Eine ganze Welt

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-01009-1 (ISBN)
 

Eine Frau am Wendepunkt. Ein Geheimnis, das sie von allen trennt, die ihr wichtig sind. Und die Möglichkeit, mit viel Verständnis füreinander Brücken zu schlagen.
Surie Eckstein erfüllt ihr Leben als Oberhaupt einer Großfamilie. Sie erwartet gerade ihr erstes Urenkelkind, als eine Katastrophe eintritt - oder ist es ein Gottesgeschenk? Mit 57 Jahren ist sie noch einmal schwanger - mit Zwillingen! Plötzlich fühlt sich Surie, in der chassidischen Gemeinde von Brooklyn hochangesehen und ständig von Menschen umgeben, völlig allein. Nicht einmal Yidel, der nicht nur ihre große Liebe, sondern auch ihr bester Freund ist, wagt sie sich anzuvertrauen, so groß ist ihre Scham. Denn was sollen bloß die Leute denken? Zum ersten Mal stellt Surie die starren Regeln infrage, die ihr ganzes Leben geprägt haben.
"Ein Buch voller Weisheit, über die Differenz zwischen dem Leben, wie es sein sollte und wie es ist." Amy Bloom
"Eine lebenserfahrene ältere Frau in einem jugendlichen Dilemma. Ein Roman, so schön wie überraschend." Claire Messud
"Goldie Goldbloom zeigt, wie schwierig es ist, sich selbst zu akzeptieren, sich selbst wirklich zu kennen." Audrey Niffenegger

  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,98 MB
978-3-455-01009-1 (9783455010091)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Goldie Goldbloom, geboren 1964 in Perth, Australien, wurde für ihren ersten Roman The Paperbark Shoe mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman Eine ganze Welt war in den USA ein großer Erfolg und erscheint in zahlreichen Sprachen. Goldbloom lebt als Chassidin in Chicago und hat acht Kinder.

1


Nach dem Termin saß Surie an der Haltestelle des Bikur-cholim-Busses, starrte auf den Strom von Menschen, die in das Krankenhaus in Manhattan gingen oder es verließen, und versuchte, nicht zu weinen. Es war später Freitagnachmittag, der Tag nach der katastrophalen Hochzeit ihrer Tochter. Menschen in Laborkitteln, schlanke Sekretärinnen mit Aktenmappen, Mütter in Leggings und durchsichtigen Oberteilen mit Pferdeschwänzen, die über ihren Rücken schwangen - sie alle eilten ihrem Wochenende entgegen. Auf der anderen Straßenseite stand sogar ein junger chassidischer Mann, der aussah wie ihr Sohn Lipa, und starrte sie unverhohlen an. So viel zur Privatsphäre! Hinter ihm ragte das Krankenhaus auf, ein Turm aus Glas und Stahl, und roch auch noch aus der Entfernung nach Desinfektionsmittel.

»Sie hören Unterm Strich.« Ein Taxi, aus dem lautstark Nachrichten plärrten, hielt vor ihr und blockierte die Sicht auf den jungen Mann. Sie hörte nie Radio. Die Ansager sprachen Englisch und noch dazu viel zu schnell, als dass sie hätte folgen können. Aus unerfindlichem Grund bewahrte ihr Mann Yidel ein kaputtes Radio aus den fünfziger Jahren im Keller auf, schraubte es hin und wieder auf und bastelte an den Röhren herum.

Yidel liebte Wortspiele und Rätsel und die alten Witze auf dem Einwickelpapier der Süßigkeiten, die die Kinder gern aßen. Abends sang er unter der Dusche, bevor er ins Bett ging, obwohl chassidische Männer im Bad möglichst keinen Laut von sich geben. Ein Regelverstoß, aber ein kleiner. Er liebte es, Feuer im Hinterhof zu machen und morsche Äste in die Flammen zu werfen. Er liebte es, die Kontrolle zu übernehmen, Lösungen zu finden, das Richtige zu tun. Das konnte ein bisschen nervig sein, war aber insgesamt nicht schlecht. Er liebte es, im Kreis seiner ganzen Familie auf dem Bett zu sitzen und im Halbdunkel Geschichten zu erzählen. Er hatte alle seine Söhne geliebt. Alle. Und obwohl sie eine verbrauchte, siebenundfünfzigjährige Frau war, hatte er nicht aufgehört, auch sie zu lieben. Aber würde er sie noch lieben, nachdem er es erfahren hätte? Oder würde etwas in ihm zuschnappen wie eine Mausefalle?

Sie kramte in ihrer Tasche nach ihrem Gebetbuch. Während der letzten vier Jahre hatte ihr Mund die Worte der Psalmen sagen müssen, wie andere Münder Kaugummi kauen müssen. Doch da war kein Buch. In ihrer Tasche war nichts außer einer Brille mit grüner Fassung, ein Merkblatt zu Schwangerschaften, ein Zettel mit dem nächsten Krankenhaustermin, denn offensichtlich war dieses Mal eine Hausgeburt keine Option, eine Dose mit Schwangerschaftsvitaminen und eine Gratiswegwerfwindel. Zuvor waren jedes Mal Freudenbläschen in ihr hochgesprudelt, nach Baby duftendes Seltzer des Glücks. Sie hatte jedes ihrer Kinder so sehr gewollt, dass es an Wahnsinn grenzte, sobald sie wusste, dass sie schwanger war. Aber jetzt war es anders. Sie war zu alt. Einen Arzttermin für den Tag nach der Hochzeit zu vereinbaren, war eine Einladung an den bösen Blick gewesen!

Gestern Nacht war Yidel, der ärgerlich gutgelaunte Yidel, blind gewesen für alle Enttäuschungen der Hochzeit. »Es ist so schön, die ganze Familie herausgeputzt an einem Ort zu sehen«, hatte er hinten im Taxi auf der Heimfahrt vom Hochzeitssaal gesagt. »So ein gutaussehender Haufen! So ein Nachess!«

»Die Mutter des Bräutigams«, erwiderte Surie aufgebracht, »hat eine Perücke ohne Kopftuch getragen. Warum haben wir nicht gewusst, dass sie so eine Frau ist? Dass sie so eine Familie sind?« Es war nach drei Uhr morgens. Ihre unschuldige Tochter war irgendwo mit einem Jungen, der sich die Schläfenlocken schnitt, einem Jungen, der zu seiner eigenen Hochzeit eine lange Hose trug statt der würdevollen dreiviertellangen Hose und schwarze Socken statt weißer Kniestrümpfe. Sein billiger Schtrajml - gefärbte Eichkätzchenschwänze wahrscheinlich! - saß ihm auf dem Hinterkopf, als wollte er ihn nie wieder tragen, und tropfte vor Modernität. Alle im Kaboless-ponim-Saal hatten gesehen, wie dieses Spektakel auf ihr wunderschönes Kind zuging, und die Nase gerümpft. Suries Freundinnen hatten ihr verstohlen Blicke zugeworfen, um zu sehen, wie die ehemalige Königin ihres Kreises diese proletenhafte Partie für ihre Tochter verkraftete. Zehn Minuten nach Beginn des Tanzens hatte sogar ihre beste Freundin etwas gemurmelt, das Surie nicht verstanden hatte, und war davongeschlichen. Egal. Sie kannte den wahren Grund.

Als das Gesicht der Braut wie üblich feierlich verschleiert wurde, grinste der Junge ihre Tochter ohne jeglichen Anstand an. Nach der Chupe hatte er die Hand seiner Frau nicht schüchtern gehalten, er hatte sie vergnügt schmunzelnd an sich gerissen. Das Gesicht ihr Tochter war puterrot angelaufen, Suries ebenfalls. Und die Gesichter ihrer Freundinnen. Wer wusste, was in ihrem Hotelzimmer vor sich ging? Sie wollte die Augen schließen und sie lange, lange Zeit nicht mehr öffnen.

Yidel tätschelte den Ärmel ihres perlenbesetzten schwarzen Gewands. »Unsere Tochter ist zweiundzwanzig«, sagte er. »Sie war fast schon eine alte Jungfer. Wir sollten dankbar sein. Und es sind nette Leute. Wirklich. Der Junge hat einen guten Job und verkauft Elektronik.«

»Du hast es gewusst?«

»Wir sind keine perfekte Familie mehr, Surie. Die Leute reden.«

»Was?«, fragte sie. Ihr war heiß, sie war durcheinander, ihr gepudertes Gesicht wurde zum zwanzigsten Mal in dieser Nacht rot. »Worüber reden sie?« Aber natürlich wusste sie es. Hinter vorgehaltener Hand klatschte die Gemeinde über Lipa, ihr sechstes Kind, das vier Jahre zuvor gestorben war. Infolgedessen musste sich ihre kleine Perle, ihr siebtes Kind, mit einem Mann und einer neuen Familie weit unter ihrem Stand zufriedengeben oder riskieren, unverheiratet zu bleiben.

 

Früher an diesem schrecklichen Freitag nach der Hochzeit - würde sie sich die Terminwahl jemals verzeihen? - hatte ihr die Hebamme eine Handvoll Broschüren gegeben und gesagt: »Nehmen Sie jeden Morgen und jeden Abend die Vitamine. Sie brauchen Folsäure.«

»Was ist Folsäure?«, hatte sie gefragt und die Sätze der Hebamme im Kopf, der noch immer voll von der Hochzeit war, langsam ins Jiddische übersetzt. »Was ist ein Neuralrohr?«

»Neuralrohrdefekt«, murmelte Surie auf Englisch, bevor sie ihre Tasche erneut öffnete und die Flasche auf den Asphalt stellte. Die Vitamine waren nicht koscher. Sie müsste sich Vitamine in einer Apotheke außerhalb der Gemeinde kaufen. Sie würden ihr Kopftuch anstarren, ihre Kleidung, über ihren Akzent kichern, aber zumindest würden sie keine Klatschgeschichten verbreiten.

Die Hebamme, Val, hatte Suries zehn Babys auf die Welt geholfen. Aber Val war kinderlos; trotz all ihres Geschicks konnte sie nicht wissen, wie es sich anfühlte. Sie konnte nicht wissen, wie es war, jahrelang an einen kleinen, fordernden Körper gebunden zu sein. Die Last zu spüren, jemanden am Leben zu erhalten. All die harten Jahre, sie großzuziehen, und wofür? Eine Hochzeit mit so einer zwielichtigen Erscheinung? Für so eine Schande und Peinlichkeit?

Und dann hatte die Hebamme plötzlich seltsam dreingeblickt. Ein blitzendes Licht wie die Sonne über dem dunklen Fluss, ein Glanz, aber nur kurz. Was hatte Val von Surie erwartet? Freudentränen? Lächeln? Surie war uralt. Von dem Augenblick an, als sie die ersten Anzeichen bemerkte, hatte sie zuinnerst gewusst, was sie bedeuteten. Trotz ihrer Scham hatte sie sich fast damit abgefunden, bis Val sagte, dass es Zwillinge seien. Zwillinge! Seit dem Brustkrebs waren ihre Armmuskeln so steif, dass sie morgens kaum ihre Strickjacke anziehen konnte. Wie sollte sie zwei Babys hochheben? Während Surie schluchzte, schaute die Hebamme weg und sagte etwas von Glukosestresstests und mehrfachgebärenden Frauen. Die Wörter waren ihr nicht bekannt. Im Jiddischen gab es keine Wörter für Neuralröhren und Stresstests und intime Stellen. Es gab kein jiddisches Wort für bitte, deswegen sagte sie es auf Englisch.

»Bitte«, bat sie niemanden. »Bitte.«

Die Hebamme neigte sich vor, wollte eine beruhigende Hand auflegen, doch sie spürte eine Kälte, eine Zurückweisung, noch bevor sie sie ausstreckte, und ratterte stattdessen Wörter über Suries ärgerlichen Körper herunter: Kondom. Interruptus. Rhythmus. Spirale. Die Pille. Sie sind für Ihre Fruchtbarkeit selbst verantwortlich. Val hatte vor langem schon Frieden geschlossen mit diesem okkulten Wissen. Sie war in einer gläubigen katholischen Familie aufgewachsen, hatte ihren Glauben jedoch vierzig Jahre zuvor zurückgelassen, als sie anfing, als Hebamme zu arbeiten. Glaube war keine Entschuldigung für Unwissen. Das war ihr einziger fester Glaube.

Surie war ihre eigene Fruchtbarkeit nicht fremd. Jeden Morgen kontrollierte sie ihre Menstruationstabelle, obwohl sie seit über zehn Jahren nicht mehr blutete. Sie war hocherfreut gewesen, als die Chemotherapie sie direkt in die Menopause katapultierte. Erst nach vielen krebsfreien Jahren wähnte sie sich auf der sicheren Seite und hörte auf, das Tamoxifen zu nehmen. Vielleicht hatte sich ihr Körper so sehr darüber gefreut, das Medikament los zu sein, dass er zurückgekehrt war zu was immer das Gegenteil von Menopause war? Vielleicht war sie deshalb schwanger geworden? Doch Val sagte, dass das Tamoxifen kein Verhütungsmittel war. Für Surie lag es auf der Hand, dass sich die Hebamme täuschte.

Val war älter als Surie. Obwohl sie dünn wie eine Bohnenstange war, schwabbelten Hautfalten unter ihrem Kinn. Sie redete, bis sich weiße Flecken in ihren Mundwinkeln bildeten, und dann entfernte sie den Speichel mit Fingerspitzen, die in blauen...

»Eine Entdeckung!«
 
»So ein Buch gab es noch nie, geschrieben aus dem Innersten einer Welt, die für die meisten Menschen verschlossen ist.«
 
»In ihrem Roman >Eine ganze Welt< erzählt Goldie Goldbloom [...] einfühlsam von verdrängtem Verlust und vom Leben in einer radikal anderen Gesellschaft«
 
»Ein hinreißendes Buch.«
 
»Goldie Goldbloom erzählt [eine] rührende Geschichte [...].«
 
»Ein sehr schönes und sehr zuversichtliches Buch mit einem wunden Punkt.«
 
»Goldie Goldbloom gibt einen tiefsinnigen Einblick in eine vollkommen andere Lebenswelt, mitten in der Metropole New York City.«
 
»Liebevoll und auch durchaus komisch zeichnet Goldie Goldbloom [...] ihr Herkunftsmilieu.«
 
»[Die Autorin] schöpft aus ihrem eigenen Leben, um diesen wirklich großartigen Roman zu schaffen.«
 
»Goldie Goldbloom [...] hat einen berührenden und intensiven Roman über eine starke Frau geschrieben.«

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

19,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen