Wer waren Jesus und Muhammad?

Ihr Leben im Vergleich
 
Joachim Gnilka (Autor)
 
Herder Verlag GmbH
1. Auflage | erschienen am 10. August 2011 | 330 Seiten
 
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978-3-451-33893-9 (ISBN)
 
Was genau unterscheidet beide Religionsstifter? Gibt es Verbindendes? Was trennt Sie? Erlaubt die Forschungslage ein klares Urteil? Wie sieht es aus? Gnilka bringt nüchtern und ohne Spekulationen das Wesentliche auf den Punkt, wenn er die Biographien von Jesus und Muhammad gegenüberstellt: mit höchster Sachlichkeit, Verlässlichkeit und präzisen Analysen. Keine Verunglimpfungen, kein Gegeneinander-Ausspielen, sondern überzeugende Fakten. Gnilka untersucht akribisch das vorhandene Material und präsentiert den Lesern Einsichten zu beiden Religionsstiftern, die die eigene Urteilsfähigkeit schärfen und in der Vielfalt der Meinungen einen klaren Standpunkt ermöglichen.

Joachim Gnilka, geb. 1928, Prof. em. für neutestamentliche Exegese und biblische Hermeneutik an der Universität München, international angesehener Bibelwissenschaftler, zahlreiche Publikationen im In- und Ausland.
1. Auflage.
Deutsch
Berlin
2,34 MB
978-3-451-33893-9 (9783451338939)
3451338939 (3451338939)
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Joachim Gnilka, geb. 1928, Prof. em. für neutestamentliche Exegese und biblische Hermeneutik an der Universität München, international angesehener Bibelwissenschaftler, zahlreiche Publikationen im In- und Ausland.
  • [Titelinformationen]
  • [Impressum]
  • Einleitung
  • 1. Erste Annäherung an einen Vergleich Jesus - Muhammad
  • 2. Historische Haftpunkte
  • 3. Die Bildersprache als Annäherung
  • 4. Kennzeichnende Eindrücke des Lebens und Wirkens Jesu und Muhammads
  • Kapitel 1 Positionen in der Jesus- und Muhammad-Forschung
  • I. Jesus-Forschung
  • 1. Albert Schweitzer - die konsequente Eschatologie
  • 2. Rudolf Bultmann - Reduktion auf die Verkündigung
  • 3. John Dominic Crossan - die Deutung Jesu aus dem Blickwinkel der kynischen Philosophie
  • 4. Rainer Riesner - Jesus der Lehrer
  • 5. Jesus in der Sicht neutestamentlicher Theologien
  • 6. Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. - Jesus der Sohn Gottes
  • 7. Romano Guardini - Jesus der Herr
  • 8. Gerd Theißen und Annette Merz - Der historische Jesus
  • 9. Hubert Frankemölle - Jesus der Jude
  • 10. James D. G. Dunn - Der erinnerte Jesus
  • 11. Wolfgang Stegemann - Jesus der Judäer
  • Überblick - Auswertung
  • Die hermeneutische Frage
  • The Third Quest
  • II. Muhammad-Forschung
  • 1. Hartmut Bobzin - Mohammed, Historie und Legende
  • 2. Tor Andrae - Mohammed, sein Leben und sein Glaube
  • 3. Marco Schöller - Muhammads Konflikt mit den Juden
  • 4. Gregor Schoeler - Muhammads erstes Offenbarungserlebnis und der Aischa-Skandal
  • 5. Hans Jansen - Suche nach dem Kern
  • 6. Martin Lings - der Muhammad-Roman
  • 7. Patricia Crone - Der mekkanische Handel und die Entstehung des Islam
  • 8. Edouard-Marie Gallez - Muhammad, der Prophet des Messias
  • 9. Christoph Luxenberg und Karl-Heinz Ohlig - Muhammad1 und Muhammad2
  • 10. Tilman Nagel - Mohammed, Allahs Liebling
  • Überblick - Auswertung
  • Kapitel 2 Das Leben Jesu und Muhammads im Vergleich
  • I. Jesus
  • 1. Die Wurzeln in Nazaret
  • 2. Johannes der Täufer und Jesus
  • 3. Die Armen und die Jüngerschaft
  • 4. Die Reich-Gottes-Verkündigung
  • 5. Wunder
  • 6. Ethik
  • 7. Der Konflikt
  • 8. Der Abschied
  • 9. Das Ende am Kreuz
  • 10. Ostern
  • 11. Wer war Jesus?
  • II. Muhammad
  • 1. Infragestellung der Infragestellung
  • 2. Die Zeit vor dem Wirken
  • 3. Die Berufung
  • 4. Die Ankündigung des nahen Endes
  • 5. Die Gerichtspredigt
  • 6. Auseinandersetzung mit den ungläubigen Polytheisten
  • 7. Auseinandersetzung mit den Schriftbesitzern, den Juden und Nazarenern (Christen)
  • 8. Der Blick auf Muhammad
  • 9. Der Krieger
  • 10. Die Vita Muhammads
  • Schlussbetrachtung: Parallelbiografien
  • Literatur
  • Anmerkungen
  • Register der Bibel- und Koranstellen
  • Thematisches Register
  • Personen- und Autorenregister
  • [Informationen zum Buch]
  • [Informationen zum Autor]

1. Erste Annäherung an einen Vergleich Jesus - Muhammad


Wir beginnen unseren Vergleich mit einer Beobachtung, die andeutet, dass die Interessenlage der Evangelien im Blick auf Jesus eine andere ist als die des Korans im Blick auf Muhammad. Jesus ist in den Evangelien ganz anders anwesend als Muhammad im Koran. Wir belegen diese sicherlich allgemein anerkannte Gegebenheit mit dem ungleich höheren Vorkommen des Jesus-Namens in den Evangelien gegenüber dem Vorkommen des Namens Muhammad im Koran. Die Zahlen sind folgende: der Jesusname findet sich 919mal im Neuen Testament, davon über die Hälfte in den Evangelien8, der Name Muhammad findet sich im Koran 4mal. Dies kann nicht anders gedeutet werden als im Sinn eines Interesses an Jesus als historischer Gestalt. Hinzu kommt, dass Jesus mit seinem Heimatort Nazaret fest verknüpft wird. Der Ort wird ausschließlich als der Herkunftsort Jesu verwendet9, ebenso der Begriff Nazarener/Nazaräer, der ihn geradezu stigmatisiert.10 Mit dieser Stigmatisation setzt sich das Johannesevangelium auseinander: »Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?« (1,45). Sagte nicht die Schrift: »Aus dem Samen Davids und aus dem Dorf Bethlehem, wo David war, kommt der Messias?« (7,42). In die Richtung eines historischen Anliegens weist auch die Beobachtung, dass das Wort »Christus«, das ja von Haus aus ein Bekenntnis ist - Jesus ist der Christus - in der neutestamentlichen Briefliteratur, im Corpus Paulinum, viel häufiger begegnet als in den Evangelien: 531mal im Neuen Testament, davon 54mal in den Evangelien. Ohne Zweifel sind auch die Evangelien von der nachösterlichen Verkündigung grundlegend geprägt worden, aber der Blick auf Jesus von Nazaret ging nicht verloren.

Wie soll man das nahezu verschwindende Vorkommen des Namens Muhammad im Koran erklären? Schauen wir uns die vier Stellen etwas näher an.

 

»Muhammad ist nur ein Gesandter. Schon vor ihm gingen Gesandte dahin. Werdet ihr denn, wenn er stirbt oder getötet wird, auf euren Fersen kehrtmachen?« (Sure 3,144).

 

»Wir gaben sie dir zur Gattin, damit für die Gläubigen kein Grund zur Bedrängnis besteht in Bezug auf die Frauen ihrer Adoptivsöhne. Es besteht für den Propheten keine Bedrängnis in Bezug auf das, was Gott für ihn festgelegt hat. Auch bei denen, die früher dahingegangen sind, ist Gott so verfahren. Was Gott verfügt, ist fester Beschluss -, bei denen, die Gottes Botschaften ausrichten, ihn fürchten und niemanden fürchten außer Gott. Gott genügt als der, der abrechnet. Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer (auch wenn es sein Adoptivsohn ist). Er ist vielmehr der Gesandte Gottes und das Siegel der Propheten« (33,37 - 40).

 

»Denen, die ungläubig sind und vom Weg Gottes abhalten, deren Taten leitet er in die Irre. Denen aber, die glauben und tun, was recht ist, und an das glauben, was auf Muhammad (als Offenbarung) herabgesandt worden ist - es ist ja die Wahrheit von ihrem Herrn -, denen sühnt er ihre Missetaten und bringt für sie alles in Ordnung« (47,1 - 2).

 

»Er (Gott) ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit gesandt hat, um ihr den Sieg zu verleihen über alle Religion. Gott genügt als Zeuge. Muhammad ist der Gesandte Gottes« (48,28 - 29).

 

Sicherlich haben wir es bei diesen vier Koranstellen mit herausragenden Sätzen zu tun. Der erste Text äußert die Furcht, dass nach dem Tod Muhammads seine Anhänger den Glauben aufgeben könnten. Der zweite Text gehört zu jenen Weisungen, die ganz persönlich an Muhammad ergangen sind. In diesem Fall hatte er Zaynab, die Frau seines Nennsohnes (Adoptivsohnes) Zayd ibn Haritha, sich selbst zur Frau genommen, gewiss ein Ärgernis. Dieses aber wird aufgehoben durch eine Offenbarung, die ihm dieses Tun erlaubt. Er soll sich nicht in Bedrängnis bringen lassen. Gleichzeitig aber wird dieses Tun Muhammads - und darauf liegt der Akzent - zur allgemeinen Regel erhoben: »Wir gaben sie dir zur Gattin, damit für die Gläubigen kein Grund zur Bedrängnis besteht in Bezug auf die Frauen ihrer Adoptivsöhne« (33,37). Der Koran will nicht an eine Begebenheit aus dem Leben des Propheten erinnern, sondern Regeln und Gesetze aufstellen.

Der dritte Text spricht von den Wirkungen der Offenbarung, die Muhammad vermittelt hat, von ihren sühnenden und rechtleitenden Wirkungen. Der vierte Text stellt Muhammad als den letztgültigen Propheten heraus, der über allen Religionen steht. Genau in diesem Sinn ist er im zweiten Text als das »Siegel der Propheten« (33,40) bezeichnet worden. Es ist zu wenig, wenn man diese im Koran einmalige Bezeichnung im Sinn von »Beglaubiger der Propheten« versteht.11 Den gleichen Titel hat sich Mani, der Begründer des Manichäismus, im 3. Jahrhundert zugelegt.

Das geringe Vorkommen des Namens Muhammad im Koran, das im Vergleich mit der Häufigkeit des Jesusnamens in den Evangelien besonders auffällt, hat sicher damit zu tun, dass der Koran am Leben des Propheten wenig interessiert ist. Der Koran will sein Wort, die Offenbarung, die er empfangen hat, vermitteln. Die Geschichte vom Adoptivsohn Zayd ist auch nur eine von ganz wenigen, die im Koran erzählt - fast mehr vorausgesetzt als erzählt - werden und in denen ein Name, eben Zayd, vorkommt (33,37). Wir werden darauf zurückkommen. Selbstverständlich wollen auch die Evangelien verkünden, Heil und Rettung zusagen. Aber sie tun das, indem sie Geschichten aus dem Leben Jesu, seinem Wirken, erzählen. Besonders deutlich wird das im Markusevangelium, dem ältesten Evangelium, das nur wenige Reden Jesu enthält (Mk 4 und 13). Das Interesse am Leben Muhammads erwacht in den Hadithen. Wie sind sie zu beurteilen?

Wenn wir uns wieder den vier Muhammadstellen des Korans zuwenden, so könnten sie auch im Rückblick entstanden sein, als eine Art Zusammenfassung. Das könnte die geringe Zahl der Muhammadstellen etwas plausibler machen. Oder ist der Name Muhammad nachgetragen? Es mehren sich heute die Stimmen, die sagen, dass der Name Muhammad dem Propheten erst später gegeben wurde. Muhammad bedeutet etymologisch »der zu Preisende«. Die Wurzel h-m-d kommt in Personennamen wie Ahmad oder Mahmud vor. C. Gilliot12 meint, es sei hoffnungslos, einige vorislamische Träger des Namens Muhammad zu finden. Auch V. Popp13 versteht das Wort als Titel. T. Nagel14 bringt zwei vorislamische Träger des Namens bei. Das neugeborene Kind habe aber wahrscheinlich den Namen Qutam erhalten. Denn es gäbe Überlieferungen, in denen man den Propheten sprechen lässt: »Ich bin der Gesandte der Erquickung und der gewaltigen Schlachten. Ich bin Qutam!« - Im Anschluss daran versucht man den Namen zu deuten: »Ein qutam ist jemand, der vollkommen ist und (alle positiven Eigenschaften in sich) vereint.« Es entspräche aber heidnisch-arabischer Mentalität, einen künftigen Propheten als muhammad, einen zu Preisenden, zu titulieren. Letztlich kennen wir den Namen des Propheten nicht sicher.

Die Eindrücke der Konkretisierungen in den Evangelien und des Abstrakt-Lehrhaften im Koran verdichten sich, wenn wir topografische und die Angaben von Personennamen hinzunehmen. Ohne für die Evangelien Vollständigkeit anstreben zu wollen, ergibt sich das Bild, dass die Schwerpunkte des Wirkens Jesu in Galiläa15, im Land am See Gennesaret, den Mk 1,16 in volkstümlich-naiver Weise das Meer von Galiläa nennt, und in Jerusalem, dem das vierte Evangelium größere Beachtung schenkt, gelegen haben müssen. Zum Mittelmeer ist Jesus nicht gekommen. Markus hat dieses Wirken als einen Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem dargestellt. Matthäus und Lukas sind ihm darin gefolgt. Da dieses Schema die Absicht verfolgt, die Passion Jesu in Jerusalem als Zielpunkt seines Lebens zu eröffnen, ist es nicht auszuschließen, dass er mehr als einmal die Hauptstadt besuchte und auch mehr als nur eine Woche dort tätig war. Die in den Evangelien genannten Ortschaften gruppieren sich um den See Gennesaret: Betsaida im Norden, Gerasa im Osten (Mk 5,1), Magdala, Tiberias (Joh 6,23) und vor allem Kafarnaum16 im Westen. Das Dorf Magdala lebt fort in Maria Magdalene, was so viel wie Maria aus Magdala bedeutet. Jericho ist Durchgangsstation auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem (Mk 10,46 par.).

Im Koran finden wir - wie kaum anders zu erwarten - die Städte Mekka und Medina in Erinnerung gerufen, daneben Badr und Hunayn, wo Muhammad Schlachten mit den Mekkanern ausfocht. Badr war ein Ort des Sieges: »Gott hat euch doch in Badr unterstützt« (3,123), Hunayn ein Ort der Niederlage, nach der Gott aber seinen Gesandten und die Gläubigen gestärkt habe (9,23 - 27). Keine Schlachtenschilderung also, sondern eine Erinnerung, die Vertrauen wecken soll.

Medina, nur in Sure 9 genannt (9, 101 und 120) - in 33,12 mit dem alten Namen Yatrib -, ist ein Ort, wo sich die Geister geschieden haben. An allen drei Stellen werden Anhänger des Propheten getadelt, die im Kampf versagt haben oder sich verweigerten: »Unter den Beduinen in eurer Umgebung wie auch unter den Bewohnern von Medina gibt es Heuchler, die in der Heuchelei geübt sind« (9,101). Der Name der Stadt Mekka erscheint zwar nur in 48,24 (Tal von Mekka). Mekka ist wohl auch mit der »Mutter der Städte« (6,92; 42,7) und »diesem Ort« gemeint (4,75;...

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