Der Heiler der Pferde

Roman
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. November 2013
  • |
  • 672 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-13273-6 (ISBN)
 
Kastilien, 1195: Die Familie des 14-jährigen Diego von Malagón wird von arabischen Almohaden brutal überfallen, mit letzter Kraft entkommt er. In Toledo wird er Lehrling eines muslimischen Pferdeheilers, muss die Stadt wegen einer Frau aber verlassen. Diegos Abenteuer führen ihn mitten in die politischen Konflikte der spanischen Reiche und zwingen ihn immer wieder zu Flucht und Neuanfang. Mit dem Glück des Mutigen kämpft er jedoch um seine Berufung und die Erfüllung seiner großen Liebe.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 1,87 MB
978-3-641-13273-6 (9783641132736)
weitere Ausgaben werden ermittelt

»Wacht auf…«

Eine zarte Stimme ließ Blanca die Augen aufschlagen.

Eine dunkelhaarige junge Frau mit blauen Augen lächelte ihr entgegen. Sie war so stark geschminkt, dass ihre natürliche Gesichtsfarbe kaum zu erkennen war. Erschrocken zog sich Blanca die Bettdecke über den Kopf. Sie hatte Angst, geschlagen zu werden oder diesen widerlichen Mann erneut ertragen zu müssen.

»Keine Angst. Ich tue euch nichts. Ich bin Prinzessin Najla.« Das freundliche Lächeln des Mädchens war überzeugend. »Steht leise auf und folgt mir. Hinter der Nähstube können wir uns ungestört unterhalten.«

Das Anliegen zu so später Stunde war zwar befremdlich, aber Blanca sah keinen Grund mehr zur Furcht und weckte ihre kleine Schwester. Leise schlichen die vier jungen Frauen aus dem Gemeinschaftssaal, den sich Estela und Blanca mit zwanzig anderen Konkubinen teilten.

Hinter dem selbstbewussten Auftreten der Prinzessin war auch Anspannung zu spüren. Sie sprach fließend Spanisch. Es sprudelte so rasch aus ihr hervor, von einem Thema zum nächsten springend, dass man ihr kaum folgen konnte.

»Die Schminke, unter der ich meine Blässe verberge, heißt Henna. Das Farbpigment wird aus einer bei uns sehr verbreiteten Pflanze gewonnen. Ardah ist meine Sklavin …« Die Begleiterin der Prinzessin neigte ehrerbietig den Kopf, obwohl sie ihre Herrin im Grunde verabscheute. Najla behandelte sie nicht gut, und ihre Strafen waren allzu hart. »Sie ist ein wenig faul, aber ihre Tätowierungen sind die besten. Das hier ist ihr Werk …«

Die Prinzessin streckte ihnen die Hände entgegen. Auf den Handflächen waren zwei Sonnen aufgemalt, deren Strahlen in Girlanden und Blumen endeten.

»Ihr habt prächtiges Haar von einer sehr ungewöhnlichen Farbe – wie gebrannter Ton.« Die Prinzessin besah es sich genau, vor allem Estelas Lockenpracht.

»Mögt Ihr Gedichte?« Es war eine rein rhetorische Frage. »Ich sehr. Ich kenne die besten Dichterinnen Córdobas. Wie steht es mit den Märkten? Sind sie nicht einfach wunderbar? Leider sind sie mir verboten. Aber manchmal entkomme ich meiner Leibwache und dann kann ich alles in Ruhe ansehen, anfassen, herumwühlen, nachfragen … Ach, es ist so aufregend!«

Sie hielt nur einen kurzen Moment inne, und sofort ging es weiter.

»All die schönen Düfte. Mein liebster ist der nach Rosen. Aber den Geruch von Moscheen kann ich nicht ausstehen. Pferde sind meine Leidenschaft. Wenn ich reite, fühle ich mich frei wie ein Vogel…«

Die Schwestern lauschten ihr auf weichen Kissen sitzend, ohne sich auf das Ganze einen Reim machen zu können. Die Prinzessin plauderte ohne Unterlass, als wären sie beste Freundinnen.

»Dürften wir erfahren, warum Ihr uns zu dieser späten Stunde hierhergebracht habt?«, fiel ihr Blanca ins Wort.

Najlas Redefluss versiegte auf der Stelle. Traurig sah sie die beiden Mädchen an.

»Ich bin eben aus Sevilla gekommen. Obwohl ich so weit weg von meinem Hof und meiner Familie war, fühle ich mich hier als Gefangene…«

»Ihr seid nicht die Einzige«, warf Estela dazwischen.

»Es ist mein Schicksal. Schon immer musste ich wegen allem um Erlaubnis bitten: zum Ausgehen, zum Reden. Ich genieße hohes Ansehen am Hof, weil ich die Tochter des Kalifen bin. Aber ich kenne ihn kaum, ebenso wenig meine Mutter. Wenn ich mal lachen darf, dann sittsam hinter vorgehaltener Hand. Wenn mir zum Weinen ist, darf niemand meine Tränen sehen. Noch nie durfte ich mein Essen aussuchen oder bestimmen, wann ich zu Bett gehe. Auch die Kleider suche ich mir nicht selbst aus, andere legen sie mir an. Sogar wie oft und wann ich ein Bad nehme, ist nicht mir überlassen. Aber ihr, ihr konntet all diese Dinge tun, ohne jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen, nicht wahr? Ihr kennt sogar die Liebe… Ich nicht. Man gewährt mir nur ein Zipfelchen vom Leben.«

Ardah gemahnte ihre Herrin, leiser zu sprechen.

»Erzählt mir von eurem Glauben, eurer Heimat, der Landschaft Kastiliens. Ich möchte die Menschen dort verstehen. Es ist mir ein echtes Anliegen. Durch meine Adern fließt Blut wie eures, denn meine Mutter stammt aus Kastilien wie ihr. Leider wollte sie nie mit mir darüber sprechen. Ich möchte aber alles darüber erfahren…, was man mir von Geburt an verschwiegen hat.« Najlas Blick war ernst und aufrichtig. »Darum habe ich euch geweckt und hierhergebracht …« Der Redeschwall der Prinzessin geriet ins Stocken. Verlegen wandte sie sich etwas ab. »Eigentlich möchte ich …, offen gestanden, würde ich euch gerne als Freundinnen gewinnen.«

»Beliebt Ihr zu scherzen?«, rief Blanca empört. »Glaubt Ihr, man könne Freundschaft erzwingen? So, wie wir zur Liebe gezwungen werden? Muss ich Euch daran erinnern, dass wir nur Sklavinnen und Konkubinen Eures Vaters sind? Oder wisst Ihr etwa nicht, wer uns fast täglich in sein Bett holen lässt?«

»Seid doch bitte nicht gleich so ungehalten. Ihr lebt in einem Harem. Da ist das ganz natürlich.« Die Prinzessin wunderte sich. »Mein Vater beschützt, nährt und kleidet euch. Natürlich nicht ohne Gegenleistung. Was ist daran schlecht?«

»Eine recht seltsame Sicht der Dinge«, mischte sich Estela ein.

»Gibt es das etwa nicht in Kastilien? Kennt man in eurer Heimat keine Harems?«

»Bei uns hat ein Mann nur eine Frau«, erwiderte das Mädchen.

»Kann man keine Sklavinnen kaufen?«

»Nein. Doch… schon. Manche kaufen welche.«

»Legen sie sich etwa nicht zu ihnen?«

»Vielleicht, aber es gehört sich nicht.«

»Dann sind sie wie wir, nur verlogen dazu. Nach unserem Recht hat eine Frau ihrem Mann zu dienen und nur für ihn zu leben. Sie hat ihn zu erfreuen, wann immer es ihn danach verlangt. Seine Liebe ist ihre Belohnung. Wir haben nichts dagegen, unseren Ehemann mit anderen Frauen zu teilen. Aber er muss die Rangordnung seiner Frauen achten. Die Lieblingsfrauen haben größere Rechte als die anderen. Nur deren Nachkommen sind die rechtmäßigen Erben. Die anderen, so wie ihr, stehen in seiner Schuld. Es ist nur recht, dass er sich nimmt, was ihm am besten gefällt.«

»Wie könnt Ihr nur so reden? Wir werden vergewaltigt … Findet Ihr etwa auch richtig, dass auch Euer Bruder Mohammed sich mit mir vergnügt?« Er hatte vergangene Nacht Estela kommen lassen.

»Aber natürlich! Du solltest dir etwas darauf einbilden! Nach dem Tod unseres Vaters wird er Kalif sein. Stell dir doch vor, welche Ehre es für dich wäre, seine Lieblingsfrau zu werden … Die meisten Frauen würden viel darum geben«, schloss die Prinzessin überzeugt.

Die Schwestern kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie konnte man so denken – unabhängig von Stellung und Glauben. Blanca schob ihre Bedenken beiseite. Die Freundschaft mit der Prinzessin konnte ihnen durchaus nutzen.

»Wollt ihr meine Freundinnen sein?«, hakte Najla unschuldig nach.

»Es ist uns eine Ehre, Prinzessin«, entgegnete Blanca rasch.

 

Nach zwei Wochen auf hoher See lief das Schiff aus Marrakesch im Hafen von Fuenterrabía ein. Von hier waren es noch einmal sieben Tage zu Pferd, bis Pedro de Mora in Tudela eintraf, der Hauptstadt des Königreichs Navarra.

Der Edelmann hatte die umständliche und längere Anreise dem Weg quer durch Kastilien vorgezogen. Er kam als Gesandter des Kalifen, um König Sancho zur Unterzeichnung eines Friedensabkommens zu überreden, wie es bereits die Könige von Portugal und León getan hatten.

»Ich möchte nichts mehr davon hören!«, brauste der König von Navarra auf. »War ich etwa nicht deutlich genug? Ich stehe im Bund mit König Alfons von Kastilien und dem König von Aragon gegen Euren Kalifen. Das ist allseits bekannt. Auch Eurem Herrn dürfte das nicht entgangen sein.«

Sancho sprang auf und lief auf Pedro de Mora zu.

»Ihr habt mich nicht zu Ende sprechen lassen…«, erwiderte der Gesandte sanft. Der König maß ihn mit einem verächtlichen Blick.

»Ich sollte Euch an Alfons von Kastilien ausliefern … Soviel ich weiß, schätzt er Euch so sehr, dass er eine Menge Geld auf Euren Kopf ausgesetzt hat.« Der hünenhafte Monarch umkreiste drohend den Gesandten. Scheinbar gelassen fuhr der Mann mit der Hand über die große Narbe auf seiner Stirn.

»Ja, das stimmt. Er wirft mir Verrat vor, aber in Wirklichkeit hat er mich um meinen Grundbesitz betrogen, meinen Namen und meine Ehre besudelt. Er hat mir ebenso übel mitgespielt, wie er es jetzt mit Euch tut – wenn Ihr ehrlich seid.«

»Was wollt Ihr damit andeuten? Drückt Euch klar und deutlich aus! Weshalb zieht Ihr mich da hinein? Was geht mich Eure vermeintliche Kränkung an?«

»Soviel ich gehört habe, beabsichtigt Ihr, die drei Königreiche zu vereinen. Es soll nur noch einen Hof geben. Dazu habt Ihr das Mittel der Heirat gewählt. Ist es nicht so?« Sancho nickte. »Warum gibt Euch Euer Vetter Alfons von Kastilien nicht jetzt schon Logroño, Cameros und Nájera zurück, die alle zum Königreich Navarra gehören? Weshalb müsst Ihr die Vereinigung abwarten, um das Eurige zurückzuerhalten, wo es doch später ohnehin wieder allen gehören wird?«

Der Stachel saß. Der König von Navarra schnaubte wütend auf. Aber Pedro de Mora hatte noch lange nicht alle Trümpfe ausgespielt. Bisher war Sanchos Ehe mit Constanza von Tolosa kinderlos geblieben, und der König hatte seine Gattin deshalb verstoßen. Doch einer Heirat mit der Tochter eines seiner verbündeten Vettern würde der Papst niemals zustimmen. Zufrieden beobachtete der Edelmann die Wirkung seiner Worte. Sie hatten ihr Ziel nicht verfehlt.

Der Monarch füllte ein Glas mit Wein und trank es in einem Zug aus. Als er sich müde zu seinem Thron schleppte und niederließ, war sein Blick voller Misstrauen. Zu...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen