Schwierige Frauen

Stories
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2021
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-23737-0 (ISBN)
 
Diese Frauen kämpfen, diese Frauen geben nicht auf. Diese Frauen sind unsere Gegenwart: arm, reich, schwarz, weiß, sie sind Ehefrauen, Mütter, Wissenschaftlerinnen, Nachbarinnen, Verbrecherinnen, Liebende, Mächtige, von Gewalt Heimgesuchte. Das Schwesternpaar, das seit ihrer gemeinsamen Entführung als Kinder unzertrennlich ist. Die Frau, die mit einem Zwilling verheiratet ist, der manchmal von dessen Bruder ersetzt wird. Die Stripperin, die aufs College geht, und die schwarze Ingenieurin, die ihre Vergangenheit nicht vergessen kann: Sie alle sind gleichzeitig zu viel und zu wenig. Wir sind wie sie und geben nicht auf.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 1,26 MB
978-3-641-23737-0 (9783641237370)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Roxane Gay, geboren 1974, ist Autorin, Professorin für Literatur und eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen und literarischen Stimmen ihrer Zeit. Sie schreibt u.a. für die New York Times und den Guardian, sie ist Mitautorin des Marvel-Comics »World of Wakanda«, Vorlage für den hochgelobten Actionfilm »Black Panther« (2018), dem dritterfolgreichsten Film aller Zeiten in den USA. Roxane Gay ist Gewinnerin des PEN Center USA Freedom to Write Award. Sie lebt in Indiana und Los Angeles.

Ich werde dir folgen


Meine Schwester hatte beschlossen, dass wir ihren Noch-Ehemann in Reno besuchen mussten. Als sie mir das mitteilte, bekam ich schlechte Laune. Ich sagte: »Was hat das mit mir zu tun?«

Carolina hatte mit neunzehn geheiratet. Darryl, ihr Mann, war ein Jahrzehnt älter, hatte aber prächtiges Haar, und sie fand, das bedeute irgendwas. Das erste Jahr lebten sie bei uns. Meine Mom nannte es Fuß fassen, aber die meiste Zeit verbrachten sie im Bett, weshalb ich dachte, Fuß fassen sei ein anderes Wort für Sex. Als sie schließlich auszogen, wohnten Carolina und Darryl in einem heruntergekommenen Apartment mit erbsengrünen Tapeten und einem Balkon, dessen Geländer so wackelig war wie ein fauler Zahn. Ich besuchte sie oft nach meinem Unterricht am örtlichen College. Carolina war meistens noch nicht von ihrem Aushilfsjob zurück, also wartete ich auf sie und sah fern und trank warmes Bier, während Darryl, der offenbar Schwierigkeiten hatte, Arbeit zu finden, mich anglotzte und mir sagte, was für ein hübsches Mädchen ich sei. Als ich meiner Schwester davon erzählte, lachte sie und schüttelte den Kopf. Sie sagte: »Es gibt nicht viel, wozu Männer gut sind, aber er wird dich nicht anrühren, das verspreche ich dir.« Sie behielt recht.

Darryl beschloss, nach Nevada zu ziehen, bessere Aussichten, behauptete er, und sagte zu Carolina, sie als seine Frau müsse mit ihm gehen. Als Mann meiner Schwester hatte er es nicht nötig zu arbeiten, aber das hinderte ihn nicht daran, altmodische Ansichten über die komischsten Dinge zu haben. Carolina mag es nicht, wenn man ihr sagt, was sie zu tun hat, und sie wollte mich nicht alleinlassen. Ich wollte nicht nach Nevada, also blieb sie hier, und die beiden blieben verheiratet, lebten aber völlig getrennt.

Ich schlief, und der Arm meines Freundes Spencer lag schwer und warm auf meiner Brust, als Carolina klopfte. Meine Beziehung zu Spencer ließ aus vielerlei Gründen sehr viel zu wünschen übrig, nicht zuletzt deshalb, weil er sich nur in Filmzitaten unterhielt, aus Überzeugung, das mache ihn als Cineasten glaubwürdiger. Er rüttelte mich, aber ich stöhnte nur und drehte mich weg. Als wir nicht reagierten, schloss Carolina die Tür auf, platzte in unser Schlafzimmer und kroch zu mir unter die Decke. Ihre Haut war feucht und eigenartig kühl, als hätte sie im Winter gejoggt. Sie roch nach Haarspray und Parfüm.

Carolina gab mir einen Kuss in den Nacken. »Wir müssen los, Savvie«, flüsterte sie.

»Ich will aber nicht.«

Spencer legte sich ein Kissen aufs Gesicht und murmelte unverständliches Zeug.

»Zwing mich nicht, alleine wegzugehen«, sagte Carolina mit brüchiger Stimme. »Zwing mich nicht, hierzubleiben, nicht noch mal.«

Eine Stunde später fuhren wir auf der Autobahn Richtung Osten. Ich machte mich klein und quetschte mich an die Tür, die Wange gegen die Scheibe gepresst. Als wir die kalifornische Grenze überquerten, setzte ich mich auf und sagte: »Ich hasse dich wirklich«, doch den Arm meiner Schwester ließ ich nicht los.

* * *

Das Blue Desert Inn sah verwaist aus, heruntergekommen. Schimmelmuster überzogen die Gipswände in Dunkelgrün und Schwarz. Das Neonschild ZI MER F EI gab knackende Geräusche von sich, während es sich abrackerte, weiterhin zu leuchten. Nur ein paar Autos standen auf dem Parkplatz.

»Ich habe immer erwartet, dass dein Mann an einem Ort genau wie diesem enden würde«, sagte ich, als wir auf den Parkplatz einbogen. »Wenn du hier mit ihm schläfst, werde ich maßlos enttäuscht sein.«

Darryl öffnete die Tür in weiten Boxershorts und einem T-Shirt unserer Highschool. Die Haare fielen ihm in die Augen und seine Lippen waren aufgerissen.

Er kratzte sich am Kinn. »Ich habe immer gewusst, dass du zu mir zurückkommst.«

Carolina strich mit ihrem Daumen über seine Stoppeln. »Sei brav.«

Sie drängte sich an ihm vorbei, und ich folgte ihr, aber langsam. Sein Zimmer war klein, aber sauberer, als ich erwartet hatte. Das riesengroße Bett in der Mitte hing durch. Neben dem Bett befanden sich ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Dem Bett gegenüber war eine Eichenkommode, auf der lauter benutzte Styroporkaffeebecher standen, einer davon mit Lippenstiftfleck.

Ich deutete auf den großen Röhrenfernseher. »Ich wusste gar nicht, dass die noch hergestellt werden.«

Darryl zog die Oberlippe hoch. Mit einem Kopfnicken zeigte er auf die Tür, die zum angrenzenden Raum führte. »Du solltest mal rausfinden, ob das Zimmer nebenan frei ist.« Er klopfte auf das Bett und warf sich auf die Matratze, die leise unter ihm ächzte. »Ich und deine Schwester haben zu tun.«

Am Empfang lehnte ein älterer Mann mit dickem Bauch und einem vollen roten Haarschopf am Tresen, klopfte auf einen Plan des Hotels und erklärte die Vorzüge jedes freien Zimmers. Ich zeigte auf das Zimmer neben Darryls.

»Was ist mit dem?«

Der Mann kratzte sich am Bauch und ließ dann seine Fingerknöchel knacken. »Das da ist ein sehr schönes Zimmer. Durch die Badezimmerdecke tropft es etwas, aber wenn Sie unter der Dusche stehen, werden Sie ja sowieso nass.«

Ich schluckte. »Ich nehm's.«

Er musterte mich von oben bis unten. »Brauchen Sie zwei Schlüssel, oder brauchen Sie Gesellschaft?«

Ich schob drei Zwanziger über den Tresen. »Weder noch.«

»Wie Sie meinen«, sagte er. »Wie Sie meinen.«

Die feuchtkalte Luft in meinem Zimmer war zum Schneiden. Das Bett hing auf vertraute Weise durch, als wäre derselbe Mensch von Zimmer zu Zimmer gegangen, um überall sein gewichtiges Andenken zu hinterlassen. Nach einer sorgfältigen Besichtigung drückte ich mein Ohr an die Tür, die mich von Darryls Zimmer trennte. Carolina und ihr Mann blieben überraschend still. Ich schloss die Augen. Mein Atem verlangsamte sich. Ich weiß nicht, wie lang ich dort stand, aber dann schreckte mich ein lautes Klopfen auf.

»Ich weiß, dass du lauschst, Savvie.«

Ich riss die Tür auf und starrte meine Schwester, die mit in die Hüften gestemmten Händen auf der Schwelle stand, wütend an. Darryl lag auf dem Bett, immer noch angezogen, die Fußgelenke überkreuzt. Er nickte und grinste breit.

»Siehst gut aus, Schwesterchen.«

Bevor ich irgendetwas erwidern konnte, hielt mir Carolina den Mund zu. »Darryl lädt uns zum Essen ein, sogar in ein Kasino.«

Ich begutachtete mein Outfit - verwaschene Jeans mit einem ausgefransten Loch, wo einmal das linke Knie gewesen war, und ein weißes ärmelloses Shirt. »Ich zieh mich nicht um.«

Das Paradise Deluxe war in jeder Beziehung laut - die Teppiche boten eine unselige Explosion von Rot und Orange und Grün und Purpur, und aus den Deckenlautsprechern drang ohrenbetäubender Classic Rock. Überall standen grell blinkende Spielautomaten, von denen jeder einzelne eine Folge schriller Geräusche von sich gab, die keiner erkennbaren Melodie ähnelten, und an den meisten Automaten standen Betrunkene, die unter Schreien und Kreischen immer wieder den SPIN-REEL-Knopf drückten. Als wir das Kasino im Gänsemarsch durchquerten - Darryl, Carolina, ich -, grüßte Darryl alle paar Schritte jemanden mit einem Kopfnicken, als gehöre ihm der Laden. Das Restaurant war dunkel und leer. Unser Kellner, ein baumlanger, magerer Junge mit fettigem Haar, das ihm ins Gesicht fiel, reichte uns die in schmutziges Plastik eingeschweißten Speisekarten und ignorierte uns die nächsten zwanzig Minuten.

Darryl lehnte sich zurück, streckte die Arme aus und legte einen fest um Carolinas Schultern. »Wir sind im Schlaraffenland«, sagte er. »Hier gibt's das beste Steak von ganz Reno - das Fleisch ist so zart und saftig, dass das Messer wie durch Butter gleitet.«

Ich tat, als würde ich die Karte und ihr Angebot an billigem Fleisch und frittiertem Essen studieren.

Darryl stieß mich unter dem Tisch mit dem Fuß an.

Ich legte die Karte weg. »Muss das sein?«

Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Die Bande ist wieder vereint. Das muss gefeiert werden.«

Während wir warteten, rieb Carolina selbstvergessen ihre Hand an Darryls Oberschenkel. Er zog seltsame Grimassen und fing an zu rauchen. Die Asche seiner Zigarette klopfte er auf dem Tisch ab.

»Ich glaub nicht, dass das erlaubt ist«, sagte ich.

Darryl zuckte die Achseln. »Ich habe hier was zu melden. Da wird niemand was sagen.«

Ich starrte auf den kleinen Aschehaufen, den er produziert hatte. »Wir essen an diesem Tisch.«

Eine perfekt geformte Rauchwolke kam aus seinem Mund.

Carolina berührte mich leicht am Ellbogen und sah zu ihm hinüber. »Lass sie in Ruhe«, sagte sie.

Darryl und meine Schwester heirateten beim Friedensrichter. Ich stand neben ihr, in meinem besten Kleid - gelb, ärmellos, Empiretaille - und pinkfarbenen Converse High Tops. Sein Bruder Dennis war sein Trauzeuge. Dennis machte sich nicht einmal die Mühe, eine richtige Hose anzuziehen, und stand in Khakishorts neben dem Brautpaar. Während der Friedensrichter seinen Sermon über Lieben und Gehorchen herunterleierte, starrte ich Dennis' blasse Knie an und wie deutlich sie hervortraten. Unsere Eltern und Geschwister standen fein säuberlich aufgereiht neben Darryls Mutter, die geräuschvoll Kaugummi kaute. Sie braucht immer eine Zigarette im Mund. Nach zehn Minuten ohne tut ihr alles richtig weh.

Nachdem sie ihr Gelöbnis abgelegt hatten, betraten wir die belebte Vorhalle, in der die Leute vor dem Gericht für Verkehrsstrafsachen warteten,...

»Für Ambivalenzen gibt es nicht viel Raum, entweder schwarz oder weiß, heiß oder kalt. Manches wirkt stereotyp, anderes unheimlich echt. "Wenn man es lang genug erträgt kann man sich an fast alles gewöhnen", schreibt Gay. Davon erzählen ihre Geschichten im Kern. Mal auf faszinierend grelle Weise, mal märchenhaft allegorisch, mal plump. Immer aber: hart und wahr.«
 
»Grandiose Storys.«
 
»Jedoch ist genau diese knallharte und ungeschönte Direktheit, die den guten Geschichten eine brutal schöne Virtuosität verleiht. Gay findet erstaunliche Sprachbilder für Einsamkeit und Schmerz.«
 
»Packend und kämpferisch.«

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