Bürgenstock

Kriminalroman
 
 
Emons Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. November 2018
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96041-426-1 (ISBN)
 
Privatdetektiv Max von Wirth ermittelt rund um den Bürgenstock.

Der ehemalige Anwalt Max von Wirth erhält seinen ersten Fall als Privatdetektiv: Ein erfolgreicher Jurist hat Selbstmord begangen. So sieht es die Polizei. Doch die Eltern des Toten glauben nicht an diese Theorie. Ihr Sohn war glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder. Von Wirth begibt sich auf eine Spur, die ihn auf den Bürgenstock und ins Haus 'Papillon' führt. Was harmlos beginnt, entwickelt sich bald zu einer mörderischen Jagd nach der Wahrheit.
Auflage
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 2,89 MB
978-3-96041-426-1 (9783960414261)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Silvia Götschi, geboren 1958 in Stans, lebte und arbeitete viele Jahre im Kanton Schwyz. Von Jugend an widmet sie sich dem literarischen Schaffen und der Psychologie. Seit 1998 ist sie freischaffende Schriftstellerin und Mitarbeiterin in einer Werbeagentur. Sie hat drei Söhne und zwei Töchter und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Luzern.

EINS


Wenn er gewusst hätte, dass ihm heute ein solches Bild vor die Linse geriet, hätte er sich bequemere Kleidung angezogen. Max von Wirth hatte nicht die Absicht, seine Digitalkamera wegzulegen. Das hier war sein Job, auch wenn er ihm in diesem Moment ans Lebendige ging.

Potz Donner! Dieser Körper.

Der Ton fehlte. Das war ein Hardcore-Stummfilm. Ein Pornoproduzent hätte ihn nicht besser hingekriegt. Der Blick auf das Bett war optimal. Max zoomte das Bild näher. Seine Auftraggeberin würde nicht grosse Freude daran haben, wenn sie die Fotos zu sehen bekam. Die Frau hier war eine echte Konkurrenz. Nahm der Teufel wunder, wo ihr Mann diese aufgegabelt hatte. Fünftausend Franken winkten Max, wenn er sie in flagranti erwischte. Fünftausend Franken für eine Vorführung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. Keiner würde es ihm abnehmen, wenn er später davon erzählte.

Das Liebespaar im Hotelzimmer war seit einer halben Stunde so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass es ihn nicht bemerkte. Hinter Max' Rücken glitzerte der Vierwaldstättersee, am andern Ufer die Lichter von Stansstad und Kehrsiten. Und durch den Spalt der Vorhänge vor ihm glänzten schweissnasse Körper in wildem Ritt.

Seehotel Pilatus, zehn Uhr an diesem Dienstagabend. Sie hatten im Restaurant gegessen, ein aphrodisierendes Gourmet-Menü in Sternemanier, vom Koch am Tisch zubereitet. Max hatte ihnen gegenüber gesessen, allein mit einem Lamm-Entrecôte in Kräuter-Oliven-Kruste, allerdings in der Küche zubereitet. Das Essen war im Preis inbegriffen. «Bringen Sie mir den Beweis, dass mich mein Mann betrügt», hatte seine Klientin gesagt. Über die Höhe des Honorars diskutiere sie nicht, aber er könne sie selbst bestimmen. Max war viel zu anständig gewesen. Sein Zimmer lag neben dem des Ehebrechers, so hatte sie ihren ungetreuen Ehemann genannt. «Wenn er mit einer andern vögelt, so werde ich ihn von der Gehaltsliste streichen. Dann will ich die Scheidung und seinen Rauswurf aus meiner Firma.»

Max war über die Brüstung in Nachbars Balkon geklettert. Er war ein sportlicher Mann, besass genügend Kraft, um sich von einem zum andern Geländer zu hangeln. Er hatte sich versichert, dass er unbeobachtet blieb. Doch in dieser Jahreszeit und in der fortgeschrittenen Abendstunde schienen die Leute vor der Glotze zu hocken. Er erregte keine Aufmerksamkeit.

Sie war brünett, er kahlköpfig mit Brille, die er selbst beim Liebesakt trug. Max fragte sich, was sie an ihm fand. Zwischen ihnen lagen mindestens fünfzehn Jahre Altersunterschied. Es war das erste Mal, dass Max ihnen so nahe kam. Bislang hatte er sich damit begnügen müssen, dass sie einander küssten, wie zwei verliebte Backfische Händchen hielten oder verschmust spazieren gingen. «Das reicht mir nicht», hatte er zu hören bekommen. «Ich will Action.» Als hätte die Vorstellung ihren inneren Schmerz an die Grenzen bringen sollen. Er knipste im Sekundentakt. Der Alte brachte es doch tatsächlich mehrmals hintereinander.

Max hatte genug gesehen und Material gesammelt. Er würde mit gemischten Gefühlen seiner Klientin den USB-Stick aushändigen und wäre somit seinen Auftrag los. Er lechzte nicht danach, in fremde Zimmer zu sehen, und noch weniger, mit der Kamera auf Bilderjagd zu gehen, obwohl das nicht sein erster solcher Auftrag war.

Er kehrte über die Balkonbrüstung zurück in sein Zimmer. Die Szene nebenan hatte ihn aufgewühlt. Er wäre kein potenter Mann gewesen, hätte es ihm nichts ausgemacht. Er zog sich aus, stellte sich unter die Dusche und liess eiskaltes Wasser laufen. Es war ein Kälteschock, der seine Gedanken wieder ins Lot brachte.

Seit die Anwaltskanzlei, in der er gearbeitet hatte, geschlossen worden war und er eine eigene Detektei eröffnet hatte, fühlte er sich täglich tiefer sinken. Vielleicht hätte er eine neue Anstellung gefunden, wenn nicht zur fast gleichen Zeit sein Vater gestorben wäre. Dies hatte ihn an den Abgrund gebracht, an dem er noch immer zu stehen glaubte.

Max fühlte sich unglücklich. Er hatte zu seinem Vater eine gute Beziehung gepflegt. Selbst das Erbe hatte ihm nicht über diesen Verlust geholfen. Er hatte sich damit eine Wohnung in Hergiswil geleistet - ein kleines Trostpflaster, wie er fand. Sie lag am Sonnenhang in der Nähe der Matt. Er genoss einen wunderbaren Ausblick auf den See. Seine Arbeit als Detektiv erledigte er von zu Hause aus. In der Nachbarschaft wusste niemand, was er tat. Im Allgemeinen wurden in seinem Wohnquartier keine Fragen über die Herkunft der Bewohner gestellt. Die meisten seiner Nachbarn gehörten zu den Gutbetuchten, die in Hergiswil den Vorteil eines tiefen Steuerfusses genossen.

Max hatte sich trocken gerubbelt. Mit verwuselten Haaren stellte er sich vor den Spiegel und betrachtete sich von allen Seiten. Er fand, dass er ganz passabel aussah. Er war gross, hatte schwarze Haare, und seine Haut schimmerte braun, als wäre er andauernd an der Sonne. Seine Augen hatten jenes faszinierende Grün, das in seinen Träumen die Frauen reihenweise umkippen liess. Diesbezüglich besass er gute Gene, die er seiner Mutter Milagros von Wirth verdankte. Durch ihre Adern floss spanisches Blut.

Nachdem Max sich angezogen hatte, entschied er sich für einen Schlummertrunk an der Bar, bevor er nach Hause fuhr. Das Zimmer hatte er nur pro forma gebucht. Er würde morgen zurückkommen, um auszuchecken. Dann würde er wieder einmal über die Bücher gehen müssen. Nach dem Kauf der Wohnung, bei dem auch sein ganzes Erspartes draufgegangen war, musste er sich etwas einfallen lassen. Seine gelegentlichen Einsätze waren mit wenigen Ausnahmen nicht lukrativ.

Max kannte den «Pilatuskeller», ein Dancing, das auch Leute in seinem Alter anzog. Die Bar war legendär. Schon Max' Mutter war dort Stammgast gewesen, allerdings unter anderen Voraussetzungen als ihr Sohn. Sie hatte, wie sie einmal hatte durchblicken lassen, einfach gern getanzt. Max dagegen mochte das Ambiente hier. Die Musik passte ihm, die von Live-Bands gespielt wurde und nicht bloss aus dem Repertoire eines DJs stammte.

Er lehnte sich ans obere Ende der Theke. Von hier aus sah er sowohl auf die Bühne als auch auf die Tanzfläche, wo sich verliebte Paare zu einer Schmusemelodie drehten. Die Strahlen einer ausgedienten Discokugel rotierten mit ihnen um die Wette. Eine unsichtbare Eismaschine spuckte Nebel in den Raum und verteilte fluoreszierendes Licht.

«Ciao, Max.» Der Barmann wischte mit einem Lappen die Spuren des letzten Gastes vom Tresen. «Lange nicht mehr gesehen. Wie geht es dir, alter Knabe?»

«Franco, hey, habe derzeit viel um die Ohren», log er. Nach dem Tod seines Vaters war er nie wieder richtig in die Gänge gekommen. Doch es lag ihm fern, darüber zu reden.

«Kann ich dir das Übliche bringen?»

«Eine Stange, gern.» Max beobachtete Franco, wie er ein Bierglas geschickt in den Händen drehte, bevor er es schräg unter den Zapfhahn hielt. Franco war im gleichen Alter wie Max, kleiner und dünner. Seine femininen Gesichtszüge versuchte er erst gar nicht männlicher aussehen zu lassen. Im Gegenteil. Er schminkte seine Augen, damit sie grösser und unschuldiger schienen. Er hatte einen gewöhnungsbedürftigen Stil, was die Kleider betraf. Heute trug er eine gestreifte Hose und ein geblümtes Hemd, das dem Outfit eines Clowns in nichts nachstand.

«Und, was tust du so?» Franco schielte zu ihm herüber. «Ich habe gehört, dass du deinen Job als Anwalt an den Nagel gehängt hast.»

«Bereits vor zwei Jahren», sagte Max leicht konsterniert. Franco sprach ihn jedes Mal, wenn er hier war, darauf an.

Franco stellte die Stange hin und rühmte sich des schönen Schaumkragens wegen. «Dein Herr Papa hat sich wohl verkalkuliert mit dir.»

Max' Herzmuskel zog sich zusammen. Er wollte keine Energie darauf verwenden, die immer gleichen Antworten zu geben. Es hatte gereicht, dass ihm seine Mutter deswegen die Leviten gelesen hatte. «Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er das wüsste», hatte sie gejammert. «Wie kannst du nur einen gut bezahlten Job aufgeben und Privatdetektiv werden! Privatdetektiv! Mach die Augen auf! Es gibt überall Anwaltskanzleien, die dich mit Handkuss anstellen würden.»

Max hob das Bierglas und prostete Franco zu. Dieser wandte sich an neue Gäste.

Die Musiker - zwei Männer mit Gitarre, eine Frau am Schlagzeug und eine Sängerin - wechselten den Slowmodus zu Rock-Pop. Ein Stück aus den 1970er Jahren. Max kannte es aus Mutters Repertoire. Als kleiner Junge war er von ihren Lieblingsstücken täglich zugedröhnt worden. «It's a Heartache» von Bonnie Tyler. Die Sängerin mimte sie perfekt. Allerdings hätte sie den Afrolook besser weggelassen.

Max nippte am Bierglas. Seine Augen durchdrangen den rötlich schimmernden Nebel, blieben eine Weile an der unteren Körperhälfte der Sängerin haften, und er fragte sich, ob sie noch Jungfrau war. Sie hielt sich am Mikrofon fest, als wollte sie ein Eis-Cornet verspeisen, während ihr Blick in seine Richtung fiel. Kein Zweifel: Sie flirtete mit ihm. Er sah woandershin. Nicht sein Beuteschema.

Plötzlich, als schösse ein Komet auf das Tanzrondell, tauchte dort eine Frau auf. Langbeinig, kräftig, atemberaubend schön. Sie war auf einmal da und aktivierte in Max einen Tunnelblick. Es war lange her, dass eine Frau ihn dermassen in ihren Bann gezogen hatte. Allein bewegte sie sich zur Musik, anmutig, ausserirdisch, so kam es ihm vor. Ein Vollblutweib mit wallender Lockenpracht, die ihr bis über das Gesäss reichte. Rote Haare! Sie hatte verdammt noch mal rote Haare. Oder blonde, die im Licht rot schimmerten. Sie hielt ihre Augen geschlossen, gab sich der Melodie hin. Drehte sich, wand sich, spielte mit Armen und Händen vor ihrem...

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