Hola Chicas!

Auf dem Laufsteg meines Lebens
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. März 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10383-5 (ISBN)
 
Hoch, höher, High Heels - Deutschlands bekanntester Kubaner erzählt

Das kleine Wort »Chicas« genügt - und sofort denken alle an Jorge González, den schillernden und temperamentvollen Topmodel-Trainer. Wer ist dieser Mann, der die Herzen von Millionen im Sturm eroberte und überall für Aufsehen sorgt? Lange glatte Haare, 20-Zentimeter-Absätze, schlagfertiges Auftreten. Seine Sprüche, sein charmanter Latino-Akzent und sein breites Lachen sind legendär. Wie ein Salsa-Tänzer bewegt sich Jorge durchs Leben - kaum zu glauben, dass sein Weg in die große Glitzerwelt weit war und er sich mehr als einmal durchbeißen musste. Davon erzählt er hier zum ersten Mal. Und davon, wie er es geschafft hat, der zu werden, der er ist.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 8,38 MB
978-3-641-10383-5 (9783641103835)
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Rhythmus im Blut

In meiner Familie begann der Tag mit einem Tanz. Sobald der Wecker um sechs Uhr morgens klingelte, stellte meine Mutter das Radio an. Jeden Morgen. Danach weckte sie meine Geschwister und mich. Während sie das Frühstück für die Familie zubereitete, summte sie leise zur Musik.

Ich wurde erst richtig wach, wenn das Aroma des starken kubanischen Kaffees unser Haus erfüllte. Meist blieb ich noch eine Weile im Bett und beobachtete durch die offene Tür meines Zimmers, was in der Küche vor sich ging: Während meine Mutter am Herd hantierte, bewegte sie ganz sanft ihre Hüften zur Musik aus dem Radio. Ein Bolero, der Lieblingstanz meines Vaters, denn dabei konnte er ganz langsam und eng mit seiner Frau tanzen. Er kam sofort in die Küche, umarmte meine Mutter von hinten und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Ach, lass mich in Ruhe«, rief Mama lachend und fing dann doch an, mit ihm zu tanzen. Um sechs Uhr morgens.

Bei uns zu Hause wurde immer viel gelacht und gescherzt. Denn die Mentalität der Kubaner ist lebendig, warm, laut und voller Humor. Auch heute noch gibt es für mich nichts Schöneres als Menschen, die glücklich sind und lachen.

Meine Mutter, eine wunderschöne, liebevolle, hilfsbereite, geduldige und diplomatische Frau, hatte ein extra großes Herz und sah in jedem Menschen nur das Gute. Verwandte, Freunde, Nachbarn, alle liebten meine Mutter. Mein Vater war eine Respektsperson und ein Gentleman, vor allem meiner Mutter gegenüber. Sie war für ihn seine Blume, die tollste Chica überhaupt. Auf den Fotos, die meine Mutter als junges Mädchen zeigen, trägt sie meistens einen Bleistiftrock und Stöckelschuhe im Stil der Fünfzigerjahre, eine langärmelige weiße Bluse mit zarten Biesen, eine Hochsteckfrisur und eine Orchidee im Haar.

Sie war Floristin und liebte Blumen sehr. Mit ihren geschickten Händen konnte sie auch wunderschöne filigrane Blumengestecke aus Papier zaubern. Als Kinder waren meine Geschwister und ich verrückt nach ihren fantasievoll verpackten Geschenken und den schönen Kleidungsstücken, die sie uns nähte. Mein Vater, ein großer, starker Mann, war Lkw-Fahrer und transportierte mit seinem Laster das Zuckerrohr von der Plantage in die Zuckerfabrik von Jatibonico. Frühmorgens ging er zur Arbeit und kehrte erst spätabends zurück. Aber er kam fast jeden Mittag zum Essen nach Hause.

Zu Hause, das war ein kleine Stadt in Mittelkuba namens Jatibonico (sprich: »Hatiboniko«), die mir immer wie ein Dorf vorkam, weil jeder jeden kannte. Geboren wurde ich 1967 in Cabaiguán (sprich: »Kaweigwan«), aber aufgewachsen bin ich in Jatibonico, wo sich der ingenio azucarero, eine der erfolgreichsten Zuckerfabriken Kubas, befindet. Wenn man von Havanna kommt und über die Stahlbrücke am Ortseingang fährt, sieht man auch heute noch als Erstes die zwei großen Türme dieser Fabrik. Die carretera central, die Landstraße, führt direkt durch Jatibonico. Links und rechts davon reihen sich Wohnhäuser aneinander, und auf den Gehwegen stehen große Flammenbäume, an deren Ästen kleine grüne Blättchen und leuchtend rote Blüten hängen. Sie spendeten uns Kindern beim Spielen auf der Straße Schatten.

Meine Eltern, meine neun Jahre ältere Schwester Olga und mein fünf Jahre älterer Bruder Luis Miguel und ich wohnten ein Stück von der Hauptstraße entfernt in einem einfachen Holzhaus mit einem Ziegeldach. Drinnen gab es eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und zwei Kinderzimmer, eins für meinen Bruder und mich und eins für meine Schwester. Das Badezimmer befand sich außerhalb in einem extra Häuschen. Um das Haus lief eine Veranda, von der aus man in den wunderschönen kleinen Blumengarten meiner Mutter gelangte, in dem Rosen, Mariposas, Orchideen, Oleander und Amaryllis wuchsen. Mariposas, auch Schmetterlingsjasmin genannt, und Orchideen waren Mamas Lieblingsblumen, die sie sich immer ins Haar steckte.

Direkt hinter dem Haus befand sich eine kleine Plantage mit vielen Bananenpalmen und ein paar Mango- und Papayabäumen. Vom Fenster meines Zimmers aus konnte ich eine Banane pflücken oder die kleinen Papageien füttern, die dort herumflatterten. Wenn ich etwas Leckeres für sie hatte, setzten sie sich sogar auf den Fenstersims. Dieses Leben mitten in der Natur war traumhaft schön - überall wuchsen exotische Früchte, duftende Blumen und palmas reales, die kubanischen Königspalmen. Heute würde ich sagen, dass wir ökologisch lebten, denn der Garten und die kleine Plantage waren unser Supermarkt. Wir hielten Hühner, Enten und sogar Brieftauben, um die sich mein Bruder kümmerte.

Unser Familienleben war sehr harmonisch, und es bestand ein starker Zusammenhalt nicht nur zwischen uns Kindern und den Eltern, sondern auch innerhalb der ganzen Verwandtschaft. Wir waren eine richtige Großfamilie: Mein Vater hatte vierzehn und meine Mutter zehn Geschwister. Das bedeutet, dass ich vierundzwanzig Tanten und Onkel und fast einhundert Cousins und Cousinen habe. Jeden Sonntag traf man sich zum Mittagessen im Haus meiner Großmutter, denn mein Großvater saß im Rollstuhl. Manchmal kamen dreißig, vierzig Verwandte zusammen. Die Frauen standen in der Küche, kochten, plauderten und sangen, während die Männer im Schatten auf der Veranda saßen und Domino spielten.

Am Nachmittag gingen die Chicas dann zu uns nach Hause - wir wohnten nicht weit entfernt von meinen Großeltern -, um einen alten spanischen Film oder einen Hollywoodstreifen im Fernsehen anzuschauen. Die Männer hielten in der Zwischenzeit Siesta oder spielten wieder Domino. Am späten Nachmittag trafen sich dann alle zu einem Spaziergang im Park. Jeden Sonntag durfte ein anderes Enkelkind den Rollstuhl unseres Großvaters schieben. Das war immer der größte Spaß, denn unser Opa erzählte dabei spannende Geschichten: wie das Dorf früher aussah, was in der Zuckerfabrik alles passierte und wie die Menschen damals lebten. Schließlich gab es noch Abendessen mit der ganzen Familie, und danach wurde, bis alle nach Hause gingen, Domino gespielt und getanzt.

Auch bei meinen Großeltern lief den ganzen Tag das Radio. Während die Frauen in der Küche beim Kochen Musik hörten, kam immer wieder mal mein Vater rein, schnappte sich meine Mutter, um mit ihr zwischen den dampfenden Töpfen ein paar Runden Bolero zu drehen. Meine Mutter sagte dann meistens zu ihm: »Komm, Gude« - die Kurzform von Gudelio -, »wir tanzen jetzt einen ladrillito.« Bei diesem Tanz durfte das Paar die Fliese, auf der es stand, nicht verlassen. Man konnte das sinnliche Knistern zwischen meinen Eltern in der ganzen Küche spüren: Diese zwei Menschen, die da eng umschlungen auf der Stelle tanzten, waren nur noch eine Bewegung, eine Drehung, ein Hüftschwung.

Währenddessen machten meine Tanten und Onkel so ihre Späße. Hatte etwa eine Tante zu viel Salz in die salsa getan, kommentierte eine andere das sofort: »Sag mal, mi corazón, mein Schatz, die Soße ist ja total versalzen. Bist du in deinem Alter etwa noch verliebt?«

Ein Onkel, der Ehemann der Tante, die zu viel Salz verwendet hatte, setzte dann noch einen drauf: »Natürlich ist sie verliebt. Schau doch mal, was für eine Schönheit ich bin.« Während er das sagte, hatte er nur Augen für ihren großen Popo.

Diese sinnliche, lockere Lebensart und all die Scherze zwischen Mann und Frau bekamen wir Kinder von klein auf mit. Sexualität und Erotik waren für uns etwas Normales. Mit dieser Mentalität, der Lust am Flirten, der liebevollen Sinnlichkeit und diesem Humor bin ich aufgewachsen. Als ich vier war, hatte ich meine erste Erektion, mitten im Wohnzimmer und vor den Augen der ganzen Familie - vor meinen Eltern, Großeltern, Geschwistern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Natürlich wusste ich damals nicht, was das war. Ich zog einfach meine Hose runter, schaute zu meiner Mutter und sagte: »Mama, Pipi.« Ich habe nicht kapiert, was da grade passierte und dass ich gar nicht aufs Klo musste. Aber wie soll man das einem kleinen Kind erklären? Meine Eltern und Verwandten blieben ganz locker, lachten und bewunderten den kleinen Jorge, wie er da unten ohne stand.

In dieser positiven und vertrauensvollen Atmosphäre meiner Familie fühlte ich mich geborgen und behütet. Mein Elternhaus war erfüllt von Liebe - und diese Liebe, das Lachen und das Tanzen haben mir Halt gegeben und mich für mein ganzes Leben geprägt.

Tanzen ist ganz wichtig in Kuba. Die Kinder bekommen den Rhythmus schon im Bauch der Mutter mit. Als Kubaner tanzt man ständig. Die Musik, der Rhythmus, die Bewegung, das alles liegt einem einfach im Blut. Ich wollte immer auf die Bühne, um zu tanzen, und habe schon als Zweijähriger zusammen mit meiner Familie auf dem Karneval die Hüften geschwungen.

Karneval in Kuba, das ist wie eine Miniausgabe vom berühmten Karneval in Rio: temperamentvoll, sexy, farbenfroh, schillernd und laut. Die comparsa, die Karnevalstruppe, zieht singend, tanzend und trommelnd durch die Straßen und präsentiert dabei eine Choreografie in wunderschönen bunten, glitzernden Kostümen. Alle sind auf den Beinen. Mütter tanzen mit ihren Babys im Arm oder schieben im Rhythmus der Trommeln die Kinderwagen, ein paar Chicas tanzen in einer Formation, Männer stehen am Straßenrand und machen ihnen schöne Augen . Und mittendrin der kleine Jorge, der mit dem Popo wackelnd hinter den carrozzas, den Karnevalswagen, herlief und den Leuten am Straßenrand oder auf den Balkonen der Häuser zuwinkte.

Als Kind habe ich an allen Veranstaltungen unseres Kulturhauses teilgenommen, nur um auf der Bühne Salsa tanzen zu können, und beherrschte...

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