Nur der Mann im Mond schaut zu

Kriminalroman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Januar 2011
  • |
  • 396 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0236-0 (ISBN)
 
Als die dreijährige Hanna aufwacht, befindet sie sich ganz allein in einer abgeschlossenen Wohnung. Sie weiß, dass ihr Vater in Japan ist - aber wo sind ihre Mutter und ihr kleiner Bruder? Warum kommen sie nicht wieder? Dem kleinen Mädchen gelingt es, jemanden anzurufen, kann aber nicht erklären, wo sie wohnt. Eine verzweifelte Suche nach dem eingesperrten Kind nimmt ihren Anfang.

Kommissar Conny Sjöberg beschäftigt jedoch noch ein anderer Fall. Seine Kollegin stößt in einem Gebüsch vor der Polizeiwache auf einen fast erfrorenen Säugling. Kurz darauf wird in der Nähe des Fundortes eine tote Frau entdeckt.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 1,32 MB
978-3-8387-0236-0 (9783838702360)
3838702360 (3838702360)
weitere Ausgaben werden ermittelt

September 2007, Freitagabend


Sie lässt ihn auf dem Teppich vor dem Bett liegen, während sie das Laken wechselt. Er schreit mit einer Stimme, die mittlerweile kaum noch wiederzuerkennen ist, und sein rundes Gesicht ist vor Anstrengung rot angelaufen. Es ist halb elf. Seit vier Stunden versucht sie ihn zum Einschlafen zu bringen. Aber der Hals tut ihm so weh, dass er den Schnuller nicht im Mund behalten mag, und ohne Schnuller ist es aussichtslos. Auch das Paracetamol hilft nicht mehr. Das Schlucken bereitet ihm so starke Schmerzen, dass er kaum mehr isst, und der leere Magen behält das Penizillin nicht bei sich. Sie selbst ist nach drei Tagen so erledigt, dass diese totale Erschöpfung zum Normalzustand geworden ist. Aber nicht ein einziges Mal ist sie laut geworden, kein einziges böses Wort ist ihr über die Lippen gekommen. Es fühlt sich an wie ein Sieg.

In ihrem Hinterkopf läuft ununterbrochen der Countdown. Sie zählt die Tage, Stunden und Minuten, bis Mats endlich wieder nach Hause kommt. In diesem Augenblick sind es noch genau vier Tage, zehn Stunden und dreißig Minuten. Er ist in Japan auf einem technischen Seminar, und dort gibt es kein GSM, sie kann ihn nicht einmal anrufen, um sich ein wenig aufmuntern zu lassen. Aber vielleicht ist es auch besser so, es würde ihn nur ablenken, wenn er wüsste, wie es um sie steht, und sie selbst würde wahrscheinlich anfangen zu weinen und ihre kämpferische Entschlossenheit in Selbstmitleid zerfließen lassen.

Sie läuft mit einem Berg vollgespuckter Laken ins Badezimmer und stopft das Bündel in die Waschmaschine. Instinktiv fischt sie ein paar Stück Wäsche in ähnlichen Farben aus dem Wäschekorb und drückt sie mit hinein in die Trommel, bevor sie Waschpulver dazugibt und das Sechzig-Grad-Programm der wahrscheinlich überladenen Maschine einschaltet.

Das Kind hört plötzlich auf zu schreien, und in der aufziehenden Stille hört sie ihren eigenen Magen nach Nahrung rufen. Sie selbst verspürt keinen Hunger, macht aber einen Umweg über die Küche, um sich die letzte braun gefleckte Banane aus der Schale neben der Spüle zu nehmen. Im selben Augenblick beginnt erneut das Geschrei im Schlafzimmer. Sie eilt zurück und nimmt den Jungen auf den Arm, setzt sich auf das Fußende des ungemachten Betts, legt das Kind mit dem Bauch auf ihre Knie und streichelt seinen Rücken. Im Fernseher vor ihr läuft ein amerikanischer Film, dem sie mit ausgeschaltetem Ton zu folgen versucht, während sie die Banane herunterwürgt und monoton das untröstliche Baby streichelt.

Nur wenige Minuten später ist der Film vorbei, und der Abspann rollt über den Bildschirm. Sie schaltet den Fernseher aus, erhebt sich mühsam mit dem schluchzenden Kind auf dem Arm und tritt ans Fenster. Zwei Männer mittleren Alters gehen auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig vorbei. Etwas weiter entfernt ist ein junges Paar zu erkennen. Ihre Körperhaltung deutet an, dass es inzwischen nicht mehr regnet, keiner der beiden hat einen Schirm. Der ausdauernde Regen scheint endlich vorbei zu sein.

Sie versucht, den Jungen vor sich auf die Fensterbank zu stellen und an den Händen festzuhalten, aber das will er nicht. Zornig strampelt er mit den Beinen, statt sich auf seine Füße zu stellen. Sie hebt ihn wieder hoch, legt seinen Kopf an ihre Schulter und riecht an seinem Haar. Es ist schweißnass, und sein Geschrei sticht wie Nadeln in ihren Ohren. Ihre Augen brennen, denn sie hat zu wenig geschlafen. Es bereitet ihr Schwierigkeiten, sie offenzuhalten, obwohl sie sich eigentlich alles andere als schläfrig fühlt. Widerwillig gesteht sie sich ein, dass sie in dieser Situation mehr Mitleid mit sich selbst empfindet als mit dem kleinen Menschen, den sie über alles liebt und der in ihren Armen so leidet. Wut steigt in ihr auf. Wahnsinnige Wut über dieses namenlose, ungreifbare, abstrakte Etwas, das ihren Sohn so quält und das sie nicht besiegen kann. Mit einem Seufzer steht sie auf und geht mit dem kleinen Jungen im Arm in die Diele hinaus.

Bevor sie den Schlüssel in das Schloss steckt, zögert sie einen Augenblick, überlegt, ob man sich an so einem Freitagabend eher vor Einbrechern oder vor einem Feuer fürchten soll. Dann schließt sie die Wohnungstür sorgfältig von außen ab.

*

Lachen und fröhliche Stimmen klangen durch die ganze Wohnung. An diesem Abend schienen alle guter Laune zu sein, niemand zickte oder quatschte dumm herum. Die meisten saßen in der Küche, weil Solan mit ihrem neuen Typen im Wohnzimmer hockte. Dass sie auf Gesellschaft keinen großen Wert legten, hatten sie deutlich gemacht, indem sie die Tür zur Küche und die zum Flur geschlossen hatten. Am Küchentisch drängten sich nicht weniger als neun Leute, und auf dem Fußboden saß Elise, die sich an den Kühlschrank lehnte und ihren Drink neben sich abgestellt hatte. Ihr gegenüber saß Jennifer, die ebenfalls an einer Mischung aus selbstgebranntem Schnaps und Cola nippte.

Bei ihnen zu Hause gingen ständig Menschen ein und aus. Schon am Vormittag kamen Leute hereingeschneit, und falls jemand auf dem Weg eingekauft hatte, gab es Kaffee und Butterbrote. Die Mutter hielt die Tür stets offen für alle Freunde und Bekannte, aber für die Verpflegung mussten sie selber sorgen. Früher hatte sie sich schwergetan, ihnen nichts zu essen anzubieten, aber schließlich hatte sie sich dazu durchgerungen, als sie wieder einmal im Kühlschrank und in den Schränken herumstöberten, seitdem respektierten alle die Entscheidung. Sie legte Wert darauf, dass die Mädchen jeden Tag ihr Frühstück bekamen und sich rechtzeitig auf den Weg machten. Sie schickte immer eine von ihnen zum Einkaufen in den ICA-Markt in Ringen, nicht aus Faulheit – Elise wusste, dass sie es eigentlich lieber selbst gemacht hätte –, sondern weil sie sich schämte rauszugehen. Elise und ihre Schwester aßen selten zu Hause Mittag, meistens kauften sie sich etwas auf die Hand, wenn sie Hunger bekamen, und manchmal aßen sie bei Freundinnen. Aber sie bekamen Geld für Kleider, Mittagessen und Körperpflege. Es fehlte ihnen nichts. Ihrer Mutter gelang es, die Familie über die Runden zu bringen, auch wenn ihr Leben ein bisschen anders aussah als das der anderen.

In der Regel wurden schon am frühen Nachmittag die ersten Flaschen auf dem Wohnzimmertisch in der Dreizimmerwohnung im Wohnkomplex Ringen entkorkt. Danach herrschte bis weit in den Abend hinein ein ständiges Kommen und Gehen, und erst gegen Mitternacht wurde es ein bisschen ruhiger. Und nicht selten schlief einer der Saufkumpane ihrer Mutter ein und blieb über Nacht.

Die Mädchen gingen tagsüber in die Schule und zogen danach durch die Stadt oder waren bei Freundinnen. Sie teilten sich ein eigenes Zimmer, aber sie hielten es kaum zu Hause aus, solange dort gefeiert wurde, also versuchten sie sich so lange wie möglich von dort fernzuhalten. Die Gelage bei ihrer Mutter endeten nur selten in Handgreiflichkeiten, aber die Gespräche verliefen lautstark, und man musste aufpassen, dass man niemanden provozierte, der ohnehin schon nicht besonders gut gelaunt war. Elise und Jennifer blieben am liebsten weg und versuchten möglichst unsichtbar zu bleiben, wenn sie zu später Stunde in die Wohnung schlichen und sich schlafen legten.

Doch jetzt war Freitagabend, das Wochenende stand vor der Tür, also keine Schule oder andere Verpflichtungen. Außerdem hatte ihre Mutter gerade Geld bekommen. Am Küchentisch, auf dem sich Flaschen, Gläser und volle Aschenbecher drängten, herrschte Hochstimmung. Elise und Jennifer hatten sich von der ausgelassenen Atmosphäre anstecken lassen und die Gelegenheit ergriffen, Schnaps und Zigaretten zu schnorren. Normalerweise schlichen sie auf dem Weg zu ihrem Zimmer vorbei, ohne dass sich jemand um sie kümmerte, aber diesmal waren sie hereingerufen worden. Einige der großmäuligen Typen am Küchentisch machten ihnen das eine oder andere Angebot.

Elise fühlte sich schon nach dem ersten Schluck angenehm entspannt. Sie zog an der Zigarette und schloss die Augen. Diese hier wollte sie für sich alleine, denn sie wusste, dass sie nicht noch mehr bekommen konnte. Das Geld, das sie bekam, reichte selten für Zigaretten, und wenn man bei Freundinnen schnorrte, musste man sich mit ihren fast aufgerauchten Kippen begnügen. Sie nahm einen ordentlichen Schluck aus dem Glas und schaute zu ihrer großen Schwester hinüber. Alle sagten, sie sähen sich ähnlich, aber sie konnte nicht viele Übereinstimmungen entdecken. Jennifer war zwei Jahre älter, cool und selbstbewusst und nie um eine Antwort verlegen. Sie selbst war eine blasse Kopie ihrer Schwester mit wenig Selbstvertrauen, schlechter Haltung und kleinen, lächerlichen Brüsten, die kein Vergleich zu Jennifers waren. Sogar die Typen in ihrer Küche erkannten den Unterschied. An einem Abend wie diesem sollte Jennifer bei einem von ihnen auf dem Schoß sitzen, sie war der Hauptgewinn. Aber sie ließ die Männer auf ihre souveräne Art fast immer abblitzen. Da konnten sie noch so viele Krokodilstränen vergießen und bitten und betteln, sie schüttelte nur den Kopf und rollte entnervt mit den Augen. Erst dann wandten sie sich an Elise, aber auch sie sagte meistens nein, genau wie Jennifer. Manchmal allerdings setzte sie sich auf Dagges oder Gordons oder Peos Schoß, weil sie einfach nicht mehr nein sagen konnte oder einfach für einen Augenblick das Gefühl haben wollte, geliebt zu werden.

»Was hast du heute Abend vor?«

Um den Lärm in der Küche zu übertönen, musste Elise schreien.

»Weiß nicht. Mit Jocke losziehen, aber vielleicht scheiß ich auch drauf«, brüllte Jennifer zurück.

Jennifer hatte einen Freund. Na ja, Freunde hatte sie selbst auch hin und...

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