Die stumme Braut

Ein Fall für Petra Delicado
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2015
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98227-6 (ISBN)
 
Das Kloster der Herz-Jesu-Schwestern in Barcelona: Inbegriff von Ruhe und Besinnung- und so ziemlich der letzte Ort, an dem man die lebenslustige, zungenfertige Inspectora Petra Delicado vermutet. Bis ein rätselhafter Mord und die noch rätselhaftere Entführung eines mumifizierten Heiligen die Erkundung des sakralen Gebäudes unumgänglich macht. Und so wird die Suche nach dem Klostermörder zum kuriosesten Fall in der Ermittlerkarriere von Petra Delicado und Subinspector Fermín Garzón. Und die Jagd nach der Mumie hält nicht nur die Nonnen des heiligsten Herzens Jesu, sondern das ganze Land in Atem.
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978-3-492-98227-6 (9783492982276)
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1


Ich fand sie auf dem Sofa. Das offene, zerzauste Haar hing ihr übers Gesicht. Ihr Kopf auf dem großen Kissen war unnatürlich verrenkt. Die ausgestreckten Beine ragten nackt und weiß nach oben. Der Rock hatte sich um ihre Hüften gelegt. Verblüfft rief ich: »Marina! Was, zum Teufel, machst du da?«

Daraufhin löste sich die neunjährige Tochter meines dritten Mannes und demzufolge meine Stieftochter aus der ungewöhnlichen Position, setzte sich aufrecht hin und erwiderte mit hochrotem Gesicht vom Kopfstand: »Ich habe alles verkehrt herum gesehen.«

»Ich finde es gar nicht witzig, dich in dieser Haltung vorzufinden.«

»Weil du dann an ermordete Leute denkst.«

Dieses kleine Mädchen verfügte über die erschreckende Gabe, mühelos zu erahnen, was in meinem Kopf vorging. Verschwiegen, scharfsinnig und intelligent wie sie war, brauchte sie mich nur mit ihren blauen Augen anzusehen und wusste sogleich, was ich gerade dachte. Das gefiel mir überhaupt nicht, denn es nötigte mich zu permanenter Verstellung und wie in diesem Fall auch noch zu der unverfrorenen Lüge: »Ermordete Leute? Auf was für Ideen du kommst! Ich habe überhaupt nicht an ermordete Leute gedacht.«

»Warum findest du's dann nicht gut?«

Ich improvisierte rasch: »Du hast ausgesehen . wie ein Huhn am Haken in einer Metzgerei!«

Sie dachte darüber nach, welchen Reiz es haben könnte, ein Huhn am Haken zu sein, und musste zweifelsohne einen gefunden haben, denn sie manövrierte sich wortlos und ausgesprochen geschickt erneut in die Kopfüberposition.

Ich seufzte. Vor meiner dritten Ehe hatte ich nie mit Kindern zu tun gehabt, und ihr Verhalten faszinierte mich. Sie erschienen mir sonderbar und unbegreiflich, sie verfügten über die Beobachtungsgabe eines Psychologen und waren so ehrlich, wie es sonst nur Verrückte sein können. Wie dem auch sei, wenn ich fürchtete, von ihnen durchleuchtet zu werden, und mich angesichts ihrer Gabe, mich zu durchschauen, verstellte, lag das an meiner sprichwörtlichen Fähigkeit, mir das Leben schwer zu machen. Marcos, mein Mann, hatte mich nie darum gebeten, im Beisein seiner Kinder nicht über meine Polizeiarbeit zu sprechen. Natürlich war klar, dass ich beim Frühstück nicht detailliert von einer Obduktion berichtete, aber es war allein meine Entscheidung gewesen, die Kinder nicht zu viel über meine Arbeit im Kommissariat wissen zu lassen. Mein Fehler, denn mit dieser Vorsichtsmaßnahme erreichte ich lediglich, ihre Neugier erst richtig anzustacheln und ihre Phantasie wie Kometen am Himmel der Spekulationen kreisen zu lassen. Die Zwillinge Hugo und Teo zeigten großes Interesse daran, Hypothesen über meine Arbeit aufzustellen. Wenn sie eine Akte auf dem Tisch liegen sahen, kam sogleich die Frage, ob ich einen »tollen« Fall in Arbeit hätte. Ich brauchte ein Weilchen, bis ich begriff, dass sie unter »toll« ein möglichst blutiges Verbrechen mit verstümmelten und ausgeweideten Leichen verstanden. Ihre größte Hoffnung war, dass ich eines Tages einen grausamen Serienmörder verfolgen müsste. Ich erklärte ihnen vergeblich, dass Serienmörder nicht allzu häufig vorkamen und schon gar nicht in Spanien, doch sie waren immun gegen meine Argumente und hofften weiter.

Wirklich unangenehm war mir all das nicht. Marcos' Kinder kamen nur an bestimmten Wochenenden zu uns, und ich muss einräumen, dass es mir im Grunde Spaß machte, ihre blutigen Luftschlösser mit meinen abschlägigen Antworten zum Einsturz zu bringen. Ansonsten hatte ich mich problemlos an mein neues Eheleben gewöhnt. In den ersten Monaten waren meine Alarmglocken ständig in Bereitschaft gewesen. Ich hegte die grundlose Angst, dass meine Macken der einsamen Steppenwölfin zutage treten und die eheliche Harmonie zunichte machen könnten. Außerdem erzählten mir meine Freundinnen mit haarsträubender Verbitterung immer wieder banale Vorfälle aus ihrem Ehealltag. Meist handelte es sich um Bagatellen, doch da gerade die das Zusammenleben durchaus erschweren können, war ich in Alarmbereitschaft. Eine von ihnen erzählte beispielsweise, dass die schlichte Tatsache, jeden Morgen die Zahnpastatube offen vorzufinden, wahre Mordgelüste in ihr weckte. Dergleichen konnte mir nicht passieren, denn ich hatte mir vorgenommen, kleine egoistische Marotten geflissentlich zu übergehen und meine dritte Ehe erfolgreich werden zu lassen. Wir waren schließlich keine blutigen Anfänger, sondern Veteranen in diesem Unternehmen, und das musste sich doch irgendwie bemerkbar machen. Inzwischen waren wir knapp ein Jahr verheiratet, und es funktionierte ziemlich gut.

An dem Tag, als Marina kopfüber auf dem Sofa stand, war sie außer der Reihe bei uns. Ihre Mutter hatte einen Taxifahrer beauftragt, sie von der Schule abzuholen und zu uns zu bringen. Ich hatte den Nachmittag frei und sollte bei ihr bleiben, bis ihr Vater heimkam und sie zum Zahnarzt begleitete. Sie verharrte in ihrer unnatürlichen Position, und ich ging duschen. Ich kam von der Arbeit und musste wieder munter werden.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, stand Marina noch immer mit dem Kopf nach unten.

»Hör auf damit, Marina. Das kann doch nicht gesund sein.«

Sie gehorchte und setzte sich. Dann sagte sie plötzlich wie nebenbei: »Die Mutter Oberin meiner Schule will mit dir sprechen.«

Was?, rief ich im Geiste. Das ging doch weit über meine Kompetenzen als Stiefmutter hinaus. Aber ich wollte nicht schroff sein zu dem Kind.

»Hast du ihr von mir erzählt?«

»Ja, schon öfter. Ich habe ihr gesagt, dass du Polizistin bist und all das.«

»Aber sie weiß schon, dass deine Eltern die Erziehungsberechtigten sind, nicht wahr?«

»Sicher.«

»Hast du eine Ahnung, was sie möchte?«

»Nein, aber sie hat mir gesagt, es sei dringend, du sollst sie gleich zurückrufen. Die Nummer liegt auf dem Tisch.«

»Willst du damit sagen, dass sie gerade eben erst angerufen hat?«

»Ja, als du unter der Dusche warst.«

»Warum hast du das nicht gleich gesagt?«

»Du hast mich ja nicht gefragt .«

Das durchtriebende Mädchen hatte recht, doch das mochte ich nicht zugeben. Eher besorgt als neugierig (ich fragte mich, was, zum Teufel, eine Nonne von mir wollte), wählte ich besagte Nummer und wartete. Marina war so klug und flüsterte mir noch den Namen zu, nach dem zu fragen ich ganz vergessen hatte.

»Sie heißt Guillermina, Mutter Guillermina.«

Ich weiß nicht, ob dieses kleine Geschöpf perfekt war, auf jeden Fall war sie weniger zerstreut als ich. Es meldete sich eine Stimme mit eigenwilligem Singsang: »Hier ist das Kloster des Herz-Jesu-Ordens. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich möchte mit Mutter Guillermina sprechen. Mein Name ist Petra Delicado, sie hat vorhin bei mir angerufen.«

»Ja, warten Sie bitte einen Augenblick.«

Marina starrte mich an. Sie war sehr neugierig, doch das kaschierte sie mit ihrem stoischen Verhalten ziemlich gut.

»Inspectora Delicado?«, fragte jemand mit tiefer Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Ja, am Apparat.«

»Gott sei Dank, dass Sie anrufen!«

»Ist was passiert, Mutter Guillermina?«

»Ja, Inspectora, eine wahre Tragödie. Ich bitte Sie, so schnell wie möglich herzukommen.«

»Aber .«

»Ich möchte es Ihnen nicht am Telefon sagen, Inspectora, haben Sie bitte Verständnis dafür. Es ist besser, wenn Sie sofort herkommen.«

»In Ordnung, aber sagen Sie mir: Handelt es sich um eine Angelegenheit für die Polizei?«

»Ich fürchte, ja, unglücklicherweise.«

»Ich komme, geben Sie mir die Adresse.«

Kaum hatte ich sie notiert, fragte Marina, was passiert sei. Sie wirkte gleichmütig, tat aber nur so. Ich lächelte sie an.

»Ich weiß es nicht. Hast du den Nonnen erzählt, dass dein Vater eine Polizistin geheiratet hat?«

»Ja, sie waren platt.«

»Kann ich mir vorstellen. Aber das ist doch nicht deine normale Schule, oder?«

»Nein, dort muss ich einmal die Woche hin, weil meine Mutter will, dass ich Religionsunterricht bekomme, mein Vater mich aber nicht in die Klosterschule schicken wollte . Da lerne ich christliche Nächstenliebe und so.«

»Verstehe.«

Das Problem war nur, dass unsere neue Hausangestellte Jacinta Freitagnachmittag frei hatte; wenn ich also sofort losfuhr, müsste das Mädchen über eine Stunde allein bleiben, bis ihr Vater nach Hause kam. Ich ging ins Wohnzimmer zurück und betrachtete sie. Sie stand wieder kopfüber auf dem Sofa und streckte die rosafarbenen Strümpfe nach oben. Wie konnte ich beruhigt gehen? Wenn sie imstande war, den halben Nachmittag kopfüber zu verbringen, um die Welt verkehrt herum zu betrachten, könnte ihr auch noch Abwegigeres einfallen. Die Verantwortung dafür war mir zu groß, also rief ich Marcos an.

»Marina kann problemlos allein bleiben. Sie ist fast immer brav. Was macht sie gerade?«, fragte mein Mann beiläufig.

»Sie steht kopfüber auf dem Sofa.«

Er schwieg einen Augenblick, gewiss hatte er auch nicht damit gerechnet, dass sich seine Tochter derart ungewöhnlich die Zeit vertrieb.

»Geh ruhig, Petra, ich mache hier gleich Schluss. Es wird nicht lange dauern.«

Mit zugeknöpftem Mantel und der Tasche in der Hand baute ich mich vor ihr auf.

»Marina, kannst du die Welt mal kurz richtig herum ansehen?«

Sie drehte sich um und blickte mich mit hochrotem Gesicht und wirrem Haar an.

»Dein Vater kommt gleich, aber ich muss jetzt sofort los.«

»Ist eine Nonne ermordet worden?«

Ich...

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