Kalpa Imperial

Das größte Imperium, das es nie gegeben hat
 
 
Golkonda Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2018
  • |
  • 308 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-946503-56-9 (ISBN)
 
Kalpa Imperial - der imperiale Krake. Das Imperium, das immer wieder neu entsteht, wächst, in blutigen Bürgerkriegen zerfällt. Dessen Geschichte ständig neu erzählt wird von den Herrschern, den Geschichtenerzählern, den einfachen Menschen. Das sich wandelt wie das Geschlecht mancher seiner Bürger, die mal Unterdrückte sind und dann wieder Rebellen oder Befreier. Eine Meditation über das Wesen von Geschichte und Geschichtenerzählern. Das Spiegelbild unserer eigenen Welt, in der nichts so ist, wie es scheint und die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt.
1. Auflage
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,80 MB
978-3-946503-56-9 (9783946503569)
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Angélica Gorodischer, 1928 geboren, wurde 2011 für ihr Lebenswerk mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Die Autorin der Saga Kalpa Imperial - "1001 Nacht" auf Argentinisch und doch ein kosmopolitisches Schriftwerk über den politischen Terror des 20. Jahrhunderts -, ist überzeugt davon, dass die Vorstellung, die Welt sei ein großes Buch, als mystisch-symmetrisches und gleichzeitig demokratisches Projekt auszulegen ist. Keine Seite, die zu viel wäre in diesem Buch.

Porträt des Kaisers

Der Geschichtenerzähler sagte: Jetzt, da gute Winde wehen, da die Tage der Ungewissheit und die Nächte des Schreckens vorbei sind, da es keine Anzeigen und Verfolgungen und geheimen Hinrichtungen mehr gibt, jetzt, da Willkür und Wahnsinn aus dem Herzen des Imperiums verschwunden sind, wir und unsere Kinder nicht mehr der Blindheit der Macht unterliegen; jetzt, da ein Gerechter auf dem Thron sitzt und die Menschen ihr Haus verlassen und nach dem Wetter sehen und sich um ihre Angelegenheiten kümmern und ihren Urlaub planen und die Kinder in die Schule gehen und die Schauspieler mit dem Herzen bei der Sache sind und die Mädchen sich verlieben und die Alten im Bett sterben und die Dichter dichten und die Juweliere hinter ihren Vitrinen das Gold abwiegen und die Gärtner die Anlagen wässern und die jungen Leute diskutieren und die Wirte Wasser in den Wein gießen und die Lehrer ihr Wissen weitergeben und wir Geschichtenerzähler alte Geschichten erzählen und die Archivare archivieren und die Fischer fischen und jeder nach seinen Stärken und Schwächen entscheiden darf, was er aus seinem Leben machen will, jetzt darf jeder den Kaiserpalast betreten, sei es aus Not oder aus Neugier; jeder darf jenes große Gebäude besuchen, das so viele Jahre lang tabu war, verboten, gewaltsam abgeschottet, unzugänglich und düster wie die Seelen der kriegerischen Kaiser aus der Dynastie der Ellydroviden. Jeder kann jetzt durch die breiten Gänge mit den Wandteppichen wandeln, sich in die Innenhöfe setzen und dem Geplätscher der Brunnen lauschen, die Küche betreten, um sich von einem dicken, lächelnden Küchenjungen einen Spritzkuchen geben zu lassen, im Garten eine Blume schneiden, sich in der Galerie im Spiegel betrachten, den Stubenmädchen zusehen, die mit ihren Körben voll sauberer Wäsche vorbeilaufen, mit respektlosem Finger das Bein einer Marmorstatue berühren, die Lehrer des Kronprinzen grüßen, mit den Prinzessinnen lachen, die auf der Wiese Ball spielen; und außerdem kann er in der Tür zum Thronsaal stehen bleiben und einfach warten, bis er an der Reihe ist, um sich dann dem Kaiser zu nähern und beispielsweise zu sagen:

»Herr, ich liebe das Theater, aber es gibt kein Theater in meinem Dorf. Könntest du nicht eines bauen lassen?«

Ekkemantes I. wird wahrscheinlich lächeln, weil auch er das Theater liebt, und sich in eine begeisterte Ansprache über die neueste, in Versen verfasste Tragödie von Orab'Maagg stürzen, die in der Hauptstadt uraufgeführt wurde, bis ihm einer seiner Berater mit diskretem Hüsteln zu verstehen gibt, dass er nicht mit jedem seiner Untertanen eine Stunde verplaudern kann, weil ihm sonst keine Zeit zum Regieren mehr bleibt. Und wahrscheinlich wird der gute Kaiser, der nur zum Lächeln und Wohlwollen geschaffen zu sein scheint, der jedoch zu den Waffen greifen und sie wie der schwarzgeflügelte Engel des Krieges gebrauchen konnte, als es galt, die Gier und Grausamkeit einer bösartigen Kaste zu vernichten, dem Berater antworten, dass ein Plauderstündchen mit einem seiner Untertanen auch eine Form des Regierens ist, und nicht die schlechteste, dass der Berater jedoch recht hat und dass er, damit nicht noch mehr wertvolle Zeit vergeudet wird, einen Erlass aufsetzen soll, den der Kaiser sodann unterschreiben wird und der den Bau eines Theaters im Dorf Sariaband anordnet. Des Weiteren ist es möglich, dass der Berater große Augen macht und sagt:

»Herr, der Bau eines Theaters, noch dazu in einem so kleinen Dorf, ist ein kostspieliges Unterfangen.«

»Nun ja«, wird der Kaiser vielleicht sagen, »das soll uns nicht weiter stören. Abgesehen davon, dass ein Theater nie zu teuer ist, weil das Geschehen dort die Leute zum Nachdenken und Begreifen bringt, wird sich im Palast doch gewiss ein Schmuckstück, im Keller ein Schatz finden, um die Kosten zu decken. Und wenn das nicht der Fall ist, dann wollen wir alle Schauspieler des Imperiums bitten, für einen Tag, einen Abend, eine Vorstellung lang zu arbeiten, wobei der Erlös für den Bau des Theaters in Sariaband verwendet werden soll, in dem einige von ihnen eines Tages spielen werden und in dem eines Tages eines ihrer Kinder seinen Durchbruch haben wird, oder auch einer der Schüler, denen sie gerade beibringen, ihren Schmerz auf einhundertelf Arten auszudrücken. Und wenn die Schauspieler zustimmen, bauen wir ein Theater aus dem rosa Marmor, der in den Steinbrüchen der Provinz von Sariabb geschlagen wird, und die Bildhauer der Kaiserlichen Akademie sollen Statuen aus den Komödien und Tragödien anfertigen, die dann den Eingang säumen.«

Und der Theaterliebhaber wird glücklich pfeifend von dannen ziehen, leichten Schrittes, die Hände in den Hosentaschen, und vielleicht hört er noch, bevor er zur Tür des großen Thronsaals kommt, wie der Kaiser ihm nachruft, dass er der Einweihung des Theaters persönlich beiwohnen wird, und wie der Berater über diesen Verstoß gegen das Protokoll mit der Zunge schnalzt.

Nun gut, ich habe mich von meinen Worten hinreißen lassen, was jeder Geschichtenerzähler tunlichst vermeiden sollte, doch ich habe die Furcht kennengelernt, und muss mich dann und wann vergewissern, dass es keinen Anlass mehr für sie gibt, und das einzige Mittel, das mir dafür zur Verfügung steht, ist der Klang meiner eigenen Worte. Worauf ich zu Beginn dieser Erzählung hinauswollte, ist Folgendes: In dem Palast, in dem wir jetzt alle herumlaufen dürfen, als wäre es unser Haus, und das ist es, in diesem Palast liegt im Südflügel, in einem Saal, der zu einem wunderschönen, sechseckigen Garten hinausgeht, ein formloser Haufen aus alten, staubigen und fleckigen Steinen. In anderen Teilen des Palasts gibt es Teppiche und Möbel und Spiegel und Gemälde, es gibt Musikinstrumente, es gibt allerlei Waffen, es gibt Kissen und Porzellan, es gibt Blumen, es gibt Bücher, es gibt Pflanzen in Krügen und Töpfen. Dort aber gibt es nichts: Der Saal ist nackt und leer, und die marmornen Fliesen füllen den Fußboden nicht einmal ganz aus, sondern lassen in der Mitte ein Stück festgestampfter Erde frei, auf welcher der Steinhaufen liegt. Es handelt sich keineswegs um ein Tabu oder Geheimnis, vielmehr werden schon viele von euch, auf der Suche nach dem Ausgang oder einem ruhigen Plätzchen, um sich hinzusetzen und nachzudenken und das mitgebrachte Sandwich zu essen, die Tür des Saals geöffnet und sich gefragt haben, was diese hässlichen grauen Gesteinsbrocken in einem so ordentlichen, sauberen und heiteren Palast zu bedeuten haben. Nun, meine Freunde, ich will es euch sagen, denn dafür sind wir Geschichtenerzähler schließlich da - nicht für Banalitäten, auch wenn wir bisweilen banal wirken mögen, sondern, um die Fragen zu beantworten, die wir alle uns stellen, und zwar nicht nach der Art eines Erzählers, sondern nach der eines Zuhörers.

Lang ist die Geschichte des Imperiums, sehr lang; so lang, dass das Leben eines Menschen, der sich der Wissenschaft und der Forschung verschrieben hat, nicht ausreicht, um sie ganz kennenzulernen. Es gibt Ereignisse, Jahre und Jahrhunderte, die im Dunkel bleiben, sie stehen auf irgendeiner Seite in irgendeinem dicken Buch und warten dort darauf, entdeckt und irgendwann von einem Geschichtenerzähler zum Leben erweckt zu werden, in einem Pavillon wie diesem hier, für Menschen wie euch, die ihr nachher nach Hause gehen und eure Kinder stolz und ein wenig traurig ansehen werdet. Von ihrer Länge einmal abgesehen ist die Geschichte des Imperiums zudem kompliziert - sie ist keine schlichte Erzählung, in der ein Ereignis auf das andere folgt und in der die Ursachen die Wirkungen erklären und die Wirkungen im Verhältnis zu den Ursachen stehen. Nein, keineswegs. Die Geschichte des Imperiums steckt voller Überraschungen, Widersprüche, Abgründe, Todesfälle und Wiederauferstehungen. Und ich will euch nun verraten, dass die Steine im leeren Saal des Kaiserpalastes eben der Tod sind, aber auch die Wiederauferstehung.

Denn das Imperium ist gestorben, viele Male, viele Tode, langsame oder plötzliche, schmerzhafte oder sanfte, lächerliche oder tragische, doch es ist gestorben und ist danach wieder vom Tod auferstanden. Einer dieser Tode, vor nunmehr vielen Tausend Jahren, war tiefer und schwärzer als alle anderen. Er war weder lächerlich noch tragisch - er war unsinnig, herzzerreißend und dumm. Und er war es, weil die Menschen sich wegen der nichtigsten und gefährlichsten aller Leidenschaften umbrachten - wegen der Macht, den goldenen Thron zu besteigen, darauf Platz zu nehmen und dort so lange wie möglich zu bleiben. Ein ehrgeiziger General tötete einen unfähigen Kaiser. Die Witwe des Kaisers, die im Schatten blieb und von der man nicht einmal mehr den Namen weiß, rächte ihren Ehemann und bahnte zugleich sich selbst den Weg zum Thron, indem sie den General mit seinem königsmörderischen Schwert umbrachte, ehe er den Palast erobern konnte. Anschließend schürte sie den Groll der führerlosen Soldaten, wozu sie bestens in der Lage war, weil sie den Groll selbst gut kannte, brachte sie gegen die Offiziere auf und ließ sämtliche Generäle des kaiserlichen Heeres umbringen, damit nicht etwa jemand auf dieselbe Idee wie der Mörder ihres Mannes käme. Die Brüder des toten Kaisers riefen zu den Waffen und stürmten den Palast, vorgeblich, um der schutzlosen Witwe zur Hilfe zu eilen, doch in Wahrheit, um an ihrer Stelle den Thron zu besteigen. Dann rebellierten die östlichen Provinzen, in denen ein verarmter Edelmann und angeblicher Nachkomme einer alten Dynastie Anspruch auf die Regentschaft erhob. Jemand erdrosselte die Kaiserin in ihrem Bett und erstach ihre Kinder, obwohl es hieß, ein Mädchen sei dem Gemetzel entkommen. In den Sümpfen und den Wäldern des Südens erhoben sich zerlumpte Horden, die die Städte...

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