Gott ist kein Zigarettenautomat

Roman
 
 
Albrecht Knaus Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10172-5 (ISBN)
 
Wer sagt denn, dass man über eine unglückliche Kindheit nicht lachen darf?

Thomas Sieben ist vierzehn, geht auf die Hauptschule und hat gerade begriffen, dass es den lieben Gott nicht gibt. Es gibt auch keinen Vater, dafür eine Mutter, die das Leben nur im Suff erträgt. Zusammen mit ihr und seiner Schwester lebt er in der verfallenen alten Schule, die wie der Rest des ganzen Dorfes schon von den Vermessungstrupps der Rheinbraun AG durchstöbert wird. Und da ist noch sein Bruder. Der treibt gerade im Bach an ihm vorbei, tot, und das ganz offensichtlich nicht freiwillig.

Matthias Gerhards' Romandebüt über einen Jungen unterhalb der Armutsschwelle und den letzten Sommer eines Dorfs im rheinischen Braunkohlerevier ist ein unwiderstehlich witziger und erschütternd ernster Roman über das Leben, den Tod und das Ende der Kindheit. Lange hat es unter deutschen Erzählern der Gegenwart keine Stimme mehr gegeben, die so unbarmherzig klar das Elend benennt und dennoch komisch darüber erzählen kann. Ein Roman, der amüsiert, bis dem Leser die Tränen kommen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Knaus
  • 0,92 MB
978-3-641-10172-5 (9783641101725)
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What happened before [.]?

Gott, Richard J.

Wo soll ich anfangen? Am besten am Anfang. 13,75 Milliarden Jahre vor den bedauerlichen Ereignissen, von denen ich hier berichten möchte, war das gesamte Universum nicht einmal so groß wie ein Staubkorn. Die Naturgesetze existierten noch nicht und alles war friedlich. Dennoch muss irgendetwas schiefgelaufen sein, denn der Staub begann sich auszudehnen und schuf den Raum und die Zeit. Einige Augenblicke später bildete sich die Materie und damit fingen die Probleme an. Aus einem Grund, den wir nicht genau kennen, entwickelte sich etwas mehr Materie als Antimaterie, sodass schließlich der Stoff übrig blieb, aus dem wir alle bestehen. Allerdings könnten irgendwo noch größere Mengen von Antimaterie herumschwirren. In diesem Fall käme es früher oder später zu einer Kollision. Damit würde sich die Sache sozusagen von selbst erledigen und wir wären nicht mehr als ein vorübergehendes Ungleichgewicht. Diesen Gedanken finde ich geradezu tröstlich. Aber das tut jetzt nichts zur Sache.

Nachdem die Materie entstanden war, begann die Schwerkraft zu wirken, und es bildete sich ein gasförmiger Brei, den ich mir wie eine Grießsuppe vorstelle. Vielleicht weil sie in meiner Erinnerung das einzige Gericht ist, das meine Mutter einigermaßen hinbekam. Aber auch dabei ging nicht alles glatt. Es bildeten sich winzige Klümpchen, aus denen später die Galaxien hervorgehen sollten. In einem Suppentopf kann man so etwas verhindern, wenn man gewissenhaft rührt. Entweder besaß Gott also keinen Kochlöffel oder die Sache war ihm egal.

Auch die Erde war anfangs so eine mehr oder weniger flüchtige Angelegenheit. Erst als sie halbwegs abkühlte, entstand eine dünne Kruste. Und noch in den nächsten Jahrmillionen wurde sie durch vulkanische Aktivität ständig hin und her geschoben, wie Fettaugen auf der Oberfläche einer heißen Suppe. Das führte schließlich dazu, dass sich eine große Landmasse bildete, die aber schließlich doch wieder auseinanderbrach und die heute existierenden Kontinente entstehen ließ. In dieser Zeit verschwanden die Dinosaurier gerade von der Bildfläche und übergaben die Weltherrschaft an ein paar haarige Kleintiere, die eine übertriebene Form von Brutpflege erfunden hatten. Allerdings entstanden auch viele Dinge, die wir heute noch schön finden. Die Alpen, der Himalaja, die Rheinische Bucht, die Blütenpflanzen und die ersten Laubwälder. Aus den abgestorbenen Bäumen bildeten sich zuerst Torf und schließlich Braunkohle. In dieser Zeit tauchten auch die ersten Hominiden auf. Aus ihnen gingen die Menschen hervor. Statt wegen ihrer lausigen körperlichen Leistungsfähigkeit alsbald auszusterben, kamen sie auf den Gedanken, nicht in Muskeln, sondern in einen überdimensionierten Denkapparat zu investieren. Bald besiedelten sie nicht nur die warmen Savannen Afrikas, sondern drangen bis nach Amerika vor und in das eiszeitliche Europa. Am Ende spürten sie sogar die Braunkohle auf und verwandelten sie in Schwefelgas und Abwärme.

~

Das Gebiet um den Schillbach entstand nach der letzten Eiszeit, als sich der Rhein noch in drei mächtigen Armen durch die Tiefebene wälzte. Aus seinen Ablagerungen formte sich jenes Land, das aussah, als hätte jemand sein mächtiges Gesäß darauf niedergelassen. Das fruchtbare Schwemmland war bereits während der Steinzeit besiedelt. Aber richtig in Schwung kam die Region erst, als die Römer auftauchten. Sie führten (vermutlich gegen den Widerstand der germanischen Bauernverbände) den Spaten und den Pflug ein, gründeten Köhlereien und Schmieden, legten Sümpfe trocken und ließen die Wälder roden, um Korn anzubauen. Das war die erste Blüte.

Nachdem die Römer verschwunden waren, weil sie sich einige Jahrhunderte zu lange auf dem Thron der Geschichte ausgeruht hatten, kam lange nichts. Normannen plünderten das Land. Die dunklen Jahrhunderte des Frühmittelalters zogen vorüber, und es sollte noch weitere tausend Jahre dauern, bis sich die Ebene zu einem neuen Frühling überreden ließ.

Aber natürlich blieben die Bewohner in der Zwischenzeit nicht untätig. Im dreizehnten Jahrhundert erbauten sie eine Kirche, gründeten ein paar neue Dörfer sowie eine Schützenbruderschaft, die dem heiligen Sebastian gewidmet wurde. Sie existiert bis heute. Ihren Schutzpatron wählten die ersten Brüder mit Bedacht, denn er war nicht nur der Heilige der Schützen, sondern auch Heiliger der Bürstenbinder, Eisenhändler, Büchsenmacher, Zinngießer, Brunnenbauer, Kriegsinvaliden, Leichenträger und Seuchenärzte. Schließlich waren die Bruderschaften jener Zeit nicht nur für Schlägereien und kollektive Besäufnisse verantwortlich, sondern kümmerten sich auch um die Pestkranken und deren Beseitigung. (Heute allerdings spielen Schnapsleichen eine weit größere Rolle.)

In den folgenden Jahrhunderten gelang es der Ebene um den Schillbach meistens, dem Atem der Geschichte zu entgehen. Aber wie jedes Glück, so war auch dieses nicht von Dauer. Denn im heißen Sommer des Jahres 1856 fielen auf einem kleinen Bauernhof beide Brunnen trocken. Er war nicht viel größer als der Garten vor dem Haus meiner Kindheit, den meine Schwester mehr als hundert Jahre später anlegen sollte und den sie vor der ersten Ernte wieder vertrocknen ließ. Das Land lag zwei preußische Meilen jenseits des Schillbachs und gehörte einem gewissen Johann Sieben. Sein Vater hatte das Land eigenhändig gerodet und urbar gemacht. Deshalb wurde es meistens als »Siebens Püngel« bezeichnet. Letzteres bedeutete entweder Berg oder Kehrichthaufen und spielte darauf an, dass die Straße vor dem Anwesen nur nachlässig gefegt wurde.

Der junge Sieben war erst seit einigen Monaten verheiratet. Daher blieb ihm nichts anderes übrig, als einen weiteren Brunnen zu graben. Dieses Mal einige Schritte vom Haus entfernt, sodass er ihn später auch als Viehtränke verwenden konnte. Schon nach einem Meter stieß er auf eine braune und knochenharte Torfschicht, die sich nicht einmal mit der Hacke bearbeiten ließ. Er fluchte auf die Gottesmutter und begann ein gutes Stück weiter westlich, erneut zu graben. Dieses Mal mit Erfolg. Aber sein komischer Fund ließ ihn nicht los, und er packte einen Brocken davon in sein Taschentuch und machte sich auf den Weg zum Dorfschullehrer.

In den ersten Jahren nach ihrer Entdeckung wurde die Braunkohle in Gruben abgebaut. Das bedeutete, dass man Stollen in den lehmigen Boden trieb, die mit schöner Regelmäßigkeit einstürzten, weil die unerfahrenen Bergleute ihre Tragfähigkeit überschätzten. Und wie die meisten Entdeckungen, brachte sie ihrem Finder wenig Glück. Das Flöz, das Johann Sieben entdeckt hatte, fiel steil nach unten ab, sodass die Erschließung seine finanziellen Möglichkeiten überstieg. Da ihm sein Eheweib einen Kredit mit lauten Worten ausgeredet hatte, verkaufte er schließlich sein Land an einen Bauern aus der Umgebung, der einen erstaunlich guten Preis zu zahlen bereit war. Er hieß Traugott Overbruch und hatte viele Jahre lang Weizen und Roggen angebaut und an die nahe gelegene Kornbrennerei verkauft. Das Startkapital hatte er sich von wohlhabenden Bauern zusammengestückelt, die seine Schützenbrüder waren. Mit diesem Geld kaufte er Land und gründete die Fortuna Braunkohle AG, die bald mit dem industriellen Abbau begann.

Johann Sieben lebte nun in einem Haus auf dem Dorfplatz und merkte bald, dass ein kleines Vermögen schnell zur Neige geht, wenn man keine Lebensgrundlage mehr besitzt. Innerhalb weniger Jahre verschwendete er sein Geld für ein Pferd, die dazugehörige Kutsche, Manschettenknöpfe, einen etwas zu klein geratenen Siegelring, unzählige Lakritzstangen und Lokalrunden im Gasthof »Zur Post«. Schließlich war er gezwungen, seine Kinder in die Kohlegrube zu schicken, damit seine Frau und er nicht hungern mussten. Doch nach kurzer Zeit blieb ihnen nichts anderes übrig, als auch das Haus zu verkaufen. Die Gemeinde Schillbach erbarmte sich ihres leidenden Sprösslings und erwarb das Gebäude, um es abzureißen. An seiner Stelle wurde eine neue Schule errichtet, die viele Jahre später die alte Schule genannt werden sollte. Noch im gleichen Jahr machte sich Johann Sieben auf den Weg nach Köln, um das Einzige zu verkaufen, was von seinem kurzlebigen Reichtum übrig geblieben war: den goldenen Siegelring. Nachdem er sieben Juweliere abgeklappert hatte, musste er einsehen, dass es nichts brachte. Niemand hatte ihm mehr als ein Zehntel des ursprünglichen Preises geboten. Angeblich handelte es sich um eine Fälschung. Eine gute zwar, aber das machte die Sache nicht besser. Und so ließ Johann Sieben den Ring in seine Tasche gleiten und ging nach Hause. Dort legte er ihn in eine blaue Schachtel, in der sich in besseren Zeiten ein paar Schnürschuhe befunden hatten. Inzwischen bewahrte er dort den Kaufvertrag auf, mit dem sein Unglück begonnen hatte. Außerdem enthielt die Schachtel einen Brief in einem kirschroten Umschlag, mit dem er um die Hand meiner Urgroßmutter angehalten hatte, sowie einige Wechsel, von denen er hoffte, dass er sie noch würde begleichen können.

In den folgenden Jahren starben zwei seiner Söhne. Der Älteste wurde mit kaum achtzehn Jahren beim Vortrieb eines neuen Stollens verschüttet, und sein Bruder kam während der großen Typhusepidemie ums Leben. Er ließ sich von einem der neu eingeführten Krankenfuhrwerke überrollen, mit denen die Infizierten abgeholt wurden. Er hatte es sich mit einer Flasche Kornabsinth im Straßengraben gemütlich gemacht, weil er es aus eigener Kraft nicht mehr bis nach Hause geschafft hatte. Das geschah am 1. Mai des Jahres 1884, der zu dieser Zeit zwar noch kein Feiertag war, aber dennoch mit ausgiebigen Saufgelagen begangen wurde....

"eine beachtliche, stilsichere und höchst unterhaltsame Schelmen-, Underdog- und Coming-of-Age-Geschichte"
 
"Bitter aber auch urkomisch."

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