Anna Marx und der sanfte Tod (eBook)

Kriminalroman
 
 
ars vivendi (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. April 2021
  • |
  • 250 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7472-0287-6 (ISBN)
 
Zu ihrem 64. Geburtstag hat Anna Marx nur zwei Flaschen Rotwein eingeladen. Es gibt keinen Grund zum Feiern: Ihre beste Freundin ist tot, die Detektei läuft nicht, sie selbst ist so gut wie pleite, und obendrein wurde ihr die Wohnung gekündigt. Dann meldet sich eine Stimme aus der Vergangenheit: ihre Ex-Kollegin Gaby Lehmann bittet Anna, den plötzlichen Tod ihrer Mutter in einem Bonner Seniorenheim aufzuklären. Mitten im Karneval zieht Anna in die Villa ihrer früheren Kollegin und schleust sich schließlich in das Seniorenheim ein. Bald stößt sie auf ein dunkles Familiengeheimnis - und auf weitere mysteriöse Todesfälle im Umfeld des Heims.
  • Deutsch
  • Cadolzburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,93 MB
978-3-7472-0287-6 (9783747202876)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christine Grän wurde in Graz geboren, lebte in Berlin, Bonn, Botswana und Hongkong und ist heute in München zu Hause. Mit ihrer Heldin Anna Marx hat sie eine der ersten Detektivinnen der deutschen Krimiliteratur geschaffen, verfilmt wurde die Reihe als zwölfteilige Fernsehserie. Grän wurde mit dem Marlowe und dem Ernst-Hoferichter-Preis ausgezeichnet.

 

1

Sie hat nur zwei Rotweinflaschen zu ihrem Geburtstag eingeladen.

Nie rückwärtsgehen. Wenn das eine Art Lebensmotto ist, haben ihm die Jahre zugesetzt. Die Taten und Untaten und Untätigkeiten. Anna Marx ist vierundsechzig Jahre alt. Wie in dem Beatles-Song, den sie wieder und wieder spielt. When I'm Sixty-Four . unmelodisches Schniefen als Untermalung, aber da ist sie schon ganz schön betrunken.

Gibt es Schlimmeres, als einen vierundsechzigsten Geburtstag nur mit Alkohol zu verbringen? Gut, sie könnte tot sein, doch die Orgie des Selbstmitleids lässt weiterführende Gedanken nicht zu. Anna sitzt vor einer Flasche Rotwein, die leer ist, der Aschenbecher dagegen voll. Selber schuld, sie hätte Nachbarn einladen können und gute Bekannte. Paul, den Kleinspurcasanova, mit dem sie eine Weile Sex hatte. Inzwischen reden sie nur noch darüber. Weißt du noch?

Ja, Anna weiß noch, dass er sie mit Sybille betrogen hat, ihrer besten Freundin. Aber Sybille war so, die reizende Schlampe schlief mit jedem, den sie auch nur annähernd sympathisch fand - und Moral kam in diesem Kontext einfach nicht vor. Anna hat ihr tatsächlich schnell verziehen und lediglich Paul aus ihrem Intimleben verbannt. Der letzte Ritter, der sich auf Anna Marx gestürzt hatte wie in eine Schlacht, die er nur verlieren konnte. Seither ist er auf schlampige Weise gealtert, er lässt sich gehen.

Sybille ist tot. Brustkrebs. Eins, zwei, drei - jede vierte trifft's. Sybille ging zu spät zum Arzt, brach die Chemo ab, trank und lachte und liebte, solange sie konnte . und starb an einem grauen Sonntag im Januar. Im Hospiz. Anna war kurz aus dem Zimmer gegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Typisch Sybille, genau diesen Augenblick für ihren letzten Atemzug zu wählen, sie war ein Miststück bis zuletzt. Und Anna weint um sie an ihrem vierundsechzigsten Geburtstag, weil sie niemanden mehr hat, den sie lieben und hassen kann. Weil sie allein ist. Uralt. Und außerordentlich pleite.

Ihr Detektivbüro läuft schlecht, Ehefrauen lassen ihre Männer nicht mehr bespitzeln, sondern gehen gleich zum Anwalt. Eltern wollen ihre Kinder nicht mehr suchen, die sind halt dann weg. Keiner will mehr irgendwas genau wissen oder jemanden dafür bezahlen, dass er unangenehme Wahrheiten ans Licht bringt.

Auf der Lauer zu liegen, um herauszufinden, welcher Hund ständig vor das Tor einer Villa am Wannsee scheißt - das war wirklich der allerletzte Auftrag! Den Anna angenommen hat, um die Miete zu bezahlen. Und jetzt hat ihr die Firma, der das Haus gehört, in dem sie seit gefühlten Ewigkeiten wohnt, gekündigt. Der alte Kasten soll abgerissen werden, so wie die beiden Häuser daneben, um einem Einkaufszentrum Platz zu machen. Weil Berlin nichts so dringend braucht wie einen weiteren Konsumtempel.

Marx ist tot, und Anna ist mit dieser Stadt nie richtig warm geworden. Damals, als sie von Bonn nach Berlin zog, war da immerhin noch der Trost des billigen Wohnens und der schäbigen Trinkanstalten mit ihren schrägen Figuren. Das grandiose Gefühl eines Anfangs in einer alten, verkommenen Stadt, die sich bereit machte, jung und hip und zu guter Letzt teuer zu werden. Kein Journalismus mehr, Anna wollte sich als Detektivin selbstständig machen. Der Verlag hatte ihr eine Abfindung bezahlt, die sie als Startkapital nutzte. Anna war davon überzeugt gewesen, es in Berlin zu schaffen. Gnadenlos optimistisch, eine ihrer besseren Eigenschaften, inzwischen ein wenig ramponiert - wie die Hülle auch.

Nach einem guten Jahrzehnt des Verdrängens nistet sich das bittere Gefühl des Scheiterns ein. Ja, es gab ein paar schöne und lukrative Aufträge, aber viel zu wenige. Es gab Männer, die Anna liebte, jedoch nie für lange. Die meisten Amouren blieben oberflächlich. Doch es gab auch wunderbare Stunden der Heiterkeit mit den verlorenen Seelen in Sybilles Kneipe. Jetzt ein fernöstliches Nagelstudio, warum arbeiten da nur Asiatinnen? Eine der vielen ungelösten Fragen in Annas Leben. Der Tante-Emma-Laden, in dem man auch nachts Zigaretten kaufen konnte, ist einem veganen Teehaus gewichen, wer braucht denn so was? Die schäbigen alten Wohnungen sterben für unerschwingliche Luxusbehausungen. Alles fließt . aber in die falsche Richtung, denkt Anna.

Tränen schon wieder. Sie hasst ihre Ausflüge ins Selbstmitleid, so wie sie ihre Raucherei hasst. Die achtzig Kilo, die sich üppig um ein Meter achtzig verteilen. Anna Marx, die lieber in den Kühlschrank sieht als in den Spiegel, ist eine ewig hungrige Seele geblieben. Ja doch, frau sollte sich lieben, genau so, wie sie innen und außen beschaffen ist. Unzulänglichkeiten akzeptieren und in Stärken umwandeln. Ihr Fett umarmen und ihre Falten zärtlich streicheln. Vierundsechzig ist das neue sechsundvierzig! Mit Photoshop und plastischer Chirurgie, mit sportlicher Disziplin und Diäten. Nichts davon stand je auf Annas Speise- und Lebensplan.

Joggen: insgesamt drei Mal. Pilates: fünf Einheiten. Yoga: zwei Stunden. Fitnessstudio: ein Jahr bezahlt, vier Wochen durchgehalten. Die Quersumme aller Bemühungen ergibt am Ende eine fette Null. Darüber könnte sie lachen, nur nicht an diesem Scheißgeburtstag, dem ersten seit Langem, den sie nicht in Sybilles Kneipe feiert. Ihrem zweiten Zuhause. Der Mensch, der ihr am nächsten war, mit dem sie über alles reden und streiten und lachen konnte. Anna kommt es so vor, als habe man ihr etwas Wesentliches herausgeschnitten. Mit Sybille begraben. Zur Urnenbestattung kamen alle Stammgäste des Mondscheintarif, so hieß die Kneipe, und sie feierten zusammen ein letztes rauschendes Fest, das der Wirtin gefallen hätte. Anna betrank sich, als gäbe es kein Morgen, und der Kater war so übel, dass er beinah den Schmerz verdrängte. Nun hat sie alle Phasen der Trauer durchlaufen, durchtrunken, durchraucht - und immer noch tut es weh, wenn sie an die Freundin denkt. Nichts altert so schnell wie das Glück, aber das weiß man ja immer erst, wenn es zu spät ist.

Das Haus, in dem Anna lebt, ist hellhörig, die Zwischendecken sind nicht isoliert. Fjodor, der über ihr wohnt, übt Tonleitern. Russischer Opernsänger ohne Engagement, Bariton, schwul wie nix und eine Seele von Mensch, wenn er nüchtern ist. Ex-Stammgast im Mondscheintarif. Seit die Kneipe geschlossen ist und Fjodor einen Afghanen aufgenommen hat, sehen sie sich nicht mehr so oft. Im Treppenhaus gelegentlich. Die Umarmung. Wangenküsse. Wie geht es dir? Gut - und dir? Ganz wunderbar. Wir müssen uns unbedingt mal sehen!

Er hat ihr versprochen, nur einmal am Tag eine halbe Stunde lang Tonleitern zu üben, Arien schmettert er zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wenn es ihr zu viel wird, klopft sie mit dem Besen an die Decke, das hilft manchmal. Oder sie geht spazieren in den kleinen Park, der unlängst von Junkies und Dealern gesäubert wurde, um Müttern mit Kleinkindern Platz zu machen. Die Drogenleute werden zurückkommen, das weiß jeder, und dann wird es wieder Bürgerbegehren geben und Anhörungen und endlose Diskussionen . und vielleicht rückt dann abermals die Polizei an, und das alte Spiel beginnt von Neuem. Berlin, wie es leibt und lebt. Man könnte darüber lachen.

Zurzeit haben Mütter und plärrende Zwerge die Oberhand. Kinderwagen werden wie Panzer eingesetzt, wehe, du weichst nicht rechtzeitig aus. Panzer mit Babygeschrei, und im veganen Teeladen sitzen die Mamis und stillen stolz. Sie könnte jetzt Oma sein, denkt Anna, wenn sie jemals den Kinderwunsch gehabt hätte. Aber nein, es waren immer die richtigen Männer zur falschen Zeit und vice versa. Es gab guten und schlechten Sex, glückliche Tage und miese Abgänge. Einmal hat sie sich sogar in einen Mörder verliebt, die geniale Detektivin. Natürlich nur so lange, bis sie es wusste. Sybille fand das wahnsinnig witzig. Sie nannte Anna eine Komikerin, die gegen ein tragisches Drehbuch anspielt.

Seit sie den alten Jaguar verkauft hat, geht Anna viel zu Fuß. Schon weil sie die U-Bahn nicht mag, die in Berlin streckenweise verdammt verlottert ist. Auch nachts ist sie lieber per pedes unterwegs. Einmal ist sie bisher überfallen worden, das Geld war weg, aber bis auf einen unsanften Stoß ist nichts weiter passiert. Sie war so überrascht, dass sie gar nicht auf die Idee kam, sich zu wehren. Oder zu schreien. Detektive im Fernsehen agieren irgendwie anders. Doch das Schnappmesser, das sie sich illegal besorgt hat, ist so tief versunken in ihrer Handtasche, dass sie es ohnehin nie rechtzeitig finden würde. Sie weiß ja, wie lange sie braucht, um ihren Hausschlüssel zu finden. Und wieder eine Waffe beantragen? In Berlin? Das würde Monate dauern, wenn nicht Jahre. Bis dahin könnte sie längst tot sein.

I don't need sex, life fucks me every day.

Der Satz des Jahres, den sie auf die weiße Wand der Küche gesprüht hat. Anna verabscheut Sinnsprüche, Lebensweisheiten, all die Anmutungen, die durchs Internet geistern wie Brei auf Stelzen. Diesen aber nicht! Jeden Morgen, wenn sie auf die Wand schaut, weiß sie zumindest, woran sie ist. Manchmal bringt sie der Satz zum Lachen.

Sie checkt auf dem Laptop die Facebook-Glückwünsche. Viele sind es nicht. Anna ist mehr ein Social-Media-­Gespenst, nutzt den Account gelegentlich nur, um Leute ausfindig zu machen. Sie stellt grundsätzlich nie Privates ins Netz. Wen soll das interessieren? Schon das Profil: Anna Marx, Privatdetektivin, Berlin. Auf dem Foto schaut sie ernst, beinahe grimmig. Das Bild soll Leute nicht dazu bringen, sie zu mögen, sondern sie zu engagieren. Aber das eben ist das Problem: Es gibt zu viele Detektive in Berlin, und die großen Büros sahnen fast alles ab....

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