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Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen - Vom Autor des Bestsellers »Bauchentscheidungen«
 
 
C. Bertelsmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27736-9 (ISBN)
 
Risiken erkennen und richtig entscheiden in der digitalen Welt

Was genau zeichnen die smarten Geräte bei uns zu Hause auf? Gehört dem autonomen Fahren die Zukunft? Wo entscheiden Algorithmen besser als der Mensch, wo aber nicht? Und wie groß ist die Chance wirklich, beim Online-Dating den Partner fürs Leben zu finden? Der weltweit renommierte Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer beschreibt anhand vieler konkreter Beispiele, wie wir die Chancen und Risiken der digitalen Welt für unser Leben richtig einschätzen und uns vor den Verlockungen sozialer Medien schützen können.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe, Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Direktor des Harding Zentrums für Risikokompetenz. Er hat zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten, u.a. den AAAS Preis für den besten Artikel in den Verhaltenswissenschaften, den Communicator-Preis und den Deutschen Psychologie-Preis. Seine populärwissenschaftlichen Bücher »Das Einmaleins der Skepsis« (2002) und »Bauchentscheidungen« (2007, ausgezeichnet sowohl als »Wissenschaftsbuch des Jahres« wie als »Wirtschaftsbuch des Jahres«), »Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft« (2013) und »Klick. Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen« (2021) fanden große Beachtung und sind internationale Bestseller. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der 100 einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.

1

IST WAHRE LIEBE NUR EINEN KLICK ENTFERNT?

Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht

das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste,

die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die

alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.

RAINER MARIA RILKE32

Dating ist nur dazu da, dass andere Leute wissen, dass du datest, die Leute posten ständig darüber. Als würde man Fotos küssen.

SOPHIA, 13 JAHRE, MONTCLAIR, NEW JERSEY33

Money can't buy me love, erzählen uns die Beatles. Aber können es Algorithmen? Für ein paar Hundert Euro können Sie sich eine sechsmonatige Premium-Mitgliedschaft auf Online-Datingseiten in der ganzen Welt kaufen. Die Seiten werben damit, Ihnen den perfekten Partner verschaffen zu können. Jedes Jahr machen Millionen hoffnungsfrohe Kunden, junge wie alte, Gebrauch von Datingseiten oder mobilen Dating-Apps, und der Trend zeigt steil nach oben.34 Trotz solcher Beliebtheit sind sich viele Nutzer nicht darüber im Klaren, dass ihre Auswahl eines potenziellen Liebespartners auf Algorithmen beruht.35

KI findet Ihre Liebe

Eine attraktive junge Frau mit langem, wehendem Haar lächelt Sie von einer Webseite an. Neben ihr ein gutaussehender junger Mann mit gepflegtem Dreitagebart, der nicht minder selig dreinblickt. Dicht an ihren Gesichtern steht der Name einer der größten Datingseiten - Parship. Millionen Singles in Berlin, Wien, London, Paris, Amsterdam und Mexico City nehmen ihre Dienste in Anspruch, um sich auf die Suche nach wahrer Liebe und lange währendem Glück zu begeben.36 Wie ElitePartner, OKCupid und eine Vielzahl anderer ist Parship eine seriöse Agentur für Singles, die einen Partner fürs Leben suchen. Sie zieht Menschen an, die hoffen, dass sie eines Tages nicht mehr auf dem Singlemarkt mitmischen müssen. Anders als Tinder und ähnliche Dating-Apps, auf denen Nutzer wenig mehr als Aussehen und Standort zu sehen bekommen, verwendet Parship einen auf Persönlichkeit und Interessen basierenden Matching-Algorithmus. Seine Webseiten und Poster präsentieren an prominenter Stelle den immer gleichen Slogan:

Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single

Das hört sich nach einem sehr attraktiven Deal an: Man lässt sich registrieren, zahlt die Gebühr und wartet 11 Minuten! Das Glück ist nur einen Klick entfernt. Millionen haben sich registrieren lassen und gehofft, sie würden zu denen gehören, die sich rasch verlieben.

Doch denken Sie einen Augenblick nach. Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single. Das wäre eine tolle Sache, hätte die Seite nur hundert Nutzer. Aber Parship soll Millionen Kunden haben. Schauen wir uns das Ganze etwas genauer an. Eine Person verliebt sich alle 11 Minuten, das heißt, dass es überschlägig sechs pro Stunde sind, was 144 pro Tag entspricht - vorausgesetzt, die Singles sind Tag und Nacht auf der Webseite aktiv. In einem ganzen Jahr wären das 52 560 Verliebte (144 x 365). Wenn die Seite eine Million Kunden hat, verlieben sich nur 5 Prozent der Singles binnen eines Jahres. Nach einer Suche von zehn Jahren hätte also ungefähr die Hälfte der Kunden ihre wahre Liebe gefunden. Sollte die Seite mehr als eine Million zahlende Kunden haben, ist die wahrscheinliche Wartezeit noch länger. Mit anderen Worten, es besteht die reale Aussicht, dass Sie bis ins hohe Alter suchen (und zahlen); zu diesem Zeitpunkt ist es in der Tat ein stattlicher Batzen Geld, der Ihnen Liebe erkauft hat.37 Die einfache Überschlagsrechnung offenbart eine ernüchternde Wahrheit über den Erfolg des Matching-Algorithmus, auf dem der verführerische Slogan beruht.

Jetzt wissen wir, was »alle 11 Minuten« bedeutet. Was ist mit dem zweiten Teil des Slogans: »verliebt sich ein Single«? Schließlich braucht es zwei, um sich zu verlieben und ein Paar zu bilden. Tatsächlich kündigt alle 11 Minuten ein Premium-Mitglied und klickt auf die Frage nach dem Grund den Button »Hab mich verliebt« an. Ob wahre Liebe im Spiel war, ob sie online oder offline gefunden wurde oder ob es sich nur um eine bequeme Ausrede handelte, um keine Gebühren mehr zu bezahlen, bleibt ungeklärt.

Die Kundenurteile decken sich mit dieser Überschlagsrechnung. Bei 1 500 Beurteilungen von fünf von Deutschen genutzten Datingseiten, einschließlich Parship, erhielt keine eine durchschnittliche Bewertung von gut. Nur 7,7 Prozent gaben an, ihre Suche sei erfolgreich gewesen; die Übrigen hatten gekündigt oder suchten weiter.38

Bei ähnlichen Agenturen, die gebildete Singles in New York, Toronto oder Seoul ansprechen, scheinen die Aussichten genauso zu sein. Beispielsweise wirbt die Webseite EliteSingles damit, dass im Jahr 2018 monatlich 381 000 neue Mitglieder hinzukamen und dass mehr als 1000 Singles im Laufe eines Monats ihre Liebe fanden.39 Auch hier erscheinen die Zahlen eindrucksvoll - so viele glückliche Menschen! Doch erneut stellt sich die Frage, wie groß die Chancen tatsächlich sind, die wahre Liebe zu finden. Wenn die Zahlen stimmen, folgt daraus, dass pro Monat auf 381 Singles etwa ein glücklicher Kunde kommt, was im Jahr ungefähr auf einen von dreißig, oder 3 bis 4 Prozent, hinausläuft. Das liegt im Bereich der 5 Prozent, die oben für Parship errechnet wurden. Diese Berechnungen sind grobe Schätzungen auf der Basis der Zahlen, die die Online-Dienste selbst zur Verfügung stellen. Um sicherzugehen, überprüfte ich noch eine weitere Datingseite. JDate (für jüdische Singles) berichtet, man habe Hunderttausende von Mitgliedern weltweit und »Hunderte Nutzer finden jede Woche ihren Seelenpartner«.40 Anhand dieser beiden Zahlen ergibt sich, dass pro Woche ein Seelenpartner auf 1000 Singles kommt, im Jahr sind das 52 auf 1000, womit wir wieder bei etwa 5 Prozent pro Jahr sind. Diese lange Wartezeit entspricht durchaus einer der »Erfolgsgeschichten«, mit denen die Datingseite wirbt: dem Fall von Ryan, der 15 Jahre lang Gesichter scrollte und anklickte, bis er dank der Seite endlich seine Partnerin fürs Leben fand.41

Liebesalgorithmen können drei Arten von Dienstleistungen anbieten: Zugang, Kommunikation und die wahre Liebe finden. Zugang ermöglicht dem Kunden, potenzielle Partner kennenzulernen, die er sonst wahrscheinlich nie treffen würde. Das ist besonders hilfreich für Menschen, die ein sozial oder physisch isoliertes Leben führen und nicht den gängigen sozialen Normen entsprechen, etwa weil sie Behinderungen haben oder einer strengen Religion angehören. Eine andere Dienstleistung ist Kommunikation durch computervermittelte Interaktion vor der ersten Begegnung. Zusammen sind Zugang und Kommunikation der eigentliche Vorteil des Online-Datings. Doch wie gerade gesehen, hat besserer Zugang auch seine Nachteile, wenn die Aussichten, die wahre Liebe zu finden, so gering sind. Nachdem Sie 22 öde Dates gehabt haben, statt nur einem, das schiefgelaufen ist, könnte es durchaus sein, dass Sie sich bei so viel Pech und mit so vielen Partnern noch schlechter fühlen. In einem Überblick über Studien zum Online-Dating kommen die Autoren zu dem Schluss, es gebe »keine überzeugenden Belege für die Behauptungen der Datingseiten, dass mathematische Algorithmen Erfolg haben - dass sie mehr Paarbeziehungen anbahnen als andere Formen der Partnervermittlung«.42

Zur Überprüfung dieser Resultate kontaktierte ich große und angesehene Singlebörsen. Einige Dating-Plattformen - unter anderem eHarmony.com, Perfectmatch.com und Chemistry.com - behaupten nämlich, sie hätten leistungsfähige, »wissenschaftliche« Algorithmen, obwohl bisher noch für keinen nachgewiesen wurde, dass er nach Maßgabe wissenschaftlicher Methoden zuverlässig und gesichert ist.43 Als ich fragte, wie viele zahlende Kunden sie hätten, wie hoch die Erfolgsrate sei und wie sie diese bestimmten, wurden mir die Antworten freundlich, aber entschieden verweigert.44

Schauen wir einmal über die Singlebörsen hinaus. Trennen sich Paare, die sich online - über soziale Netzwerke, Chatrooms, Datingseiten oder sonst wie - kennenlernten, seltener und sind sie zufriedener mit ihrer Beziehung als Paare, die sich offline kennenlernten? In einer klassischen repräsentativen Studie in den USA an 19 000 verheirateten Personen zeigte sich, dass die Trennungsrate bei denen, die sich online gefunden hatten, geringer war als bei jenen, die offline zusammengekommen waren. Erstere gaben auch an, mit ihrer Ehe etwas zufriedener zu sein. Interessant ist jedoch, dass diejenigen, die sich durch die Liebesalgorithmen von Online-Partnerbörsen kennengelernt hatten, nicht zufriedener waren als Paare, deren Beziehung auf anderen Online-Seiten begonnen hatte.45 Andererseits wird in jüngeren US-Studien berichtet, die Trennungsraten seien höher bei Paaren, die sich online kennengelernt haben, während repräsentative Studien in Deutschland und der Schweiz keinen Unterschied feststellten, wie zufrieden die Paare mit ihren Beziehungen waren, egal, ob sie sich online oder offline kennenlernten.46 Zwar sind diese Ergebnisse widersprüchlich, doch geht aus etlichen Studien übereinstimmend hervor, dass der Anteilder online zusammengekommenen...

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