Schöbeli ab em Guggisbärg

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. März 2021
  • |
  • 556 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7534-5034-6 (ISBN)
 
Das Lied vom Vreneli ab em Guggisberg (auch vereinfacht Guggisberglied genannt, weitere Bezeichnungen Guggisbergerlied, Altes Guggisbergerlied) ist wohl das älteste noch bekannte schweizer Volkslied. Es wurde erstmals 1741 erwähnt, die älteste erhaltene Textvariante stammt von 1764. Das traurige Lied basiert vermutlich auf einer wahren Handlung aus den Jahren zwischen 1660 und 1670. Es handelt von einem «Vreneli» (schweizerdeutsch für «Verena») aus Guggisberg, ihrem Auserwählten aus schlechteren Verhältnissen und seinem Nebenbuhler von einem besseren Hof. Die beiden Männer haben eine Schlägerei. Weil der «Simes Hans-Joggeli» (Simons Hans-Jakob) glaubt, seinen reicheren Kontrahenten im Handgemenge umgebracht zu haben, flieht er und tritt, wie damals üblich, in fremde Kriegsdienste ein. Als er nach Jahren vernimmt, dass sein Gegner doch überlebt hat, kehrt er nach Hause zurück, doch ist sein Vreneli aus Kummer («das Mühlrad gebrochen, das Leiden ein End») schon gestorben.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 0,79 MB
978-3-7534-5034-6 (9783753450346)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Alex Gfeller, geboren 1947 in Bern, Schriftsteller und Landschaftsmaler, lebt in Biel. www.gfelleralex.ch

"Du bist doch fein raus, Schöbe? Nicht wahr? Sieh es doch einmal von dieser erfreulichen Seite! Und Frauen gibt's wie Sand am Meer, Mano! Junge, schöne, knusperige Dinger! Jede Menge! Ehrlich! Sie kommen und gehen wie die Wellen des Meeres, die Tanten, oder wie das Bisewetter, die Schicksen! Das weiß man doch? Hast du das nicht gewusst? Sie machen dir schöne Augen, und zack! Hast du sie schon in der Pfanne und gleich anschließend am Hals!"

"Naja."

"Du wirst sehen, Schöbe! So wird es laufen!"

Schöbe kann sich nach diesen langen Telefonaten jeweils nicht entscheiden, ob er lachen oder weinen soll. Ja, das können sie, diese Nullen, stets positiv denken und frohgemut ins Leben blicken wie ahnungslose Kinder, diese Arschlöcher, das können sie immerzu sehr gut, diese verdammten Kacker, naiv dreinblicken und jedem treuherzig den Schmus bringen! Das haben sie drauf! Unschuldig lächelnd das Mördermesser mitten ins Herz stoßen! Das bringen sie spielend fertig, diese ethischen und moralischen Delinquenten! Diese kriminellen Soziopathen!

Er isst bei entfernten Bekannten zu Abend, bei einer freundlichen Pfarrersfamilie, die seinerzeit angeblich schon Glauser, Gwerder, Bührer und Diggelmann als Gäste bei sich zu Hause gehabt haben will. Der Pfarrer möchte nämlich auch lieber Schriftsteller sein, genau wie Schöbe, denn Pfarrer als Beruf sei, ehrlich gesagt, nicht wirklich abendfüllend für einen richtigen Mann, obschon der Zapfen durchaus stimme, findet er, aber nur, wenn seine Alte nicht dabei ist, und als reiner Broterwerb sei er auch nie so richtig befriedigend, der geschmähte Beruf des Seelsorgers, gesteht er verschämt, denn ein verdammter Geistlicher stehe immer irgendwie daneben, neben dem Leben also, gesteht er zerknirscht. Sitzt zwischen den Bänken. Steht außerhalb des Geschehens. Liegt immer vergessen im Gebüsch draußen.

"Man kommt sich irgendwie überflüssig vor, irgendwie deplaziert und deshalb immer etwas derangiert, verstehst du, Schöbe? Man fühlt sich entbehrlich."

Schöbeli und er kennen sich von diversen Lesungen in diversen Untergrund-Kellern Berns, wo man sich jeweils "bei der literarischen Avantgarde" getroffen habe, wie der Pfarrer immer wieder voller Stolz betont. Weiß der Teufel, was der frustrierte Typ im hoffnungslos verschnarchten und erbärmlich rückständigen Bern als "literarische Avantgarde" hält, wahrscheinlich den Rudolf von Tavel, den Erfinder des Tavel-Service, der Wand-Tavel, der Tavel-Manieren, des Tavel-Spitzes und der teuren Tavel-Trauben. Aber was soll's? Wichtig ist das nicht wirklich, und was ist schon richtig wichtig im Leben, ganz grundsätzlich gesehen?

Die Gastgeber sind Schöbeli gegenüber sehr liebenswürdig und überaus nachsichtig, und die geradezu erschreckend sanfte Frau des Pfarrers weist Schöbe immer wieder begeistert auf Gottes tätige Hilfe, auf die Liebe Christi und auf das segensreiche Wirken des Heiligen Geistes hin. Sie zeigt zwischen den einzelnen Sätzen mit spitzem Zeigefinger immer wieder auf den einzigen wunden Punkt in der ganzen Geschichte, nämlich auf Schöbeli selber, genauer, auf seine, Schöbes eigene Gottlosigkeit.

Das stimmt ganz genau, und das ist messerscharf analysiert, da hat sie eindeutig recht. Er gibt es ja sofort zu: Er ist ein richtiger Schandfleck in der christlichen Landschaft, ein richtiges Schandmal in der christlichen Welt. Ein Ungläubiger. Ein Häretiker. Ein Ketzer. Ein Paria. Aber er ist nun mal völlig unempfänglich für solcherlei Hinweise, für derartige Anspielungen und für all die überdeutlichen Andeutungen, die sie spitzmündig ununterbrochen macht, denn er findet rundweg jede Religion grundsätzlich zum Kotzen blödsinnig, hält jegliche Kirche ohne jede Ausnahme und ohne jede Einschränkung auch rein inhaltlich völlig bekackt und bekloppt, generell durchgedreht und auch anspruchsmäßig absolut bescheuert, und er muss sich, ganz im Gegenteil, immer wieder fassungslos fragen, wie es denn überhaupt möglich sein könne, dass erwachsene und angeblich aufgeklärte Menschen dieses seines eigenen, völlig abgesoffenen Jahrhunderts solch haarsträubende Räuberpistolen, solch geschmacklose Spinnereien, solch eindeutige Phantasiegebilde und solche mehr als überdeutliche Ammenmärchen überhaupt jemals glauben und offenbar - aus welchen Gründen auch immer - akzeptieren können. Genau diese Frage stellt seit seiner frühesten Kindheit ein andauerndes Änigma und ein unlösbares Rätsel für unseren ungläubigen und dauerskeptischen Schöbeli dar, und er hat schon damals, als Dreikäsehoch in der hinteren Länggasse, mit all den anderen Kindern der proletarischen Nachbarschaft in der so genannten "Kinderlehre" gesessen und mit ungläubigem Staunen der dürren "Lehrgotte" mit den dünnen Lippen und dem leichten Bartflaum zugehört, wie sie ihnen, also all den aufmerksam lauschenden Knirpsen, ihren geradezu hirnrissigen Schwachsinn vorgebracht hat, ausgerechnet sie, als erwachsene Person, von der man doch eher etwas Seriöses und Vernünftiges erwarten könnte und auch erwartet hätte. Aber nicht das!

Dieses religiöse Missverhältnis und all die übrigen religiösen Missverständnisse, die sich allein daraus ergeben haben, hält keiner lange aus, vor allem nicht anlässlich eines Abendessens bei Pfarrers, und Schöbe ist richtig froh und unglaublich erleichtert, als er endlich wieder gehen kann. Er hat ja an sich nichts gegen christliche Gutmenschen, gewiss nicht, aber warum müssen sie sich eigentlich in ihrer ganzen christlichen Güte und Nächstenliebe immer so unerklärbar schrecklich unerträglich penetrant und aufdringlich geben? Nie wieder will er deshalb und fortan auf die christliche Barmherzigkeit angewiesen sein, schwört er sich beim Hinausgehen hoch und heilig, nie wieder! Er will nicht auch noch Gott danken müssen - und sei es nur für Speis und Trank.

Am nächsten Abend isst Schöbe deshalb zur Abschreckung, zur Abhärtung und zum unbestreitbaren Abgewöhnen wieder einmal bei seinen leiblichen Eltern. Da weiß er wenigstens genau, woran er ist, denn da weiß er längst, was ihn erwartet, da gibt es keine unlösbaren Rätsel, nicht die Spur davon, keinen religiösen Schwachsinn und auch keinen hirnrissigen, klerikalen Blödsinn wie christliche Nächstenliebe zu hören, in welcher Form auch immer, denn in seinem schon fast vergessenen Elternhaus in der hinteren Länggasse herrscht puncto Religion nur kristallklare Durchsichtigkeit vor, also gnadenlose Transparenz, knallharte Aufklärung und somit eine rundweg unbestechliche Sicht der Dinge.

Genau das ist denn heute auch wieder einmal eine ganz besonders harte Prüfung: Er hört sich soeben geduldig das endlose Gejammer seines eigenen Vaters an. Der bereits erschreckend alt gewordene Mann findet es unerhört, wie man ihn als Familienoberhaupt in seiner eigenen Familie und in seinem eigenen Hause behandle, erklärt er mit deutlich erhobener Stimme, obwohl er sein ganzes Leben lang nur für die Familie gekrampft habe, nur für seine Familie, und sonst für nichts, für nichts anderes! Nichts für sich - alles für die Familie! Genau das sei seine Devise gewesen, das sei ein gottverdammt viel zu langes Leben lang angeblich seine einzige persönliche Doktrin und seine einzige verschissene Anleitung zum Leben gewesen! Und jetzt das!

Er zeigt dazu mit leidender Miene und mit seinen beiden dicken Zeigefingern direkt über den Esstisch hinweg anklagend zu seinem eigenen Fleisch und Blut. Ach, du Schande! Sein eigener Sohn - ein Versager! Ein richtiger Taugenichts! Ein akademischer Herumtreiber! Er ist nun tatsächlich schon "sage und schreibe" siebenundzwanzig Jahre alt und könne sich noch nicht einmal selber ernähren! Noch immer nicht!

"Wo gibt es denn überhaupt sowas?"

Er, der Vater also, sei damals schon mit fünfzehn selbständig geworden, anno dreiunddreißig, und ab da ganz auf sich alleine gestellt gewesen. Zu Fuß, in seinen abgewetzten Holzböden, sei er nach seiner Schulzeit von Guggisberg direkt über den ganzen, schier endlos langen Längenberg nach Bern gelangt und habe exakt hier, in der hinteren Länggasse, zügig seine Bettwarenfirma aufgebaut, zeitgleich mit seinem Bruder in Thun, zunächst in einem gemieteten Fahrradschuppen ohne Ofen, ohne Wasser, ohne WC, ohne Strom, mit nichts in den Händen als seinem eisernen, guggisbergischen Überlebenswillen, und das mitten in der bösesten Weltwirtschaftskrise, als die Schwoben ihren abverreckten Hitler gewählt haben! Er war halt kein feiner Pinkel wie sein Herr Sohn, er war damals nur ein einfaches Landei, das aber werchen konnte! Da war nichts von Studieren an der noblen Universität, und da war nie die Rede von vornehmen Herren zu Bern, mit denen es angeblich zu scharwenzeln galt! Nichts von Herumsitzen und kluge Reden Halten! Gar nichts davon! Das war nichts als harte Arbeit, und sonst nichts! Rein gar nichts...

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