Das Buch der Hoffnung

 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. November 2021
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27199-2 (ISBN)
 
Wie können wir in schweren Zeiten Hoffnung schöpfen?Jane Goodall ist die Pionierin der Natur- und Verhaltensforschung und seit Jahrzehnten leidenschaftliche Botschafterin des Artenschutzes. In ihren Zwanzigern ging sie in die Gombe-Wälder Tansanias, um die dort lebenden Schimpansen zu studieren; heute ist sie zur Ikone einer neuen, jungen Generation von Klimaaktivist:innen geworden. In »Das Buch der Hoffnung« schöpft sie aus der Weisheit ihres ganzen, unermüdlich der Natur gewidmeten Lebens, um uns zu lehren, wie wir auch im Angesicht von Pandemien, Kriegen und drohenden Umweltkatastrophen Zuversicht finden. Mit ihrem Co-Autor Douglas Abrams spricht Jane über ihre Reisen, ihre Forschungen und ihren Aktivismus und ermöglicht uns so ein neues Verständnis der Krisen, mit denen wir aktuell konfrontiert sind. Gemeinsam skizzieren Jane und Doug den einzig möglichen Weg in die Zukunft - indem wir die Hoffnung wieder in unsere Leben einziehen lassen.Denn es gibt sie, die Hoffnung, auch wenn sie uns manchmal unerreichbar scheint. Finden können wir sie in der Natur - und in unserer eigenen Widerstandskraft.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 57
  • |
  • 57 s/w Abbildungen
  • 14,84 MB
978-3-641-27199-2 (9783641271992)
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Jane Goodall, geboren 1934 in England, reiste 1957 nach Afrika und arbeitete als Verhaltensforscherin im Gombe-Nationalpark, Tansania. Parallel hierzu studierte sie Ethnologie. Ihr Studium schloss sie 1965 in Cambridge mit der Doktorwürde ab. Jane Goodall war an mehreren Forschungsprojekten beteiligt, ist Inhaberin berühmter Lehrstühle und erhielt viele Preise und Orden, darunter die Auszeichnung Dame »CBE« (»Commander of the British Empire«) und die »Medaille der National Geographic Society«. Sie hat Bücher über Verhaltensforschung und Kinderbücher geschrieben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Als Initiatorin von »Roots & Shoots«, einem Programm für den internationalen Umwelt- und Artenschutz, begeistert sie insbesondere Kinder und Jugendliche in zahlreichen Ländern für ein ökologisches Engagement.

Whisky und Swahili-Bohnensoße


Am Abend vor Beginn unserer Gespräche war ich nervös, denn es stand viel auf dem Spiel. Die Welt brauchte Hoffnung, und zwar dringender als je zuvor, wie mir schien. Seit ich Jane vor Monaten gebeten hatte, mit mir für ein neues Buch über ihre Gründe für Hoffnung zu sprechen, war mir dieses Thema nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Was ist Hoffnung eigentlich genau? Warum empfinden wir sie? Ist Hoffnung echt? Kann man Hoffnung nähren? Gibt es wirklich noch Hoffnung für unsere Art? Es war an mir, diese Fragen zu stellen, die uns alle umtreiben, wenn wir Not leiden und manchmal sogar daran zu verzweifeln drohen.

Jane Goodall ist ein Vorbild, eine international gefeierte Persönlichkeit, die seit Jahrzehnten als Botschafterin der Hoffnung durch die Welt reist. Ich wollte unbedingt wissen, warum sie mit Vertrauen in die Zukunft blickt, war aber genauso neugierig zu erfahren, wie sie es geschafft hatte, trotz der vielen Herausforderungen in ihrem Leben als Pionierin nie die Hoffnung zu verlieren.

Während ich nervös über meinen Fragen brütete, klingelte das Telefon.

»Möchtest du vorbeikommen, um mit mir und meiner Familie zu Abend zu essen?«, fragte Jane. Ich war gerade in Daressalam gelandet und willigte erfreut ein, gern würde ich mit ihr und ihrer Familie essen. Auf diese Weise würde ich nicht nur die Ikone Jane Goodall kennenlernen, sondern sie auch als Mutter und Großmutter erleben, mit ihr gemeinsam essen, also sozusagen »das Brot brechen«, und, wie ich vermutete, ein bisschen Whisky trinken.

Janes Haus ist nicht leicht zu finden, es gibt keine richtigen Hausnummern, es liegt am Ende einer verzweigten Staubpiste neben dem großen Anwesen von Julius Nyerere, dem ersten Präsidenten von Tansania. Ich fürchtete schon, mich zu verspäten, denn der Taxifahrer versuchte vergebens, in der mit Bäumen überwachsenen Gegend die richtige Zufahrt zu finden. Die rote Sonne stand bereits tief, und hier gab es keine Straßenbeleuchtung.

Als wir das Haus endlich entdeckten, begrüßte Jane mich mit einem herzlichen Lächeln und offenem, aufmerksamem Blick an der Tür. Ihr graues Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, in ihrem grünen Hemd mit Button-down-Kragen und Kakihose erinnerte sie ein wenig an einen Park Ranger. Auf ihrem Hemd prangte das Logo des Jane Goodall Institute (JGI) mit den dazugehörigen Symbolen, Janes Profil, ein Schimpanse auf allen vieren, ein Blatt für die Umwelt und eine Hand für die Menschen, die ebenfalls geschützt werden müssen, genau wie die Schimpansen.

Jane ist sechsundachtzig Jahre alt, aber auf unerklärliche Weise kaum gealtert seit ihrer Zeit in Gombe, damals, als sie das Titelbild des National Geographic Magazin zierte. Unwillkürlich fragte ich mich, ob Hoffnung und ein festes Lebensziel einen Menschen auf ewig jung halten können.

Was mich bei unserer Begegnung allerdings am meisten beeindruckte, war Janes Willensstärke. Sie strahlt einem aus ihren braunen Augen entgegen wie eine Naturgewalt. Mit diesem Willen war sie bereits damals um die halbe Welt gereist, um Tiere in Afrika zu erforschen, und er bleibt seit den letzten dreißig Jahren ungebrochen. Vor der Pandemie hielt Jane an mehr als dreihundert Tagen im Jahr Vorträge über die Risiken der Umweltzerstörung und den Verlust von Lebensräumen. Jetzt, endlich, beginnt die Welt, ihr zuzuhören.

Ich wusste, dass Jane am Abend gern Whisky trank, deswegen hatte ich ihr eine Flasche ihres Lieblingsgetränks mitgebracht, Green Label Johnnie Walker. Sie nahm das Geschenk höflich an, erklärte mir aber später, dass ich den günstigeren Red Label hätte kaufen und den Rest an ihre Organisation hätte spenden sollen.

In der Küche hatte Maria, ihre Schwiegertochter, bereits ein vegetarisches Gericht aus der tansanischen Küche vorbereitet: Kokosreis mit cremiger Swahili-Bohnensoße, Linsen und Erbsen mit einer Prise gemahlener Erdnüsse und mit Curry und Koriander gewürzt, dazu gab es blanchierten Spinat. Jane behauptet, Essen sei ihr egal, aber ich sehe das anders und kann versichern, dass mir bei diesem Gericht das Wasser im Munde zusammenlief.

Sie stellte meine kleine Aufmerksamkeit neben eine riesige Viereinhalbliterflasche Famous Grouse Whisky. Den hatten ihr die Enkelkinder geschenkt, in der großen Flasche sei er günstiger und werde sicher reichen, solange sie bei ihnen sei. Ihre Enkel wohnten ebenfalls in dem Haus in Daressalam, in das Jane nach der Hochzeit mit ihrem zweiten Mann gezogen war, obwohl sie sich damals noch überwiegend in Gombe und an ein, zwei anderen Orten in Tansania aufhielt.

Für sie gehört ein Gläschen Whisky zum Abendritual, bei dem sie entspannt und den sie, wenn möglich, mit Freunden genießt.

»Das hat alles angefangen«, erklärt sie, »weil Mum und ich abends immer ein >Tröpfchen< zusammen getrunken haben, wenn ich zu Hause war. Dieses Ritual setzten wir fort. Auch später hoben wir um Punkt sieben das Glas, egal in welchem Erdteil ich mich gerade befand.« Außerdem, erklärte Jane, sei ihre Stimme vom langen Reden oft sehr strapaziert, und sie habe festgestellt, dass Whisky ihre Stimmbänder straffe und sie so leichter durch den Vortrag komme. »Vier Opernsängerinnen und ein berühmter Rocksänger haben mir bestätigt, dass diese Methode auch bei ihnen funktioniert.«

Ich saß neben Jane an ihrem Tisch auf der Veranda, während ihre Familie um sie herum lachte und Geschichten erzählte. Im Kerzenlicht, umrankt von üppigen, dichten Bougainvilleen, kam ich mir fast vor wie unter einem Laubdach, mitten im Wald.

Im Kreis meiner Familie in Daressalam. Von links nach rechts: Enkel Merlin und sein Halbbruder Kik, der Sohn von Maria; mein Enkel Nick, Merlins Halbbruder; Enkeltochter Angel; mein Sohn Grub.
© Jane Goodall Institute/Mit freundlicher Genehmigung der Familie Goodall

Merlin, ihr ältester Enkel, war bei diesem Treffen fünfundzwanzig Jahre alt. Jahre zuvor, mit achtzehn, war er nach einer wilden Party mit Freunden in einen leeren Pool gesprungen und hatte sich den Halswirbel gebrochen. Dieses Erlebnis hatte ihn dazu bewogen, sein Leben zu verändern. Wie seine Schwester Angel vor ihm, beschloss auch er, das Lebenswerk seiner Großmutter im Tier- und Umweltschutz fortzusetzen.

Jane, die sanfte Matriarchin der Familie, saß an jenem Abend mit unverhohlenem Stolz an der Spitze der Tafel. Als sie sich die Fußknöchel mit Insektenschutzmittel einrieb, scherzte ihre Familie über den Umstand, dass Moskitos offenbar keine Vegetarier seien. »Nur die Weibchen saugen Blut«, erklärte Jane. »Die Männchen ernähren sich von Blütennektar.« Aus Sicht der Naturforscherin waren blutsaugende Moskitoweibchen nichts anderes als Mütter auf der Suche nach einer Mahlzeit, die sie ihrem Nachwuchs füttern konnten. Diese Einsicht änderte allerdings wenig an meiner Abscheu für diese Plagegeister.

Angel arbeitet bei Roots & Shoots, Merlin unterstützt uns beim Aufbau eines Bildungszentrums im Restbestand eines jahrtausendealten Urwalds in der Nähe von Daressalam.
© K15 Photos/Femina Hip

In einer Pause zwischen Unterhaltungen und Familiengeschichten ergriff ich die Gelegenheit, Jane die Fragen zu stellen, die mich umtrieben, seit wir beschlossen hatten, gemeinsam an einem Buch über die Hoffnung zu arbeiten.

Als gebürtiger New Yorker muss ich zugeben, dass ich der Hoffnung eher skeptisch gegenüberstand. Auf mich wirkte sie wie eine schwächliche Reaktion, ein passives Hinnehmen der Dinge im Sinne von »Hoffen wir das Beste«. Für mich gehörte sie ins Reich der Wunderheilung, der Fantasie. Eine aktive Leugnung der Tatsachen oder blinder Glaube an das Gute trotz der Faktenlage und bitteren Wirklichkeit des Lebens. Ich hatte Angst, der trügerischen falschen Hoffnung auf den Leim zu gehen. Die klar bessere Reaktion war für mich Angst oder sogar Zorn, die Bereitschaft, Alarm zu schlagen, besonders in Krisenzeiten wie jetzt.

Ich wollte wissen, wo der Unterschied lag zwischen Hoffnung und Optimismus, wollte erfahren, ob Jane je die Hoffnung verloren hatte und wie wir in finsteren Zeiten Hoffnung bewahren können. Doch das alles musste bis zum folgenden Morgen warten, denn es war bereits spät, und die Runde löste sich auf.

Ist Hoffnung real?

Als ich am folgenden Tag etwas weniger angespannt zurückkehrte, um mit unserer Unterhaltung über die Hoffnung zu beginnen, machten Jane und ich es uns auf ihren alten, stabilen Klappstühlen mit Holzgestell und Sitzen aus grünem Segeltuchstoff bequem, die schon auf ihrer Veranda auf uns warteten. Von dort aus blickten wir auf den grünen Garten, der dermaßen mit Bäumen überwachsen war, dass man den Indischen Ozean kaum sehen konnte. Tropische Vögel trällerten, kreischten, quäkten und riefen im Chor, zwei gerettete Hunde liefen herbei und rollten sich zu Janes Füßen zusammen, eine Katze miaute hinter der Fliegengittertür, als wollte sie sich an unserem Gespräch beteiligen. In diesem Moment erinnerte Jane mich an den heiligen Franz von Assisi, umgeben von Tieren, dessen Schutz sie sich verschrieben hatte.

»Was ist Hoffnung?«, fragte ich. »Wie würdest du sie definieren?«

»Hoffnung verleiht uns die Fähigkeit, trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen. Sie ist der Wunsch, dass etwas geschehen mag, aber wir müssen hart kämpfen, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht.« Jane grinste. »Zum Beispiel hoffen wir gerade, dass wir ein gutes Buch schreiben. Das wird aber nicht passieren, wenn wir uns nicht verdammt viel Mühe geben.«

Ich lächelte. »Ja, das ist sicherlich auch eine Hoffnung, die ich hege. Du hast...

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