Das Rauschen in unseren Köpfen

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1493-8 (ISBN)
 

»Svenja Gräfens Sprache ist kunstvoll und von einer eigentümlichen Schönheit.« Benedict Wells

Lene lebt mit ihrer besten Freundin in einer WG in einer großen Stadt, ihre liebevolle Familie und der Freundeskreis geben Halt. Als sie Hendrik begegnet, scheint ihr Glück perfekt. Sie plant eine gemeinsame Zukunft, doch Hendriks Vergangenheit schleicht sich in ihr Leben ein. Da ist seine zerrüttete Familie, sein bisweilen merkwürdiges Verhalten. Und Klara.

»Die Abende, die Nächte gehörten uns. Wir gingen nicht raus. Wir hatten hier alles, was wir brauchten, das heißt: uns. Wir hätten uns auch in einer Bar gehabt, im Kino, in einem Restaurant; aber eben nicht so, wir hätten uns teilen müssen mit einer ganzen Welt, die nach Aufmerksamkeit schrie.«

»Svenja Gräfen erzählt eine kleine Weltbewegung: Wer schon mal verliebt war, weiß es ja: Die Liebe ist - wenn auch nur für eine Zeit - alles. Wie wir's nicht planen können, nichts im Leben, das erzählt Gräfen tastend und ernst.« Nora Gomringer

weitere Ausgaben werden ermittelt

Svenja Gräfen, geboren 1990 und aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, ist Schriftstellerin und feministische Aktivistin. Sie steht mit Texten auf der Bühne, hält Vorträge und leitet Workshops. 2018 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs eingeladen und ist Alfred-Döblin-Stipendiatin der Akademie der Künste Berlin. Sie lebt in Leipzig und Berlin. »Freiraum« ist nach »Das Rauschen in unseren Köpfen« ihr zweiter Roman.

2


Es war ein Zufall; bloß durch einen Zufall standen wir nebeneinander im U-Bahnhof und warteten. Eine Werbetafel, in der drei Plakate einander abwechselten, quietschte im Takt. Ein älterer Mann telefonierte lautstark. Ein Kleinkind quengelte in seinem Wagen, die Mutter dahinter warf ihren Blick genervt nach oben.

Es war das zweite Mal, dass wir aufeinandertrafen, aber das wusste nur ich. Das erste Mal war ein paar Tage her, das Wetter hatte sich gedreht seitdem. An diesem Tag war es wie ein Aufatmen, ein blauer Himmel hatte sich groß gespannt, man merkte, dass es allmählich wärmer bleiben könnte. Vor ein paar Tagen war es noch windig gewesen, vereinzelt hatte es grelle Sonnenstrahlen an einem düsteren Himmel gegeben, zwischendurch hatte es in kleinen Schüben gehagelt.

Vor ein paar Tagen hatte ich mein Fahrrad mit der kaputten Gangschaltung runter zur U-Bahn getragen. Auf der Treppe herrschte ein Gedränge, es war gerade Stoßzeit, später Nachmittag. Ich schob mich an den Menschen vorbei, an den Aktenkoffern und Rucksäcken, konzentriert darauf, niemanden mit dem Rad zu berühren, nirgendwo anzuecken. Ein Mann im Trainingsanzug sprang die Treppe herunter, zwei, drei Stufen auf einmal und eng an mir vorbei, er stieß dabei so gegen meine Schulter, dass ich ein bisschen zur Seite taumelte. Nicht viel, aber genug, um in diesem Moment jemand anderen am Schienbein zu streifen mit dem einen Pedal. Jemanden, der mir entgegenkam, der die Treppe nach oben stieg. Ich sah eine weinrote Wollmütze und unter der Mütze blondes, wirres Haar, gelockt. Für einen Sekundenbruchteil erwischte ich den Blick, sah ich die müden Augen, sah ich, wie eine Hand die Mütze zurechtrückte. Er wirkte, als würde er gar nicht verstehen, was das gerade gewesen war, etwas Spitzes am Schienbein, irgendetwas aus der Realität, er schaute erst zur Seite, als ich schon einige Stufen weiter unten war, den Hals noch in die andere Richtung gedreht. Ich hätte mich gern entschuldigt, ihm etwas zugerufen, aber er drehte den Kopf wieder nach vorn, ehe er weiter nach oben stieg, mitgezogen wurde von den eilenden Menschen.

Und nun standen wir hier nebeneinander im U-Bahnhof, zufällig, er trug die weinrote Mütze, darunter die hellblonden Haare, ich erkannte ihn.

Die U-Bahn kündigte sich mit einem Luftzug an, sie kam rauschend zum Halten und wir stiegen ein; der ältere Mann stieg ein, die Mutter schob den Kinderwagen mit dem quengelnden Kleinkind hinein. Er und ich saßen uns gegenüber. Das Kleinkind begann, die Einkäufe aus dem Kinderwagen zu werfen. Die Mutter räumte alles Stück für Stück wieder ein, das Kind begann ein zweites Mal zu werfen, so sind die Spielregeln; und da müssen wir grinsen, er und ich, und da treffen sich unsere Blicke und behalten sich einfach, bis zur Endstation.

Hier schließt sich der Kreis, sagte ich, als wir nebeneinander ausstiegen, und bereute es sofort. Das konnte doch bloß ich verstehen, er wusste gar nichts von einem Kreis oder wie er zu schließen wäre, er hatte mich doch gar nicht gesehen. Er schaute fragend, irritiert, aber unsere Blicke blieben verhakt, also sagte ich, ich hätte ihn mit dem Fahrrad gestoßen, am Bein, vor ein paar Tagen an jenem Bahnhof. Ich biss mir auf die Lippe und fühlte, wie mein Gesicht zu glühen begann, ich trennte die Verbindung unserer Blicke, ich schaute auf den Boden, warf dann den Kopf zur Seite, als müsste ich den Ausgang suchen.

Wir liefen nebeneinander her, nahmen die Rolltreppe ans Tageslicht, er sagte: So, du hast mich also mit dem Fahrrad gestoßen. Er sagte es gespielt vorwurfsvoll, er grinste. Und ich wusste gar nicht, was ich dem Arzt sagen sollte, als er es mir fast amputiert hätte. So eine Verletzung kommt ja nicht von selbst!

Uns schlug der Wind entgegen, er kühlte mein Gesicht. Tut es noch weh?, fragte ich.

Es geht, sagte er, und: Du musst das aber schon wiedergutmachen, du musst mich zum Kaffee einladen.

In Ordnung, sagte ich, und wir liefen weiter die große Straße entlang, vorbei an der Kneipe, die nachmittags schließt, vorbei an Spätkauf neben Spätkauf, vorbei an der Bäckerei, vorbei am Gemüsehändler, dann bogen wir ein, liefen bis zur Nummer 30 und stiegen die Stufen hinauf bis in den dritten Stock, er neben mir her wie ein Hund, als wäre er mir zugelaufen.

In der Wohnung roch es nach frisch gewaschener Wäsche. Die Tür zu Hannas Zimmer stand offen, sie hatte vergessen, das Licht auszuschalten. Er schaute sich im Flur um, als wollte er den Raum auswendig lernen, und ich dachte, wie verrückt. Wie verrückt, dass er jetzt einfach mitgekommen ist. Er zog sich die Jacke aus, er trug einen dunkelblauen Pullover, dünner, verwaschener Stoff.

Willst du was trinken?, fragte ich und dachte dann an den Kaffee, stimmt ja. Ich hängte meine Jacke an die Garderobe, ging ein paar Schritte nach rechts, um das Licht in Hannas Zimmer auszuschalten.

Er ignorierte die Frage; schön, sagte er, mit wem wohnst du hier?

Ich sagte, ich wohne hier mit Hanna, mit meiner besten Freundin.

Er lächelte und nickte und dann streckte er plötzlich seine Hand aus, er hielt sie mir auffordernd hin. Hendrik, sagte er.

Lene, sagte ich. Wir lachten, weil wir das bisher vergessen hatten; wir hatten vergessen, uns einander vorzustellen.

Wir saßen in der Küche und tranken Kaffee. Er mit Milch und Zucker, ich schwarz. Um uns herum verhielt sich der Raum, wie er es immer tat. Der Kühlschrank begann sein Summen und hörte nach einer Zeit wieder auf. Neben der Spüle standen ein paar benutzte Tassen, Teller, eine Pfanne. Das Sieb im Becken war schmutzig, Essensreste klebten darin, Salatfetzen. Der Kaffeesatz verfing sich immer, wir vergaßen das so oft, Hanna und ich, wir spülten, wir machten sauber, aber dieses Sieb vergaßen wir so oft.

Hendrik griff in seine Hosentasche und zog ein Päckchen Tabak heraus, Filter und Blättchen. Er steckte sich einen Filter zwischen die Lippen. Kann ich hier rauchen, fragte er.

Ich deutete auf die Balkontür. Da draußen. Kann ich mir auch eine drehen?

Mit der Kaffeetasse in der einen Hand und einer Zigarette in der anderen traten wir an die Steinmauer, die das Geländer war, und schauten nach unten. Pflastersteine. In Tontöpfen an der Mauer vertrocknete Blumen. Lavendel, ein paar Kräuter, die den Winter nicht überstanden hatten, natürlich nicht. Auf dem kleinen Tischchen ein überfüllter Aschenbecher, eine Schachtel Streichhölzer, durchweicht. Hendrik reichte mir sein Feuerzeug. Wir rauchten.

Er erzählte, er sei erst seit drei Monaten in der Stadt. Vorher habe er in einer anderen gewohnt, in Hamburg. Jetzt bin ich hier, sagte er, er lächelte, er zog lange an seiner Zigarette. Wie lange wohnst du schon hier?, fragte er.

Ich bin hier geboren.

Er nickte, gespielt anerkennend, in dieser hübschen Wohnung?

Meine Eltern wohnen am Stadtrand, sagte ich, ich pustete Rauch aus, ich räusperte mich, um zu fragen: Was machst du?

Er breitete die Arme aus, legte den Kopf schief. Ich mache es auf jeden Fall professionell.

Wir lachten, ich schüttelte den Kopf, wir zogen an den Zigaretten.

Ich arbeite als Kellner, sagte er dann, ich hab vor fünf Wochen angefangen, ein paar Straßen von hier.

Sagt man noch Kellner? Heißt das nicht: Servicekraft?

Meinetwegen bin ich auch eine Servicekraft.

Mischst du auch Cocktails?

Das, auf jeden Fall, heißt mixen.

Als wir die Zigaretten ausdrückten, hörte ich den Schlüssel in der Tür, dann stand Hanna in der Wohnung, sie winkte in die Küche, zog sich die Schuhe aus und kam zu uns auf den Balkon.

Hanna, sagte sie, und Hendrik sagte seinen Namen, sie schüttelten sich die Hände, und dann holte sie eine Flasche Wein aus dem Regal, ich weiß noch: rot und 3 Euro 75, halbtrocken. Wir taten gerne so, als würden wir uns auskennen; wir füllten drei Gläser und stießen an, es war kurz nach neunzehn Uhr, es war die richtige Zeit für Wein.

Ich wusste nichts zu diesem Zeitpunkt; mein Bild setzte sich zusammen aus seinen Haaren, der Mütze, dem Pullover, den hellen Augen, seinem Grübchen am Kinn, seinen Witzen, seinem Grinsen, seinem Namen, der lautete Hendrik, und so saß er in unserer Küche, so saßen wir dort zu dritt, als wäre es nie anders geplant gewesen.

Nach zwei Gläsern Wein entschuldigte sich Hanna, sie müsse noch ein Referat fertig machen, dieses elende Semester, sie verabschiedete sich von Hendrik und ließ uns allein. Wir füllten unsere Gläser auf, es blieb kurz still, dann räusperte er sich und begann zu erzählen.

Er erzählte von einem winzigen Ort an der Küste, er erzählte vom Meer und von Schiffen und Kränen und Möwen. Ich sah ihn an und ich hörte ihm zu, und auf einmal meinte ich, den Geschmack von salzigem Wasser im Mund zu haben. Ich glaubte, dass da Sand kleben könnte in seinen Haaren, ich hätte gern seine Hände angefasst, um zu fühlen, ob sie rau waren oder nicht. Er tat das gerne, das merkte ich sofort, er machte sich Gedanken über den Aufbau seiner Geschichten, er legte Pausen ein, in denen er langsam ein, zwei Schlucke trank, und er fuhr sich beiläufig mit der Hand durch die wirren Haare.

Er erzählte vom Bootfahren und von jeder Menge Wasser, wie er als Kind den Möwen hinterhergejagt war, mit eisverschmiertem Mund und tränenden Augen vom Wind.

Um kurz nach zehn zogen wir uns die Jacken noch mal an, Hendrik drehte uns zwei Zigaretten, als wir durchs Treppenhaus liefen. Wir waren angetrunken und hungrig, wir wussten, der Abend könnte womöglich zerfallen, wenn wir jetzt nicht für Essen sorgten, also liefen wir ein paar Meter, um die Ecke, weiter, ich hustete, ich rauchte,...

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