Die Studentin

Kriminalroman
 
 
Limes Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Juli 2021
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27964-6 (ISBN)
 

Der brandneue Pageturner aus der Feder der Bestsellerautoren Tess Gerritsen und Gary Braver - ein Spannungshochkaräter über Obsession, Versuchung und menschliche Schwächen

Taryn Moore ist jung, attraktiv und brillant - warum sollte sie sich umbringen? Detective Frankie Loomis spürt sofort, dass mehr hinter der Geschichte steckt, als sie den Tatort des vermeintlichen Selbstmords untersucht. Die Studentin hat sich aus dem Fenster ihres Apartments gestürzt. Doch ihr Handy ist spurlos verschwunden. Hat es jemand verschwinden lassen, um Spuren zu vertuschen?

Für den Englischprofessor Jack Dorian war Taryn die vollendete Versuchung: intelligent, aufmerksam und zu hundert Prozent tabu. Doch Taryn hatte auch eine dunkle Seite, eine Neigung zu obsessiver Liebe - auch für Jack. Und mit ihrem Tod haben seine Probleme erst richtig begonnen.

Weitere Stand-alone-Krimis von Tess Gerritsen:

  • "Gute Nacht, Peggy Sue"
  • "Kalte Herzen"
  • "Roter Engel"
  • "Trügerische Ruhe"
  • "In der Schwebe"
  • "Leichenraub"
  • "Totenlied"
  • Deutsch
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  • Deutschland
Limes
  • 1,30 MB
978-3-641-27964-6 (9783641279646)
weitere Ausgaben werden ermittelt

So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Der internationale Durchbruch gelang ihr mit dem Thriller "Die Chirurgin", in dem Detective Jane Rizzoli erstmals ermittelt. Seither sind Tess Gerritsens Thriller um das Bostoner Ermittlerduo Rizzoli & Isles von den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Maine.

Gary Braver ist das Pseudonym eines amerikanischen Schriftstellers und Professors an der Northeastern University in Boston. Von ihm sind in Amerika bereits mehrere Romane und Fachbücher erschienen sowie Artikel unter anderem in "The New York Times" und "The Boston Globe". Er lebt mit seiner Familie in Arlington, Massachusets.

1
Frankie

Es gibt Dutzende Arten, sich das Leben zu nehmen, und in ihren zweiunddreißig Dienstjahren beim Boston PD sind sie Detective Frances »Frankie« Loomis wahrscheinlich alle schon begegnet. Da war die sechsfache Mutter, die sich, als ihr das Chaos des Alltags über den Kopf wuchs, im Bad einschloss, sich die Pulsadern aufschnitt und in einer Wanne mit warmem Wasser friedlich in die Bewusstlosigkeit hinüberdämmerte. Da war der bankrotte Geschäftsmann, der seinen 500-Dollar-Straußenledergürtel an einem Türgriff befestigte, sich die Schlinge um den Hals legte und sich einfach hinsetzte, um sich von seinem eigenen Gewicht schmerzlos ins Jenseits befördern zu lassen. Da war die Schauspielerin, die ihre besten Jahre hinter sich hatte und an den schwindenden Aussichten auf neue Rollen verzweifelte, weshalb sie eine Handvoll Hydromorphon-Tabletten schluckte, ein rosa Seidennachthemd anzog und sich auf ihrem Bett drapierte, sanft dahinschlummernd wie Dornröschen. Diese Menschen wählten diskrete, unspektakuläre Todesarten und waren so rücksichtsvoll, den Lebenden nur ein Minimum an unangenehmen Aufräumarbeiten zu hinterlassen.

Anders als diese junge Frau.

Sie ist bereits im Leichensack in die Rechtsmedizin ge­bracht worden, und bald wird der Regen ihr Blut vom Gehsteig abgewaschen haben, aber noch kann Frankie es in wässrigen Bahnen zum Rinnstein fließen sehen. Im flackernden Blaulicht der Streifenwagen glänzen diese blutigen Schlieren schwarz wie Öl. Es ist jetzt 5.45 Uhr, eine Stunde vor Sonnenaufgang, und sie fragt sich, wie lange die junge Frau schon hier gelegen hat, bevor der aufmerksame Lyft-Fahrer, der auf dem Heimweg hier vorbeikam, nachdem er um 3.15 Uhr einen Fahrgast abgesetzt hatte, den Körper entdeckte und begriff, dass es nicht nur ein Bündel Kleider war, das auf dem Gehsteig herumlag.

Frankie richtet sich aus der Hocke auf und späht durch den Regen zum Balkon der Wohnung hinauf. Ein Sturz aus dem vierten Stock in die Tiefe, das ist allemal ausreichend, um die Verletzungen zu erklären: die ausgeschlagenen Zähne, das eingedrückte Gesicht. Grausige Details, die der jungen Frau wohl nicht in den Sinn kamen, als sie über die Brüstung kletterte und zum tödlichen Sprung auf das Pflaster ansetzte. Frankie ist Mutter von achtzehnjährigen Zwillingstöchtern, deshalb weiß sie aus eigener Erfahrung, wie katastrophal impulsiv junge Leute sein können. Wenn diese junge Frau doch nur lange genug innegehalten hätte, um die Alternativen zum Selbstmord zu erwägen. Wenn sie doch nur überlegt hätte, was mit einem menschlichen Körper passiert, wenn er aus großer Höhe auf Beton landet, und was ein solcher Aufprall mit einem hübschen Gesicht und makellosen Zähnen anrichtet.

»Ich denke, wir sind hier fertig. Lass uns nach Hause fahren«, sagt ihr Partner, MacClellan. Er hält einen rosa Regenschirm in der Hand, der offensichtlich seiner Frau gehört, und zittert unter der triefenden Stoffhaube mit Paisleymuster. »Meine Schuhe sind klatschnass.«

»Hat irgendjemand ihr Handy gefunden?«, fragt sie.

»Nein.«

»Gehen wir noch mal rauf und sehen in ihrer Wohnung nach.«

»Muss das sein?«

»Ihr Handy muss doch irgendwo in der Nähe sein.«

»Vielleicht hatte sie keins.«

»Ich bitte dich, Mac. Den jungen Leuten in ihrem Alter ist das Handy doch quasi an der Hand angewachsen.«

»Vielleicht hat sie es verloren. Oder irgendein Arschloch ist zufällig vorbeigekommen, nachdem sie gesprungen ist, und hat es einfach eingesteckt.«

Frankie blickt auf den verblassenden Kranz aus Blut hinun­ter, der die Stelle markiert, wo der Kopf der jungen Frau aufgeschlagen ist. Anders als ein menschlicher Körper kann ein Mobiltelefon in einer Hartschale einen Fall aus dem vierten Stock durchaus unbeschadet überstehen. Vielleicht hat Mac ja recht. Vielleicht ist ein Passant vorbeigekommen - jemand, dessen erster Gedanke nicht war, Hilfe zu leisten oder die Polizei zu rufen, sondern die Wertsachen des Opfers an sich zu nehmen. Es sollte sie nicht überraschen - in drei Jahrzehnten Polizeidienst ist Frankies Glaube an das Gute im Menschen mit unschöner Regelmäßigkeit erschüttert worden.

Sie deutet auf eine Überwachungskamera an einem Gebäude auf der anderen Straßenseite. »Falls sich jemand mit ihrem Handy davongemacht hat, müsste die Kamera dort es erfasst haben.«

»Ja, kann sein«, brummt Mac und niest - offenbar ist ihm in seinem Elend so ziemlich alles egal. »Ich nehme mir das Video später gleich vor.«

»Gehen wir noch mal rauf. Vielleicht haben wir ja etwas übersehen.«

»Ich seh nur noch mein Bett, das sehnsüchtig auf mich wartet«, jammert Mac, doch er fügt sich in sein Schicksal und folgt ihr um die Ecke des Wohnblocks zum Eingang.

Der Aufzug ist so betagt wie das Haus selbst und zudem quälend langsam. Während er im Schneckentempo zum vierten Stock hinaufruckelt, stehen Frankie und Mac schweigend da, zu erschöpft und niedergeschlagen, um auch nur ein Wort zu sprechen. Das kalte Wetter hat Macs Rosazea verstärkt, und im grellen Licht des Aufzugs leuchten seine Nase und seine Wangen knallrot. Sie weiß, dass er bei dem Thema empfindlich ist, und so vermeidet sie es, ihn anzusehen, blickt nur starr geradeaus und zählt die Stockwerke, bis die Tür sich endlich quietschend ­öffnet. Ein Streifenpolizist hält an der Tür von Wohnung 510 Wache, ein todlangweiliger Job um diese frühe Stunde. Er winkt den beiden Detectives matt zu. Noch ein Kollege, der lieber zu Hause im warmen Bett wäre.

In der Wohnung der Toten durchsucht Frankie noch einmal das Wohnzimmer - diesmal jedoch gründlicher und mit dem geübten Auge einer Mutter. Sie hat Erfahrung darin, die verräterischen Hinweise auf die kleinen Sünden ihrer Töchter zu entdecken: die nassen Stiefel im Schrank, nachdem sie sich an einem regnerischen Abend aus dem Haus geschlichen haben. Der unverkennbare Geruch nach Marihuana, der in einem Kaschmirpulli hängt. Der rätselhafte sprunghafte Anstieg der Kilometerzahl auf dem ­Tacho ihres Subaru. Die Zwillinge beklagen sich, dass sie mehr von einer Gefängniswärterin als von einer Polizistin hätte, aber das ist vermutlich der Grund, weshalb die Mädchen ihre turbulenten Teenagerjahre bislang unbeschadet überstanden haben. Frankie hat immer geglaubt, wenn es ihr gelänge, sie beide am Leben zu halten, bis sie erwachsen sind, hätte sie ihren Job als Mutter erledigt, aber wem wollte sie da etwas vormachen? Der Job einer Mutter ist nie erledigt. Selbst wenn sie uralt werden sollte, werden ihre Töchter ihr noch den Nachtschlaf rauben, auch wenn sie schon auf die siebzig zugehen.

Frankie hat ihren Rundgang schnell abgeschlossen. Es ist eine kleine Wohnung, spartanisch ausgestattet mit Möbeln, die allesamt gebraucht aussehen. Das Sofa hat eindeutig schon mehr als nur ein paar Besitzer gehabt, und der Holzfußboden ist zerschrammt und zerkratzt von den Generationen von Studentinnen und Studenten, die Möbel herein- und hinausgeschleppt haben. Auf dem Schreibtisch stehen ein leeres Weinglas und ein Laptop, den Frankie schon eingeschaltet hat, nur um festzustellen, dass er passwortgesichert ist. Daneben liegt der Ausdruck eines Referats für ein Seminar an der Commonwealth University: »Furien und Megären: Gewalt und die verschmähte Frau.«

Geschrieben von der jungen Frau, die hier gewohnt hat. Und die jetzt auf dem Weg in ein Kühlfach in der Rechtsmedizin ist.

Frankie und Mac haben bereits die Handtasche der Toten durchsucht, und in ihrer Brieftasche haben sie einen Studentenausweis von der Commonwealth gefunden, einen in Maine ausgestellten Führerschein sowie achtzehn Dollar in bar. Sie wissen, dass die Tote zweiundzwanzig Jahre alt ist und aus Hobart, Maine, stammt. Sie ist eins achtundsechzig groß, wiegt fünfundfünfzig Kilo und hat braunes Haar und braune Augen.

Frankie geht in die Küche, wo sie vorhin schon eine Einzelportion Käsemakkaroni Marke »Marie Callender's« in der Mikrowelle gefunden haben - lauwarm, aber ungeöffnet. Frankie findet es seltsam, dass die junge Frau eine Mahlzeit aufgewärmt hat, die sie dann gar nicht gegessen hat. Was ist in der Zwischenzeit passiert, was sie veranlasste, ihr Essen stehen zu lassen, auf den Balkon hinauszutreten und in den Tod zu springen? Eine schlimme Nachricht? Ein erschütternder Telefonanruf? Auf der Arbeitsfläche liegt ein Fachbuch, dessen Einband das Gesicht einer Frau zeigt. Ihre Haare stehen in Flammen, ihr Mund ist zu einem wütenden Schrei aufgerissen.

Medea: Die Frau hinter dem Mythos.

Frankie weiß, dass sie mit dem Mythos von Medea vertraut sein sollte, aber ihre Collegezeit liegt Jahrzehnte zurück, und sie erinnert sich nur noch, dass es irgendetwas mit Rache zu tun hat. Zwischen den Seiten des Buches findet sie einen Brief. Es ist die Zulassung zum Graduiertenprogramm für den kommenden Herbst, verschickt vom English Department der Commonwealth University.

Noch ein weiteres Detail, das Frankie stutzig macht.

Sie geht zurück zur Balkontür, die jetzt geschlossen ist. Als der Hausverwalter sie in die Wohnung ließ, stand diese Tür weit offen, und der Wind hatte Regen und Graupel hereingeweht. Noch jetzt sieht man die feuchten Stellen auf dem Holzboden glitzern. Sie öffnet die Tür, tritt hinaus und bleibt unter dem Schutz des oberen Balkonvorsprungs stehen. Unten parken zwei Streifenwagen des Boston PD; das hypnotisierende Flackern ihres Blaulichts spiegelt sich in den Fenstern der Häuser auf der anderen Straßenseite. In einer Stunde wird es hell, dann werden die Streifenwagen verschwunden sein, und der...

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