Der Diamant des Salomon

Roman
 
 
Blessing (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. November 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-13276-7 (ISBN)
 


Harry Hopeman lebt als Diamantenhändler und Gelehrter in New York. Als ihm das Angebot gemacht wird, sich einen verschollen geglaubten Diamanten anzusehen, fährt er nach Jerusalem. Auf seiner Reise wird er mit der aufregenden Geschichte seiner Familie konfrontiert. So wird die Suche nach dem Diamanten auch zur Suche nach sich selbst.



  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blessing
  • 0,87 MB
978-3-641-13276-7 (9783641132767)
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2


Der Diamanten-Mann


In Harry Hopemans Büro gab es einen von einer Seite her durchsichtigen Spiegel, der es ihm erlaubte, unbeobachtet auf den gediegenen Reichtum in den Verkaufsräumen der Firma Alfred Hopeman & Sohn nebenan hinabzublicken. Wände, Teppiche und Möbel waren in sanftem Schwarz oder sattem Grau gehalten, und die Beleuchtung bestand aus klarem, weißem Licht, das der Hopeman-Kollektion ihr einzigartiges Funkeln verlieh und den ganzen Laden wie eine mit Samt ausgeschlagene Schmuckschatulle erscheinen ließ.

Harrys Besucher war ein Engländer namens Sawyer, von dem Harry wußte, daß er eben für verschiedene OPEC-Staaten Aktien von amerikanischen Firmen gekauft hatte. Es war allgemein bekannt, daß Sawyer die OPEC außer mit Aktien auch noch mit Informationen für deren schwarze Liste belieferte, auf der alle amerikanischen Firmen standen, die Geschäfte mit Israel machten. »Einer meiner Kunden hat Interesse an einem großen Diamanten«, sagte Sawyer.

Vor acht Monaten hatte ein Kunde aus Kuwait bei Hopeman & Sohn eine Halskette bestellt, dann aber den Auftrag von einer Minute auf die andere storniert. Seitdem hatte die Firma nichts mehr in die arabischen Länder verkauft. »Ich lasse Ihnen gerne von einem meiner Angestellten etwas Passendes zeigen«, sagte Harry gedankenverloren.

»O nein. Meine Auftraggeber wollen einen bestimmten Diamanten, der im Heiligen Land zum Verkauf angeboten wird.«

»Wo?«

Sawyer hob eine Hand. »In Israel. Meine Auftraggeber möchten gerne, daß Sie dorthin fliegen und den Diamanten für sie kaufen.«

»Es ist schön, wenn man gebraucht wird.«

Sawyer zuckte mit den Achseln. »Sie sind eben Harry Hopeman.«

»Und wer sind Ihre Auftraggeber?«

»Ich bin nicht befugt, das zu sagen. Sie verstehen schon.«

»Dieser Auftrag interessiert mich nicht«, sagte Harry.

»Mr. Hopeman. Es wäre ja nur eine kurze Reise, die Ihnen wichtige Türen öffnen und eine Menge Geld einbringen würde. Wir sind doch Geschäftsleute. Lassen Sie doch bitte die Politik aus …«

»Mr. Sawyer! Wenn Ihre Auftraggeber wollen, daß ich für sie arbeite, dann müssen sie mich schon selber fragen.«

Der Besucher seufzte. »Guten Tag, Mr. Hopeman.«

»Auf Wiedersehen, Mr. Sawyer.«

Aber der Mann drehte sich noch einmal um. »Könnten Sie mir vielleicht jemanden empfehlen, der über eine ähnlich große Sachkenntnis verfügt wie Sie?«

»Würde man dann meine Firma von der Liste der boykottierten Unternehmen streichen?«

»Was für eine Liste?« fragte Sawyer verschlagen. Weil er aber ein Geschäft witterte, entfaltete sich ein zuvorkommendes Lächeln auf seinem Gesicht. Auch Harry lächelte. »Ich fürchte, daß ich einmalig bin«, sagte er.

Am Nachmittag war die Befriedigung über den Verlauf dieser Begegnung bereits wieder verflogen.

Auf Harrys Tisch lagen Bestandsverzeichnisse und Verkaufszahlen, der ganze Papierkrieg, den er so haßte. Der Mann, der die Juwelenschleiferei in der West Forty-seventh Street leitete, und die Frau, der das elegante Schmuckgeschäft von Alfred Hopeman & Sohn in der Fifth Avenue unterstand, waren beide darauf getrimmt, ohne seine Hilfe zurechtzukommen. Dadurch konnte er sich darauf konzentrieren, den Grundbesitz der Firma zu verwalten und sich einem erlesenen Kreis von persönlichen Kunden zu widmen, der hauptsächlich aus Superreichen, die seltene Juwelen kauften, und Museumskuratoren, die an Edelsteinen von religiöser und historischer Bedeutung interessiert waren, bestand. Diese Geschäfte waren es, die den meisten Profit abwarfen, aber solche Transaktionen fanden nicht jede Woche statt. Und so mußte es eben auch Tage wie diesen geben.

Tot und leer.

Harry wählte ohne den Umweg über seine Sekretärin eine Telefonnummer.

»Hallo. Soll ich für ein Weilchen zu dir rüberkommen?« Zögerte sie, bevor sie zustimmte?

»Schön«, sagte er.

 

Als er auf dem Rücken lag, die Wange an den Rand der Matratze gepreßt, sagte ihm die Frau, deren lange Haare wie ein Fächer über das Kissen gebreitet waren, daß sie umziehen wolle.

»Wohin denn?«

»In eine kleinere Wohnung. Meine eigene.«

»Aber hier ist doch deine Wohnung.«

»Ich will sie nicht mehr. Und ich will auch keine Schecks mehr von dir, Harry.« Sie mußte ihre Stimme erheben, damit er sie durch das Geräusch aus dem Fernseher überhaupt hören konnte. Sie bestand darauf, daß jedes Mal, wenn sie sich liebten, der Fernseher lief, denn die Wände ihrer Wohnung waren zwar teuer, aber dünn. Trotz der Lautstärke war kein Ärger in ihrer Stimme.

»Was soll denn das?« wollte Harry wissen.

»Ich habe neulich etwas über Rehe gelesen. Kennst du dich mit Rehen aus, Harry?«

»Nicht die Bohne.«

»Rehe vögeln nicht in der Gegend herum. Sie tun es nur, wenn sie brünftig sind. Dann bespringt der Bock irgendein weibliches Reh, und sobald er fertig ist, haut er wieder ab.«

»Wenn er Bock draufhat …«

Sie lächelte nicht. »Entdeckst du da nicht eine gewisse… Ähnlichkeit?«

»Verschwinde ich etwa auch wie der Blitz im Unterholz?«

»Harry Hopeman ist kein Tier, er ist Geschäftsmann. Er sorgt dafür, daß die Dinge in Ordnung sind, damit er sie später wieder benützen kann. Erst dann geht er fort.« Harry stöhnte.

»Ich bin kein Ding, Harry.«

Er hob den Kopf. »Wenn du den Eindruck hast, daß ich dich … benütze, wie erklärst du dir dann die vergangenen zwei Monate?«

»Du hast mich fasziniert«, sagte sie ruhig und sah ihn an. »Dein Haar, diese bronzene Farbe mit den rötlichen Strähnen. Und um deine Haut würden dich die meisten Frauen beneiden.«

»Dann müßten sie sich aber zweimal am Tag rasieren.«

Sie lächelte nicht. »Mir gefallen deine Raubtierzähne. Sogar deine zerdrückte Nase, die aussieht wie die eines Footballstars.«

Harry schüttelte den Kopf. »Ein Typ hat mir draufgeschlagen. Vor langer Zeit.«

Jetzt lachte sie. »Das paßt. Du schaffst es, sogar solche kleinen Tragödien in Aktivposten zu verwandeln.« Sie fuhr mit ihren Fingerspitzen über die schwarzen Härchen auf seinem Handgelenk. »Ich brauchte bloß deine Hände ansehen, um… Du hast perfekte Hände. Und du bewegst sie so kontrolliert. Wie oft habe ich mitten unter der Arbeit dir zugesehen, wie du eine Perle oder einen Stein ans Licht gehalten hast.« Sie lächelte. »Ich war bereit für dich, lange bevor du es wußtest. Ich dachte, ich könnte dich an Land ziehen. So jung und schon so reich. So schön auf deine schlichte Art. Ich dachte, daß deine Frau entweder den Verstand oder ihre Anziehungskraft auf dich verloren haben mußte, als sie aus eurem Haus auszog.«

Er sah sie an.

»Ich hatte vor, genau den passenden Moment abzuwarten, um den ganz großen Treffer zu landen.«

»So ein Hauptgewinn bin ich ja nun auch wieder nicht«, sagte er. »Es kam mir nie in den Sinn, daß du es wirklich so ernst gemeint hast.«

Die Finger, die früher seine Briefe getippt hatten, streichelten jetzt seine Wange. »Der passende Moment wird nie kommen. Brauchst du mich denn, Harry? Willst du mich überhaupt?«

Harry verspürte Gewissensbisse. »Hör zu«, sagte er, »mußt du uns das wirklich antun?«

Sie nickte. Nur ihre Augen verrieten sie.

»Zieh dich an und sag Lebwohl, Harry«, sagte sie fast zärtlich.

 

Die Forty-seventh Street zwischen der Fifth und der Sixth Avenue hatte Harry bereits fasziniert, als er noch ein junger Mann gewesen war, der, wie alle, die das Diamantengeschäft erlernen wollten, hart arbeiten mußte. Irgendwie hatte ihm diese Straße ein Gefühl der Geborgenheit gegeben. Sie war eines der reichsten Pflaster der Welt, aber Harry war die Reihe von schäbigen, schmuddeligen Geschäften immer wie ein abgerissener Einsiedler vorgekommen, der Säcke voller Geld unter seiner Matratze versteckt hatte. Es gab ein paar Ausnahmen – einen berühmten, alten Buchladen, zum Beispiel, und eine Schreibwarenhandlung. Der Rest der Straße aber gehörte der Diamantenindustrie, die hier selbstbewußter auftrat als in der Oberstadt. Hier – und an ein paar anderen, von diesem grundverschiedenen Orten – fühlte sich Harry Hopeman zu Hause.

Er ging an einem gerade dem Jünglingsalter entwachsenen Mann vorbei, der wie ein Wasserfall auf einen Mann einredete, der sein Großvater hätte sein können. Am Fenster des Ladens, vor dem die beiden standen, klebte ein zerrissener, verblichener Zettel:

Das Ansprechen von Passanten
zum Zweck des Geschäftemachens ist

PER GESETZ VERBOTEN

Lizenz Nummer 435-10.1

Komitee zur Selbstkontrolle der Juweliere

»Nein, aber ich habe etwas ganz Ähnliches«, sagte der Junge mit ernster Miene. »Und außerdem gebe ich Ihnen einen Riesenrabatt drauf.«

Harry grinste und dachte an seine eigene Lehrzeit auf diesem Gehsteig.

Die Läden hier waren buchstäblich nur Fassade. Die wirkliche Forty-seventh Street fand man in den kleinen Gruppen orthodoxer Juden, die wie Inseln im Strom der Menge auf dem Trottoir standen und in ihren langen, graubraunen Kaftans und breitkrempigen, pelzbesetzten Hüten, die sie Streimel nannten, wie semitische Quäker wirkten. Manche von ihnen hatten auch dunkle Filzhüte und moderne, schwarze oder dunkelblaue Anzüge an. Harry nickte denjenigen, die er kannte, grüßend zu. Manche untersuchten den Inhalt kleiner Päckchen aus verknittertem Seidenpapier, wie kleine Jungen, die Murmeln tauschten  – nur daß sie mit diesen Murmeln die Ausbildung ihrer Kinder, Goldzähne, Miete, Essen und die monatliche Spende für die Synagoge, die Schul,...

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