Das Glück in glücksfernen Zeiten

Roman
 
 
Hanser, Carl (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Februar 2009
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-446-23371-3 (ISBN)
 
Der Arbeitsmarkt kennt keine Gnade, erst recht nicht für Philosophen. Daher tritt Dr. phil. Gerhard Warlich eine Stelle als Wäscheausfahrer an und richtet sich ein in dieser nicht allzu aufregenden, aber sicheren Existenz. Doch als seine Freundin Traudel sich ein Kind wünscht, bringt das Warlich, der eigentlich nur "halbtags leben" möchte, vollkommen aus dem Gleis. Wilhelm Genazino erzählt diese Geschichte eines traurigen Helden und seiner viel weniger traurigen Freundin mit verblüffender Lakonie. Keiner beschreibt die menschliche Verzweiflung an Leben und Liebe so ironisch und brillant wie er.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Höhe: 2 mm
  • |
  • Breite: 1 mm
  • |
  • Dicke: 1 mm
  • 0,67 MB
  • 1 gr
978-3-446-23371-3 (9783446233713)
3446233717 (3446233717)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt in Frankfurt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt Die Liebe zur Einfalt (Neuausgabe, 2012), Idyllen in der Halbnatur (2012), Aus der Ferne und Auf der Kippe (Texte zu Postkarten und Fotos, 2012), Tarzan am Main (Spaziergänge in der Mitte Deutschlands, 2013), Leise singende Frauen (Roman, 2014), Bei Regen im Saal (Roman, 2014), Außer uns spricht niemand über uns (Roman, 2016) und Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Roman, 2018).

ZWEI


Dennoch leiden wir seit ein paar Monaten an unangenehmen, bis jetzt überwiegend stumm ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten. Das Problem ist: Traudel will nun doch geheiratet werden. Nicht sofort, aber irgendwann schon. Ich räume ein, daß ich zu Beginn unseres Zusammenlebens eine »Eheschließung« (Schon dieses Wort!) nicht völlig ausgeschlossen habe. Allerdings habe ich eher damit gerechnet, daß sich Traudels Ehewunsch mit den Jahren verlieren wird. Das Gegenteil ist der Fall. Meine Abwehrstrategie war zunächst, daß ich mich als ungeeigneten Ehekandidaten dargestellt habe. Immer wieder habe ich gesagt, daß es mir rätselhaft ist, warum eine Frau ausgerechnet mit mir verheiratet sein wolle. Ich habe sowohl über meine offene als auch über meine versteckte Schlamperei gesprochen, über meine Scheu vor Verantwortung, über meine katastrophalen Defizite als Handwerker, überhaupt über meine Unlust, mich um Belange der Urlaubsplanung, der gelegentlichen Kellerreinigung, der Fürsorge fürs Auto und so weiter zu kümmern. Traudel antwortet stets, daß ihr meine Mängel seit langem bekannt sind, daß diese aber keine Gründe seien, mit mir nicht verheiratet sein zu wollen. Danach machte ich ein Argument geltend, von dessen Subtilität ich überzeugt war. Ich sagte, daß ich mich von einer Ehe stark eingeschränkt fühlte; nicht faktisch eingeschränkt, sondern nur phantasiert eingeschränkt, aber eine phantasierte Einschränkung sei viel tückischer als eine wirkliche. Dann habe ich darüber geredet, daß der Sicherheitszugewinn, in dem sich verheiratete Frauen wähnen, eine Gespensterei sei, im Grunde ein Wahn. Ja, sagte Traudel daraufhin, die Sicherheit der verheirateten Frau ist ein Wahn, aber nicht wahnhafter als dein Gefühl von der phantasierten Einschränkung.

Daraufhin fiel mir nichts mehr ein.

Sollen wir nicht beide unseren Wahn aufgeben, sagte Traudel, du deinen Wahn von der Einschränkung und ich meinen Wahn von der Sicherheit?

Zerknirscht hielt ich den Mund, jedenfalls eine Weile. Dann fragte ich, was von der Ehe bleibt, wenn beide Partner auf ihre wahnhaften Strategien verzichten.

Traudel schwieg lange. Jetzt, beim Abendbrot, sagt sie: Es gibt auch viele praktische Gründe, warum eine Ehe sinnvoll ist. Als Beispiel nennt sie: Stell dir vor, dir passiert etwas, ein Unfall irgendwo. Sagen wir, du sitzt in einer S-Bahn, die leider entgleist, du wirst schwer verletzt und landest in irgendeinem Provinzkrankenhaus. Ich erfahre davon erst in den Nachrichten, setze mich sofort ins Auto, weil ich nach dir sehen will. Ich finde heraus, in welchem Krankenhaus du bist, ich fahre los, nach zwei Stunden bin ich an Ort und Stelle, aber dann komme ich nicht rein. Der Pförtner fragt: Sind Sie mit dem Verletzten verwandt? Nein, wieso, sage ich. Dann darf ich Sie nicht zu ihm lassen. Nur Ehefrauen, Ehemänner, Kinder und Eltern dürfen zu den Verletzten, sagt der Pförtner. Jetzt steh' ich dumm da. Ich darf nicht zu dir, weil ich nicht mit dir verheiratet bin! Weißt du, daß es derartige Vorschriften gibt?

Nein, sage ich kleinlaut. Natürlich fühle ich mich jetzt (wie soll ich sagen) schachmatt. Gleichzeitig ist mein Widerstand gegen die Ehe noch stärker. Muß man sich verheiraten, weil man nur so die Bürokratie von Krankenhäusern überlisten kann?

Dummerweise macht mir Traudel gerade jetzt einen albernen Vorwurf. Ich soll meine Hose nicht mehr so häßlich über den Stuhl werfen. Könntest du deine Hose nicht einmal ordentlich auf den Balkon hängen, und zwar mindestens eine Nacht lang, damit sie auch mal richtig auslüftet?

Gegen meinen Willen verstumme ich, obwohl ich gleichzeitig froh bin, daß das Ehe-Thema erledigt ist, jedenfalls für den Moment. Es beginnt das, was ich eine innere melancholische Verwilderung nenne. Ich werde selbstmitleidig und jammerig, ich hänge meiner alten Überzeugung nach, daß es für mich besser gewesen wäre, in einer Hundehütte auf den Alpen zu leben, aber nein, du mußtest dich an den Rockzipfel einer hübschen aufstrebenden Frau klammern, jetzt kriegst du die Quittung.

Du mußt dir sowieso mal wieder eine neue Hose kaufen! Und einen neuen Sakko dazu! sagt Traudel. Ich will dich mal wieder in anderen Klamotten sehen!

Ich bin an Kleidung kaum interessiert, sage ich mit bereits schwächer gewordener Stimme.

Auch das weiß ich, sagt Traudel, dämpft ihre Stimme jedoch sofort ab, weil auch sie eine Abendverfinsterung vermeiden will. Noch streiten wir uns zärtlich. Zum Zeichen, daß sie zu einem weiteren Themawechsel bereit ist, lobt sie plötzlich den Käse, den sie heute gekauft hat. Und wiederholt leider die Botschaft des Käsehändlers, die auch ich mir schon oft anhören mußte: Der Ziegenkäse ist achtzehn Monate lang in einer Steinhöhle in den Pyrenäen gereift. Am liebsten würde ich aufbrausen, daß ich von den Sprüchen der Käseindustrie verschont bleiben möchte, aber auch ich will die fragile Stimmung nicht verderben. Ich kann trotzdem nicht verhindern, daß ich jetzt stiller und stiller werde, bis ich vollständig in meinem Innenraum angekommen bin. Dort bedauert mich niemand so kenntnisreich wie ich selbst. Die Leisigkeit, mit der ich neben Traudel sitzen bleibe und gleichzeitig verschwinde, wirkt auch auf mich unangenehm. Ich bin in einer Stimmung, in der ich kaum ertrage, daß es abends immer Abend wird und daß die Dunkelheit draußen auch in unsere Wohnung eindringt. Wie sonderbar es ist, daß Traudel die Verkommenheit meiner Hose bemerkt, nicht aber die Verkommenheit der Rosen, die in einer Vase auf dem Wandbord stehen und schon seit Tagen vor sich hindarben. Die Rosen werden erst fahl, dann papieren, dann faltig, schließlich welk. Traudel hält den Vorgang der Einschrumpfung der Rosen für romantisch und schön. Ich dagegen werde, wenn ich die immer mehr ihre Köpfe senkenden Rosen sehe, an Friedhöfe und Gräber erinnert, und daran will ich in der Wohnung nicht erinnert werden. Aber es ist mir nicht erlaubt, die ausgedienten Rosen wegzuwerfen, das ist allein Traudel vorbehalten. Sie möchte immer noch einen Tag länger und dann noch einen Tag länger die Verwelkung anschauen und dabei kitschige oder poetische Stimmungen durchleben. Erst wenn der Kitsch zu stinken anfängt, ist auch Traudel zum Handeln bereit. Bis dahin werden noch mindestens zwei Tage vergehen.

Das Abendbrot ist beendet, ich trage (auch dies ein Zeichen meiner Kooperationsbereitschaft) die Teller und das Brot und die Gläser in die Küche und spüle das Geschirr von gestern und heute. Traudel geht ins Bad, läßt wie üblich die Tür offen, so daß ich ihr beim Ausziehen zuschauen kann. Das geht auf einen Wunsch von mir zurück, der schon mindestens zehn Jahre alt ist. Sie legt ihren Tagesschmuck in eine Glasschale neben dem Heizkörper. Ihre Kleidung verteilt sie auf drei Haken an der Tür. Nachts drücke ich mir Traudels Rock manchmal gegen das Gesicht, weil ich ihren Körpergeruch einatmen will, was Traudel nicht weiß. Ich bin über das Spülbecken gebeugt und habe eine Idee: So ähnlich, wie Traudel über Tage hin das Verwelken der Rosen beobachtet, so ähnlich werde ich die Verwitterung meiner Hose auf dem Balkon beobachten. Ich werde die Hose auf dem Balkon aufhängen, sie dort aber nicht mehr (oder erst nach langer Zeit) wieder wegnehmen, weil ich von der Wohnung aus beobachten will, wie sich die Hose unter dem Einfluß des Wetters und des Klimas und des Staubs langsam auflöst und sich dann wieder (so stelle ich mir das vor) in einen Teil der Natur zurückentwickelt. Ich werde über diese Vorgänge ein Tagebuch der Verwitterung oder so etwas Ähnliches führen. Das alles sage ich Traudel nicht. Ich rufe nur in das offenstehende Badezimmer hinein: Traudel! Können wir morgen oder übermorgen in die Stadt gehen und eine neue Hose für mich kaufen?

Denn Traudel will gerne dabeisein, wenn ich Kleidung kaufe; sie will verhindern, daß ich zu schnell die Lust dabei verliere und dann Billigzeug kaufe.

Jetzt doch? So plötzlich? fragt sie halblaut.

Ich bin einsichtig geworden, sage ich.

Traudel lacht und glaubt mir nicht.

Das hat doch bestimmt einen Grund, sagt sie.

Den sage ich dir erst später, antworte ich.

Du bist gemein, sagt sie.

Ja, antworte ich, ich bin gemein.

Traudel lacht.

Das soll einer verstehen, spottet sie.

Ich verstehe es auch nicht, sage ich.

In der folgenden Nacht habe ich einen sonderbaren Traum. Ich war ein Straßenbahnführer (das wollte ich als Kind tatsächlich einmal werden). Allerdings war meine Straßenbahn leer. Ich sah Leute an den Haltestellen stehen. Sie warteten, daß die Straßenbahn hielt. Ich hielt jedoch nicht an, ich fuhr an den wartenden Leuten vorbei. Ich erwache, allerdings nur halb. Traudel liegt neben mir und schläft ruhig. Ich will über meinen Traum nachdenken, was mir nicht gelingt, weil ich aus meiner Halbwachheit nicht herauskomme. Außerdem bemerke ich, daß mein Geschlecht halb erigiert ist, wodurch mein Traum in den Hintergrund tritt. Ich fasse mich ein wenig an, so daß die Erektion rasch stärker wird. Ich schiebe mich an Traudels brötchenwarmen Körper heran. Ich bin kraftlos und ein wenig unentschlossen, grabe mit der Hand nach Traudels seitlich abgerutschter Brust, hebe sie nach oben und schiebe mir kindisch die Brustspitze in den Mund. Traudel wird wach, vielleicht war sie es schon zuvor. Ich habe den Eindruck (wir haben nie über diese Details gesprochen), daß Traudel Gefallen an meinem Liebesinfantilismus hat. Wenn wir zusammenstecken und der Samen aus mir herauszuckt, streichelt sie mir den Kopf wie einem Kind, dem man in einer schweren Stunde beistehen muß. Sie hat mir schon öfter gesagt, daß sie nichts dagegen hat, wenn ich sie nachts überfalle. Früher habe ich mir sogar gewünscht, sagte sie...

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