Der Notarzt 373 - Arztroman

Sieben Leben
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Juli 2020
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7517-0046-7 (ISBN)
 
Unschlüssig blickt Dr. Peter Kersten auf die junge Frau vor ihm. Das Gesicht kommt ihm irgendwie vertraut vor. Doch erst als sie ihm ein strahlendes Lächeln schenkt, ist ihm klar, wen er hier vor sich sitzen hat. "Das Mädchen mit den sieben Leben!", sagte er leise. "Lilly, nicht wahr?" Es ist viele Jahre her, dass er sie zuletzt gesehen hat. Damals hatte sie dünne Rattenschwänze, knochige Schultern, Knubbelknie und spitze Ellbogen. Seitdem hat sie sich in eine bildschöne Frau verwandelt. Nur das breite, strahlende Lächeln, das ist gleich geblieben. Als er an diese Zeit zurückdenkt, tauchen schlimme Verletzungen vor dem inneren Auge des Notarztes auf. Gebrochene Knochen, Hämatome, blutige Wunden. "Ja. Als Sie mich das letzte Mal gerettet haben, sagten Sie, ich hätte sieben Leben", erinnert sich Lilly. "Sechsmal wäre ich beinahe gestorben. Eines habe ich also noch übrig. Und auf das werde ich gut aufpassen." Dr. Kersten ist erleichtert, seine frühere Patientin so munter zu sehen. Doch nur wenige Stunden später trifft er erneut auf Lilly. Sie wird mit gellendem Martinshorn in die Sauerbruch-Klinik gebracht. Als der Notarzt sieht, in welch furchtbarem Zustand sie sich diesmal befindet, ist ihm auf der Stelle klar, dass es schon ein Wunder bräuchte, um Lilly noch ein siebtes Mal zu retten ...
1. Aufl. 2020
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 3,18 MB
978-3-7517-0046-7 (9783751700467)

Sieben Leben

Arztroman um eine junge Frau, die unverwundbar schien

Von Karin Graf

Unschlüssig blickt Dr. Peter Kersten auf die junge Frau vor ihm. Das Gesicht kommt ihm irgendwie vertraut vor. Doch erst als sie ihm ein strahlendes Lächeln schenkt, ist ihm klar, wen er hier vor sich sitzen hat. "Das Mädchen mit den sieben Leben!", sagt er leise. "Lilly, nicht wahr?" Es ist viele Jahre her, dass er sie zuletzt gesehen hat. Damals hatte sie dünne Rattenschwänze, knochige Schultern, Knubbelknie und spitze Ellbogen. Seitdem hat sie sich in eine bildschöne Frau verwandelt. Nur das breite, strahlende Lächeln, das ist gleich geblieben.

Als er an diese Zeit zurückdenkt, tauchen schlimme Verletzungen vor dem inneren Auge des Notarztes auf. Gebrochene Knochen, Hämatome, blutige Wunden.

"Ja. Als Sie mich das letzte Mal gerettet haben, sagten Sie, ich hätte sieben Leben", erinnert sich Lilly. "Sechsmal wäre ich beinahe gestorben. Eines habe ich also noch übrig. Und auf das werde ich gut aufpassen."

Dr. Kersten ist erleichtert, seine frühere Patientin so munter zu sehen. Doch nur wenige Stunden später trifft er erneut auf Lilly. Sie wird mit gellendem Martinshorn in die Sauerbruch-Klinik gebracht. Als der Notarzt sieht, in welch furchtbarem Zustand sie sich diesmal befindet, ist ihm auf der Stelle klar, dass es schon ein Wunder bräuchte, um Lilly noch ein siebtes Mal zu retten .

Lilly Heidegger hielt an, stieg von ihrem Fahrrad und schaute zum Himmel hinauf. Selbst der beste Regisseur der Welt hätte keine passendere Kulisse für ihre Mission auswählen können.

Dunkle Wolken zogen am Himmel über Frankfurt auf, kündigten ein Sommergewitter an und illustrierten Lillys innere Furcht, die immer mehr zunahm, je näher sie an ihr Ziel kam.

Warum tat sie sich das überhaupt an? War es wirklich notwendig? Sollte sie nicht besser vergessen, umkehren und ihr weiteres Leben so verbringen, als ob nichts gewesen wäre, anstatt Wunden wieder aufzureißen, die jetzt endlich langsam zu verheilen begannen?

Doch da riss im Westen plötzlich eine kleine Stelle der fast durchgehenden Wolkendecke auf, und die bereits tiefstehende Sonne beleuchtete wie ein Bühnenscheinwerfer genau die eine Stelle, zu der die junge Frau unterwegs war. Während ganz Frankfurt im Schatten versank, wurde das noble Viertel, in dem die Nummer eins auf Lillys Liste lebte, in gleißendes Licht getaucht.

Auch in dem eben noch ein bisschen verzagten Gesicht der bildhübschen Dreiundzwanzigjährigen verschwanden jetzt die Schatten, und ein strahlendes Lächeln breitete sich darauf aus.

"Ich nehme das mal als Bestätigung dafür, dass es richtig ist, was ich vorhabe", murmelte sie. Dann schwang sie sich wieder auf ihr Fahrrad, um das letzte Stück ihres Weges so schnell wie möglich zurückzulegen, ehe der Mut sie verlassen konnte.

Wie anders diese Wohngegend, die in dem relativ schmalen Raum zwischen dem Palmengarten und dem Botanischen Garten lag, doch gegen all die tristen Viertel und Straßen war, in denen sie selbst aufgewachsen war!

Hier stank es nicht nach Abgasen und Armut, hier waren die Wiesen nicht mit Müll übersät, hier musste man keine Angst haben, auf den Straßen von einer Horde halbstarker Betrunkener angepöbelt zu werden.

Hier waren die Wiesen von einem beinahe unnatürlich wirkenden Grün. Hier duftete die Luft nach Jasmin, nach den letzten Pfingstrosen, nach Lavendel und Gardenien. Hier schrillten keine Hupen, hier kreischte nicht Metall auf Metall, wenn eine Straßenbahn sich in die Kurve legte.

Hier grölte einem niemand schlüpfrige Bemerkungen zu. Hier gellten nicht die Polizeisirenen im Minutentakt, und aus den offenen Fenstern drangen weder Kinderweinen noch giftiges Gezänk.

Hier, in einem der teuersten Wohnviertel Frankfurts, waren die vornehmen Leute zu Hause. Leute, die sich zu benehmen wussten. Wichtige Leute. Leute in einflussreichen, gehobenen Positionen, die abends und an freien Tagen die Ruhe schätzten. Bessere Leute als jene, zu denen sie selbst gehörte, wie man Lilly beigebracht hatte. Die Erfolgreichen. Die Wohlhabenden. Die Elite.

"Wow!" Zutiefst beeindruckt sog sie die Luft ein, als sie die Adresse erreicht hatte, die an erster Stelle auf ihrer Liste stand. Grünbergweg Nummer zwölf.

Das war kein Haus. Das war auch keine Villa. Das war ein Palast. Drei Stockwerke. Erker und Türmchen und riesige bogenförmige Fenster.

Alleine der Vorgarten war größer als die sogenannte Grünanlage in dem Viertel, in dem Lilly jetzt wohnte. Garagen zu beiden Seiten. Beide groß genug, um jeweils vier Autos Platz zu bieten.

"Sehr nobel", stellte Lilly fest. "Ob ich wohl stolz darauf sein sollte, dass auch ich meinen Beitrag zum Entstehen dieses Prachtbaus geleistet habe?", fragte sie sich selbst und gab sich auch gleich selbst die Antwort auf diese Frage. "Wohl eher nicht."

Lilly lehnte ihr Fahrrad gegen den schwarz lackierten schmiedeeisernen Gartenzaun. Der war gute drei Meter hoch. Tja, wer so offensichtlich so wohlhabend war, der musste sich und seinen Besitz gut beschützen.

Das Gartentor war nicht versperrt. Ehe sie eintrat, warf Lilly zur Sicherheit noch einmal einen Blick auf das große Messingschild. Prof. Dr. Julius Hampel. Psychiater, Universitätsdozent und gerichtlich beeideter Sachverständiger. Ja, hier war sie richtig.

Sechzehn Jahre war es nun her, dass sie ihren Wohltäter zuletzt gesehen hatte. Er hatte ihrem Leben damals eine völlig neue Wendung gegeben. Seitdem war viel Wasser den Main hinuntergeflossen. Seitdem waren fünftausendachthundertvierzig lange Tage ins Land gezogen, und an jedem einzelnen davon hatte sie zumindest einmal kurz an ihn gedacht.

Heute war sie nur hergekommen, um ihn daran zu erinnern, dass sie immer noch da war. Und um ihm für alles zu danken. Das Geschenk, das er sich verdient hatte, wollte sie ihm erst in ein paar Tagen zukommen lassen.

Lillys Hand zitterte, als sie den prächtigen Vorgarten durchschritten hatte und den offensichtlich antiken Türklopfer in Form eines Drachenkopfs betätigte. Ihr Herzschlag nahm an Geschwindigkeit zu, während sie wartete. Und als sich im Inneren des Gebäudes schlurfende Schritte näherten, spürte sie für einen Moment den Drang, sich umzudrehen und wegzulaufen.

Doch sie blieb. Und während hinter dem wuchtigen Portal Schlüssel aneinander klirrten, fragte sie sich, ob er sich wohl noch an sie erinnerte.

Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit. Doch Lilly hatte es im Laufe der Jahre zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Die Medien hatten nicht selten über sie berichtet. Ob er ihre Karriere wohl mitverfolgt hatte? Ob er sich daran erfreut hatte, dass er den Grundstein dafür gelegt hatte?

Nun, sie würde es gleich erfahren. Wie hypnotisiert starrte sie auf die Türklinke, die sich jetzt abwärts bewegte. Und als die Tür aufging, setzte sie ihr strahlendstes Lächeln auf. Ein Lächeln, das einen - wie viele Leute ihr immer wieder versicherten - auf beinahe magische Weise dazu zwang, ebenfalls zu lächeln.

Und offensichtlich wirkte dieser Zauber auch bei ihm. Er lächelte, als er in der offenen Tür auftauchte und sie sah.

Lillys Herz schlug noch ein paar Takte schneller. Er sah noch immer gut aus. Sie wusste, dass er heute dreiundsechzig Jahre alt war. Sein Haar war längst ergraut, aber immer noch voll. Er hatte noch immer dieselbe athletische Statur und dieselbe aufrechte Haltung wie damals. Er trug den Kopf noch immer hoch, das markante Kinn, sich seiner Position bewusst, immer noch stolz nach vorne gereckt. Sein Blick war - trotz des Lächelns - immer noch eine Spur zu arrogant.

"Guten Abend."

"Guten Abend", grüßte Lilly ihn höflich zurück.

"Sie wünschen?"

"Erkennen Sie mich wieder?"

Er schaute ihr eine Weile prüfend ins Gesicht, dann zuckte er bedauernd mit den Schultern.

"Helfen Sie mir ein bisschen auf die Sprünge", bat er. "Sind Sie eine meiner Studentinnen?"

"Nein. Es ist lange her. Vermutlich sehe ich heute völlig anders aus als damals. Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit. Und . vermutlich gab es viele Kinder wie mich, denen Sie . so selbstlos geholfen haben."

Ein Schatten huschte fast unmerklich über sein Gesicht. Doch Lilly entging er nicht. Sie hatte lange genug Zeit gehabt, um sich seine Reaktion bei ihrem Wiedersehen in vielen verschiedenen Variationen genau auszumalen. Tausend verschiedene Reaktionen und tausend verschiedene Gesprächsverläufe hatte sie in Gedanken durchgespielt.

Vielleicht wusste er selbst nicht, warum - noch nicht -, aber er schien sich jetzt deutlich unwohler zu fühlen als noch wenige Sekunden zuvor. Sein Lächeln war verschwunden, sein Tonfall kühler geworden.

"Möchten Sie mir vielleicht Ihren Namen nennen, oder erwarten Sie von mir, dass ich rate? Das könnte lange dauern, denn ich habe im Laufe meines Lebens Tausende Menschen kennengelernt. Auch Kinder . natürlich. Zwei, drei Mal gesehen und dann aus den Augen...

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