Goldfieber

 
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 11. November 2011 | 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1192-8 (ISBN)
 
1519: Der 16-jährige Orteguilla de Sandoval nimmt als Page an der Eroberung Mexikos teil. An der Spitze von kaum dreihundert Spaniern verfolgt Hérnan Cortéz den wahnwitzigen Plan, Kaiser Montezuma II. inmitten der Hauptstadt seines Riesenreichs gefangen zu nehmen. Die Spanier gieren nach dem Gold, das die Azteken in ihren Schatzkammern horten. Orteguilla gerät als Gefangener im Königspalast in größte Gefahr. Doch die Liebe zur 15-jährigen Priestertochter Carlita zeigt ihm eine sanfte Seite dieser fremden Welt. Carlita kennt den Palast des Königs wie keine zweite. Wird sie Orteguilla und den Spaniern helfen, bevor sie mitten in Montezumas Reich schmachvoll untergehen? Ein spannendes Abenteuer rund um die Eroberung Mexikos durch die Spanier.
1. Aufl. 2011.
Deutsch
1,60 MB
978-3-8387-1192-8 (9783838711928)
3838711920 (3838711920)
weitere Ausgaben werden ermittelt

ERSTES KAPITEL


Ergründe die Herzen


- 1 -


Am späten Vormittag erreichen wir die Bucht, die ihr Entdecker Grijalva auf den Namen Puerto Deseado getauft hat: »Ersehnter Hafen«. Ich stehe auf dem Vorderdeck der Santa Maria, eingezwängt zwischen meinem Kameraden Diego und all den anderen, und mein Herz schlägt wild und hart.

Wir schreiben den 15. März im 1519. Jahr des Herrn. Jetzt erst - jetzt endlich! - fängt unser Abenteuer an.

Ich bin Orteguilla, der dritte Sohn des Hidalgo Gonzalo de Villafuerte, eines kleinadeligen Grundbesitzers aus der Estremadura. Mein ältester Bruder wird den Hof unseres Vaters erben, mein zweiter Bruder besucht die Universität in Sevilla und soll einmal Rechtsanwalt werden. Für mich bleibt nur die Hoffnung, hier drüben mein Glück zu machen - also Gold zu finden, genug Gold, dass ich mir eines Tages vielleicht eine Hazienda davon kaufen kann.

Zuerst und vor allem aber will ich Abenteuer erleben. Ich träume davon, das Reich der Amazonen zu entdecken. Schon die berühmten Reisenden des Altertums erzählen von ihnen und gewiss werden wir über kurz oder lang auf Ansiedlungen dieser kriegerischen Frauen und Mädchen stoßen.

Letzten Herbst bin ich aus Spanien nach Kuba gekommen, um Gott und dem König hier in der Neuen Welt zu dienen. In Santiago habe ich als Hilfsschreiber bei einem Goldminenbesitzer gearbeitet, bis Cortés auf mich aufmerksam wurde und mich als Page in seine Dienste nahm. In jener Zeit habe ich gelernt, wie entsetzlich das Gold Menschen verändern kann. Wie sein gelber Glanz das Fieber der Begierde, ja des Wahnsinns in den Herzen stolzer Männer anzündet, die bis dahin besonnen und kaltblütig waren.

Die Bucht ist wie ein Halbmond geformt. Glitzernd weißer Strand, gesäumt von dichten Wäldern. Dahinter ragen wohl hundert Fuß hohe Felswände auf. Das Wasser ist türkisblau und durchsichtig bis zum Grund. Gewaltig große Fischschwärme fliehen vor unserer viermastigen Karavelle, die mit leichter Takelage in die Bucht hineinsegelt. Über uns kreisen Fischadler und Möwen und erfüllen die Luft mit ihrem Geschrei.

»Puerto Deseado«, sage ich zu Diego. »Der Name zeigt ja schon, wie verängstigt Juan de Grijalva gewesen sein muss.«

Er schaut mich verständnislos an. »Verängstigt, Orteguilla?«, fragt er. »Wieso das denn?«

»Durch feindselige Indianer natürlich - und ihre teuflischen Gebräuche«, antworte ich.

Diego ist erst vierzehn, zwei Jahre jünger als ich. Aber Hernán Cortés, der Anführer unserer Expedition, schätzt Kühnheit mehr als fast jede andere Eigenschaft. Also hat er Diego de Coria als zweiten Pagen neben mir in seine Dienste genommen - dabei hat Diego noch nicht einmal gelernt, das Schwert richtig zu führen. Doch er versteht es, in jeder Lage unerschütterlich Haltung zu bewahren. Außerdem besitzt er eine klare, fast rechteckige Handschrift, und wenn Cortés einen Schreiber für seine Berichte oder Briefe braucht, ruft er öfter nach Diego als nach mir.

Was mich betrifft, ich habe andere Stärken. So zumindest hat es mir unser Herr erst vor ein paar Tagen wieder erklärt: Die Menschen öffnen mir ihr Herz - dabei weiß ich selbst nicht recht, wie ich es anstelle, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Diego zuckt mit den Schultern und schenkt mir ein spöttisches Grinsen. »Keine Ahnung, wovon du redest, Orte.«

Und doch kennt er die schauerlichen Geschichten genauso gut wie ich. Einige Männer, die schon letztes Jahr mit Grijalva bis hierher gekommen waren, schlossen sich, kaum nach Kuba zurückgekehrt, gleich wieder unserer Expedition an. Während der Tage auf dem Meer haben sie uns von den Teufelsaltären mit Überresten von Menschenopfern und vom unaufhörlichen Trommeln bei Nacht erzählt. Außerdem von gewissen »Spukerscheinungen«, die selbst hartgesottene Konquistadoren erzittern ließen - wandelnde Tote, die ihre Köpfe unter dem Arm trugen, und andere Schrecknisse mehr.

Natürlich ist auch Diego erschauert, als er diese Geschichten gehört hat. Aber er würde niemals zugeben, dass er Gefühle wie Angst und Verzagtheit aus eigener Erfahrung kennt. So wenig wie unser Vorbild, dem wir beide glühend nacheifern - Hernán Cortés. Selbst wenn uns die Sonne auf den Kopf fallen würde, unser verehrter Herr würde uns sogleich davon überzeugen, dass dieser Zwischenfall nichts an unseren Plänen ändert. Ja, er würde sogar die Sonne selbst dazu überreden, an ihren angestammten Platz zurückzukehren.

Hernán Cortés steht über uns auf der Kapitänsbrücke, gekleidet in die prächtigen Gewänder, die er sich gleich nach seiner Ernennung zum Caudillo zugelegt hat - zum obersten Kommandanten unserer Expedition. Er trägt den Hut mit Federbusch und seinen schwarzen Samtumhang mit den goldenen Quasten und Schleifen. Golddurchwirkt sind auch seine Strümpfe, die unter dem Saum des Umhangs hervorblitzen, und die Troddeln an seinen Stiefeln, die ich ihm vorhin eigens für diesen Anlass blank putzen musste. Sein Gesicht ist blass und starr wie meistens, doch seine Brust ist gewölbt und seine Augen funkeln.

»Das Vertrauen der Menschen kann kostbarer als alle irdischen Schätze sein«, hat Cortés vor einigen Wochen zu mir gesagt. »Ihre Herzen sind wie unsichtbare Goldminen, Orteguilla - und du bist dazu berufen, dieses Gold zu schürfen.«

Segel werden gerafft, Anker fahren rasselnd in die Tiefe. Oben auf der Brücke hebt Cortés seine Hand - auf allen elf Schiffen heben die Hornbläser ihre Instrumente an die Lippen und spielen eine überschwängliche Fanfare.

Wer auch immer in den Wäldern da drüben lauern mag, so lautet unsere Botschaft - wir werden uns nicht verstecken! Geschweige denn, uns zermürben und verjagen lassen wie der zaghafte Grijalva letztes Jahr.

Viel weiter als bis hierher ist er nicht vorgedrungen. Nur ein paar Dutzend Seemeilen nördlich befahl er seinen Kapitänen, Hals über Kopf nach Kuba zurückzukehren. Dabei hatten sie unten in Yucatan schon beträchtliche Goldschätze erbeutet - Goldfiguren und -masken und vergoldete Holzscheiben so groß wie Wagenräder. Doch wo immer sie anlegten, wurden sie mit einem Hagel von Speeren und Pfeilen empfangen. Gut zwei Dutzend Männer hatten ihr Leben bereits verloren - die meisten von ihnen auf Opferaltären -, als Grijalva den Befehl zur Rückkehr nach Kuba gab. Dort aber beschimpfte ihn Gouverneur Velazquez als feige Milchamme und beauftragte Cortés, so schnell wie möglich eine neue Expedition auszurüsten und dort weiterzumachen, wo Grijalva den Mut verloren hatte.

Die Matrosen haben unterdessen die Beiboote zu Wasser gelassen. Gleich werde ich zum ersten Mal die wilde, unerforschte Welt betreten, von der ich seit so vielen Jahren träume. Mein neues Leben hat begonnen! Was wird es mir bringen - welche unerhörten Abenteuer und Entdeckungen?

Während ich an der Strickleiter ins Boot hinunterklettere, schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel empor: Heilige Muttergottes, bitte mach, dass wir kein Gold finden - jedenfalls hier noch nicht, Amen!

- 2 -


Mit zweihundertfünfzig Mann in zwei Dutzend Booten gehen wir an Land. Der größere Teil unserer Streitmacht bleibt vorerst auf den Schiffen. Wir sind die gewaltigste Expedition, die jemals in diesen Breitengraden gekreuzt ist - fünfhundertfünfzig Konquistadoren; nicht mitgerechnet Pagen wie mich und Diego, Kapitäne und Seeleute, Zimmerer und Schmiede, Priester, Ärzte und Notare; und ganz zu schweigen von den fast zweihundert Sklaven aus Kuba und Afrika, die Cortés für alle groben Arbeiten mitgenommen hat, heimlich und gegen Gouverneur Velazquez' Befehl.

Ich springe aus dem Boot ins flache Wasser und verliere fast das Gleichgewicht. Nach sechs Tagen auf See muss ich mich erst wieder daran gewöhnen, dass der Boden unter meinen Füßen nicht unaufhörlich schlingert und stößt. Außerdem ist die Luft hier so feuchtheiß, dass sie über dem blendend weißen Sand flimmert. Der Schweiß tropft mir nur so aus den Haaren und Diego geht es nicht besser. Schwankend wie Betrunkene stapfen wir durch den knöcheltiefen Sand, der zum Wald hin sanft ansteigt.

Hernán Cortés ist uns ein Dutzend Schritte voraus, doch als seine Pagen sind wir verpflichtet, in Sicht- oder wenigstens Rufweite zu bleiben. Wie üblich wird er von seinen drei engsten Vertrauten begleitet - dem »Dröhnenden«, dem »Durchtriebenen« und dem »Tollkühnen«, wie ich diese ungleiche Dreiheit für mich nenne.

»Verdammt noch mal, hier ist doch keine Sau!«, schreit gerade eben Alonso de Portocarrero und schaut sich nach allen Seiten um.

Er ist Ende zwanzig und stämmig wie ein Weinfass. Sein rundes Gesicht mit dem dünnen schwarzen Bart ist wie meistens ziegelrot. Cortés hat ihn aus irgendeinem Grund in sein Herz geschlossen, vielleicht nur deshalb, weil sie beide in Medellín aufgewachsen sind. Portocarrero ist sogar mit dem Grafen von Medellín verwandt, doch er flucht von früh bis spät wie ein Henker.

»Bist du sicher, dass du damals nicht stinkbesoffen warst, Pedro«, fährt er mit seiner dröhnenden Bassstimme fort, »als du hier einen Haufen verdreckter Eingeborener gesehen hast?«

Pedro de Alvarado wirft ihm einen abschätzigen Blick zu. »Wahrscheinlich haben sie dich schreien gehört, Alonso«, sagt er, »und sind in den Wald abgehauen.«

Sein schmales Gesicht ist zu einem verschlagenen Lächeln verzogen. Während er spricht, sieht er sein Gegenüber nie länger als für einen Atemzug an. Seine...

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