Der letzte Schrei

Ein Krimi aus dem Bayerischen Wald
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99015-8 (ISBN)
 
Zwölf Jahre lang hat so gut wie niemand sie gesehen und so gut wie keiner hatte überhaupt von ihr gewusst. Die wenigen, die mit ihr zu tun hatten, vermieden es konsequent, über sie zu sprechen. Aber nun, da Roswitha Hirschfeld verschwunden ist, ist die Frau des Schrotthändlers das Thema in Viechtach. Wurde sie, die noch nie das Haus verlassen hat, entführt? Kriminalhauptkommissarin Franziska Hausmann übernimmt den Fall. Das Rennen gegen die Zeit beginnt, und Franziska begreift bald: Es geht nicht nur um ein Leben, es geht um das Schicksal vieler.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Katharina Gerwens wuchs in einem Dorf im Münsterland auf. Nach ihrer Ausbildung zur Journalistin arbeitete sie in verschiedenen Verlagen und ist heute als freie Autorin tätig. Sie lebt mit Mann und Katze in Niederbayern. Gemeinsam mit Herbert Schröger verfasste sie eine Reihe von Niederbayern-Krimis, die im fiktiven Ort Kleinöd spielen. Allein veröffentlichte sie bereits mehrere Krimis, unter anderem die Reihe um Franziska Hausmann, die im Bayerischen Wald spielt.

1. Kapitel

Zu zweit hatten sie die ganze Nacht Straßen und Rastplätze kontrolliert, aber nicht ein einziger Grenzgänger oder gar Drogenschmuggler war ihnen ins Netz gegangen.

Nun saßen Benedikt Simbacher und Max Deffner, ebenso müde wie ihre Hunde, in der Polizeiinspektion Viechtach und warteten auf ihre Kolleginnen und den nächsten Schichtwechsel.

Benedikt Simbacher überlegte, ob er noch eine Kanne Kaffee kochen sollte. Die Damen der Frühschicht würden sich bestimmt freuen. Eigentlich aber war er hundemüde und freute sich auf sein Bett. Wenn er jetzt noch einen Kaffee trank, würde er sich den halben Vormittag unruhig hin- und herwälzen. Und er schaffte es beim besten Willen nicht, einen zu kochen, ohne selbst davon zu trinken.

Nachtschichten konnte er nicht leiden, denn sie stellten sein Leben auf den Kopf. Ginge es nach ihm, so müsste gesetzlich festgelegt werden, dass die Nacht ausschließlich zum Schlafen da war. Das müsste dann allerdings für jeden gelten oder zumindest für alle Kriminellen, die besonders gern im Dunkeln ihr Unwesen trieben, wie beispielsweise Menschen- und Drogenschmuggler.

Benedikt strich seinem Hund über den Kopf. »Gell, Burschi, bist aa miad?«, murmelte er und gähnte herzhaft. »Mir san ja nimmer die Jüngsten, aber bald gehn mir in Pension. Vasprocha!«

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Hätte das nicht noch zehn Minuten warten können? Dann wären Sandra Falk und Lydia Hobmaier da und könnten gleich übernehmen.

»Polizeiinspektion Viechtach«, meldete er sich. »Polizeihauptmeister Simbacher am Apparat.«

»Hier ist Gottfried Hirschfeld. Meine Frau ist weg.«

Benedikt gähnte. Am liebsten hätte er gesagt, so etwas kommt halt vor. Auch seine Frau war eines Tages weg gewesen. Ohne Vorankündigung und ohne warnende Vorzeichen. Auf dem Küchentisch hatte ein Zettel gelegen mit den drei Worten: »Ich bin ausgezogen.« Ganz kurz hatte er mit einem Anflug von Vorfreude gedacht, sie liege nackt im Bett und alles sei wieder so wie in den Flitterwochen.

Doch im Schlafzimmer musste er feststellen, dass die Schränke mehr oder weniger leer waren. Sie hatte alles, was ihr gehörte, mitgenommen. Damals hatte er noch nicht gewusst, wohin sie mit ihren Kleidern, Schuhen, Mänteln, ihrem Laptop und ihren Kochbüchern gezogen war. Mittlerweile wusste er es, und er wusste auch, wer der neue Mann an ihrer Seite war, aber das machte die Sache nicht einfacher.

»Seit wann ist Ihre Frau denn weg?«, erkundigte sich Benedikt und bemühte sich um eine hochdeutsche Aussprache. Insgeheim war er froh, dass er für seinen Teil die Kränkung des Verlassenwerdens so gut wie überwunden hatte. Es hatte lang genug gedauert. Dieser Hirschfeld tat ihm leid.

»Ich habe es gerade erst bemerkt«, erwiderte der Mann am anderen Ende der Leitung.

Benedikt wusste, wer Gottfried Hirschfeld war und wo er wohnte. Doch seit wann hatte der eine Frau? Man hatte ihn immer nur allein gesehen, und er machte ständig einen zugleich gehetzten und besorgten Eindruck. Ein eigenartiger Mann.

Seit er hier lebte, hatte er nie Kontakt gesucht. In keinem Verein war er Mitglied, und er kam auch nicht zu einem der abendlichen Stammtische in den Viechtacher Gasthäusern. Auch bei den Schafkopfturnieren ließ er sich nicht blicken. Möglicherweise konnte er nicht einmal Kartenspielen. Auch solche Leute sollte es ja geben.

Von Zeit zu Zeit hatte Benedikt abends einen silbergrauen Mercedes mit der Aufschrift »Pflege vor Ort« vor Hirschfelds Haus stehen sehen und sich gedacht, dass der Hirschfeld vielleicht mit einer der Pflegekräfte mehr als bekannt war. Er hätte es ihm gegönnt.

Auf der Polizeiinspektion Viechtach war man sich darüber einig, dass Gottfried Hirschfeld ein komischer Kauz war, der eigentlich gar nicht in diese Gegend passte. Er war Inhaber der Hirschfeld GbR und handelte mit Gebrauchtwaren. Das meiste davon stapelte sich auf seinem Hof oder war im Vorgarten seines Anwesens ausgestellt, angefangen bei alten Gartenmöbeln über ausgemusterte städtische Straßenlaternen bis hin zu museumsreifen Landmaschinen. Ein Freiluftschaufenster bei Wind und Wetter.

Seine Kunden kamen von weit her, und vieles verschickte er per Post oder Spedition. Benedikt und Max hatten den Eindruck, als würde sich wesentlich mehr bei ihm ansammeln als wieder verschwinden. Und ihre Kollegin Lydia befürchtete sogar, irgendwann werde ganz Viechtach zugemüllt sein. Und das, obwohl es schon seit Jahren die Mülltrennung gab.

Manchmal beschwerten sich die Nachbarn über den Herrscher der Schrotthalde. Und zwar immer die mit den besonders ordentlichen Gärten, deren Garagen so blitzblank geputzt waren, dass man dort vom Boden hätte essen können, wenn man wollte. Aber wer machte das schon? Diese Ordnungsfanatiker jammerten über das Chaos auf dem Hirschfeld'schen Grundstück, als wäre das Durcheinander ein gefährliches Tier, das sich klammheimlich auch in ihren Häusern einnisten, Nachwuchs gebären und Konfusionen hervorrufen könnte.

Polizeihauptmeister Simbacher hatte die Strategie, gerade solchen Leuten zu versichern, dass ihr Grundstück neben einem derartigen Tohuwabohu umso klarer und strukturierter wirkte. Geradezu vorbildhaft und zur Nachahmung anregend. Bisher war er gut damit gefahren. Als Vorbild sah sich schließlich jeder gern.

Jetzt sah Benedikt Simbacher auf seine Armbanduhr. In fünf Minuten würden Lydia und Sandra kommen. Dann könnte er diesen Fall an sie weitergeben und sich endlich in sein Bett verkriechen.

»Meine Kolleginnen werden sich glei drum kümmern«, versicherte er dem verlassenen Ehemann. »Vielleicht ist Ihre Frau bloß kurz wos einkafa ganga.« Im selben Augenblick schämte er sich. Was für ein absurder Einwand. Er wusste doch genau, dass die Läden hier in Viechtach erst um acht Uhr öffneten.

»Das wäre wirklich besonders schön«, sagte Gottfried Hirschfeld leise, »aber meine Frau hat eine Parese.« Dann schwieg er vielsagend.

Der Polizeihauptmeister hatte dieses Wort noch nie zuvor gehört. Sollte er so tun, als wüsste er Bescheid? Während er noch darüber nachdachte, klärte Gottfried Hirschfeld ihn auf: »Roswitha ist seit ihrem Unfall vor zwölf Jahren von der Hüfte abwärts und linksseitig gelähmt. Nur ihre rechte Körperhälfte kann sie noch ein klein wenig bewegen. Wie soll sie da weggehen können? Ihr Zimmer liegt im ersten Stock. Um das Haus zu verlassen, müsste sie in der Lage sein, selbstständig aus ihrem Bett herauszukommen, den Rollstuhl nach unten zu verfrachten und dabei auch noch ohne Hilfe die Treppe hinabzusteigen. Das alles ist unmöglich. Sie kann sich an manchen Tagen kaum aufrichten. Wie soll sie da von sich aus verschwinden? Ich verstehe es nicht. Ich kann es einfach nicht begreifen.«

»I aa ned«, gab Benedikt ihm recht und merkte, wie unangenehm ihm das war. Zu seinem Bild von einem Polizisten gehörte, dass der immer eine Lösung parat haben sollte - und wenn schon keine Lösung, dann zumindest beruhigende Worte. Doch im Augenblick fiel ihm nichts ein außer: »Mia kemma sofort.« Dafür aber legte er so viel Zuversicht in diese drei Worte, als verspräche er damit, auch die Frau heimzubringen. Kopfschüttelnd über seinen völlig unangebrachten Optimismus legte er auf und begegnete dem vorwurfsvollen Blick seines Hundes.

»Mir warten auf d' Sandra und d' Lydia, dann schaun mir uns des amoi kurz an, und danach wird g'schlafen«, versprach er seinem Burschi. Der Rüde gähnte.

Oje, ein Pflegefall. Jetzt wusste er wenigstens, warum die »Pflege vor Ort« vor Hirschfelds Tür gestanden hatte. So klärte sich alles auf. Schade. Er hätte dem einsamen Händler dort am nordwestlichen Stadtrand von Viechtach eine nette Krankenschwester als Freundin gewünscht. Eine, die nach Penatencreme und Kölnisch Wasser duftete, die Kamillentee und Pfefferminztee kochte und die ihm niemals widersprach.

Jetzt suchte er den Blick seines jüngeren Kollegen Max. »Stell dir vor, dem Hirschfeld sei Frau ist weg. Und des, obwohl sie fast ganz gelähmt is.«

Polizeimeister Max Deffner tippte sich an die Stirn: »So ein Schmarrn. Das geht doch gar nicht. Wie soll denn so eine abhauen?«

»Das hod der Hirschfeld aa g'sagt. Host g'wusst, dass der verheiratet is? I hob bis heut g'moant, dass der da ganz alloan lebt.«

Max schüttelte den Kopf. »Nein, der muss die ja quasi vor der Welt versteckt haben.« Er strich seiner Boxerhündin Cora über die sorgenzerfurchte Stirn und raunte ihr ins Ohr: »Aber wer weiß, ob die Frau überhaupt existiert?«

»Wos soll denn des jetzt? Wie kimmst jetzt da drauf?«, entgegnete Benedikt. Dabei verspürte auch er einen leisen Zweifel. Denn tatsächlich war Gottfried Hirschfeld eigentümlich gelassen gewesen, als er die Vermisstenmeldung aufgegeben hatte. Möglicherweise, und das hielt Benedikt ihm zugute, stand er ja auch noch unter Schock. Seine gelähmte Frau war verschwunden. So was konnte einem wirklich zu denken geben. Das war ja fast so, als sei ihm die Frau aus dem Haus gestohlen worden.

»I find des unheimlich«, stellte er klar, stand steifbeinig auf und befüllte den Wasserkocher. »Jetzt mach i uns erst amoi an Kaffee.«

Während er Kaffeepulver in den Filter schüttete, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, und er wandte sich an den Kollegen. »Woaßt, ich hob da öfters an Wag'n g'sehn vom Pflegedienst. Die müssten die Frau ja kenna. Roswitha hoaßt s', hod er g'sagt.«

»Die Lydia soll erst mal im Melderegister nachschauen, ob die überhaupt bei dem gemeldet ist. Das gibt's doch nicht, dass wir über zehn Jahre nichts von der gewusst haben!...

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