Kulturreportagen aus Niederösterreich

Einundvierzig Streiflichter des kulturellen Geschehens zum Nachlesen und Vergleichen
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 15. Februar 2021
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  • 308 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7534-2982-3 (ISBN)
 
Das vorliegende Buch enthält Berichte aus dem Kulturleben Niederösterreichs, wie es sich dem interessierten Zeitgenossen vor 15 bis 20 Jahren dargeboten hat. Damit wird ein repräsentativer Querschnitt von Initiativen, Vereinen, Personen, Projekten, Institutionen und Entwicklungen geboten, die in diesem Zeitraum in Erscheinung getreten sind und in weiterer Folge, teilweise bis heute, das kulturelle Geschehen in Niederösterreich bestimmt und geprägt haben. Manche Ereignisse, etwa das Hochwasser vom August 2002 mit seinen weitreichenden Folgen, wurden gerne aus der Erinnerung verdrängt. Andere begannen mit großen Hoffnungen und haben, wie der groß angekündigte Pferdesportpark Ebreichsdorf, viele Menschen enttäuscht. Bei manchen, wie der Initiative im Schloß Thürnthal, der Bibliothek der Provinz oder der Waldviertler Schuhwerkstatt, gingen die Dinge einfach weiter ihren Gang, wogegen sich andere zum Zeitpunkt meines Berichts am Beginn von etwas Großem befanden (Charles Alexander Joel wurde einige Jahre nach meinem Interview international anerkannter Stardirigent) oder leider bereits kurz davor, etwas Großes zu beschließen (Günter Brödl verstarb im Jahr nach unserem Gespräch). Unter denen, um die sich diese Berichte drehen, befinden sich Theaterbühnen, Schriftsteller, Regisseure, Denkmalschützer, Schloß-Renovierer, Initiativen und Einzelkämpfer, historische und zeitgenössische, zukunftsweisende und anachronistische, anerkannte und befehdete Projekte und dabei vor allem Menschen, die sich bei ihrem Tun etwas denken und die damit große Erfolge haben oder auch grandios scheitern.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 7,07 MB
978-3-7534-2982-3 (9783753429823)
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Napoleon zwischen Wien und Brünn
Zweihundert Jahre nach Austerlitz stellte man
Schlachtgetümmel nach - ein Lokalaugenschein
(2005)


Die Schlacht bei Schöngrabern fand bei unwirtlichem Wetter statt. Der November hatte mit Nachtfrösten und Nieselregen Einzug gehalten, die Soldaten mußten in Gewaltmärschen große Strecken bewältigen. Bei dem Hollabrunner Revival des Jahres 2005 war davon nichts mehr zu spüren: Anfang August bei herrlichem Wetter durchgeführt, war das zwischen Einkaufsnacht und Volksfest aufgezogene Kostümspektakel Teil des ländlichen Erlebnissommers.

Friedensdenkmal Austerlitz

Ob geschichtliche Stoffe durch solche Statistenaufmärsche adäquat dargestellt werden können, steht dahin - als ein kleiner, schon sichtlich erschöpft wirkender Trupp kaiserlicher Soldaten den örtlichen Stadtoberen Meldung machte, ein paar marodierende Franzosen festgenommen zu haben, zeigt sich die zusammengelaufene Menge durchaus enttäuscht. Da standen sie oben am Balkon des Marktplatzes, die schlaffen Stadt- und Dorfvorderen, und leierten vorgeschriebene Texte herunter: über die drohende Gefahr, über das Hoffen auf einen guten Ausgang. Zackig war davon nichts, und deshalb hat Österreich wohl vor zweihundert Jahren auch verloren. Und das "Marodieren" der Franzosen? Dem einen oder anderen Landfräulein haben sie in den Hintern gekniffen. Die Tragik des Krieges, sie entsetzt und läßt in die Euphemismen flüchten.

Immerhin gab es alte Männer in schmucken Uniformen zu sehen und Tschaikowsky zu hören, wenn auch letzteres nur relativ kurz. Am darauffolgenden Wochenende konnten interessierte Zivilisten ein Heerlager besichtigen, unweit Hollabrunns hinter einem Rübenacker errichtet - da, wo sonst im Lenz die Feldfrucht um Wärme ringt. "Napoleon" stand auf den pfeilförmigen Schildern an der Straße. Am Eintrittspunkt mußte man eine Anstecknadel für fünf Euro kaufen. Darauf stand "Land um Hollabrunn". Bis zum Horizont reiner Acker, vollgestellt mit Strohballen: darauf eine Zeltstadt aus weißem Linnen, mit Kochstellen, Tischen und Bänken, dazwischen einträchtige Soldaten mit österreichischen, französischen und russischen Uniformen. Auch Frauen, reichlich sogar, alle wahrscheinlich von der Marketenderey, na hups, schon wieder ein Euphemismus. "Geraubte Sabinerinnen" werden es schon nicht gewesen sein.

Und es gab Marschmusik vom Band, englisch kommentiert. Die Soldaten und Frauen sprachen Tschechisch miteinander. Einige übten den Umgang mit dem Vorderlader. Einer schoß sich mit einem Vierpfünder in die Hand. Hoppala. Andere spielten Boule mit Kanonenkugeln - weniger gefährlich. Für Essen und Trinken war gesorgt. Ein örtlicher Baumeister zuckte aus, weil man ihm sein Clubbing nicht genehmigt hatte. Er beklekkerte daraufhin sein teures Auto mit Buntlack. Es stimmt schon: "Hollabrunn hat's!"

Hier wurden Gewehrkugeln gegossen, dort wurden auf einer Esse Kerzenständer geschmiedet, die sind bekanntlich nicht gerade kriegswichtig. Wieder woanders gab es Filzmützen, Met oder Bücher. Und dahinten war ein Stand für die Rekrutenaufnahme: Da konnten die Kleinen sich im Enthaupten feindlicher Strohpuppen messen. Und im Bogenschießen. Sogar eine Kanone lud zum lustigen Wehrsport ein. Wer's schaffte, bekam eine Medaille und wurde in die kaiserliche Armee aufgenommen. Väter mit Klobrillenbart konnten ihren Gschrappen Schwertlein aus Holz kaufen - und Bögen, wahlweise in "stark" oder "schwach". Dazwischen holte man sich mal ein Langos oder ein Bier, nichts war hier so absent wie der Krieg.

Plötzlich, eine Durchsage. Auch die war nicht dem Duktus der Veranstaltung angepaßt. Da wurde nur ganz trocken darauf hingewiesen, daß sich die Darsteller um viertel Sieben zur Essensausgabe einzufinden hätten. Wiederholung auf Tschechisch. Viel besser hätte ein feuriger Aufruf geklungen, in der Art von: "Soldaten! Zur Stärkung für die Anstrengungen des kommenden Tages wollet Ihr Euch zu Sonnenuntergang bei der Proviantmeysterey einfinden, auf daß Ihr dort verköstiget werdet! Helf Gott - es könnte Euer letztes Nachtmahl seyn!!" (Wiederholung auf Russisch, für Böhmen nicht unverständlich) - Später sah man die Darsteller mit kleinen Frischhaltebeuteln herumlaufen. Darin befanden sich ein paar Scheiben Salami und Käse. Dazu gab es eine Semmel. Wenigstens die karge Verpflegung war also gnadenlos authentisch.

Aber wessen wurde da eigentlich gedacht? Wer hat noch die Einzelheiten des Dritten Koalitionskrieges im Gedächtnis? Kaum eine Epoche hat Europas Geschichte stärker geprägt als die Franzosenzeit (Revolutionskriege 1792-99, Napoleonische Kriege 1799-1815). Gerade Österreich - als erbittertster Gegner Frankreichs - wurde dabei zum maßgeblichen Weichensteller der Geschichte.

Der Dritte Koalitionskrieg wurde durch den Einmarsch österreichischer Truppen (Iller-Armee) unter dem nominellen Kommando des vierundzwanzigjährigen Erzherzogs Ferdinand und unter dem de facto-Kommando des Generals Karl Mack Freiherr von Leiberich in Bayern ausgelöst. Die Österreicher kapitulierten schon am 20. Oktober 1805 in Ulm; Oberitalien und Tirol wurden von den österreichisch-russischen Truppen geräumt. Die Koalitionsheere wurden durch Napoleons Truppen bis Linz und Graz zurückgedrängt. Ein erster großer Zusammenstoß der Armeen zwischen Dürnstein und Förthof bei Stein kostete sechstausend Soldaten das Leben, gleichzeitig nahmen die von Italien und der Steiermark vordrängenden Franzosen erstmals die wichtige Donaubrücke in Wien ein. Und zwar kampflos.

Kutusows russisches Korps machte (da er der eingeschlossenen Armee von Macks in Ulm nicht helfen konnte) in Braunau auf dem Absatz kehrt und zog sich über Linz, Amstetten, St. Pölten, Krems und Hollabrunn nach Mähren zurück, um sich dort mit den Resten der österreichischen Nordarmee unter Kienmaier und Kolowrat sowie der 2. und 3. russischen Armee unter Buxhövden und Bennigsen mit der Garde unter Großfürst Konstantin zu vereinigen. Damit die Streitmacht nicht in einen Zangengriff der von Westen und Süden kommenden Franzosen genommen werden konnte, setzte sich eine riesige Kolonne von etwa dreißigtausend Mann bei äußerst schlechtem Wetter nach Znaim in Bewegung. Der Weg führte über die alte Heerstraße über Hadersdorf, Straß, Hohenwarth, Ebersbrunn, Großmeiseldorf, Gettsdorf, Frauendorf, Sitzendorf, Grabern und Jetzelsdorf. Die österreichischen Truppen waren zum guten Teil bereits nach Brünn geflohen. Als die Russen nachfolgten, vereinigten sich die Armeen, um sich bei Austerlitz Napoleon zu stellen.

Damit die russische Armee sich kampflos nach Znaim begeben konnte, wurden einige Nachhut-Truppen in Hollabrunn und in Guntersdorf verschanzt. Sie hatten die Aufgabe, die Franzosen möglichst lange hinzuhalten. Der russische Befehlshaber Bagration verfügte über achttausend Mann, Napoleons Schwager Murat schob eine Streitmacht von 30.000 Mann übers Land. Das Gefecht am 16. November begann um 17.00 Uhr - also bei beginnender Dunkelheit - und endete um ca. 23.00 Uhr. Es standen zwei französische Korps (rund 40.000 Mann) etwa 8.000 Russen und einem kleinem österreichischen Kontingent von nicht bekannter Stärke gegenüber.

Soldatendenkmal bei Hollabrunn

Französischerseits wurden zwei Divisionen und Teile der Kavalleriereserve ins Gefecht gebracht, namentlich die 3. Division Legrand IV. Korps, 1. Division Oudinot V. Korps (Grenadiere) und Teile der 2. Division Gazan V. Korps. Als am 16. November aus der Senke von Schöngrabern die Franzosen zum Angriff anrannten, schlug ihnen heftiges Artilleriefeuer der Russen entgegen. Auf russischer Seite fielen 1.200 Mann, bei den Franzosen fast zweitausend. Schöngrabern, Grund und Guntersdorf waren vernichtet, unzählige Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten waren, getötet. Wie immer, waren die Landfrauen auch hier Opfer kampfmüder Soldaten aller Seiten. Immerhin war das Ziel der Russen erreicht, die Hauptarmee hatte sich ungestört absetzen können. Und mittlerweile saßen Zar und Kaiser im Austerlitzer Schloß, um sich auf die große Dreikaiserschlacht vorzubereiten. Europas Kriegsherren hatten noch immer nicht genug.

Die genannten Verlustzahlen werden in der Literatur kontrovers diskutiert. Wenn man dem Historiker Karl Bleibtreu (um 1900) glauben darf, dann wurden etwa 700 Franzosen verwundet, gefangengenommen oder getötet. Etwa 3.000 Russen fielen oder wurden verwundet, 1.800 gerieten in Gefangenschaft. Diese Zahlen wurden in der historischen Geschichtsschreibung aus Propagandagründen immer wieder nach oben revidiert.

Friedensdenkmal bei Austerlitz (Detail)

Heute kann man vor dem restaurierungsbedürftigen Landschloß in Slavkov u Brna (Austerlitz) ein Ensemble aus Pappfiguren bewundern: Der Kaiser Franz I. unterschreibt da gerade den Friedensvertrag. Vom weiträumigen, etwas gespenstischen...

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