Denk an Famagusta

 
 
Matthes & Seitz Berlin (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. September 2016
  • |
  • 500 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95757-296-7 (ISBN)
 
Im Mittelpunkt dieses unerschöpflichen und unbeschreiblichen Romans steht die Stadt Baku. Beginnend in den 70 er Jahren und durchwirkt von autobiografischen Elementen, knüpft Goldstein um diese faszinierende Stadt am Kaspischen Meer ein uferloses Netz an Geschichten, das sich bis hin zu seinen Erfahrungen als Immigrant in Israel zu Beginn dieses Jahrtausends spannt. Er erzählt das jüdische Schicksal in der Levante und in Europa sowie die Verflechtung von Juden, Muslimen und Christen, die mal friedlich Seite an Seite leben, mal sich in Raub- und Mordorgien rauschhaft bekämpfen. Abenteurer, Dichter, Mönche, Mörder, Stierkämpfer, Gladiatoren, Frauen, Freundinnen und Flittchen bilden ein grandioses arabeskes Mosaik, das den Leser schon nach wenigen Seiten in seinen Bann des höchst eigenwilligen, sprachmächtigen und hypnotischen Tons aus Pathos, Sarkasmus, Hymne und nüchternem Bericht zieht. Denk an Famagusta ist das literarische Großwerk eines der bedeutendsten Autoren der postsowjetischen Moderne, ein Werk, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht, und in das die Gedächtnisfülle Europas und der Levante in bisher unbekannter Weise eingewoben sind.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 0,86 MB
978-3-95757-296-7 (9783957572967)
3957572967 (3957572967)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Alexander Goldstein, 1957 in Tallinn geboren, wuchs in Baku auf. In den 1990er Jahren emigrierte der Literaturwissenschaftler nach Israel, wo er als Journalist für verschiedene russisch-sprachige Zeitungen arbeitete. Für seine Romane wurde er von der Kritik hochgelobt. 2006 starb er in Tel Aviv.
  • Inhalt
  • Ja, ein Zeichen .
  • Intro
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  • Anmerkungen
  • Nachwort von Irina Prochorowa
  • Das Phänomen Alexander Goldstein: Porträt eines Schriftstellers an den Bruchstellen des Imperiums
  • Dank
  • Biografien
  • Impressum

2


Er ging hinaus in den gelben Garten. Die geschwollenen Glieder, die schwere Schlaffheit, alles wie geronnen in der winterlichen Karwoche - es war vorbei, verschwunden, jemand hatte eine Zange genommen und den Stöpsel gezogen. Die Gräser waren erwacht und wehten ihm entgegen. Lächelnd hob er den mit Spucke benetzten Finger, die Windrichtung festzustellen. Literarische Geste französisch anrührender Romane, oh: silbriges Gleiten von Pirogen auf dem Fluss, feuchtes Moos, die Begegnung mit dem Tier im Morgengrauen; blaue Rauchfäden über Wigwams - rückwärts rieselnd der Sand im doppelt bauchigen Kolben, was macht, dass die Zeit rückwärts rinnt, der Specht, Metronom der Wälder, ins Stocken geraten, konnte gerade noch sein »weg vom Weg« hämmern - ein Pfeil, der den Stamm durch die Rinde hindurch trifft, wütend, aufgebracht, weil es danebenging, brauner Staub setzt sich auf die Nadeln. Könnte er mit Worten fragen, auf welcher Seite sich der Wind zusammenbraut, hätte der geantwortet - im Osten und Süden, im Nordwesten, ist nicht entschieden. Das Maultier schmatzt apathisch vor dem Wagen, der Fuhrmann flucht vor sich hin, dicke Spritzer von Hufen und Rädern, wie sauber und frisch der Dreck von Hufen und Rädern fliegt. Eine trächtige Hündin schnupperte an den Stiefeln, rieb sich daran, man solle ihr das Fell hinterm Ohr kratzen, schon strotzten die Zitzen für den saugenden Nachwuchs. Oben hatte man die Klappe für die Lerche geöffnet, wer schreibt mit Tinte, mit klösterlicher Feder auf, ob das Vögelein zu dieser Stunde zu trällern begann; in fahler Höhe, unter der Kuppel des Himmelsauges, tränen Habichtsfilamente. Der Apfelbaum ist arglos reich geworden - an Säure, die den Mund zusammenzieht, danke, genug Geruch und Feuchte und Mühe der Wurzeln, er riss ein festes grünes Kügelchen ab, nicht größer als eine Walnuss, warf es hoch, kickte nach, lachte. Das Herz strahlte, befreit vom Schreiben, der Predigt nach Büchern. Das Lied war nicht in der Kehle zu halten, die Hymne für das Opfer spannte sich bis zum Habicht, bis zur Lerche. Die religiösen Klänge des Grabar, des Altarmenischen, lehrten die Vögel die alte Sprache des Blutvergießens - der schwächste von ihnen musste durch Krallen und Schnabel eines anderen zugrunde gehen, jedoch mit der Bedeutung, die das menschliche Wort ihnen auftrug, nicht wie in der Natur; das kunstlose Aschcharabar, die Umgangssprache, gab ihrer Jagd und ihrer Angst Kontur. Er war der frühere, der rührige, zwanzigjährige, frevlerische Edschmiadsiner Mönch, der den Ararat bestiegen hatte, - er hatte Lachgas gekostet, Versuchung probiert. Die armenisch-gregorianische Kirche untersagte den Aufstieg auf Berge, das Erklimmen von Gipfeln. Der Ararat führte im Schwarzbuch die Liste der Berge an. Einmal hatte er den Gehorsam verweigert, hatte sich den Weg gebahnt in den Äther, und die Kirche, die ihn liebte, verstieß ihn - um ihn enger zu binden: nur wer das Verbot übertrat, besitzt die Kraft des Tabus. Das verordnete Leiden - die Unbändigkeit des Lichts zu bemänteln, zu kürettieren das weiße unbetretne Land, die Kälteschauer der mit nichts zu vergleichenden Schneeprophezeiungen, vor denen die Orakelsprüche von Delphi klein wurden, - war umso feiner gesponnen, als es die Maske von Ehre und Nutzen trug, die der freiwilligen Sklaverei den Stachel nahm. Freiwillig, ja. Die schlauen Epitimien diktierten ja nicht, wie man die Erinnerung an den Aufstieg und besonders die an den Abstieg effektiv aus dem Gedächtnis verdrängt, womit man das Leben im Tal nach dem Höhenleuchten rechtfertigt. Als man ihm vorschlug, seine Schuld »durch das Wirken auf dem Felde« des Schreibens und der Pädagogik zu sühnen, freute ihn die Strafe, weil er gar nicht gehofft hatte, seiner Seele den durch den Aufstieg und vor allem durch die schändliche Rückkehr in die Niederungen geraubten Frieden zurückzugeben. Die Kirche strafte nicht, die Kirche traf eine Abmachung mit ihm, die beide nötig hatten, und er ließ sich in die monophysitische Schläue seines Richters und Verteidigers einspannen.

Er schrieb Erbauungsbüchlein, dann mit Leidenschaft einen Roman in der Sprache des Volkes, aus Beobachtungen wuchsen Abhandlungen zu Volksglauben und Alltag, Schullehrer zu sein, war wichtig, Lehrer fehlten. Er hatte Mitleid mit den Jungen in den abgetragenen Sachen, mit den dunklen Augenringen, den abgeknabberten Fingernägeln, in den Pausen zwischen Geschichte und Geografie, Französisch und Deutsch stellte er den Samowar auf, ohne die Bedienerin zu rufen, verteilte auf zwei großen Tellern Semmeln, Kringel, Süßigkeiten aus Rachat-Lukum, türkische kandierte Früchte, die auf dem Basar lautstark von einem sympathischen Mann verkauft wurden. Sogar die, die nicht nur wegen des Essens kamen, verbargen ihren Appetit weder vor noch während des Essens, und auch nicht die Mattigkeit danach; sich ihrer Aufmerksamkeit anpassend, die davon abhing, wie gefüllt der Bauch war, ließ er Arbeit und Spaß, Übung und Fabel aufeinander folgen. Die Jungen wurden erwachsener. Bei den Unwissenden zeigte sich unter der dörflichen Schale der bebende Muskel des »Ich«, die Gescheiten stürmten, von der Weisheit des Meisters angespornt, vorwärts. Eine Eigenart pflegte der Lehrer: in den Geografie-, Literatur- und den Weltgeschichtsstunden benannte er in seinen Darstellungen, als sei ihm die Zunge von einem Bann erstarrt, nie Berge als Berge, auch nicht die bedeutendsten, nicht einmal Felsen, Klippen, Erhebungen; die euphemistische Findigkeit, mit der er beispielsweise schilderte, wie die Elefanten des Karthagers, durch Beistand des Heiligen Geists vielleicht, über ein geheimnisvolles Etwas übergesetzt wurden (im Ernst, wie mögen die wärmeliebenden Ungeheuer das vereiste Gebirge erklommen haben), war unter Umständen mühsamer als der Übergang selbst, aber der Lehrer, der drei Viertel des Heeres in weiß der Kuckuck welchen höllischen, dem Wort nicht anvertrauten Felsspalten begrub, ging noch einen Schritt weiter im Krater des Verschweigens, der die Verbindung zwischen Charybdis und Scylla, das mythische Wort vom Tarpejischen Felsen, die sieben Hügel von Rom, ausnahmslos alle vom weißen Laken des Chomolungma bedeckten Sherpa verschlang, - auch für die Bergpredigt fand sich ein ersetzendes Wort. Den Jungen wurde vermittelt, dass das Festland sich nirgends hügelt, nirgends bäumt, sie sahen ihm diese Verschrobenheit nach, nur Wasgen, ein fähiger neuer Schüler aus einer Vorstadt von Erivan (nur die Stadt, wo soll die sein, hatte er gespöttelt, als er den Ortsnamen erwähnte), er hatte von der Eigenart des Lehrers noch nichts mitbekommen. Zu Mittag erhob sich der Knabe von der schartigen Bank: »Herr Lehrer, die Leute behaupten, unser armenischer Berg Ararat wäre ein Wunder an Großartigkeit unter dem Mond. Was meinen Sie dazu, Herr Lehrer?« Das weiche Antlitz Abowjans verdüsterte sich, wurde drohend; im nächsten Moment verdüsterte es der Schatten des Leidens. »Sprich für dich selbst«, brachte Chatschatur hervor, zerbrach mit unvermuteter Kraft den Zeigestock über dem Knie und verließ das kleine Schulgebäude im Sturzbach der Frühlingsstrahlen. Am folgenden Tag reichte er seinen Abschied ein, Fieber schüttelte ihn. Drei Tage fastete er und dachte nach. Am vierten Tag brach er das Fasten. Am Morgen des fünften erwachte seine Heiterkeit wieder. Und der Garten begrüßte ihn. Kurze Zeit später wurde Chatschatur Abowjan eine Audienz beim Bischof gewährt.

Die Kennzeichen der Macht sind dieselben; der Rektor von Dorpat hatte, wenn er kein Okular trug, auch diese sehr kurzsichtigen, stechenden, kleinen Augen, sie waren wie ein Fangnetz, ein Tranchiermesser: das Fischlein mit dem erstaunten, mit dem merkwürdig fischig atmenden Maul und dem nervösen Schwanz, festgehalten von einem weiteren Händepaar, quasi einem Hilfsinstrument, wir säubern es auf dem nassen Steintisch bei lebendigem Leibe von der schuppigen Hülle, säubern es von Kokolores, befreien das aufgeschnittene Bäuchlein von den Innereien, von schlierigem Schleim - und bitte sehr, schon ist es zum Kochen geeignet, Lorbeerblatt und Pfeffer nicht vergessen. Für den Greisenmagen waren die Tafeln der Vergangenheit jedoch ungeeignet. Der Bischof aß zu Klümpchen geronnenes Mazoni mit kleinem Silberlöffelchen aus einem Fayencenapf, wischte mit der Serviette die unansehnlichen Lippen (früher leuchteten sie rot aus dem Bart), vertilgte Ingwergebäck. Zwei riesige rotwangige Mönche standen starr am Tisch und hatten den wohlerzogenen Gepard auf dem Federkissen in der Ecke im Blick, die Augenlider des schlummernden Tiers bewegten sich hin und wieder, es seufzte im Traum. An derselben Stelle hatte vorher stolz eine ägyptische Kobra geraschelt; man goss ihr Milch auf ein Tellerchen, damit sie einen Tag lang besänftigt war, aber vor drei Wintern hatte der Bischof aus dem Magnesiumglanz ihrer Haut geschlossen, was in der Schlange vor sich ging und mit welchem Gedanken in der angeschwollenen Kapuze sie gereizt aufwachen würde, er befahl, die Kobra mittendurch zu hacken. Ob die herangezogene Katze lange leben würde oder ob man ihrer auf Fleischerart mit dem Beil Herr werden müsste, würde der Augenblick entscheiden: ein Zuruf, scharf wie ein Schuss, vom Schusswaffen verachtenden Bischof, und die beiden in Schwarz gehüllten Riesen, die heute vom strammen Wohlbehagen des Fleischs, das den kalten Stahl an der Hüfte wärmt, rote Wangen haben, - ich denke,...

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