Predigtstudien V/2

für das Kirchenjahr 2012/2013
 
 
Kreuz Verlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 5. Juni 2013
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  • 264 Seiten
 
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978-3-451-34593-7 (ISBN)
 
Sonntag für Sonntag einen vorgegebenen Bibeltext so auszudeuten, dass sich die Kirchenbesucher persönlich angesprochen fühlen, ist eine hohe Kunst. Um sie zu beherrschen, benötigt man angemessene Hilfsmittel. Die Predigtstudien gewährleisten seit über vier Jahrzehnten mit predigterfahrenen Autorinnen und Autoren aus allen Generationen und Landeskirchen zeitgemäße Anregungen für eine fundierte Predigt.
  • Deutsch
  • Freiburg im Breisgau
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  • Deutschland
  • 3,78 MB
978-3-451-34593-7 (9783451345937)
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  • Intro
  • [Impressum]
  • Homiletischer Essay
  • Pfingstsonntag - Kraft zum Leben
  • I Eröffnung: Entlasten Propheten oder Verwaltungsbeamte die Gemeindeleitung?
  • II Erschließung des Textes: Der Druckkessel und das Ventil
  • III Impulse: Der Geist entlastet!
  • IV Entgegnung: Gottesgeist im Menschengeist
  • V Erschließung der Hörersituation: Gottes Geist ist in allen
  • VI Predigtschritte: Der unerschöpfliche Lebensquell
  • Pfingstmontag - Aufbruch in die Freiheit
  • I Eröffnung: Gott ist Geist
  • II Erschließung des Textes: Geist, Wahrheit und Freiheit
  • III Impulse: Worüber würde ich eventuell predigen?
  • IV Entgegnung: Vom Geist der Freiheit
  • V Erschließung der Hörersituation aus der Hermeneutik des Textes: Mut zur direkten Kommunikation horizontal und vertikal
  • VI Predigtschritte: . da ist Freiheit
  • Trinitatis - Von Angesicht zu Angesicht
  • I Eröffnung: Wir genießen bei Gott Ansehen
  • II Erschließung des Textes: Segensreiches Wimmelbuch
  • III Impulse: Hals- und Beinbruch
  • IV Entgegnung: Im Ansehen der Person
  • V Erschließung der Hörersituation: Vom Priestertum aller Gläubigen
  • VI Predigtschritte: Von Angesicht zu Angesicht
  • 1. Sonntag nach Trinitatis - Jesus heute nachfolgen?!
  • I Eröffnung: Innerlich und äußerlich bewegt - Erbarmen und Nachfolge
  • II Erschließung des Textes: Bewegung bewegt - jede/r kann sich senden lassen
  • III Impulse: Wir sind gemeinte Gemeinde - sich vom Königreich der Himmel bewegen lassen
  • IV Entgegnung: Schwerpunkte setzen?!
  • V Erschließung der Hörersituation: Orientierung finden?!
  • VI Predigtschritte: Auf der Suche nach dem Glück - Heilsnachfolge beschreiben
  • 2. Sonntag nach Trinitatis - Höret, so werdet ihr leben!
  • I Eröffnung: Eine eindringliche Einladung
  • II Erschließung des Textes: Vielsagende Verheißung
  • III Impulse: Weltfülle
  • IV Entgegnung: Anders gehört.
  • V Erschließung der Hörersituation: Gott-Durst
  • VI Predigtschritte: Wendung des Blickes
  • 3. Sonntag nach Trinitatis - Kleiner Mann - ganz groß
  • I Eröffnung: Pippi, Jim, Kalle und Zachäus
  • II Erschließung des Textes: Radikal oder liberal?
  • III Impulse: Schuldenschnitt, Gastmahl und Glaubenszinsen
  • IV Entgegnung: Der andere Zachäus
  • V Erschließung der Hörersituation: Wir sind Zachäus
  • VI Predigtschritte: Zehn Verse und ein Ziel
  • 4. Sonntag nach Trinitatis - »Die Hölle, das sind die anderen!«
  • I Eröffnung: »Der Hundertjährige, .
  • II Erschließung: Das Wort, das frei macht
  • III Impulse: Den Stab nicht brechen
  • IV Entgegnung: Text und Kontext
  • V Erschließung der Hörersituation: Die Hölle, das sind die anderen!
  • VI Predigtschritte: Christ wird man durch andere
  • 5. Sonntag nach Trinitatis - Vom Rhythmus der Nachfolge
  • I Eröffnung: Von der Entschärfung eines gefährlichen Stoffs
  • II Erschließung des Textes: Aufbrechen und loslassen - das verstand Jesus unter Nachfolge
  • III Impulse: Nicht alles Leben ist sesshaft
  • IV Entgegnung: Aufbrechen und Unterbrechen
  • V Erschließung der Hörersituation: Kostenvoranschlag für die Nachfolge
  • VI Predigtschritte: Wenn einer eine Reise tut .
  • 6. Sonntag nach Trinitatis - »Was es ist«
  • I Eröffnung: Vertraute Verheißung
  • II Erschließung des Textes: »Amo: volo ut sis«
  • III Impulse: Mut zum Sein
  • IV Entgegnung: Aus dem Rahmen fallen
  • V Erschließung der Hörersituation: Im Rahmen des Möglichen
  • VI Predigtschritte: Im Rahmen von Kirche und Gottesdienst
  • 7. Sonntag nach Trinitatis - Und sie aßen und wurden alle satt
  • I Eröffnung: »Der Magen ist die erste Lampe, auf die Öl gegossen werden muß«
  • II Erschließung des Textes: . und wurden alle satt
  • III Impulse: . zwölf Körbe voll
  • IV Entgegnung: . gebt ihr ihnen zu essen
  • V Erschließung der Hörersituation: . denn wir sind hier in der Wüste
  • VI Predigtschritte: . lasst sie sich setzen in Gruppen
  • 8. Sonntag nach Trinitatis - Christus - Licht der Welt und Licht des Lebens
  • I Eröffnung: Christus - Vollender der Schöpfung
  • II Erschließung des Textes: Christus - Licht im Dunkel
  • III Impulse: Christus - Kraft des immer neuen Lebens
  • IV Entgegnung: . gebt ihr ihnen zu essen
  • V Erschließung der Hörersituation: Sehschulen - El Greco und Johannes
  • VI Predigtschritte: Beobachter sehen nichts
  • 9. Sonntag nach Trinitatis - Fundsachen
  • I Eröffnung: Entscheidungsfragen zwischen Moralisierung und Banalisierung
  • II Erschließung des Textes: Der Alltag als Glücksfall
  • III Impulse: Das Himmelreich - mitten im Alltag, aber nicht umsonst
  • IV Entgegnung: Von wem ist die Rede? Und wovon eigentlich?
  • V Erschließung der Hörersituation: »Werde, der du bist!« - »Ach, ja.«
  • VI Predigtschritte: So oder so kannst du's finden. Und dann .
  • 10. Sonntag nach Trinitatis - Zugang zu Gott im Geist und in der Wahrheit
  • I Eröffnung: Grün oder Violett - oder gar Rot?
  • II Erschließung des Textes: Gebet zum Vater
  • III Impulse: Vater als Adresse für alle Menschen
  • IV Entgegnung: »Halt, wir sind nicht der Weisheit letzter Schluss!«
  • V Erschließung der Situation: »Zur Synagoge geht man schnell, doch auf dem Rückweg nimmt man sich Zeit«
  • VI Predigtschritte: Sehnsucht nach einer antwortenden Welt
  • 11. Sonntag nach Trinitatis - Ärgerliche Störung
  • I Eröffnung: Das Geschenk eines verschwenderischen Lebens
  • II Erschließung des Textes: Eine Skandalgeschichte nimmt ihren Lauf
  • III Impulse: Von Blicken und Gesten
  • IV Entgegnung: Konfliktreiche Erwartungen
  • V Erschließung der Hörersituation: Gerüch(t)e unter Gästen
  • VI Predigtschritte: Gute Gerüche und freundliche Gerüchte
  • 12. Sonntag nach Trinitatis - »Siehst du etwas?«
  • I Eröffnung: Neue Perspektiven auf den Wundertäter
  • II Erschließung des Textes: Hinaus aus dem öffentlichen Raum
  • III Impulse: Sehen, hinsehen
  • IV Entgegnung
  • V Erschließung der Hörersituation
  • VI Predigtschritte
  • 13. Sonntag nach Trinitatis - Absichtslose Gottesliebe
  • I Eröffnung: Das Gute - allein um des Guten willen?
  • II Erschließung des Textes: Einem anderen helfen, weil mir sein Leid an die Nieren geht
  • III Impulse: »Im Vorbeigehen, ganz absichtslos .«
  • IV Entgegnung: »Was lässt uns leben?«
  • V Erschließung der Hörersituation: Offen und verborgen zugleich
  • VI Predigtschritte: Fromme Absichtslosigkeit
  • 14. Sonntag nach Trinitatis - Nichts ist mehr wie es war
  • I Eröffnung: Ein Muttersöhnchen läuft weg
  • II Erschließung des Textes: Der Gott der Väter hilft weiter
  • III Impulse: Gott kommt ans Ziel
  • IV Entgegnung: Die ungerechte Welt
  • V Erschließung der Hörersituation: Der ungerechte Mensch
  • VI Predigtschritte: Der ungerechte Gott
  • 15. Sonntag nach Trinitatis - Gottvertrauen macht stark
  • I Eröffnung: Bedürftig am Montag danach
  • II Erschließung des Textes: Empowerment gegen Alltagsmüdigkeit
  • III Impulse: »Wo dein Glaube ist, da ist deine Kraft«
  • IV Entgegnung: Was gibt Menschen Kraft?
  • V Erschließung der Hörersituation: Die Last, aus eigener Kraft leben zu müssen
  • VI Predigtschritte: Ermutigung zur Zukunft
  • 16. Sonntag nach Trinitatis - Geistesgegenwart
  • I Eröffnung: Zu schön, um wahr zu sein?
  • II Erschließung des Textes: Geschichte und Heilsgeschehen
  • III Impulse: Deutlich reden. Prophetisch reden. Barmherzig sein.
  • IV Entgegnung: Adressaten des Geistesgegenwärtigen?
  • V Erschließung der Hörersituation: Dem Zug des Todes entgegen
  • VI Predigtschritte: Wie der Zug des Lebens dem Zug des Todes entgegengetreten ist
  • 17. Sonntag nach Trinitatis - Grenzenlos glücklich
  • I Eröffnung: Erstaunliche Gnade
  • II Erschließung des Textes: Unverloren
  • III Impulse: Sehen heißt Antworten
  • IV Entgegnung: Ist Jesus Hans?
  • V Erschließung der Hörersituation: sola fide?
  • VI Predigtschritte: Immer in Schwierigkeiten
  • 18. Sonntag nach Trinitatis - Renaissance des Dekalogs
  • I Eröffnung: Moses Vermächtnis
  • II Erschließung des Textes: Die Präambel ist entscheidend
  • III Impulse: Freiheitsermöglichung und Orientierung
  • IV Entgegnung: Horizont der Freiheit
  • V Erschließung der Hörersituation: Existenzielle Bedeutung des Dekalogs
  • VI Predigtschritte: Lust an Gottes Weisungen
  • Erntedankfest - Dankbarkeit ist die christliche Form des Glücks
  • I Eröffnung: Geld oder Ernte
  • II Erschließung des Textes: Vertrauen gegen Daseinsangst
  • III Impulse: Möglichkeiten nutzen und sich nicht in ihnen verlieren
  • IV Entgegnung: Distanz schaffen
  • V Erschließung der Hörersituation: Geld ist Gott und umgekehrt
  • VI Predigtschritte: Kritik und Dankbarkeit
  • Tag des Erzengels Michael und aller Engel - Blickwechsel
  • I Eröffnung: Kein Raum für einen prominenten Gast?
  • II Annäherungen: Kontraste
  • III Erschließung des Textes: Jesus und die Kleinen
  • IV Predigtschritte: Blickkontakt
  • 19. Sonntag nach Trinitatis - Frag-würdig
  • I Eröffnung: Was sucht ihr?
  • II Erschließung des Textes: Was willst du, das ich für dich tun soll?
  • III Impulse: Steh auf und geh!
  • IV Entgegnung: Glaubst du das?
  • V Erschließung der Hörersituation: Wen sucht ihr?
  • VI Predigtschritte: Wer ist der Mensch .?
  • 20. Sonntag nach Trinitatis - Ein Hauch von Erfüllung
  • I Eröffnung: Kein Tag, um Pläne zu machen
  • II Erschließung des Textes: Zwischen Hunger und Zeitvertreib
  • III Impulse: Sich treiben lassen und satt werden
  • IV Entgegnung: Ist es erlaubt, das Absichtslose zu tun?
  • V Erschließung der Hörersituation: Der schwierige Sonntag
  • VI Predigtschritte: Sabbat, Sonntag - Erkundung eines nicht bestimmten Raumes
  • 21. Sonntag nach Trinitatis - »Ihr seid meine Freunde«
  • I Eröffnung: Eine Niere für die Liebe! Oder: Lehren an der Grenze
  • II Erschließung des Textes: Schmerz und Sehnsucht beim Abschied nehmen
  • III Impulse: Der Weinstock-Effekt
  • IV Entgegnung: Feindesliebe und Freundesliebe
  • V Erschließung der Hörersituation: Freundschaft im Spielraum der Freiheit
  • VI Predigtschritte: Konzentrische und exzentrische Freundschaft
  • 22. Sonntag nach Trinitatis - Das Gute
  • I Eröffnung: »Es ist dir gesagt!«
  • II Erschließung des Textes: Was Gott gefällt
  • III Impulse: Königliche Verantwortung
  • IV Entgegnung: Gottes Nähe fordert Opfer
  • V Erschließung der Hörersituation: Die Frage nach dem guten Leben
  • VI Predigtschritte: Gottgefällig leben - wie geht das?
  • Reformationsfest - Erneuerung mit Zukunft
  • I Eröffnung: Herausforderung Reformationsfest
  • II Erschließung des Textes: Von der Unruhe zur Heilsperspektive
  • III Impulse: Hoffnung für die Hilflosen
  • IV Entgegnung: Über das Bestehende hinaus - evangelische Erneuerung mit Zukunft
  • V Erschließung der Hörersituation: Sehnsucht nach Vollendung eines fragmentarischen Lebens
  • VI Predigtschritte: Erinnern, Freiräumen, Zeichensetzen - Einübung eines zukunftsfähigen Glaubens
  • 23. Sonntag nach Trinitatis - Mensch, werde wesentlich!
  • I Eröffnung: »Beim Leben meiner Mutter .«
  • II Erschließung des Textes: Ja, ja - Nein, nein
  • III Impulse: Du kannst
  • IV Entgegnung: Nicht vom Geborgten leben
  • V Erschließung der Hörersituation: Verlässlich sein wie Gott
  • VI Predigtschritte: Im Widerschein des großen Leuchtens
  • Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres - Gerechtigkeit und Trost
  • I Eröffnung: Gnade vor Recht oder Recht vor Gnade
  • II Erschließung des Textes: Vertrauensvoll beharren
  • III Impulse: Meinst du, er wird Glauben finden?
  • IV Entgegnung: Zerreißproben
  • V Erschließung der Hörersituation: Mitten im Leben
  • VI Predigtschritte: Am Ende getröstet
  • Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres - Orientierung finden - wahrhaftig leben
  • I Eröffnung: Ins rechte Licht gerückt
  • II Erschließung des Textes: Kein Blatt vorm Mund
  • III Impulse: Das Recht der Liebe
  • IV Entgegnung: Unerhörte und ungehörte Worte eines gescheiterten Propheten
  • V Erschließung der Hörersituation: Ambivalenzen am Volkstrauertag
  • VI Predigtschritte: In Wahrheit leben - Erfahrungen in der Diktatur
  • Buß- und Bettag - Die enge Pforte
  • I Eröffnung: Zu spät!
  • II Erschließung des Textes: »Wer wird gerettet?« - Und: »Draußen vor der engen Tür«
  • III Impulse: Einer, der den Fuß in die Tür stellt
  • IV Entgegnung: Menschliche Schuld und Gottes Liebe ins Spiel bringen
  • V Erschließung der Hörersituation: Die Suche nach neuem Leben
  • VI Predigtschritte: Anklopfgeschichten
  • Ewigkeitssonntag - Von Worten, die nicht vergehen
  • I Eröffnung: Vergänglichkeitserfahrungen - und doch keine Untergangsstimmung
  • II Erschließung des Textes: Leben in der Erwartung des Kommenden
  • III Impulse: »Ich weiß, du kommst wieder« - so ein Satz hält einen am Leben und führt zum Leben
  • IV Entgegnung: Die Situation bleibt heikel - Bestand tut Not
  • V Erschließung der Hörersituation: Was bleibt?
  • VI Predigtschritte: Worte vom Bleiben des Worts
  • Perikopenverzeichnis
  • Anschriften

Homiletischer Essay

Martin Kumlehn

Das gottesdienstliche Proprium als homiletische Ressource performativer Lebensdeutung

Ernst Lange zufolge zielt die Sonntagspredigt auf eine »Verständigung mit dem Hörer über die gegenwärtige Relevanz der christlichen Überlieferung« (Lange, 20). Eine solche Verständigung kann freilich nur dann gelingen, wenn der Hörer tatsächlich zu erkennen vermag, dass die im und mit dem Text aufgeworfenen Fragen, Einsichten und Überzeugungen etwas mit seinen eigenen Lebenserfahrungen zu tun haben. Lange hat, um diese zentrale Forderung seiner Homiletik näher zu erläutern, ausdrücklich auf das Paradigma der Kasualpredigt verwiesen und gefragt, »ob nicht die Sonntagspredigt in ihrer Problematik von der Kasualrede her verstehbar« (Lange, 22) werde. Denn diese gehe »von einer besonderen Situation, von besonderen Menschen und ihrem Geschick« (ebd.) aus. Und ganz genauso müsse es nun auch der Sonntagspredigt um »das Relevantwerden der christlichen Überlieferung für die spezielle Lebenssituation« (Lange, 47, Hervorhebung M.K.) zu tun sein. Greift man diese Überlegungen Ernst Langes auf, dann legt sich ein texthermeneutisches Verfahren nahe, das den vorgegebenen Predigttext unter anderem daraufhin in den Blick nimmt, welches konkrete Lebensthema eigentlich in bzw. mit ihm aufgerufen wird.

Diese hermeneutische Grundentscheidung konvergiert nun in einer gewissen Weise mit der Beobachtung, dass sich die gottesdienstlichen Proprien der Sonn- und Festtage des Kirchenjahres zum Teil durchaus als spezifisch religiöse Interpretationen existenzieller Lebensfragen und -themen lesen lassen. Das ist im Blick auf die festlichen Höhepunkte des Kirchenjahres bereits vielfach durchbuchstabiert worden. So hat zuletzt Kristian Fechtner gezeigt, wie »sich die Schrittfolge des Jahres mit Phasen menschlichen Lebens und den darin sich artikulierenden Dimensionen menschlicher Existenz verknüpfen« (Fechtner 2007, 145, mit Verweis auf Behringer). Das Weihnachtsfest sieht er eng mit der Erfahrung des »Ur-Vertrauen(s) als Gefühl des Sich-verlassen-Dürfens« verbunden, Ostern stehe im Deutungskontext der »Ich-Identität angesichts von Schuld- und Leiderfahrung«, die pfingstliche Zeit gebe »dem Bedürfnis nach Generativität im Sinne schöpferischen Lebens« Raum, und mit dem Ende des Kirchenjahres gehe es »um Ich-Integrität in den Ambivalenzen gelebten Lebens.« (Fechtner 2007, 146).

Eine konsequent erfahrungsbezogene Lesart des kirchlichen Festkalenders lässt darüber hinaus entdecken, dass sich im Grunde alle einschneidenden biografischen Übergänge und Passagen des Lebenszyklus in ihm abbilden. Exemplarisch sei darum die identitätspsychologische Hermeneutik von Weihnachten, Ostern und Pfingsten um eine lebensgeschichtliche Interpretation drei weiterer Stationen des Kirchenjahres ergänzt: Der Advent macht die ambivalenten Empfindungen nachvollziehbar, die mit dem Erleben einer Schwangerschaft, aber auch mit der Pubertät oder dem Sterben verbunden sind: Vorfreude und Hoffnungen, zugleich aber auch schwer nur zu artikulierende Ängste und Befürchtungen sind für die Vorbereitung auf das »große Ereignis« charakteristisch. Mit Sylvester und Neujahr sind Gefühle und Stimmungen auf dem Plan, die durch die unabweisbare Erfahrung unserer Zeitlichkeit ausgelöst werden. Das vergangene Jahr wird bilanziert, und das neue mit guten Vorsätzen begonnen. In einer eigentümlichen Mischung aus Wehmut und Entschlossenheit können Abschiede noch einmal durchlebt (etwa die Trennung vom Partner) und neue Lebenssituationen (z.B. empty-nest oder der Übergang in den Ruhestand) in Angriff genommen werden (vgl. Fechtner 2001). Christi Himmelfahrt schließlich markiert die Verheißung und die Aufgabe eines unvertretbar eigenen Lebens. Das dokumentieren nicht zuletzt die männerspezifischen Rituale, die sich an diesen Tag angelagert haben: Junge (manchmal auch gar nicht mehr so junge) Männer brechen am Vatertag – in Ostdeutschland sagt man Herrentag – zu einem Ausflug ins Grüne auf und tun dabei all das, was sie als leistungsbereite und disziplinierte Berufsanfänger bzw. als verantwortungsvolle Familienväter sonst nicht (mehr) tun dürfen (vgl. Klie). Wie die Jünger Jesu von nun an auf sich selbst gestellt sind, so sind auch die Männer/Väter spätestens mit dem Auszug aus dem Elternhaus in ein selbstverantwortetes Leben entlassen, was zumeist mit durchaus zwiespältigen Empfindungen verbunden ist und darum in regressiv-orgiastischen Akten rituell bewältigt sein will.

Aber nicht nur in den Erzählungen und Ritualen der kirchenjahreszeitlich stets wiederkehrenden Feste lassen sich lebensgeschichtliche Resonanzen aufspüren, auch die gottesdienstlichen Proprien der »normalen« Sonntage rufen vielfach spezifische Lebensthemen auf. In der Predigtvorbereitung stelle ich jedenfalls immer wieder fest, dass sich die jeweils mit dem Evangelium gleichsam »gesetzte« Thematik häufig auch lebensgeschichtlich entschlüsseln lässt. Einige – mehr oder weniger zufällig gewählte – Beispiele mögen dies illustrieren: »Gelobt sei, der da kommt« (Mt 21,9) – mit dem 1. Advent ist das Thema Ankommen auf dem Plan. »Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht« (Lk 21,28) – der 2. Advent stellt das Thema Erwartung in den Mittelpunkt. »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« (Mt 3,13–17) – der 1. Sonntag nach Epiphanias thematisiert mit der Taufe des Herrn zugleich die menschliche Erfahrung von Mutter- bzw. Vaterschaft. »Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?« (Mk 4,40) – der 4. Sonntag nach Epiphanias fokussiert auf die Erfahrung, den Lebensstürmen zu trotzen. »Der Herr ist mein Hirte« (Ps 23,1) – Miserikordias Domini ruft mit den Worten und Bildern des Wochenpsalms Erinnerungen an die Bewahrung in tiefen Lebenstälern auf. »… der bringt viel Frucht« (Joh 15,5) – Jubilate richtet das Augenmerk auf das Existenzial des Bleibens. »Es sei denn, dass jemand von Neuem geboren werde« (Joh 3,3) – Trinitatis lässt die existenziellen Perspektiven eines neuen Anfangs aufscheinen. »Und verließen alles und folgten ihm nach« (Lk 5,11) – der 5. Sonntag nach Trinitatis, zumal wenn man den Beginn der Abrahamserzählung (alttestamentliche Lesung) mit hinzuzieht, rückt die Lebenserfahrung in den Mittelpunkt, dass nichts bleibt, wie es war, dass das Leben ein beständiger Aufbruch ist: ein Umzug in eine andere Stadt, eine neue Arbeitsstelle, die Kinder gehen aus dem Haus, die Eltern sterben, eine Beziehung zerbricht, ein Lebensabschnitt muss verabschiedet werden. »Sind nicht ihrer zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?« (Lk 17,17) – der 14. Sonntag nach Trinitatis ruft die existenzielle Erfahrung der Dankbarkeit auf. »Lazarus, komm heraus!« (Joh 11,43) – der 16. Sonntag nach Trinitatis feiert die todesüberwindende Vitalität des Lebens. »Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal« (Mt 18,22) – der 22. Sonntag nach Trinitatis erinnert an die immer wieder neue Lebensmöglichkeiten eröffnende Vergebung.

Dass bei denen, die den Gottesdienst besuchen, solche Lebensthemen und -erfahrungen bereits beim Hören der jeweiligen Evangelien aufgerufen werden, scheint mir sehr wahrscheinlich. Nun müsste es in der Gestaltung von Gottesdienst und Predigt darum gehen, die lebensgeschichtlichen Resonanzen der biblischen Texte näher zu entfalten und gewissermaßen selbst wiederum erfahrbar zu machen. Wie kann das gelingen? Dazu eine abschließende Überlegung, die sich an einer der Praktischen Theologie benachbarten akademischen Disziplin orientiert: Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte hat die Wirkungen eines Theaterbesuchs dahingehend näher beleuchtet, in welchem Verhältnis die beobachtbaren »affektiven, physiologischen, energetischen sowie motorischen Veränderungen«, die bei den Zuschauern »im Prozeß der ästhetischen Erfahrung« ausgelöst werden, zu den »Veränderungen des Bedeutungssystems« (Fischer-Lichte, 152) stehen, die ebenfalls festgestellt werden können. Gemeint ist, dass durch die Aufführung eines Theaterstücks das Weltbild, die Wertvorstellungen sowie das Selbstkonzept der Zuschauerinnen und Zuschauer in Fluss geraten, sich verändern, neue Deutungen und Bedeutungen konstituiert werden. Fischer-Lichte kommt zu dem Ergebnis, dass »die ästhetische Erfahrung von Theateraufführungen gerade deshalb als Schwellenerfahrung erlebt wird, weil sie nicht einzelne, spezifische Funktionen betrifft, sondern eine integrale Erfahrung ermöglicht, die auf Veränderung des ganzen Menschen zielt.« (Fischer-Lichte, 152) Die Performance und die Bedeutungskonstitution liegen ineinander – und in diesem Ineinander, das auf die Realisierung durch den »ganzen Menschen« ausgelegt ist, also leibhafte und psychische Elemente miteinander verbindet, liegt das Transformationspotenzial der ästhetischen Erfahrung beschlossen. Symboltheoretisch vorausgesetzt ist dabei, dass sich eben diese Übergangs- oder Schwellenerfahrung paradoxerweise nur in der Weise einer Überschreitung partikularer Weisen der Selbst- und Weltwahrnehmung vollzieht.

Das lässt sich nach meinem Eindruck ohne Weiteres auch auf die gottesdienstliche Performance der Sinndeutung lebensgeschichtlicher Erfahrung übertragen: Denn auch der Gottesdienst und die Predigt in ihm sind ästhetische Erfahrungen, die eine performative Bedeutungskonstitution eröffnen, welche der Gottesdienstbesucher bzw. die Predigthörerin als eine leib-seelische Totalität vollzieht. Anders gesagt: Im gottesdienstlichen Vollzug liegen Deutung und Erfahrung, Erfahrung und Deutung dergestalt ineinander, dass Gottesdienst und Predigt tatsächlich als Performance der...

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