In der Stunde der Dämmerung

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2015
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7776-9 (ISBN)
 
Eleanor hat ihre Unabhängigkeit weit über den 90. Geburtstag hinaus mit Löwenmut verteidigt, doch dann brennt die fast blinde alte Dame beinahe ihr Haus ab. Sie beschließt, sich dem Wunsch der Familie zu beugen und ihr geliebtes Cottage am Ende der Welt aufzugeben. Aber zwischen all den Büchern und Papieren ihrer Bibliothek steckt etwas, das niemand zu Gesicht bekommen darf - am allerwenigsten ihre Kinder. Um es zu finden, heuert sie Peter an, einen jungen Mann mit gebrochenem Herzen, dem ein paar Wochen in der Einsamkeit gerade recht kommen. Die alte Dame und der schüchterne Peter werden Freunde. Peter ahnt, dass Eleanor ein Geheimnis hat, vor dem sie ihre Familie unbedingt beschützen will. Aber wenn sie selbst Frieden finden soll, muss sie ihre Geschichte wenigstens einmal erzählen ...
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,58 MB
978-3-8270-7776-9 (9783827077769)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Nicci Gerrard wurde im Juni 1958 in Worcestershire/Shropshire geboren. Sie schloss ihr Studium der englischen Literatur in Oxford mit Auszeichnung ab, bevor sie Journalistin wurde. Nicci Gerrard ist der weibliche Teil des Bestseller-Duos Nicci French. Nicci Gerrard lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in einem alten Landhaus in Suffolk.

1

Eleanor erwachte, weil sie spürte, dass etwas fehlte. Draußen peitschte der Wind den Regen immer noch in Böen gegen die Fenster; drinnen war es zu still, kein Atemzug, kein Herzschlag - nur ihr eigener. Die Dunkelheit fühlte sich unbelebt an. Noch bevor sie die Hand ausstreckte und an dem Wasserkrug und der Vase mit den welken Blumen vorbei das leere Bett ertastete - die zurückgeschlagenen Decken, das zerdrückte Kissen -, hatte sie gewusst, dass sie allein war. Sie ließ die Angst in sich einsickern, bis in die letzte Zelle ihres Körpers. Sie schmeckte ihren erdigen, metallenen Schmerz auf der Zunge, spürte ihn dann in den Handflächen, am unteren Ende der Wirbelsäule und im Hals wie eine ölige, zuckende Schlange, sie roch ihn auf ihrer Haut, säuerlich wie verdorbene Milch.

Seltsam verdreht saß sie in einem Sessel; ihr linker Fuß war eingeschlafen, ihre Wange geriffelt, wo sie an dem Holz gelehnt hatte. Als sie sich rührte, raschelte der Stoff ihres Rocks, und ihr fiel wieder ein, dass sie sich am Abend zuvor nicht ausgezogen hatte. Sie hatte nur ihr Haar geöffnet und sich die Schuhe von den Füßen getreten. Zu müde und vollkommen durcheinander hatte sie sich im Dunkeln in diesen Sessel gesetzt und es dem Schlaf überlassen, den schrecklichen Tag zu beenden.

Ein paar Sekunden blieb sie reglos sitzen, lauschte ihrem unregelmäßigen Herzschlag und fragte sich, was sie tun sollte. Dann schwang sie sich mit solcher Wucht aus dem Sessel, dass sie stolperte. Mit dem tauben Fuß stieß sie gegen einen Becher und warf ihn um. Sie knickte um und wimmerte vor Schmerz auf. Da sie sich auf die Gegebenheiten des Raums kaum mehr besinnen konnte, tastete sie sich mit ausgestreckten Händen bis zur Tür vor. Dabei stieß sie gegen das Fußende des Betts und die Ecke der Kommode, suchte nach dem Türknauf und dann nach dem Treppengeländer, das sie die schmale, knarrende Treppe nach unten führte. Überall war es stockfinster, wie sehr sie ihre Augen auch anstrengte, durch die Verdunkelungsvorhänge einen Schimmer zu erhaschen, bis sie in die Küche tappte, wo die letzte Glut im Herd einen matten Schein warf. Neben der Sitzbank stand ein Paar Stiefel, und sie stieg hinein und öffnete die Haustür. Der Wind schlug ihr entgegen, patschte ihr nass ins Gesicht und raubte ihr den Atem. Selbst im Schutz des Vordachs rauschten all die hunderttausend Blätter, als wäre sie bei Sturm auf dem Meer oder ein Zug donnerte auf sie zu. In so einer Nacht jagte man eigentlich keinen Hund vor die Tür. Aber ohne lange zu zögern lief sie hinaus in das Strömen und Tosen. Schwerfällig, denn die Stiefel waren ihr viel zu groß, und das dicke Gummi scheuerte an ihren Schienbeinen. Der Wind blies ihr entgegen, als wollte er sie zurücktreiben. Zweige kratzten über ihre Haut, und auf der Straße flog erst ein Ast an ihr vorbei, dann unter Gepolter ein Mülleimerdeckel. Schon war sie nass bis auf die Haut, die Bluse klatschte an ihren Rippen, und der feuchte Rock klebte ihr zwischen den Beinen. Sie wollte rufen, doch der Wind riss ihr den Namen von den Lippen, bevor er noch zu einem Laut werden konnte, und verschluckte ihn.

Die Häuser links und rechts der Straße waren unbeleuchtete, geduckte Schemen. Sie lief weiter. Sie hatte Seitenstechen, und von dem Knöchel, den sie sich verknackst hatte, schoss sporadisch Schmerz das Bein herauf. Bei jedem Schritt stieß sie sich die Zehen an den Stiefelspitzen. Vor zwei Abenden hatte sie sich die Zehennägel rot lackiert, während er zugesehen hatte. Brennende Augen. Sie spürte den blauen Fleck, wo er sie am Arm gepackt hatte, und unter dem Schal, den sie sich um den Hals gewickelt hatte, um ihn zu verstecken, pochte der Knutschfleck. Er hatte die Finger in ihre Haut gegraben und seinen Mund auf ihren gepresst, bis sie Blut schmeckte, und er hatte gesagt, sie könne ihn niemals verlassen. Jetzt nicht mehr. Sie waren zu weit gegangen.

Sie erahnte den Weg eher, als dass sie ihn sah, und bog von der Straße ab. Überhängende Äste verfingen sich in ihrem Haar, und die Brombeerranken in der Hecke rissen an ihren nassen Kleidern. Der Wind tobte. Es roch nach gepflügter Erde und nassem Farn. Dann rannte sie über die Weide und den Hang hinunter. Das Rauschen des Wassers vermischte sich mit dem Rascheln des Laubs und dem Brausen der Luft. Endlich blieb sie stehen und blickte sich hektisch um. Sie konnte die dichten Umrisse der Bäume ausmachen und das braune, schäumende Wogen. Eine blinde Gewissheit hatte sie hierhergeführt. Und jetzt?

Und wie sie dort stand und nicht weiterwusste, ließ der Regen plötzlich nach, und einen Moment lang trat hell und klar der Mond zwischen den Wolken hervor. In diesem Augenblick sah sie ein Gesicht - oder glaubte es zu sehen. Ein weißes Gesicht in dem dunklen Wasser, wie eine Blüte, wie eine gebrochene Spiegelung.

Dann verschluckten die Wolken den Mond wieder, und das Gesicht - ob real oder eingebildet - war verschwunden. Zurück blieb nur die tosende Dunkelheit.

Eleanor schleuderte die Stiefel von den Füßen und spürte, dass ihr Rock riss, als sie ihn auszog. Selbst jetzt, in diesem irrwitzigen Augenblick, musste sie daran denken, wie er ihn aufgehakt hatte, sehr langsam, zu ihren Füßen hockend, die Hand zwischen ihren Beinen, die Augen unverwandt auf ihr Gesicht gerichtet, als blickte er tief in sie hinein. Erinnerungen haben ihren eigenen Takt, sie existieren in ihrer eigenen Welt, in der die Gesetze der Zeit keine Gültigkeit haben. Als sie an das Flussufer lief und dann - mit ausgestreckten Armen und wie eine Fahne hinter ihr herflatternden Haaren - mit einem hohen, weiten Satz ins Wasser sprang, fiel ihr ein, wie sie ihn das erste Mal erblickt hatte, und es war, als sähe sie ihn noch einmal mit diesem Stich unbändigen Verlangens. Und sie dachte, fast ein wenig reuig und amüsiert, dass das, was sie da machte, wirklich dumm war. Sie fragte sich, ob sie sterben würde, doch Angst hatte sie keine, nur das Gefühl, dass sie nicht das Leben gelebt hatte, das sie geplant hatte. Was würden die Leute denken? Was würden sie sagen? Sie würden die Köpfe schütteln: die Armen. Wer hätte das gedacht, wer hätte so etwas je geahnt, wie konnte es nur so weit kommen?

Die Zeit schien still zu stehen, sie hing in der Luft wie ein riesiger Vogel. Der Regen hatte aufgehört, der Wind erstarb, der Sturm hatte sich ausgetobt und seine Spuren der Verwüstung hinterlassen. Zu spät, zu spät. Sie sah sich selbst dort schweben und auf das verzerrte Gesicht des Mondes hinabblicken. Und dann sah sie, wie sie stürzte.

Sie klatschte auf dem Wasser auf und wurde wieder ihr mit Armen und Beinen um sich schlagender, verzweifelter Körper, ohne jeden Gedanken, ohne jede Erinnerung. Die Strömung wirbelte sie herum und zog sie nach unten. Ihre Lunge platzte schier, und hinter ihren Augenlidern explodierten helle Punkte. Etwas - ein Fels, ein Baumstamm - schrammte an ihrem Oberschenkel vorbei und ratschte die Haut auf. Sie stellte sich vor, wie sie eine Wolke von Blut hinter sich herzog. Dann stieg sie plötzlich nach oben, durchbrach die Wasseroberfläche, gierte nach Luft und stieß sie keuchend wieder aus. Von neuem ging es hinunter ins nasse Strömen, Kies, Steine und Schlamm, Flussalgen, die sie einhüllten, doch diesmal kürzer, und als sie das nächste Mal nach oben kam, nahm sie einen tieferen, kontrollierteren Atemzug und schaffte ein paar Schwimmzüge, die sie ein Stück durch das schmutzige Wasser trugen. Sie reckte eine Hand nach oben und ergriff einen überhängenden Ast, um sich daran festzuklammern. Ihr Handteller brannte, doch ihre Finger schlossen sich um Luft. Alles war viel zu schnell: Kies, Felsen, Steine und Bäume, das Rauschen des Wassers und das schwache Schimmern des Halbmonds, der ab und an zwischen den Wolken hervorlugte.

Sie stieß gegen einen Fels, und ein stechender Schmerz durchschoss sie; dann wurde sie aufs Ufer zugeschleudert wie Treibgut. Diesmal gelang es ihr, eine Wurzel zu packen und sich daran festzuhalten, während ihr Körper zur Seite strudelte. Und dann sah sie, wie im Traum, noch einmal das Gesicht - oder doch nicht? -, ein Stück flussaufwärts brauste es auf sie zu, dem Mondschein zugewandt. Wie ein schlafendes Kind, dachte sie, wie eine Seerose, friedlich in den Fluten. Heulend reckte sie die Hand danach aus und packte zu, fand Haar, das ihr durch die Finger glitt, fand eine Handvoll Stoff und riss daran. Der Leib folgte wie ein riesiger Fisch, bleich und schimmernd unter dem Wasser, bis er neben ihr war, gummiartige, aufgeweichte Haut und geschlossene Augen, voller Schlamm und Schleim.

»Du Idiotin«, sagte sie über das Tosen des Flusses. Sie hörte ihre Stimme: fast beiläufig, sachlich. »Das wirst du mal schön sein lassen. Hast du gehört?«

Eleanor packte den Oberarm fester und zog noch einmal, und jetzt waren sie in den glitschigen Untiefen, geschützt zwischen den Wurzeln, während der Fluss vorbeirauschte. Ein Stück flussaufwärts sah sie eine Stelle, wo das Ufer niedriger war; dorthin hievte und stieß sie den schweren Körper. Sie hielt ihn an einem Handgelenk fest und kletterte rückwärts auf die Uferböschung. Er drohte ihr zu entgleiten.

»Nein«, sagte sie, als könnten Worte ihn daran hindern. »Ich lasse dich unter gar keinen Umständen los.«

Sie zerrte an dem Arm, bis sie Sorge hatte, sie könnte ihn auskugeln, und endlich konnte sie die Hände unter beide Achseln schieben. Sie zog mit aller Kraft, ihre Füße rutschten in dem feuchten Gras und ihre Wirbelsäule knackte vor Anstrengung, und bei jedem Ruck keuchte sie. Das hört sich fast an wie Sex, dachte sie. Wie ein wilder Ritt zum Höhepunkt.

»Komm schon«, sagte sie. »Komm. Bitte.«

Qualvoll langsam...

»Stellen Sie sich auf einige Stunden spannende und herzerwärmende Lektüre ein.«, Die Harke am Sonntag, Petra Tanner, 06.12.2015

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