Grund zur Hoffnung

Autobiografie
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. November 2021
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26827-5 (ISBN)
 
Jane Goodall ist eine der großen Forscherpersönlichkeiten unserer Zeit. Über dreißig Jahre hinweg beobachtete sie das Leben von freilebenden Schimpansen in Gombe, Tansania. Ihre Erkenntnisse haben die Verhaltensforschung revolutioniert und die Einstellung des Menschen zur Natur verändert. Umweltzerstörung und die Grausamkeit und Ungerechtigkeit in der Welt sind für Jane Goodall Anstoß zum Handeln, nicht Grund zur Resignation. »Grund zur Hoffnung« ist Essenz und Leitmotiv ihres Lebens. In dieser erstmals zur Jahrtausendwende veröffentlichten Zwischenbilanz vereint Jane Goodall auf nachhaltig berührende Weise Weisheit und Weitblick.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Goldmann
  • 18
  • |
  • 18 s/w Abbildungen
  • |
  • zwei 8-seitige s/w-Bildteile
  • 9,78 MB
978-3-641-26827-5 (9783641268275)
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Jane Goodall, geboren 1934 in England, reiste 1957 nach Afrika und arbeitete als Verhaltensforscherin im Gombe-Nationalpark, Tansania. Parallel hierzu studierte sie Ethnologie. Ihr Studium schloss sie 1965 in Cambridge mit der Doktorwürde ab. Jane Goodall war an mehreren Forschungsprojekten beteiligt, ist Inhaberin berühmter Lehrstühle und erhielt viele Preise und Orden, darunter die Auszeichnung Dame »CBE« (»Commander of the British Empire«) und die »Medaille der National Geographic Society«. Sie hat Bücher über Verhaltensforschung und Kinderbücher geschrieben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Als Initiatorin von »Roots & Shoots«, einem Programm für den internationalen Umwelt- und Artenschutz, begeistert sie insbesondere Kinder und Jugendliche in zahlreichen Ländern für ein ökologisches Engagement.

Einleitung


Vor vielen Jahren, im Frühling 1974, habe ich einmal die Kathedrale Notre Dame in Paris besucht. Zu meinem Glück waren kaum Leute dort, und es war besinnlich und still drinnen. Ich betrachtete in stummer Ehrfurcht die große Fensterrose, die in der Morgensonne leuchtete. Auf einmal füllte sich die Kathedrale mit unglaublichem Klang: mit herrlichem Orgelspiel für eine Hochzeit, die in einem fernen Teil der Kirche stattfand. Bachs Toccata und Fuge in D-Moll. Das Vorspiel habe ich immer schon geliebt, aber in der Kathedrale erfüllte die Musik die ganze Weite, und es kam mir vor, als durchdringe sie mich und ergreife Besitz von mir. Es war, als ob die Musik selbst lebendig wäre.

In diesem Augenblick, diesem plötzlich gewonnenen Stückchen Ewigkeit, war ich der Verzückung näher, als es je wieder geschah, der Verzückung des Mystikers. Undenkbar, daß die zufälligen Wirbelbewegungen urzeitlicher Staubpartikel bis hin zu jenem Punkt in der Zeit geführt hatten: über das Hinaufwachsen der Kathedrale gen Himmel; die kollektive Vision, den gemeinsamen Glauben ihrer Erbauer; das Erscheinen Bachs, eines Gehirns - seines Gehirns -, das Wahrheit in Musik umsetzte; bis hin zur Fähigkeit eines Geistes, der wie der meine in jenem Augenblick das ganze unerbittliche Fortschreiten der Evolution im Bruchteil einer Sekunde zu erfassen vermochte! Da ich nicht glauben kann, daß in alledem bloßer Zufall waltet, muß ich vom Anti-Zufall ausgehen. Ich muß an eine bestimmende Urkraft im Universum glauben, mit anderen Worten: an Gott.

Als Wissenschaftlerin bin ich gehalten, logisch und empirisch zu denken, statt mich von Intuitionen oder spirituellen Erfahrungen leiten zu lassen. Als ich Anfang der 60er Jahre an der Universität von Cambridge studierte, waren die meisten Wissenschaftler und Studenten des Fachs Zoologie Agnostiker oder gar Atheisten, soweit ich das beurteilen konnte. Diejenigen, die an Gott glaubten, behielten es für sich.

Glücklicherweise waren meine religiösen und sittlichen Überzeugungen zu dem Zeitpunkt, als ich nach Cambridge kam, bereits durch die ersten 27 Jahre meines Lebens gefestigt. Ich ließ mich von der vorherrschenden Meinung nicht beeinflussen. Ich glaubte an die spirituelle Macht, die ich als Christin Gott nannte. Doch als ich älter wurde und andere Religionen kennenlernte, kam ich schließlich zu der Überzeugung, daß es nur den einen Gott gibt mit verschiedenen Namen: Allah, Tao, Schöpfer usw. Für mich war Gott der große Geist, »in dem wir leben, weben und sind«. Es hat Zeiten in meinem Leben gegeben, in denen ich wankend wurde in meiner Überzeugung, in denen ich die Existenz Gottes anzweifelte oder sogar verleugnete. Und es hat Zeiten gegeben, in denen ich schier daran verzweifelt bin, ob wir Menschen uns je wieder aus dem ökologischen und sozialen Dilemma befreien können, das wir uns und anderen Lebensformen auf dieser Erde beschert haben. Wie kommt es, daß der Mensch so destruktiv ist? So selbstsüchtig und habgierig, bisweilen sogar durch und durch schlecht? In solchen Momenten habe ich das Empfinden, daß die Enstehung des Lebens auf der Erde keinen tieferen Sinn haben kann. Und wenn sie keinen tieferen Sinn hat, stimmt dann nicht der Ausspruch eines angeödeten New Yorker Skinheads, daß die Menschheit lediglich eine »evolutionäre Panne« sei?

Aber solche Phasen des Zweifelns waren relativ selten. Ausgelöst wurden sie durch die verschiedensten Umstände: den Krebstod meines zweiten Ehemannes; den ausbrechenden Haß zwischen den Stämmen im kleinen Land Burundi und das, was mir in diesem Zusammenhang über Folter und Massenmord zu Ohren kam und mich an die unaussprechlichen Greueltaten des Holocaust erinnerte; das Kidnapping von vier meiner Studenten im Gombe-Nationalpark in Tansania, mit dem ein Lösegeld erpreßt werden sollte. Wie, fragte ich mich dann immer, wie soll ich angesichts solchen Leidens, solchen Hasses, solcher Zerstörung an eine göttliche Vorsehung glauben? Immerhin, irgendwie habe ich jene Phasen des Zweifelns immer überwunden; im allgemeinen blicke ich optimistisch in die Zukunft. Heute gibt es jedoch viele Menschen, die jeden Glauben und jede Hoffnung verloren haben, ob an Gott oder an das Schicksal der Menschheit.

Seit 1986 bin ich fast ununterbrochen auf Reisen. Ich bin unterwegs, um Spenden zu sammeln für die verschiedenen Naturschutz- und Aufklärungsprojekte des Jane-Goodall-Instituts und um möglichst vielen Menschen eine Botschaft zu übermitteln, die ich für ungemein wichtig halte. Eine Botschaft, die das Wesen von uns Menschen und unsere Beziehungen zu den anderen Tieren betrifft, mit denen wir uns diesen Planeten teilen. Und eine Botschaft der Hoffnung - der Hoffnung auf eine Zukunft des Lebens auf unserer Erde. Diese Reisen sind sehr anstrengend. Vor kurzem habe ich zum Beispiel während einer von vielen ähnlichen Reisen in sieben Wochen 27 Städte in Nordamerika besucht, habe insgesamt 32mal ein Flugzeug bestiegen und wieder verlassen (an Bord habe ich stets versucht, die Berge von Papier aufzuarbeiten, die sich immer höher häuften) und 71 Vorträge gehalten, bei denen ich 32 500 Menschen direkt ansprechen konnte. Außerdem habe ich 170 Interviews gegeben und an zahllosen geschäftlichen Treffen, Arbeitsessen und Diners teilgenommen - selbst das Frühstück war oft mit eingeplant. Mein Terminplan ist auf allen Vortragsreisen ähnlich gedrängt.

Eine Sache mindert immer meine Freude daran, auf meinen Reisen neuen Menschen zu begegnen. Ich leide an einer peinlichen, auf kuriose Weise demütigenden neurologischen Störung namens Prosopagnosia, das heißt, ich habe Schwierigkeiten, Gesichter wiederzuerkennen. Ich hatte immer gedacht, das liege an einer gewissen geistigen Trägheit, und mich verzweifelt bemüht, mir die Gesichter der Leute einzuprägen, die ich kennenlernte, damit ich sie am nächsten Tag wiedererkennen konnte. Keine Probleme machten mir Menschen mit offensichtlichen physischen Merkmalen - einer ungewöhnlichen Gesichtsform, einer Adlernase, außerordentlicher Schönheit oder Häßlichkeit. In allen anderen Fällen jedoch versagte ich kläglich. Manchmal merkte ich, daß es die Leute verstimmte, wenn ich sie nicht sofort erkannte - mich verstimmte es allemal. Und da es mir so peinlich war, behielt ich es für mich.

Mehr oder weniger durch Zufall stellte sich vor kurzem bei einem Gespräch mit einem Freund heraus, daß er unter dem gleichen Problem leidet. Ich konnte es kaum glauben. Dann erfuhr ich, daß meine Schwester Judy diese Schwäche ebenfalls kannte. Vielleicht erging es auch anderen so. Ich schrieb an den bekannten Neurologen Dr. Oliver Sacks. Ob er je von einer so seltsamen Störung gehört hätte? Er hatte nicht nur davon gehört - auch er litt darunter! Was in seiner Situation viel schlimmer war als bei mir. Er schickte mir eine Schrift mit dem Titel »Entwicklungsbedingte Gedächtnisstörung: Gesichter und Muster« von Christine Temple.

Selbst seit ich weiß, daß ich keine Schuldgefühle zu haben brauche, ist es trotzdem noch schwer, damit fertig zu werden - ich kann ja nicht herumspazieren und allen Leuten, die ich kennenlerne, sagen, daß ich bei der nächsten Begegnung wahrscheinlich keine Ahnung habe, wer sie sind! Oder vielleicht doch? Es ist demütigend, denn die meisten Leute glauben einfach, ich hätte nur eine raffinierte Ausrede dafür gefunden, daß ich sie nicht wiedererkenne, sie mir also letztendlich völlig gleichgültig sind - und schon sind sie verletzt. Ich muß irgendwie mit dem Problem zurechtkommen - normalerweise tue ich also so, als würde ich alle und jeden kennen! Obwohl auch das Peinlichkeiten mit sich bringt, ist es längst nicht so schlimm wie andersherum.

Die Leute (ob ich sie erkenne oder nicht!) fragen mich immer, wo ich all die Energie zu meiner Arbeit hernehme. Sie sagen auch, ich würde so friedvoll wirken. Wie ich bloß so friedvoll sein könnte, fragen sie. Ob ich meditieren würde. Ob ich religiös wäre. Ob ich beten würde. Woher ich meine Energie hätte. Vor allem aber fragen sie, wie ich angesichts der ökologischen Zerstörungen und des menschlichen Elends, angesichts von Überbevölkerung und Überkonsum, angesichts von Umweltverschmutzung, Entwaldung, Versteppung, Armut und Hunger, Grausamkeit, Haß, Habgier, Gewalt und Krieg so optimistisch sein kann. Glaubt sie an das, was sie sagt? scheinen sie sich zu fragen. Was mag sie tief in ihrem Innern wirklich denken? Was ist ihre Lebensphilosophie? Aus welcher geheimnisvollen Quelle schöpft sie ihren Optimismus, ihre Hoffnung?

Diese Fragen sind der einzige Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe, denn die Antworten darauf könnten nützlich sein. Es hat viel Selbstbesinnung erfordert, hat Abschnitte meines Lebens wiedererweckt, an die ich eigentlich nicht erinnert werden wollte, und mir viel Schmerz bereitet. Aber ich habe mich bemüht, aufrichtig zu schreiben - warum hätte ich sonst überhaupt ans Werk gehen sollen? Wenn Sie, lieber Leser und liebe Leserin, meinen persönlichen Betrachtungen, meiner Überzeugung auch nur irgend etwas abgewinnen können, das Ihnen auf Ihrem eigenen Weg weiterhilft, dann ist meine...

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