Melatenblond

Köln Krimi
 
 
Emons Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. November 2018
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96041-428-5 (ISBN)
 
Der Erfinder des Regionalkrimis lässt seinen Kult-Ermittler auferstehen.

Weil er glaubte, sie hätten seine fünfjährige Tochter Marie getötet, nahm Manni Thielen einst blutige Rache an zwei Kölner Gangsterbossen und floh aus seiner Heimatstadt. Aber der Doppelmord war ein fataler Fehler, denn Marie lebt und ist damals mit ihrer Mutter in Süditalien untergetaucht. Nach fünfundzwanzigjähriger Odyssee kehrt Manni nun unter falschem Namen nach Köln zurück, um die Spur seiner Tochter aufzunehmen. Doch dann schlägt das Schicksal erneut erbarmungslos zu.
Auflage
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 3,05 MB
978-3-96041-428-5 (9783960414285)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christoph Gottwald, geb. 1954, M.A. der Germanistik, lebt und arbeitet in seiner Heimatstadt Köln als Schriftsteller, Drehbuchautor, Dokumentarfilmer, Regisseur und Theatermacher.

1


Dieses hinterhältige Schwein! So einem miesen Betrüger hatte sie all die Jahre vertraut! Dabei war sie es, die das Geld verdiente, die ihn durchfütterte, die ihn immer wieder getröstet hatte, wenn er durchhing und jammerte, dass die ganze Welt sich gegen ihn verschworen hätte. Petra schloss die Augen und versuchte, ihren keuchenden Atem etwas zu beruhigen. Schluss, aus, Feierabend! Mit Max Grünfeld war sie fertig. Ein für alle Mal. Da konnte er angekrochen kommen auf blutenden Knien und sie heulend um Verzeihung bitten. No way. Das Kapitel war beendet, das Buch zugeschlagen und verbrannt.

Durch die verkratzte Scheibe des U-Bahn-Zugs, der gerade am Ernst-Reuter-Platz hielt, schaute Petra hinaus in eine ihr fremde Welt. Fahles Neonlicht, trostlos gekachelte Wände, zerlumpte Menschen auf eisernen Sitzbänken, Jugendliche mit in die Stirn gezogenen Kapuzen, gelehnt an Abfalleimer, aus denen die Hälse leerer Schnapsflaschen ragten.

Eine zwergwüchsige Frau mit geblümtem Kopftuch stand regungslos am Bahnsteigrand und schaute Petra aus schwarzen Augen an, bis der Zug anfuhr und sich in den Tunnel schob.

Seit Jahren war Petra nicht mehr nachts mit der U-Bahn gefahren. Und auch heute hatte sie es nicht vorgehabt. Aber als sie ein Taxi anhalten wollte, hatte sie bemerkt, dass sie in der ganzen Hektik ihr Portemonnaie verloren oder in der Wohnung liegen gelassen hatte. Und zurückzugehen kam nicht in Frage. Nicht heute Nacht. Morgen würde sie Max eventuell eine SMS schreiben und ihn auffordern, die Wohnung für zwei Stunden zu verlassen, damit sie ein paar Koffer und Kartons mit ihren Lieblingssachen packen könne.

Auf einem Firmenevent in Schwerin war sie gewesen. Ihr Chef hatte seine sechsundzwanzig erfolgreichsten Mitarbeiter ins Hotel »Niederländischer Hof« geladen. Seit fünf Jahren rekrutierte und betreute Petra Schiffer Anleger, mit deren Geld Dr. Siegmar Hoss Immobilienprojekte plante und meist auch realisierte. Sie war für den Verkauf von Anteilen an Hotelbauten entlang der deutschen Ostseeküste zuständig.

Schon auf der gemeinsamen Anreise im Luxusbus am Samstagmorgen hatten mehrfach Sektkorken geknallt. Nach einer launigen Begrüßungsrede des Chefs und einem ausgiebigen Brunch rackerten sich im Tagungsraum »Wilhelmina« ein schnieker Herr Bungert und eine noch schniekere Frau Zilinsky damit ab, die angeschickerte Belegschaft für Rollenspiele, spaßige Reimkreationen und assoziatives Turmbauen mit unbehandelten Kiefernklötzen zu begeistern.

Ausklingen ließ man den Nachmittag in einem Spaziergang rund um den Pfaffenteich. Anschließend gab es eine Stunde zur freien Verfügung, und um neunzehn Uhr dreißig ging es im Restaurant weiter, wo an einer langen Tafel ein hervorragendes Menü serviert wurde.

Vier der fünf Gänge leitete der wortgewandte Kellermeister mit Monologen ein, die den begleitenden Wein beschrieben, und keiner der Anwesenden wagte es, das emsige Schankpersonal daran zu hindern, die gerade angepriesenen Tropfen in ihre Gläser fließen zu lassen.

Die Folge war, dass die gesamte Belegschaft bedenklich wankte, als man geschlossen in die Hotelbar umzog, wo schon ein öliger Barkeeper diverse Cocktails vorbereitet hatte.

Neun Frauen, siebzehn Männer. Es wurde gebalzt, als ginge es darum, noch heute Nacht eine ganze Generation innovativer Immobilienmakler zeugen zu müssen. Irgendwann war es Petra zu viel geworden, und sie hatte sich von ihrem Chef verabschiedet. Wobei auch der ansonsten distinguierte Dr. Siegmar Hoss seine rechte Hand reichlich übergriffig um ihre Taille geschlungen hatte.

Kaum war sie eingeschlafen, bummerte es an ihrer Zimmertür. Natürlich öffnete sie nicht, aber sie lauschte hinaus und hörte zwei Männerstimmen auf dem Flur herumalbern. Sven Möller und Peter Gerlach. Beide verheiratet, beide Väter von Kindern. Möller baggerte schon seit Monaten unverhohlen an ihr herum, Gerlach erst seit heute Abend. Gegen drei Uhr haute dann wieder jemand an ihre Tür, und eine Stimme, die sie keinem ihrer Kollegen zuordnen konnte, zischte:

»Mach auf, du Nutte!«

Es war etwas in der Stimme, das ihr Angst machte. Petra knipste das Leselicht an und überlegte, ob sie die Rezeption anrufen sollte. Sie legte die Hand auf den Hörer des Telefons, das auf dem Nachtschränkchen stand, und lauschte. Auf dem Flur blieb es stumm. Es dauerte eine Stunde, bis Petra endlich wieder eingeschlafen war.

Am Morgen stand sie frühzeitig auf, duschte und machte einen langen Spaziergang. Auf ein Frühstück im Kreis ihrer mit Sicherheit verkaterten und vom eigenen Verhalten im Suff angeekelten Kollegen verzichtete sie und tunkte stattdessen auf einer Bank vor dem Bahnhof ein noch warmes Croissant in einen Pappbecher mit Milchkaffee.

Auf der Agenda standen Schlossbesichtigung, Schifffahrt über den Schweriner See und am Abend gemeinsames Kochen in Toms Gourmettempel. Das war alles ganz nett, aber als die Kollegen nach der selbst gemachen Crème brûlée gegen neun Uhr ihre Alkoholpegel wieder auf das Niveau des vorherigen Abends hochgestemmt hatten und sich zum gemeinsamen Tagungsausklang in der Hotelbar verabredeten, zog Petra den Stecker.

Um zweiundzwanzig Uhr bestieg sie mit ihrer kleinen Reisetasche den Zug nach Berlin. Offiziell hatte ihr Chef seinen Leuten den Montag als Urlaubstag spendiert und die gemeinsame Rückfahrt im Bus für den nächsten Morgen um elf Uhr festgelegt. Aber Max würde sich bestimmt freuen, wenn sie ihn in der Nacht noch überraschte, hatte Petra gedacht. Die Überraschung war ihr gelungen. Nur etwas anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Am Hauptbahnhof war sie gegen Mitternacht ausgestiegen und hatte sich bis zur Taubenstraße ein Taxi genommen.

Als sie die Wohnungstür im dritten Stock öffnete, roch es im Flur nach Marihuana, und aus Richtung Schlafzimmer drangen eindeutige Geräusche. Sie schlich an die Tür heran und hörte dahinter die Stimme von Max ekstatisch jubilieren: »Das ist so geil, Baby, das ist so geil.«

Und eine Frauenstimme quiekte: »Jahh, fick mich, du verkiffte Sau, fick mich.«

Petra stieß die Tür auf. Max kniete auf dem Bett, und vor ihm kauerte in Hundestellung die tätowierte Mutter aus dem zweiten Stock, die ihre fünfjährige Tochter allein erzog, seit sie deren Erzeuger rausgeschmissen hatte. Ihre Ellenbogen waren aufgestützt, ihr Hintern klatschte gegen Max' Unterleib, und ihre Brüste schlackerten runter bis fast aufs Bettzeug. Max hielt ihre Hüfte umkrallt und schaute zu, wie sein Schwanz mal mehr, mal weniger im Körper seiner Gespielin verschwand. Aber dann hob er plötzlich den Blick zur Tür und schrie: »Scheiße!«

Und auch die tätowierte Mutter hob den Blick zur Tür und schrie: »Scheiße!«

Petra drehte sich um und hastete den Flur entlang, sie nahm einen Schlüssel von der Hakenleiste und stürmte mit der kleinen Reisetasche aus der Wohnung. Sie hetzte die Treppe runter und rannte aus dem Haus bis zur Ecke Glinkastraße, wo sie stehen blieb und versuchte, in klare Gedankengänge zurückzufinden. Ausgerechnet das! Und dann auch noch mit einer Nachbarin! Dabei hatten sie und Max schon seit Langem keinen Sex mehr gehabt. Noch nicht mal an Sexualität grenzende Berührungen. Weil er sich mental dazu nicht in der Lage gefühlt hatte. Solche Sprüche musste sie sich von ihm anhören. Dabei hatte sie mal seinen Browserverlauf zurückverfolgt. Pornoseiten rauf und runter. Während sie im Büro die Brötchen verdiente, saß der Herr zu Hause mit dem Notebook im Bett und onanierte. Und abends war er dann mental nicht mehr in der Lage, seine Partnerin in den Arm zu nehmen. Unmöglich. Mit Voyeurismus im Internet konnte sie noch so gerade leben. Zumal der Sex mit Max im Laufe der Jahre enorm an prickelnder Spannung verloren hatte. Aber gerade deshalb zerstörte das, was sie eben erlebt hatte, mit einem Schlag alles, was sie jemals für ihn empfunden hatte. Sie spürte nur noch tiefe Abscheu und Hass für den Mann, mit dem sie seit ihrem vierzehnten Geburtstag zusammen war. Das ist so geil, Baby, das ist so geil!, hallte seine Stimme durch ihren Schädel. So etwas hatte er ihr noch nie gesagt. Auch nicht vor zehn Jahren, als sie so richtig wild aufeinander gewesen waren.

Sie war zur U-Bahn-Station Mohrenstraße gelaufen, und als sie unten am Bahnsteig ankam, hielt gerade ein Zug der Linie U2 Richtung Ruhleben.

Es waren nicht viele Menschen in dem Waggon. Die meisten zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Nur einer war älter. So um die fünfzig und unrasiert. Der Mann trug die rote Fan-Kappe eines Sportvereins und eine Hornbrille. Er zog einen kleinen Spiralblock aus seiner olivgrünen Outdoorjacke und schrieb etwas hinein. Vielleicht war er ein Schriftsteller, der nachts durch die Gegend fuhr und sich in der U-Bahn inspirieren ließ. Der Mann schien zu spüren, dass Petra ihn beobachtete. Er steckte den Block in die Tasche seiner Jacke zurück und schaute aus dem Fenster, hinter dem die Tunnelwand vorbeiraste.

Drei junge Männer standen vor der Ausstiegstür. Sie sahen aus wie Flüchtlinge. Durften alle Flüchtlinge eigentlich kostenlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? Aber morgens um zwei waren bestimmt keine Kontrolleure unterwegs. Hoffentlich nicht. Denn Petra hatte sich schließlich auch kein Ticket kaufen können. Aber sie hatte es nicht mehr weit. Der Zug hielt gerade am Sophie-Charlotte-Platz, und in Neu-Westend würde sie aussteigen. Zum Glück hatte sie noch ihre Wohnung in Charlottenburg. Das beste Geschäft, das sie in ihren neunundzwanzig Lebensjahren bisher gemacht hatte. Wenn man in der Immobilienbranche tätig ist, dann hört man das eine oder andere und kann zuschlagen, bevor ein Objekt offiziell auf dem Markt erscheint. Petra hatte die gut aufgeteilte Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche, Bad und...

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