Geschichte des Rassismus

 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 4. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. März 2021
  • |
  • 127 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-406-76889-7 (ISBN)
 
Seit wann gibt es Rassismus? Warum ist er entstanden? Wann und wie hat er sich verändert? Und welche Formen des Rassismus sind bis heute aktuell geblieben? Christian Geulen geht diesen Fragen nach und schildert die Geschichte kollektiver Ausgrenzung von der Antike bis heute. Im Zentrum steht die Entwicklung seit dem 15. Jahrhundert, als der Rassismus im Gefolge des europäischen Kolonialismus und der Herausbildung von Nationalismus, Imperialismus und Totalitarismus zu einer vielfältig wirksamen Ideologie wurde, die nachhaltig das politische Denken der Moderne beeinflusste.
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Christian Geulen ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Koblenz-Landau.

II. Sklaven und Barbaren: Rassismus in der Antike?


Nach einem historischen Anfang des Rassismus zu fragen, bedarf nicht nur einer halbwegs präzisen Zeitangabe, sondern ebenso der Angabe eines Ortes, an dem das Phänomen zum ersten Mal in Erscheinung trat. Die vielen Völker der Vor- und Frühgeschichte ebenso wie die hauptsächlich oral tradierten Kulturen, die außerhalb Europas bis in die Neuzeit existierten, haben uns wenig Quellen überliefert, aus denen wir direkt ableiten könnten, in welchem Maße bei ihnen rassistische Denk- und Handlungsweisen eine Rolle spielten. Über ihre mündlichen und rituellen Traditionen aber belehren uns die Anthropologen, dass hier sogar besonders häufig Praktiken der Unterscheidung und Abgrenzung gegenüber anderen oder auch die Zelebrierung der je eigenen Besonderheit, Macht und Größe eine Rolle spielten. Lag darin aber schon der Keim des Rassismus?

Ein klassisches Beispiel, das diese Problematik illustriert, ist der oft bemerkte Umstand, dass in vielen Sprachen die Selbstbezeichnung für die je eigene Gemeinschaft ursprünglich nichts anderes als bedeutete. Diese interessante Tatsache lässt sich auf drei sehr verschiedene Weisen interpretieren. Zum einen kann man in ihr den Ausdruck eines ursprünglichen Universalismus sehen, der vor dem Hintergrund der Identität von Teil und Ganzem ein sehr weitgehendes, tendenziell umfassendes Integrationspotenzial mit sich bringt. Das wäre die optimistische Deutung. Andererseits ließe sich in diesem Pars-pro-toto-Prinzip aber auch der Ursprung totaler Ausgrenzung festmachen, insofern die Gleichsetzung der partikularen Zugehörigkeit des Einzelnen mit seiner den Fremden und Nichtzugehörigen nur mehr zu einem Teil der macht. Das wäre die pessimistische Deutung. Beide Deutungen folgen einer symmetrischen Denkweise, insofern sie entweder die Gleichheit aller Menschen (Universalismus) oder ihre gleichmäßig verteilte Differenz (Partikularismus) als Regelfall voraussetzen.

Angemessener erscheint es indes, die sprachliche Gleichsetzung von Gruppen- und Menschheitszugehörigkeit im Zusammenhang des erkennbaren Interesses vieler Kulturen zu sehen, ihre Besonderheit zu etwas Allgemeingültigem zu erklären. Diese Sichtweise ist insofern ungewohnt, als sie ein asymmetrisches Verhältnis in der Wahrnehmung zwischen den Völkern als den Regelfall voraussetzt: Im Kern jeder partikularen Identität steckt ein universaler Anspruch, und gerade in historischer Perspektive zeigt sich immer wieder, dass Gemeinschaften bestimmten Aspekten ihrer Lebensweise eine universale Geltung zusprechen und diese anderen gegenüber auch durchzusetzen versuchen.

Selbst- und Fremdwahrnehmung in der antiken Welt


Wenn Kulturen sich verallgemeinern, ihren Einfluss vergrößern bzw. anderen aufdrängen und wenn sie dabei über einen längeren Zeitraum erfolgreich sind, sprechen wir von Hochkulturen. Zu den frühesten Hochkulturen, die auch eine Schrift und Formen staatlicher Ordnung entwickelt haben, gehören das Sumererreich in Mesopotamien, das frühe Ägypten oder das antike China. Hinzu kamen u.a. die minoische, mykenische und phönizische Kultur im Mittelmeerraum, die Hethiter und Perser im Vorderen Orient oder auch das Reich der Nubier in Afrika und die ersten Hochkulturen Mexikos. Als Wiege der europäischen Kulturgeschichte gelten die griechischen Stadtstaaten, aus denen die hellenische Kultur hervorging, deren Erbe schließlich das Römische Reich antrat.

Wenn man aber von diesen antiken Hochkulturen, Reichen und Staatsgebilden spricht, sollte man sich keine falschen Vorstellungen über ihre vermeintliche Homogenität machen. Ein Besucher aus der Gegenwart würde sie wohl für weit halten als die heutigen Gesellschaften. Eine Vielzahl von ethnisch, religiös und kulturell sehr verschiedenen Gruppen lebte in diesen Reichen zusammen, und wenn während einer bestimmten Phase die eine Gruppe (oder Religion, Kultur etc.) verfolgt und unterdrückt wurde, war es möglich, dass sie in einer anderen Phase staatliche Macht erlangte - ohne dass damit die politische Ordnung als solche grundlegend umgewälzt wurde. Mit anderen Worten, das moderne Prinzip war der Antike gänzlich unbekannt.

Die meisten der antiken Hochkulturen entwickelten allerdings eine Institution, die immer wieder Anlass gibt, eine rassistische Dimension in den politisch-gesellschaftlichen Ordnungen dieser Epoche zu vermuten: die Sklaverei. Für uns Neuzeitliche sind Sklaverei und Rassismus oft geradezu identisch. Lässt sich diese Perspektive aber umstandslos auf die alte Geschichte übertragen? Oder war die Sklaverei in der Antike eine legitime Institution, welche die generelle Zustimmung der Betroffenen fand und daher keiner weiteren, rassistischen Begründung bedurfte?

Dass die Sklaven ihrer Lage keineswegs immer zustimmten, zeigen die bekannten - im Ganzen aber seltenen - Sklavenaufstände der Antike, etwa die Erhebung der Heloten gegen Sparta (464 v. Chr.) oder der berühmte Aufstand des Spartacus gegen Rom (73-?71 v. Chr.) In beiden Fällen kämpften die Sklaven zwar gegen die aktuelle Form ihrer Unterdrückung. Doch sie kämpften weder für ihre Gleichstellung noch gegen eine sie speziell herabsetzende Ideologie. Vor allem kämpften sie nicht gegen die Sklaverei als solche. Die Mehrheit der Sklaven im antiken Griechenland und Rom stammte aus Regionen, in denen ebenfalls Sklaverei betrieben wurde. Zudem waren die Sklaven die im höchsten Maße Bevölkerungsschicht der antiken Welt, sodass aus ihrer Sicht kaum ein Zusammenhang zwischen ihrer Versklavung und ihrer jeweiligen ethnisch-kulturellen Herkunft bestand. Ein Dasein als Sklave führen zu müssen war meist Folge eines verlorenen Krieges und nicht einer spezifischen Zugehörigkeit. Und schließlich war die Sklaverei in weiten Teilen der antiken Welt tatsächlich eine legitime Form der Herrschaft, insofern sie die weitgehende Zustimmung zumindest eines großen Teils der Beherrschten fand. Entsprechend sind nur wenige antike Texte überliefert, welche die Sklaverei als Institution theoretisch begründen, rechtfertigen oder erklären zu müssen glaubten. Sie gehörte zum antiken Selbstverständnis in ähnlicher Weise wie in modernen Gesellschaften die Existenz von Klassenunterschieden.

Etwas anders sieht es aus, wenn man sich die Feind- und Fremdenbilder ansieht, die Griechen und Römer mit Blick auf jene Völkerschaften am Rande ihrer Einflussgebiete entwarfen, aus denen sie nach gewonnenen Schlachten nicht wenige ihrer Sklaven rekrutierten. Hier stand die grundsätzliche Frage nach der möglichen oder nicht möglichen Zugehörigkeit der Fremden im Zentrum. Der entscheidende, von den Griechen geprägte und von den Römern übernommene Begriff in diesem Zusammenhang war der . Im antiken Griechenland fungierte er in geradezu paradigmatischer Weise als ein «asymmetrischer Gegenbegriff» (Reinhart Koselleck) zur Selbstbezeichnung der Griechen als .

Asymmetrisch verhielten sich und insofern zueinander, als sie zusammengenommen zwar ein universales Begriffspaar bildeten, das im Prinzip alle Menschen umfasste, ihre binäre Unterteilung aber nicht vor dem Hintergrund eines übergreifenden Kriteriums traf (so wie man etwa nach Geschlecht Frauen und Männer unterscheidet). Vielmehr war die Unterscheidung selber eine kategoriale: war Eigenname, Bezeichnung einer besonderen Kulturzugehörigkeit, während (was ursprünglich bedeutete) als Oberbegriff für sämtliche anderen möglichen Formen der Kulturzugehörigkeit diente.

Es ist diese Asymmetrie des Begriffspaars, die es im Blick zu halten gilt, wenn man ihre normative Aufladung etwa in den konkreten Beschreibungen der mediterranen Völker betrachtet, wie sie uns von vielen prominenten Autoren der Antike überliefert sind. Das älteste Motiv dieser normativen Ausdeutung des Begriffspaars hielt sich dabei ganz an seine asymmetrische Struktur: Die Unterscheidung zwischen Hellenen und Barbaren war zunächst identisch mit der Unterscheidung zwischen Kultur und ihrer Abwesenheit, zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit, zwischen Ordnung und Unordnung. Erst in der griechischen Geschichtsschreibung und Philosophie von Herodot und Thukydides bis Platon und Aristoteles finden sich dann auch weitergehende, detailliertere Darstellungen der Barbaren oder einzelner barbarischer Völker als grausam und wild, feige und hinterlistig, verkommen und animalisch - ein semantisches Feld, aus dem sich unsere heutige Verwendung der Begriffe und herleitet. Auch wenn es manche positiven,...

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