Vorbild, Inspiration oder Abgrenzung?

Die Amerikarezeption in der deutschen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 15. Mai 2020
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  • 456 Seiten
 
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978-3-593-44219-8 (ISBN)
 
Bereits im 19. Jahrhundert pflegten die Frauenbewegungen in Europa und den USA sowohl persönliche als auch institutionalisierte Kontakte und initiierten regelmäßig Kongresse. Magdalena Gehring zeichnet die Entstehung dieser international agierenden Frauenbewegung und die Partizipation deutscher Akteurinnen daran nach. Daneben untersucht sie, welchen programmatischen Einfluss die kontinuierliche Rezeption der US-amerikanischen Frauenbewegung auf die deutsche Frauenbewegung, insbesondere auf den Allgemeinen Deutschen Frauenverein, ausübte. Im Fokus stehen dabei Fragen nach der Funktion, dem Ablauf und der Zielsetzung dieser Rezeptions- und Transferprozesse.
  • Deutsch
  • Frankfurt / New York
  • 7,12 MB
978-3-593-44219-8 (9783593442198)
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Magdalena Gehring, Dr. phil., war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der TU Dresden; seit Mai 2016 arbeitet sie an der Frankfurt School of Finance & Management.
Inhalt Einführung 11 A. Die Internationalisierungsprozesse der deutschen Frauenbewegung 1. Das frühe Interesse deutscher Frauen an Amerika von 1830 bis 1860 49 1.1 Das Land der »Freiheit und Demokratie« - Eine Einführung 49 1.2 Biographische Einblicke und Amerika bei Louise Otto-Peters im Vormärz 54 1.2.1 Beginn der politischen Publizistik 56 1.2.2 Die Etablierung als politische Autorin im Vormärz 58 1.2.3 Lyrische und literarische Arbeiten 62 1.3 »Amerika« in der Frauen=Zeitung 63 1.3.1 Politische Flüchtlinge und Auswanderung 64 1.3.2 Amerikabilder - Leben in Amerika 70 1.3.3 Europäische Künstlerinnen in Amerika 78 1.3.4 Diskussionen um die neue Damenmode von Amelia Bloomer 80 1.3.5 Frauenrecht 82 1.3.6 Frauenbildung und weibliche Erwerbsarbeit 87 1.4 Louise Otto-Peters persönlicher Bezug zu Amerika nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 90 1.5 Fazit 95 2. Erste Aktivitäten der deutschen Frauenbewegung in transnationalen Netzwerken von 1865 bis 1888 97 2.1 Einführung 97 2.2 Jahre des Umbruchs - Besinnung auf alte Kontakte und ein Neubeginn 101 2.2.1 Die Association Internationale des Femmes 107 2.2.2 Pädagoginnen als mobile transnationale Akteurinnen 108 2.3 Der Ausbau des transnationalen Netzwerks und erste Versuche der Internationalisierung ..114 2.3.1 Akteurinnen des transnationalen Austauschs 115 2.3.2 Erste Versuche eines institutionalisierten internationalen Austauschs 119 2.4 Ein internationales Forum für Frauen - Die Gründung des International Council of Women 124 2.5 Fazit 130 3. Die Etablierung auf dem internationalen Parkett von 1893 bis 1904 132 3.1 Einführung 132 3.2 Der erste internationale Auftritt beim International Council of Women in Chicago 1893 134 3.2.1 Die deutsche Delegation in Chicago 139 3.2.2 Auswirkungen der internationalen Öffnung auf die deutsche Frauenbewegung 144 3.2.3 Der Internationale Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin 1896........ 149 3.3 Der International Council of Women in London 1899 152 3.3.1 Die deutsche Delegation in London 154 3.3.2 Die Vorträge der deutschen Frauen 159 3.3.3 Internationalismus vs. Nationalismus 162 3.4 Der International Council of Women in Berlin 1904 167 3.4.1 Internationale Aktivitäten im Vorfeld des International Council of Women 168 3.4.2 Die internationale Frauenwelt in Berlin 170 3.4.3 Höhepunkte des Berliner Kongresses 173 3.4.4 Ein Ausblick 177 3.5 Fazit 179 B. Die Rezeptionsprozesse in der deutschen Frauenbewegung 4. Frauenbildung - Das Recht der Frauen auf Bildung 183 4.1 Einführung 183 4.2 Die Situation der Mädchenbildung in Deutschland und den USA 186 4.2.1 Koedukation - Eine Kontroverse in den Neuen Bahnen 193 4.2.2 Die Vor- und Nachteile der Koedukation 199 4.2.3 Praktizierte Koedukation in Deutschland - Ein Beispiel 201 4.3 Der Kampf um die Zulassung an die Universitäten 203 4.3.1 Frauenuniversitäten oder die Öffnung der bestehenden Universitäten? 205 4.3.2 Die Öffnung der Universitäten über das Medizinstudium 211 4.3.3 Argumentationen für das Frauenstudium 214 4.4 Pionierinnen des Frauenstudiums - Eine hoch mobile Gruppe 220 4.4.1 Die Finanzierung des Frauenstudiums 223 4.4.2 US-amerikanische Studentinnen im Kaiserreich 228 4.4.3 Deutsche Studentinnen in den USA 232 4.5 Fazit 235 5. Frauen und qualifizierte Erwerbsarbeit 238 5.1 Einführung 238 5.2 Forderungen, Problemdiskussionen und Lösungsansätze 241 5.2.1 Die Rezeption wissenschaftlicher und statistischer Werke aus den USA über Frauenerwerbsarbeit 244 5.2.2 Berufsmotivierte Auswanderung von deutschen Frauen 250 5.2.3 US-amerikanische Einflüsse, die Situation von Arbeiterinnen zu verbessern.... 253 5.3 Frauenkarrieren in den USA und ihre Wirkung auf das Kaiserreich 257 5.3.1 Ärztinnen 257 5.3.2 Juristinnen 264 5.4 Professionalisierung weiblicher Erwerbsarbeit 267 5.4.1 Berufsorganisationen von Frauen und Stellenvermittlung 269 5.4.2 Wohnraum für ledige, berufstätige Frauen 273 5.4.3 Schaffung und Legitimation »weiblicher« Berufe 278 5.5 Vereinbarkeit von Beruf und Familie 283 5.5.1 Women and Economics - Ein utopisches Konzept der Vereinbarkeit 285 5.5.2 Wissenschaftliche Konzepte der Vereinbarkeit 289 5.5.3 Die Kindergärten - Mutterschaft als Beruf 291 5.6 Fazit 294 6. Politische Organisation und der Kampf um Frauenrechte 296 6.1 Einführung 296 6.2 Die US-amerikanische Frauenbewegung - Organisation, Geschichte und Probleme 299 6.2.1 Der Blick auf die US-amerikanische Frauenbewegung in den Neuen Bahnen 303 6.2.2 Frauenbewegung und Geschichtsschreibung 308 6.2.3 Porträts von Akteurinnen der US-amerikanischen Frauenbewegung in den Neuen Bahnen ...................................................312 6.3 Die Rezeption der US-amerikanischen Wahlrechtsdebatte in den Neuen Bahnen - Argumente und Positionen 317 6.3.1 Die US-amerikanische Wahlrechtsdebatte in der Konsolidierungsphase des ADF (1865-1869) 319 6.3.2 Die Rezeption der US-amerikanischen Taktiken zur Umsetzung des Frauenwahlrechts in der Reichsgründungszeit (1870-1871) 326 6.3.3 Die Frauenbewegung im Kaiserreich und ihre verschiedenen Positionen zum Frauenwahlrecht (1872-1890) 329 6.3.4 Die Wilhelminische Ära - Ein konservativer Ruck? 336 6.3.5 Der internationale Einfluss auf die deutsche Position zum Frauenwahlrecht 340 6.4 Die zivilrechtliche Stellung der Frau in Deutschland und den USA 347 6.4.1 Die Reformverschläge und Taktiken der deutschen Frauenbewegung 349 6.4.2 Der US-amerikanische Einfluss auf die deutsche Debatte 354 6.5 Fazit 357 Schlussbetrachtung 359 Kurzbiographien 372 Abkürzungsverzeichnis 391 Quellen- und Literaturverzeichnis 392 Danksagung 453
Einführung »Haben andere Nationen in ihren Bestrebungen den Frauen zu einer würdigen Stellung zu verhelfen, größere Erfolge zu verzeichnen, so darf uns das nicht muthlos machen; sondern es soll uns in der freudigen Gewißheit befestigen, daß auch unser Deutsches Vaterland in den vor uns liegenden Jahren zu diesen Errungenschaften gelangen wird.« 1. Problemdarstellung, Perspektiven und Begriffe 1915 kritisierte die US-amerikanische feministische Autorin Katharine Susan Anthony, die seit 1907 am Wellesley College lehrte, die mangelhaften Kenntnisse und falschen Vorstellungen über die deutsche Frauenbewegung in den USA. Auf Basis des Handbuchs der Frauenbewegung von Helene Lange und Gertrud Bäumer sowie anderer aktueller Literatur schrieb sie einen wissenschaftlichen Band über Frauenbewegungen in Europa mit dem Titel Feminism in Germany and Scandinavia. In ihrer Einleitung erklärte sie, warum sie ihre Schrift für notwendig erachtete: »As interpretation, rather than criticism, was my aim, it may sometimes seem as if I have given too much praise to the German and Scandinavian women and their way of doing things. Perhaps so; but they have, for many years, set the bad example of giving us more praise than we deserve.« Liest man im Vergleich den 1904 in den Neuen Bahnen gedruckten Beitrag Frauenfrage aus Meyers Großem Konversationslexikon, wird klar, worauf Katharine Susan Anthony hinaus wollte: »Frauenfrage ist die Frage, wie die Stellung der Frau im Gesellschaftsorganismus zu regeln ist. [...] In manchen Beziehungen anders als in Europa liegen die Verhältnisse in Nordamerika. Hier war die Lage der Frau infolge des Umstandes, daß die weibliche Bevölkerung früher allgemein in der Minderzahl gegenüber der männlichen war und auch heute noch in weiten Gegenden ist, von jeher eine begünstigte. In Verbindung mit den rationalistisch=demokratischen Anschauungen und Lebensformen und im Zusammenhang mit dem allgemein verbreiteten Wohlstande des Landes genießen die ledigen wie die verehelichten Frauen von jeher eine freiere und selbständigere Stellung als bei den Völkern der alten Kultur, sind im weiten Umfang von der Last der niedrigen Tagesarbeit befreit, können aber andererseits leichter selbständig Erwerb in den eigentlichen Berufszweigen finden. Unter der Lehrerschaft bilden die Frauen mit mehr als zwei Dritteln die Mehrheit. Auch zu anderen öffentlichen Ämtern sind sie berechtigt, besonders an der Schulverwaltung sind sie hervorragend beteiligt. Infolge der Gleichberechtigung, der sich die Frauen im Erwerbsleben erfreuen, ist die vorhandene Bewegung fast ausschließlich auf die Gewinnung politischer Rechte gerichtet.« Um 1900 wurde die Frauenfrage im Kaiserreich als die Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft verstanden, die sowohl ihren Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit als auch ihre politische Partizipation und zivilrechtliche Stellung umfasste. Aus dem Lexikonartikel geht hervor, dass dabei die US-Amerikanerinnen aus deutscher Perspektive als privilegiert wahrgenommen wurden. Begründet wurde diese privilegierte Stellung mit dem respektvolleren Umgang gegenüber Frauen sowie den Frauen gewährten Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten in den USA. Durch diese Vor-aussetzungen konnte sich die Frauenbewegung in den USA, so die Ansicht der deutschen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, völlig auf die Erlangung der politischen Rechte der Frauen konzentrieren. Der Beitrag verweist nicht nur auf Unterschiede in der rechtlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Stellung der Frau in den USA und im Kaiserreich, sondern auch auf das große Interesse an der US-amerikanischen Frauenbewegung in der deutschen Gesellschaft und der Frauenbewegung. Die vorliegende Untersuchung setzt sich mit der gezielten und kritischen Rezeption der US-amerikanischen Frauenbewegung in der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung am Beispiel des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (im Weiteren ADF) auseinander. Der ADF bietet sich aus mehreren Gründen als Untersuchungsgegenstand an. Zum einen begann mit der Gründung des ADF im Oktober 1865 die organisierte bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland und er blieb über Jahrzehnte einer ihrer wichtigsten Vertreter. Zum anderen liegt mit dem Vereinsorgan Neue Bahnen, das über mehrere Jahrzehnte die zentrale Kommunikations- und Informationsplattform der organisierten bürgerlichen deutschen Frauenbewegung bildete, eine lohnende und umfangreiche Quelle vor. Die Neuen Bahnen geben Aufschluss über die Denkweisen, Interessenschwerpunkte sowie die Arbeit und Methoden des Vereins und der bürgerlichen Frauenbewegung. Der ADF ist zudem stark mit der Person Louise Otto-Peters verbunden, die von Ute Gerhard als »die Mutter der deutschen Frauenbewegung« bezeichnet wurde und die seit dem Vormärz für die Rechte der Frauen eintrat. Zwischen 1849 und 1853 gab Louise Otto-Peters die Frauen=Zeitung heraus, in der sich bereits Verweise auf die US-amerikanische Frauenbewegung und US-amerikanische Entwicklungen in der Frauenfrage finden. Seit Ende der 1840er Jahre fand eine bewusste Rezeption der US-amerikanischen Verhältnisse statt, die ab Mitte der 1860er Jahre in den Neuen Bahnen fortgeführt und im Laufe der Zeit durch direkte Kommunikationsprozesse und Kontakte zwischen den Frauen intensiviert wurde. Damit lässt sich eine Kontinuitätslinie der Amerikarezeption, mit einem besonderen Schwerpunkt in der Frauenfrage, in der deutschen Frauenbewegung ausmachen. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Fragen nach der Funktion, dem programmatischen Einfluss und dem Ablauf dieser kontinuierlichen Rezeption sowie deren Bedeutung für die Partizipation deutscher Frauen in der internationalen Frauenbewegung. Wieso interessierten sich die deutschen Frauen für die Entwicklungen in der US-amerikanischen Frauenbewegung und berichteten über mehrere Jahrzehnte hinweg über die US-Amerikanerinnen? Woher bezogen die deutschen Frauen die Berichte aus und über die USA? Welche Akteurinnen waren an diesen Rezeptionsprozessen beteiligt? Verfolgte die Redaktion mit diesen Mitteilungen klare Ziele? Wie beeinflusste die Rezeption die Teilhabe deutscher Frauen an der internationalen Frauenbewegung? Für die Wahl der Untersuchungsländer Deutschland und USA sprechen mehrere Gründe: Erstens fanden viele demokratisch gesinnte Vor-denker und Vordenkerinnen nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 im vermeintlich freien und demokratischen »Amerika« eine neue Heimat, auch hinsichtlich ihres politischen Engagements. Durch diese Migration entstanden persönliche Beziehungen und Kommunikationswege zwischen den beiden Ländern. Zweitens lässt sich eine Kontinuitätslinie der Rezeption der US-amerikanischen Verhältnisse in der Frauenfrage, die 1849 in Louise Otto-Peters' Frauen=Zeitung begann und von der organisierten Frauenbewegung ab 1866 weitergeführt wurde, erkennen. Drittens gelang es 1888 Vertreterinnen der US-amerikanischen Frauenbewegung mit der Gründung des International Council of Women (im Weiteren ICW) die Frauenbewegung international zu institutionalisieren und sich dem damals beginnenden, übergreifenden Prozess der Internationalisierung sozialer Bewegungen anzuschließen. Dies leitet zum zweiten Untersuchungsschwer-punkt der Arbeit über, der Partizipation deutscher Akteurinnen in frühen transnationalen Netzwerken und im beginnenden Internationalisierungs-prozess der Frauenbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Arbeit konzentriert sich auf die weiße bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland und den USA. Bürgerliche Frauen waren in beiden Gesellschaften die ersten, die aufgrund ihres familiären, ökonomischen und politischen Hintergrunds begannen, sich ihrer mehrfachen Unterdrückung bewusst zu werden und daraufhin Forderungen nach politischen und zivilen Rechten, Zugang zu höherer Bildung und den Anspruch auf ökonomische Unabhängigkeit formulierten. Diese Frauen entstammten ähnlichen sozialen und religiösen Milieus, teilten ähnliche gesellschaftliche Erfahrungen und sahen sich klar formulierten gesellschaftlichen Erwartungen gegen-über, denen sie nicht länger entsprechen wollten. Diese Konstellation ermöglichte es den deutschen Frauen, ihre Situation mit der der US-Amerikanerinnen zu vergleichen, ihre Methoden und Forderungen zu rezipieren, kritisch zu bewerten und diese gegebenenfalls zu adaptieren. Die Heterogenität der USA mit ihren verschiedenen ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen sowie die unterschiedlichen sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen den Nord- und Südstaaten der USA und dem zum Teil noch unerschlossenen Westen fand in den Neuen Bahnen nur bedingt Beachtung. Als »Amerikanerin« erschien die weiße, gebildete Frau der Ostküste oder der industrialisierten Zentren des Mittleren Westens. Dies war ein sehr verkürztes Bild der tatsächlichen weiblichen Bevölkerung des Landes. Welchen Stellenwert die nicht weißen Bevölkerungsgruppen in den deutschen Beschreibungen einnahmen, wird an der Klassifizierung der Native Americans sowie der Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner als »wilde Indianer« und »halbzivilisierte Neger« deutlich, die oft als hilfsbedürftige Gruppen dargestellt wurden, denen die weiße, sozial engagierte und gebildete Frau Hilfe zukommen ließ. Verweise und Beziehungen zur afroamerikanischen, sozialdemokratischen oder radikalen Frauenbewegungen ergeben sich im Zusammenhang der Untersuchung immer wieder, stehen jedoch nicht im Mittelpunkt. Hier wird deutlich, dass sich unter dem Begriff Frauenbewegung unterschiedliche Gruppen und Initiativen mit unterschiedlichen Zielen und Strategien versammeln, die aufgrund politischer, sozialer und ethnischer Unterschiede entstehen. Dadurch kann nicht von einer homogenen Bewegung gesprochen werden. In der Arbeit wird auch vor der Gründung des Kaiserreichs 1871 von Deutschland bzw. deutsch gesprochen, obwohl es noch keinen deutschen Nationalstaat gab. Das hat zum einen praktische Gründe, zum anderen formulierte Louise Otto-Peters schon 1865 den Grundsatz: »Das ganze Deutschland soll es sein!« Mit dem ADF wollte sie ein national agierendes Forum für alle deutschen Frauen schaffen. Hier wird die Aussage von Sylvia Paletschek und Bianka Pietrow-Ennker unterstützt, die auf den Zusammenhang zwischen Frauenbewegungen und Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert verwiesen. Der Terminus »Amerika« wird synonym mit dem der USA verwendet und bezieht sich damit auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Praxis findet sich schon in den Quellen, die oft nur von »Amerika« sprechen, wenn von den USA die Rede ist. Der Unterschied zwischen transnational und international muss an dieser Stelle ebenfalls erläutert werden. In der Forschung finden sich verschiedene Definitionen und Erklärungsmodelle bis hin zur älteren synonymen Verwendung. Leila J. Rupp etablierte als eine der Ersten den Be-griff der transnationalen Geschichte in Bezug auf die internationale Frauenbewegung. Die vorliegende Arbeit übernimmt die Definition von Susan Zimmermann, die transnational als globale Interaktion zwischen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften begreift. Im Gegensatz dazu steht international als institutionalisierte und formalisierte Dimension von Austausch und Beziehungen, zum Beispiel innerhalb internationaler Organisationen. Dies führt zu folgender Verwendung der beiden Begriffe in der Arbeit: Beziehungen und Austauschprozesse einzelner Akteurinnen oder nationaler Frauenbewegungen vor der Gründung einer organisierten internationalen Frauenbewegung werden als transnational verstanden, da sie nicht institutionalisiert stattfanden. Mit der Institutionalisierung der Frauenbewegung auf internationaler Ebene wird von einer internationalen Frauenbewegung gesprochen, die sich im ICW organisierte. 2. Forschungsstand und Forschungsfragen Mit der Etablierung der Frauengeschichte im Zuge der zweiten Welle der Frauenbewegung und der sich daraus entwickelten Geschlechtergeschichte ab den 1980er und 1990er Jahren mit ihren neuen Fragestellungen und Methoden ist die Forschung zur Frauenbewegung in Deutschland breit aufgestellt. Sie umfasst Überblicksdarstellungen , Lokalstudien , Unter-suchungen zur Vielfalt der deutschen Vereinslandschaft sowie biographische Arbeiten zu Akteurinnen. Daneben arbeitete die Forschung die unterschiedlichen Arbeitsgebiete der Frauenbewegung auf. Zu diesen zählten die Verbesserung der Mädchenbildung und die Öffnung der deutschen Universitäten für Frauen , die Möglichkeit weiblicher qualifizierter Erwerbsarbeit , die Auseinandersetzung mit der sogenannten Sittlichkeitsfrage sowie politische Partizipationsmöglichkeiten und rechtliche Gleichberechtigung. Dass die Frauenbewegung mittlerweile ein fester Bestand-teil der Geschichte des Deutschen Kaiserreichs ist, belegen die Bezüge zur Frauenbewegung in vielen Werken über das Kaiserreich. Die transnationalen und internationalen Verbindungen der deutschen Frauenbewegung finden dagegen noch nicht die ihr zustehende Aufmerksamkeit, vor allem für die Zeit vor der Etablierung internationaler Organisationen. An diesem Punkt setzt die Arbeit an und fragt nach den transnationalen Beziehungen vor dem Entstehen einer international agierenden Frauenbewegung. Daneben gilt es mit der Untersuchung der Rezeptionsgeschichte der US-amerikanischen Frauenbewegung in der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung ein Forschungsdesiderat zu schließen. Weiterführende Fragen beschäftigen sich mit der Rolle der Rezeption und den gepflegten transnationalen Verbindungen im Zusammenhang mit der Partizipation deutscher Akteurinnen in der etablierten internationalen Frauenbewegung. Die Arbeit findet in der Forschung mehrere Anknüpfungspunkte, die im Folgenden vorgestellt werden sollen. Die erste deutsche Arbeit, die sich mit den internationalen Beziehungen der deutschen Frauenbewegung auseinandersetzte, wurde 1955 von Irmgard Remme als Dissertation eingereicht. Darin liefert sie einen interessanten Überblick der deutschen Aktivitäten in der organisierten internationalen Frauenbewegung zwischen 1888 und 1933. Da sich die Studie nur auf Selbstaussagen der Zeitgenossinnen stützt, weist die Arbeit einige kritikwürdige Stellen auf. Die Autorin vertrat zum Beispiel die Ansicht, dass die deutsche Frauenbewegung 1888 »zum ersten Mal internationale Beziehungen aufnahm« . Dass diese Aussage differenziert betrachtet werden muss, zeigt eine weitere Pionierstudie aus dem Jahr 1971 von Barbara Schnetzler. Mit einer anderen Perspektive und einem früheren Zeitrahmen, von 1836 bis 1869, streift die Autorin den deutsch-amerikanischen Kontext nur auf wenigen Seiten und legt ein größeres Gewicht auf die Kontakte zwischen den USA, Großbritannien und Frankreich. Im Gegensatz zu Irmgard Remme verweist sie jedoch explizit auf frühe Kontakte zwischen der US-amerikanischen und der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, die bereits am Ende der 1860er Jahre bestanden, ohne auf diese Entwicklungen weiter einzugehen. An diesem Punkt wird die vorliegende Untersuchung anknüpfen und die frühen transnationalen Kontakte des ADF analysieren. Nach diesen beiden Pionierstudien wurde das Thema erst wieder in den 1990er Jahren von Ute Gerhard aufgegriffen, die in den feministischen Studien nach den internationalen Beziehungen der deutschen Frauenbewegung fragte und vorhandene Erkenntnisse aufzeigte. Sie verwies darauf, dass sich die Forschung aus Gründen der schlechten Quellenlage und den politischen Gegebenheiten der Nachkriegszeit nicht weiter mit diesem spannenden Thema beschäftigt habe.

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