Mit-Leiden an Alsterdorf und und seinen Geschichtsbildern von den Anstalten

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 21. November 2019
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  • 428 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7504-7216-7 (ISBN)
 
Aus Bildern lässt sich ganz Verschiedenes auswählen und für Konstrukte in "Geschichtsbildern" verwenden, - und um solche geht es in diesem Buch.
In der St. Nicolaus-Kirche in den Alsterdorfer Anstalten wurde 1938 zugleich mit der Renovierung durch die Architekten Hopp u. Jäger u.a. die Altarwand verschlossen und darauf neu ein Bild gestaltet. Unsicher ist jedoch, wer dieses Bild entworfen hat: der Pastor F.K. Lensch, der gelernte Dekorationsmalermeister B. Hopp oder seine auf dekorative Ausmalung spezialisierte ehemalige Lehrfirma G. Dorén? Oder alle? Und mit welcher Aussageabsicht?
Je nachdem, wie die Anordnung der Personen in ihrem Kontext betrachtet wird, ergeben sich sehr unterschiedliche Ansichten. Ist die Gruppierung um Anstaltsgründer H. Sengelmann rechts vom Gekreuzigten und die Zuwendung der Engelfigur bedeutungsvoll für die Anstalts-Geschichte? Oder kommt es ganz ohne die Engel nur auf die hervorgehobenen Heiligenscheine bei 12 der Menschen an? Und was bedeutet dann der Befund, dass drei Personen keine solche Hervorhebung haben - und eine davon wohl einen Menschen mit Behinderung darstellen soll?
Die letztere Auswahl wurde vor etwa 30 Jahren bei der Aufarbeitung der NS-Zeit und der Verstrickung in die "Euthanasie"-Morde neu in den Fokus gerückt. In Verbindung mit der Denkweise von "lebensunwertem Leben" kam die Idee auf, die Abgrenzung von "Unwerten" sei auch Hintergrund für die Darstellung ohne Heiligenschein. Nach 30 Jahren gilt der Evangelischen Stiftung Alsterdorf das (inzwischen altarlose) Bild als Symbol für exklusives Denken.
Bereits ab 1988 bemühte sich die Stiftung, die den alten Namen ablegte sowie sich von der NS- und Nachkriegs-"Anstalt" distanziert und für Inklusion engagiert hat, dieses ehemalige Altarbild-Symbol zu verbergen. Jetzt soll es weg aus der Kirche und separat als Teil einer künftigen "Straße der Inklusion" - wohl in spezieller Auswahl als "Geschichtsbild" - präsentiert werden.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 14,73 MB
978-3-7504-7216-7 (9783750472167)
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Dr. Uwe Gleßmer (Jahrgang 1951) ist Privatdozent für Altes Testament. Er wurde 1982 nach seinem Vikariat in der Gemeinde Maria-Magdalenen von Bischof Wölber zum Pastor ordiniert, arbeitete bis 2013 mit kurzzeitigen Unterbrechungen an der Universität Hamburg. Seit seinem Ruhestand ist er ehrenamtlich am Geschichtsprojekt der Lutherkirchen-Gemeinde in Hamburg-Wellingsbüttel engagiert sowie an dem Dokumentationsprojekt zum Architekturbüro Hopp und Jäger (www.huj-projekt.de). - Auf dem Hintergrund der Erschließung des umfangreichen Fotomaterials des Hamburgischen Architekturarchivs widmet er sich in besonderer Weise den von H&J vor dem Zweiten Weltkrieg im Norden Hamburgs gestalteten Kirchbauten sowie den damit verbundenen historischen Zusammenhängen.

2 Die Renovierung von St. Nicolaus 1938


Als Quellen aus der Zeit der Renovierung 1938 stehen z.Z. außer den Angaben von F. Lensch in den BuB vor allem die Tagebücher von Bernhard Hopp mit Details zur Verfügung. Darüber hinaus ist der Renovierungsvorgang durch zwei Bauzeichnungen "amtlich" dokumentiert, die für die statischen Berechnungen vorgelegt wurden und den folgenden H&J-Stempelabdruck zeigen:

Die alten Zeichnungen von 1938 sind Teil eines Vorgangs aus dem Jahr 1949, als es um eine Rückübertragung der Kirche, Versammlungsgebäude (und dann kirchliche Hochschule), Pastorat und des ersten AA-Hauses "Schönbrunn" an die Alsterdorfer Anstalten ging.173

Sie finden sich unter den Archivalien im Kieler Archiv der Nordkirche (= LKAK)174 im Zusammenhang des Aktenbestandes "32.14.01 - LK Hamburg - Bauabteilung: Akten" unter Nr. 556 "Ankauf der Nikolai-Kirche der Alsterdorfer Anstalten durch die Kirchengemeinde Winterhude-Nord sowie Rückübertragung des Grundstücks der Kirche".

Die Prüfung der Statik war für die "Erneuerung der Empore" notwendig, deren Tragfähigkeit in den handschriftlichen Berechnungen am 7.7.1938 von R. Jäger eingetragen und als ausreichend am 21.7.1938 von der statischen Prüfstelle bescheinigt wurde. - Für das ehemalige Chorfenster ist in dieser Zeichnung bereits eine geschlossene Wand eingezeichnet:

32.14.01 Nr. 556 (Bauplan) - nach einer Reproduktion des LKAK

Neben dem Grundriss mit der Emporen-Statik zeigt eine zweite H&J-Zeichnung die Empore und den Kirchenraum im Längsschnitt, wobei auch das früher unterhalb der Fenster umlaufende Gesims nicht mehr eingezeichnet ist:

32.14.01 Nr. 556 (Erneuerung der Empore) - nach einer Reproduktion des LKAK

Weitere originale Bauzeichnungen sind bisher noch nicht verfügbar gewesen. Jedoch existieren aus der Situation des Ankaufs noch zwei relativ einfache Zeichnungen des Areals, die auf "März 1942" datiert und vom in der Bauabteilung des LKA Hamburg zuständigen Oberbaurat Brunke unterzeichnet sind.175

In B. Hopps Tagebuch-Notizen sind zwar nicht alle Geschäftsvorgänge des Architekturbüros vermerkt, aber immerhin die meisten der Termine, die er selbst im Zusammenhang der von ihm betreuten Projekte direkt bearbeitet hat. Das betrifft diejenigen in Hamburg und im näheren Umland, wie es durch das Groß-Hamburg-Gesetz 1937 neu politisch zugeordnet wurde, sowie auch die Bauplanungen in Westfalen. Die schwerpunktmäßig von seinem Kollegen Rudolf Jäger direkt betreuten Projekte im Norden Schleswig-Holsteins und in Niedersachsen werden nur gelegentlich erwähnt, wenn es um eigene Aktivitäten für diese Bauten (meist künstlerische Ausgestaltungen) oder um die Abwesenheit des Kollegen bzw. Koordination mit ihm ging.

Diese Daten sind besonders dann sehr hilfreich, wenn zudem weitere Archivalien und lokale Akten der entsprechenden Kirchbauten zur Verfügung stehen. Aus ihnen lässt sich der Werdegang der Verhandlungen über die genauere Gestaltung, über die gemachten künstlerischen Vorschläge und Diskussionen mit Pastoren bzw. lokalen und teils überregionalen Entscheidungsgremien meist detailliert nachzeichnen. Auch die in den Notizen erwähnten Eigennamen von Handwerkern, die z.T. an mehreren Bauten mitgewirkt haben, lassen sich so den Gewerken zuordnen. Für die Zeit um 1938 liegen inzwischen mehrere solcher besser dokumentierten Materialien im H&J-Projekt vor.

Die Einweihungsdaten der entsprechenden Kirchen sollen deren weitgehende Fertigstellung anzeigen: - Lutherkirche in Wellingsbüttel (28.11.1937), Johanneskirche in Hamm/Wf. (20.3.1938), Marienkirche in Balje (3.4.1938) bzw. zeitlich parallel die Kirche Maria-Magdalenen in Klein-Borstel (11.12.1938), der Um- und Ausbau von St. Lukas in Fuhlsbüttel (18.12.1938).176 - Bei diesen frühen Kirchbauten des Architekturbüros lässt sich ein gewisser eigener Stil besonders in der Ausstattung der Innen- und Altarräume beobachten. Das hat natürlich auch mit der Arbeitsökonomie der Entwurfsverfahren zu tun, zumal die Dichte der Aufträge in dieser Zeit schnell sehr groß wurde. Dabei geht die Hochschätzung von H&J z.T. auf eine öffentliche Bewertung ihres ersten gemeinsamen Bauwerks zurück, auf den Holzbau der Fischerkirche in Born auf dem Darß 1934. Er wurde als

"Beispiel . für den Neuaufbau einer deutschen Baukultur"

in der Deutschen Bauzeitung 1935 charakterisiert.177

Außerdem ist durch den Vierjahresplan ab Ende 1936 die Verwendung von Eisen nur sehr beschränkt möglich gewesen, so dass weiterhin - wie bei der Fischerkirche in Born - Holz eine wichtige Rolle als Baumaterial in Konstruktionen spielte. Dadurch hat sich eines der Stilelemente von H&J verstärkt: nämlich in die Balken eingelassene Bibelworte, die die Inneraum-Ausgestaltungen meist wesentlich mit prägen. So ist es bei allen o.g. Kirchenräumen der Fall - und, wie unten zu zeigen sein wird, auch in St. Nicolaus bei der erneuerten Emporen-Konstruktion. Deren Balkeninschrift und Buchstaben-Formen tragen deutlich die "Handschrift" von H&J. B. Hopp hatte eine eigene Variante der Kirchen-Unizial-Buchstaben geschaffen, die u.a. durch einige besondere Buchstabenformen - wie "seinem G" - sich leicht erkennen lässt.

2.1 Tagebuch-Notizen von B. Hopp (März bis Okt. 1938)

Die inzwischen nutzbaren Inhalte der Notiz-Tagebücher von B. Hopp, die insgesamt den Zeitraum von 1936 bis 1962 abdecken (mit wenigen großen Lücken besonders 1942-1944), bieten - wie gesagt - Stichworte zu seinen beruflichen Aktivitäten und gelegentlich auch einige private oder auf die historische Situation bezogene Eintragungen. Relevant für den Kontakt zu P. Lensch sind vor allem zwei der Tagebücher.178

Der erste Kontakt zu Pastor Lensch ist am 24.03.1938 notiert und zwar in einer Liste, die u.a. für 4 Uhr nachmittags als Teil einer Ausfahrt zu den verschiedenen parallel-laufenden Bauvorhaben zusammen mit J. [= Jäger] und dem Bauunternehmer, Herrn Heitmann, auch "P. Lensch, Alsterdorf" vermerkt. Die Art der Einträge in einer Mischung von Buchstaben, die zum geringeren Teil aus Sütterlin und meist in lateinischer Kursivschrift gewählt sind, sei hier beispielhaft abgebildet. In der weiteren Auflistung wird dann meist nur die Transkription geboten - wie rechts neben der Abbildung:

"4° P. Lensch Alsterdorf

Alsterdorf, Besichtig[un]g der Kirche wegen Renovierung, die geplant ist"

Am 13.04.1938 findet sich folgender Eintrag:

"Alsterdorf P. Lensch:

"11° - 2 ½° Alsterdorfer Anstalten, Besprech[un]g mit P. Lensch, Nach Ostern soll weiter verhandelt werden. Ich habe in der Kirche den gegenwärtigen Zustand aufgenommen."

Am 23.04.1938179

"nachm. P. Lensch im Büro"

Am 27.04.1938 ist B. Hopp vormittags am Bau in Fuhlsbüttel und arbeitet nachher bei sich zu Hause (im Erdkampsweg 63) an Materialien für einen anderen Architekten-Wettbewerb:

"mitt[a]gs 1° kommt P. Lensch. Mit P. Lensch Besichtigung Alsterdorf"

29.04.1938:

"2 -4° mit [dem Maler] Wesp Alsterdorfer Kirche.

Für den unten folgende Eintrag zum Abend des 13.05.1938 ist einerseits Hopps Abwesenheit in Westfalen (vom 4.-13. Mai) wichtig zu wissen. Er setzt andererseits auch die Kenntnis voraus, dass zu dieser Zeit in der Hauptkirche St. Petri mit dem Hauptpastor Knolle Gespräche über eine Altar-Umgestaltung parallel laufen. P. Knolle ist einer der in Hamburg sich mit Fragen der künstlerischen Ausgestaltungen von Kirchen als deren Fürsprecher und Promotor verstanden hat. Für seine eigenen Wünsche nimmt P. Knolle (wie diesem selbstverständlich) höchste Priorität an. Der Anruf von P. Lensch hat auf dieses Projekt in St. Petri wohl Bezug genommen, ohne vermutlich das subjektive Empfinden der Wichtigkeit des Hauptpastors in Rechnung zu stellen, das dieser gegenüber R. Jäger artikuliert haben wird:

"Im Büro von J.[äger], der 6° erscheint, erfahren, daß D. Knolle böse ist, daß Alsterdorf angerufen hat."

Ein weiteres Detail ist indirekt für die Kunstliebhaber Hopp und Lensch wichtig zu wissen - und zwar im Hinblick auf die unten noch zu besprechende "Krieger-Ehrung" in St. Nicolaus: Hopp besuchte am nächsten Tag, dem 14.5.1938, Ernst Barlach (2.1.1870-24.10.1938) in seinem Haus und Atelier in Güstrow, um Barlach zu gewinnen, doch die angefangenen Entwürfe eines Taufsteins für die Johanneskirche in Hamm fertigzustellen. Barlach befand sich seit einiger Zeit in einer depressiven Stimmung, die ihn an der Weiterarbeit gehindert hatte. Hintergrund dafür ist...

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