Wort für Wort - oder Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben

 
 
Random House ebook (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 28. September 2011 | 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06956-8 (ISBN)
 
Talent, Leidenschaft und Disziplin - das sind laut Elizabeth George die drei Eigenschaften, ohne die eine literarische Karriere nicht denkbar ist. In diesem faszinierenden Buch beweist die Bestsellerautorin George, dass sie nicht nur über profunde Einblicke in das Handwerk des Schreibens verfügt, sondern dieses Wissen auch so anschaulich und unterhaltsam vermitteln kann, wie es nur eine große Geschichtenerzählerin zu tun vermag ...


Akribische Recherche, präziser Spannungsaufbau und höchste psychologische Raffinesse zeichnen die Bücher der Amerikanerin Elizabeth George aus. Ihre Fälle sind stets detailgenaue Porträts unserer Zeit und Gesellschaft. Elizabeth George, die lange an der Universität »Creative Writing« lehrte, lebt heute auf Whidbey Island im Bundesstaat Washington, USA. Ihre Bücher sind allesamt internationale Bestseller, die sofort nach Erscheinen nicht nur die Spitzenplätze der deutschen Verkaufscharts erklimmen. Ihre Lynley-Havers-Romane wurden von der BBC verfilmt und auch im deutschen Fernsehen mit großem Erfolg ausgestrahlt.
Elke Hosfeld
Deutsch
2,09 MB
978-3-641-06956-8 (9783641069568)
3641069564 (3641069564)
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Die Geschichte besteht aus den Figuren


Mache ich mir etwas vor, wenn ich mich für eine »kreative Künstlerin« halte? Kann ich überhaupt eine kreative Künstlerin sein, wenn ich auf eine so akademische und methodische Art vorgehe?

Tagebuch eines Romans,
25. Juni 1997

 

 

Auf meinem Schreibtisch liegt eine große Platte aus Plexiglas, unter die ich allerlei Krimskrams geschoben habe, der mich inspirieren oder aufheitern soll, wenn mich tiefe Verzweiflung packt und ich mich frage, warum ich mich schon wieder auf ein so schwieriges Projekt eingelassen habe. Dazu gehören eine Kopie von John Steinbecks Brief an Herbert Sturz über den Roman Früchte des Zorns - seine Kommentare über Kritiker rufen bei mir stets ein Lächeln hervor -, Bilder von meinem Hund, von mir selbst, wie ich albern grinsend neben einer Figur von Richard dem Dritten aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in London stehe, und mehrere Zitate von Schriftstellern zu dem einen oder anderen Thema. Einer dieser Autoren ist Isaac Bashevis Singer, der 1978 in einem Interview mit Richard Burgis sagte:

Wenn Menschen zusammenkommen - beispielsweise auf einer kleinen Party -, sprechen sie immer über den Charakter. Sie sagen, der hat einen schlechten Charakter und der einen guten; der hier ist ein Dummkopf und der da ein Geizhals. Die Gespräche bestehen aus Klatsch. Alle analysieren den Charakter. Es scheint, als sei die Analyse des Charakters die höchste Form menschlicher Unterhaltung. Und in der Literatur erfolgt sie, anders als beim Klatsch, ohne Namen von wirklichen Personen zu nennen.

Die Schriftsteller, die nicht über ihre Figuren reden, sondern über Probleme - soziale oder andere Probleme -, rauben der Literatur ihr eigentliches Wesen. Sie hören auf zu unterhalten. Wir allerdings lieben es aus irgendwelchen Gründen, über den Charakter einer Person zu reden und ihn zu ergründen. Das liegt daran, dass jeder Charakter verschieden und der menschliche Charakter das größte Rätsel ist.

Damit will ich nun beginnen, wenn ich den Grundstein für meine Erforschung unseres Handwerks lege: mit den Romanfiguren.

Nicht mit der Thematik?, mögt ihr verwundert fragen. Nicht damit, woher ein Schriftsteller seine Ideen bekommt? Was ein Autor mit den Ideen macht? Wie ein Schriftsteller aus seinen Themen eine Erzählung formt?

Dazu kommen wir später. Aber wenn ihr nicht versteht, dass eine Geschichte aus den Figuren besteht und nicht nur aus der Idee oder dem Thema, dann könnt ihr selbst dem genialsten Einfall kein Leben einhauchen.

Was uns nach der Lektüre eines guten Romans vor allem im Gedächtnis haften bleibt, sind die Personen. Das liegt daran, dass Ereignisse - sowohl im realen Leben als auch in der Fiktion - bedeutsamer werden, wenn wir die Menschen kennen, die von ihnen betroffen sind. Erhält die Katastrophe ein menschliches Antlitz, berührt sie uns tiefer; wir lassen uns sogar zu Handlungen bewegen, an die wir vorher nur beiläufig gedacht haben. München 1972, die Achille Lauro, Pan Am 103, Oklahoma City, der 11. September. Wenn diese Tragödien menschlich werden, weil man sie mit wirklichen Personen verbindet, die sie überlebt haben oder durch sie gestorben sind, prägen sie sich unauslöschlich im kollektiven Bewusstsein einer Gesellschaft ein. Am Anfang sehen wir ein Ereignis in den Nachrichten, doch gleich darauf stellen wir uns die Frage »Wer?«.

Im Roman ist das nicht anders. Der Prozess gegen Tom Robinson ist in seiner Ungerechtigkeit kaum erträglich, verstörend und herzzerreißend, doch wir erinnern uns an diese Verhandlung wegen Tom Robinsons stiller Würde und Atticus Finchs heroischer Verteidigung, die im sicheren Wissen erfolgt, dass sein Klient aufgrund der Zeit, des Orts und der Gesellschaft, in der sie beide leben, schon im Vorhinein verurteilt ist. Der Roman Wer die Nachtigall stört erreicht damit die Höhe der zeitlos klassischen Literatur, und das verdankt er nicht dem Thema der Unschuld der Kindheit inmitten einer abstoßenden Umwelt voller Vorurteilen und Brutalität, sondern seinen Figuren. Das gilt für jedes große Buch, und die Namen der Männer, Frauen und Kinder scheinen heller am Firmament der Literaturgeschichte als die Geschichten, in denen sie eine Rolle spielten: Elizabeth Bennett und Mr. Darcy, Jem und Scout Finch, Captain Ahab, Hester Prynne, Sherlock Holmes, Heathcliff, Ebenezer Scrooge, Huckleberry Finn, Jack-Ralph-and-Piggy, Hercule Poirot, Inspektor Morse, George Smiley, Anne Shirley, Laura Ingalls . Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Mit Ausnahme der letzten ist keine einzige Figur eine wirkliche Person. Doch alle von ihnen existieren, weil der Autor sie so erschaffen hat.

Haben wir einmal mit einem Roman begonnen, dann lesen wir vor allem weiter, weil wir wissen wollen, was mit den Figuren geschieht. Damit wir uns aber ernsthaft um diese Schauspieler in dem Drama auf den gedruckten Seiten vor uns sorgen, müssen sie für uns zu leibhaftigen Menschen werden. Ein Ereignis allein kann eine Geschichte nicht zusammenhalten. Ebenso wenig wie eine Reihe von Ereignissen. Nur die Personen, die Ereignisse bewirken, und Ereignisse, die Personen berühren, können das erreichen.

Wenn ich meine Figuren erschaffe, versuche ich mich an einige Grundregeln zu halten. Da wäre zuerst einmal die Erkenntnis, dass wirkliche Menschen Fehler haben. Wir sind alle unfertige Produkte auf diesem Planeten Erde; keiner von uns ist physisch, emotional, spirituell und psychisch perfekt. Das sollte auch für unsere Romanfiguren gelten. Niemand will etwas über vollkommene Charaktere lesen. Da kein Leser vollkommen ist, wird er sich in seiner Freizeit nur äußerst ungern mit einer Geschichte über ein Individuum beschäftigen, das mit einem Satz den Gipfel der seelischen, körperlichen und geistigen Vollendung erreicht. Würde sich jemand eine solche Person, die in jeder Hinsicht ermüdend perfekt ist, zum Freund oder zur Freundin wünschen? Vermutlich nicht. Also sollte eine Romanfigur, die in einem Bereich perfekt ist, in einem anderen unvollkommen sein.

Sir Arthur Conan Doyle hat das verstanden, was einer der Gründe ist, warum sein Sherlock Holmes mehr als hundert Jahre überlebt hat. Holmes hat den perfekten Intellekt. Der Mann ist buchstäblich eine Denkmaschine. Doch gefühlsmäßig ist er ein schwarzes Loch, unfähig zu einer längeren Beziehung mit irgendjemandem außer Dr. Watson, und obendrein nimmt er Drogen. Er hat eine Reihe ziemlich schrulliger Angewohnheiten und ist unerträglich hochmütig. Als ein Charakter »bündel« streift er unvergesslich durch die Seiten von Conan Doyles Geschichten. Folglich ist es schwer vorstellbar, dass irgendein Leser von englischer Literatur nicht weiß, wer Sherlock Holmes ist.

Im wirklichen Leben werden wir alle auf dem einen oder anderen Gebiet von Selbstzweifeln geplagt. Das ist allen Menschen gemeinsam. Also wünschen wir uns in der Literatur Charaktere, die Fehler machen, Irrtümer begehen und sich von Zeit zu Zeit schwach fühlen - und das ist die zweite Richtschnur, an die ich mich zu halten versuche, wenn ich eine Figur erfinde.

Als Beispiel wollen wir die bedauernswerte Erzählerin in Rebecca betrachten. Sie ist eine junge Frau, die ihre Anziehungskraft auf den reichen und schwermütig vor sich hin brütenden Maxim de Winter nicht erkennen kann. Völlig verängstigt geht sie durchs Leben, so sehr, dass sie die Scherben einer kleinen Statue, die sie in ihrem eigenen Haus umgestoßen hat, in einer Schreibtischschublade versteckt, damit sie keinen Ärger bekommt! Wir zucken erschreckt zusammen, als sie das tut. Aber wir können uns auch in ihre menschliche Natur hineinversetzen, weil wir alle Momente erlebt haben, in denen wir daran zweifelten, wer und was wir sind, und uns fragten, ob wir für eine andere Person wirklich liebenswert sein können. Wir identifizieren uns mit dieser Erzählerin und sorgen uns so sehr um sie, dass wir am liebsten Beifall klatschen würden, als sie schließlich zu sich kommt und der schrecklichen Mrs. Danvers - der Haushälterin auf Manderley, die die Erinnerung an Rebecca hochhält-ins Gesicht sagt: »Ich bin jetzt Mrs. de Winter«. Natürlich brennt Manderley bis auf die Grundmauern ab, und das ist wirklich bedauerlich. Aber die Figuren leben weiter.

Sie tun das, weil der Roman gut geschrieben ist; sie haben sich im Verlauf der Geschichte entwickelt und verändert, und das ist die dritte Regel, von der ich mich leiten lasse. Die Figuren lernen etwas aus dem Fortgang der Ereignisse, und der Leser ebenso, weil der Charakter einer fiktiven Person nur langsam enthüllt und jeweils nur eine Schicht freigelegt wird.

Während sie so verfährt, weiß die Autorin, dass die Figuren in ihren Konflikten und Wirrungen, ihrem Unglück und Elend interessant sind. Sie interessieren uns leider nicht, wenn sie glücklich und zufrieden sind. Das Elend lässt sie in die Grube fallen, aus der sie im Fortgang des Romans herausklettern. Das Glück beraubt sie einer Geschichte.

Wer diese Wahrheit bezweifelt, sollte die folgende Reihe von Figuren betrachten, die mir in einem Kurs für kreatives Schreiben vorgestellt wurden, den ich vor einigen Jahren abgehalten habe.

Eine meiner Studentinnen hatte sich einen Privatdetektiv ausgedacht, der in Boston arbeiten sollte. Sie brachte ihre ersten Seiten zur Begutachtung mit in die Klasse. Dort begegneten wir dem Privatdetektiv und seiner Schwester, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater. Der Privatdetektiv entstammte einer großen irischen Familie. Seine Schwester arbeitete für ihn. Er und seine Schwester kamen gut miteinander aus; sie...

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