen und sich mit ihren Schätzen davonzustehlen, ohne gesehen oder gehört zu werden. Abgesehen von diesen dürftigen Tatsachen und einer groben Beschreibung seines Äußeren hatten die Römer nichts - sie kannten weder sein Alter, ja noch nicht einmal seinen richtigen Namen. Und auch wenn »der Geist von Antiochia« kein Geniestreich von einem Spitznamen war, war er so schlecht auch wieder nicht. Balthasar musste zugeben, dass er ihn gern inmitten der »bekannten Verbrecher« auf die Mauern öffentlicher Gebäude gemalt sah - immer in Rot, immer auf Latein: Belohnung! Der Geist von Antiochia - Feind Roms! Dieb des Östlichen Reiches! Sicher, die Verrufenheit eines Hannibal oder Spartacus hatte er nicht, aber in seinem kleinen Winkel der Welt hatte er einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht.

Ein zweiter pfeifender Chor ertönte, gefolgt von einer zweiten Welle aus Pfeilen, die hinter ihm einschlug. Balthasar drehte sich um und sah die letzten zu Boden fallen. Zwar war diese Salve immer noch zu weit entfernt, um ihm Grund zur Sorge zu geben, doch ganz so aussichtslos wie die erste war sie nicht mehr.

Sie kommen näher, dachte er.

»Schneller, Dummkopf!«, brüllte er dem sturen Tier zu und schlug ihm die Fersen in die Flanken.

Wenn er nur ein oder zwei Minuten aus ihrem Blickfeld verschwinden und eine andere Richtung einschlagen könnte. Selbst jetzt, mit einer unbestimmten Anzahl judäischer Soldaten, die ihm auf freier Strecke hinterherjagten, auf einem müden, beißend riechenden Kamel und nur mit einem stumpfen Schwert zum Schutz, und obwohl seine Verfolger bestenfalls zwei Minuten hinter ihm waren, hatte Balthasar immer noch eine Chance. Jahrelang hatte er sich ein Netzwerk aus Höhlen eingeprägt, in denen er sich verstecken konnte, Abkürzungen quer durch öde Landschaften, die besten Orte, um sich auf der Flucht Nahrung und Wasser zu beschaffen. Er hatte gelernt zu überleben. Selbst in den Zeiten nicht aufzugeben, in denen die ganze Welt darauf versessen zu sein schien, ihm den Garaus zu machen. Zeiten wie diesen.

Er spürte, dass sein Kamel langsamer wurde, und trat ihm nochmals kurz in die Flanken.

Komm schon . bloß noch ein bisschen .

Das Tier hatte Schwierigkeiten gehabt, mit der Last an Schätzen auf seinem Rücken ein scharfes Tempo anzuschlagen, und Balthasar war bei der Flucht aus Tel Arad gezwungen gewesen, ein paar seiner besonders schweren Beutestücke abzuwerfen. Der Anblick all dieses Reichtums, der über den Sand kullerte, hätte ihm beinahe den Magen umgedreht. Bei dem Gedanken an irgendeinen Glückspilz von Schäfer, der über sein Diebesgut stolperte, verkrampfte sich sein Kiefer, und er knirschte mit den Zähnen. Es gab nichts Ärgerlicheres, nichts Ungerechteres, als einem Mann die Früchte seiner Arbeit vorzuenthalten, besonders wenn diese Früchte aus massivem Gold bestanden. Kurzzeitig hatte Balthasar mit dem Gedanken gespielt, sich einen Arm abzuhacken, um eine ähnliche Menge Ballast abzuwerfen. Doch langfristig waren die Aussichten eines einarmigen Plünderers eher beschränkt.

»Schneller!«, rief er wieder, als würde dieses Wort das Kamel mehr anspornen als die tausend heftigen Tritte, mit denen er dessen Flanken traktiert hatte. Es wurde immer langsamer, und erneut sah Baltasar sich gezwungen, das Undenkbare in Erwägung zu ziehen: wieder etwas von seinem sauer verdienten Schatz über Bord zu werfen.

Er griff in eine der gewaltigen Satteltaschen und kramte darin herum, bis seine Hände...

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