Auf fremdem Land

Roman
 
 
Luchterhand Literaturverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. September 2013
  • |
  • 544 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11216-5 (ISBN)
 
Ist das denn zu viel verlangt? Etaniel Asis will doch nur einen Ort, wo er in Ruhe Kirschtomaten für seine Frau ziehen und eine Ziege halten kann. Doch kaum hat er seinen Wohnwagen neben einem kleinen freien Feld mitten im Westjordanland aufgestellt, kommen andere Siedler aus seinem Dorf dazu, es entstehen ein Kindergarten und eine Synagoge, und aus Amerika fließen Spendengelder - obwohl das alles nicht genehmigt ist .

Irgendwo hinter Jerusalem, am Fuße eines Hügels, halb im Naturschutzgebiet, teils auf dem Grund des benachbarten arabischen Dorfes, teils in der militärischen Sicherheitszone, nahe der offiziellen Ansiedlung Ma'aleh Chermesch wächst eine kleine Ansammlung von Wohnwägen zu einer illegalen Siedlung heran. Der Gründer Etaniel Asis, der nur Rukola und Tomaten für den Lieblingssalat seiner Frau anbauen und eine Ziege für die Kinder halten wollte, findet so großen Gefallen an dem urwüchsigen Stück Land, dass er seinen Brotberuf als Buchhalter aufgibt. Eine Straße wird gebaut, ein Generator wird gestellt, ein Wasserturm errichtet. Als die Behörden von der Siedlung erfahren, stellt sich heraus, dass keine Genehmigung für das Abstellen der Wohnwagen vorliegt, aber auch keine, sie zu entfernen . Ständig ist Ma'aleh Chermesch 3 seitdem von Räumung bedroht, und doch überdauert die Siedlung Jahr um Jahr, zieht Familien wie Singles an, Bauern und Lehrer, einen palästinensischen Hund sowie zwei Brüder, die aus Amerika zurückgekehrt sind und sich als alte Landpioniere verstehen, weil beide im Kibbuz großgeworden sind. Als ein amerikanischer Journalist über die Siedlung berichtet, kommt es zu einer internationalen Krise, der Verteidigungsminister Israels muss sich den USA gegenüber rechtfertigen - und was machen bitte die Japaner im palästinensischen Nachbardorf? Der erfolgreiche israelische Schriftsteller Assaf Gavron erzählt in seinem neuen Roman von der absurden Realität des Lebens in den besetzten Gebieten im Westjordanland und wie es dazu kommen konnte, und er erzählt davon mit einer satirischen Schärfe und einer leidenschaftlichen Ernsthaftigkeit, die ihresgleichen suchen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Luchterhand
  • 1,28 MB
978-3-641-11216-5 (9783641112165)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Am Anfang waren die Felder. In jenen Tagen lebte Otniel Asis in Ma'aleh Chermesch, hielt sich zu seinem Vergnügen eine Ziege und baute Rucola und Cherrytomaten im Garten seines Hauses an. Die Ziege war für die Kinder bestimmt, der Rucola und die Cherrytomaten für den Salat seiner Frau Rachel. Und Otniel sah, dass es gut war. Er verabscheute seine Arbeit als Buchhalter und suchte sich ein kleines Stück Land auf dem Gelände der Siedlung, um dort seinen Anpflanzungen nachzugehen. Das Feld jedoch grenzte an Weingärten, aus deren Trauben der Winzer nicht nur Wein für seine Boutique erzeugte und das Restaurant Goldapfel in Tel Aviv und andere Edelrestaurants belieferte, angeblich exportierte er auch ins Dordognetal und sogar bis nach Paris. Der Winzer machte ein scheeles Gesicht und behauptete, er habe vom Gemeinderat die Zusage erhalten, zusätzliche Weinstöcke auf der Feldparzelle, die Otniel gefunden hatte, zu pflanzen, denn die Erde dort, zusammen mit dem kalten Winter und den milden Sommernächten ein einzigartiges terroir, verleihe den Reben eine außergewöhnliche Qualität und dem Wein Körper und ein nussiges Aroma.

Otniel wich dem Winzer und begab sich auf Streifzüge in der Umgebung, denn er hegte eine innige Liebe zu dem Land, er liebte es, der Einsamkeit zu frönen, er liebte es, zu beten und zu wandern. Da er seine Arbeit aufgegeben hatte, ließ er sich den Bart und das Haar wachsen und trug nur noch blaue Landarbeiterkleidung. Er wanderte durch Wadis und Schluchten, auf benachbarte Hügelkuppen und gelangte auf einer der Anhöhen irgendwann zu einem großzügigen, ebenen Areal, das weder allzu felsig noch mit den Olivenbäumen des Nachbardorfes Charmisch besetzt war, und da sagte er sich: Hier will ich meine Felder anlegen.

Er führte Versuche durch: Gurken und Tomaten, Petersilie und Koriander, Zucchini und Auberginen, Radieschen und sogar grünen Salat. Doch die Pflanzen ließen die Köpfe hängen in der Sonne des Sommers, erstarrten gefroren in der Kälte des Winters oder fielen Mäusen und Eidechsen zum Opfer, bis sich Otniel auf Spargel im Freiland und Pilze im Gewächshaus verlegte und, natürlich, auch den Rucola und die Cherrytomaten anbaute, die seine Frau Rachel und Gittit und Debora, seine Töchter, wie Knabberzeug verzehrten.

Er ersuchte den Gemeinderat um die Erlaubnis, an diesem Ort landwirtschaftlichen Anbau zu betreiben und einen Container - Büro und Lager - aufzustellen. Und da die Militärverwaltung eine Genehmigung auf politischer Ebene verlangte, ausgenommen es handele sich um einen mandatarischen Plan, sprach Otniel Asis: »Mandatarisch, aber sicher, was immer ihr sagt, Juden.« Und erhielt die Genehmigungen ohne das Wissen der politischen Ebene.

Er übersiedelte die Ziege, nahm eine kleine Anleihe auf, um fünf weitere zu erstehen, und begann, ihre gute Milch zu melken und sie in kleinen Krügen nach Hause zu tragen, führte mit Rachels Hilfe allerlei Versuche durch, von Buttermilch bis Käselaibchen. Es blähten sich Otniels Nüstern, und er sagte sich: Eines Tages werde ich hier eine kleine, fortschrittliche Molkerei errichten, und ich werde hier auch Weinstöcke pflanzen und eine bessere Winzerei auf die Beine stellen als mein ehemaliger Nachbar, auf dass er sehe, was das ist, er und seine Dordogne!

Die Siedlungssektion der zionistischen Organisation bewilligte einen Generator mit 20 Kilowatt, und danach bat Otniel, eine Hütte für einen Wächter aufstellen zu dürfen, da die Ismaeliten aus dem Dorf Charmisch die Früchte seines Feldes stahlen. Einige Male hielt Otniel mit seiner Pistole, Typ Desert Eagle VII, selbst Wache, doch die meiste Zeit stand die Hütte verwaist, da die Ernte nur das eine Mal gestohlen wurde, woraufhin er mit einigen Siedlergefährten in das Dorf hineingefahren war, ein bisschen randaliert und in die Luft geschossen und jeden gewarnt hatte, der es noch einmal wagen würde.

Einer dieser Siedler war Uzi Schimoni, ein massiger Jude mit großem Bart, ein getreulich Erez-Israel verbundener Mann, der viele Jahre zuvor mit Otniel in einer Jerusalemer Jeschiva für junge Männer neben dem Rabbinatszentrum studiert hatte, bevor Otniel von der üblichen Bahn abwich und zum Militär ging, zu einer Kommandoeinheit der kämpfenden Truppe. Schimoni redete auf Otniel ein, schlug ihm vor, eine Ansiedlung an dem Ort zu errichten. Dagegen verwahrte sich Otniel, da ihm nur erlaubt worden war, landwirtschaftlichen Anbau zu betreiben und eine Wächterhütte aufzustellen.

Worauf Schimoni zu ihm sagte: »Sorg dich nicht darum«, und Otniel sagte: »Woher wirst du das Geld für Häuser, Baugeräte und Beförderung beschaffen?«, und Schimoni darauf sagte: »Ich habe eine Spende von einem guten Juden aufgetan, der in Miami sitzt.«

Zu ebenjener Zeit plante Otniel, ein festes Haus in Ma'aleh Chermesch zu erbauen, doch er verfing sich in einem wild wuchernden argumentatorischen Dickicht mit dem Bauingenieur des Gemeinderats, einem zanksüchtigen Nachbarn und einem korrupten Immobilienanwalt. Schließlich und endlich sagte er zu seiner Frau Rachel: »Zum Teufel mit allen.« Er war der zermürbenden Bürokratie und der schläfrig bequemen Bürgerlichkeit Ma'aleh Chermeschs überdrüssig und auch des täglichen Marsches zu seinem Stück Land, zwei Kilometer hin und zwei zurück. Er liebte den Hügel, die Winde und die urtümliche Landschaft, und er sehnte sich nach der Pionieratmosphäre seiner Jugendtage: die Ausfälle nach Hebron und Kirjat Arba, der Abstieg nach Jamit vor der dramatischen Evakuierung, die Schabbats in Siedlungen, die unter dem arabischen Terror während der ersten Intifada litten, die stürmischen Demonstrationen gegen Oslo, bei denen sie mit Prügeln von der Sondereinheit bedacht wurden und mit Wasserwerfern von der Polizei. So nahm er Uzi Schimonis Vorschlag an, und dieser beschaffte von irgendwoher zwei 22-Quadratmeter-Wohnwagen. Otniel baute einen Wohnwagen mit Hilfe eines geübten Schweißers mit dem Büro- und Lagercontainer und der Wächterhütte zusammen und zog mit Rachel und den Kindern dort ein, und Schimoni ließ sich mit seiner Familie in dem zweiten Wohnwagen häuslich nieder, und gemeinsam wurden die beiden beim Registeramt in Jerusalem vorstellig und gründeten eine Gesellschaft mit dem Namen »Kooperativer Landwirtschaftsverband Chermesch«.

Damit war eine Bresche in den Hügel geschlagen. Wie Giora, Regimentskommandeur des Sektors und Otniels Kamerad aus der Fallschirmspringereinheit, später feststellen sollte, wurde er dieses Durchbruchs nicht gewahr. Die Bresche wurde an einer Trasse geschlagen, die man von der Straße nach Ma'aleh Chermesch 2 aus nicht sah, am Abhang des tief eingeschnittenen Wadis, Nachal Chermesch, und hügelaufwärts. Ein Weilchen später jedoch, nach einem Telefongespräch mit einem Freund im Ministerium für Infrastruktur, stellte die Abteilung für öffentliche Arbeiten vor Ort ein Sicherungsgeländer auf, denn der Weg verlief über steiles und lebensgefährliches Gelände.

Der Regimentskommandeur berichtete, dass er in einer Winternacht eine Meldung über Funk erhielt, dass fünf asbestgefertigte 24-Quadratmeter-Wohnwagen auf dem Grund nächst dem Landwirtschaftsanwesen Asis aufgestellt worden seien. Als er auf dem Gelände eintraf, fand er Last- und Wohnwagen vor. Laut seinen Worten blockierten die Siedler sein Panzerfahrzeug. Der Gemeinderatsvorsitzende wurde geholt, es kam zu verbalen Ausfällen, und Flüche ergossen sich über das Haupt des Regimentskommandeurs, der die Zivilverwaltung kontaktierte und fragte, was zu tun sei. Ihm wurde gesagt, dass keine Genehmigung zur Aufstellung der Wohnwagen vorliege. Es gebe jedoch auch keine Genehmigung, sie von dem Gelände zu entfernen. Die Soldaten luden die Bewohner auf die Militärfahrzeuge und transportierten sie ab - somit wurde in den Aufzeichnungen der Armee und des Sicherheitsministeriums vermerkt, dass der Siedlungsstützpunkt geräumt worden sei.

Am nächsten Tag kehrten die Siedler zurück, und der Regimentskommandeur des Sektors wandte sich der Erledigung dringenderer Angelegenheiten zu.

So setzte sich der Stützpunkt auf dem Hügel fest.

Die fünf Wohnwagen hatte die öffentliche Wohnbaugesellschaft Amidar vermietet, mit Genehmigung des Ministeriums für Wohnraumbeschaffung, die dem Vorsitzenden des Gemeinderats dank seiner Beziehungen zu dem Assistenten des Ministers erteilt wurde. Die Kälte an diesem Ort war grimmig, nichtsdestotrotz gab es Mücken. Die Bauten waren windschief, doch die Siedler dichteten die Fenster mit Netzen ab und setzten Holztüren ein, ebneten Zufahrtswege mit einem Kleinbagger und pflasterten Pfade, bestimmten ein Gebäude zur Synagoge. (Eine Synagoge in Jerusalem, die ihre Einrichtung erneuerte, stiftete ihre gebrauchten Möbel, einschließlich eines Thoraschreins in gutem Zustand. Einer der Männer brachte eine Thorarolle, erzählte aber nicht, woher.) In den Nächten, nach dem harten Tagwerk, hielten sie Wache, denn die Araber aus dem Nachbardorf beäugten ihre Taten mit Misstrauen. Wasser und Strom waren noch nicht regulär angeschlossen, die Bewohner beschieden sich mit einer rostigen Wasserrinne und mit Petroleumlampen. Eine Berghyäne tat sich bisweilen an Essen und Kleidern gütlich. Auch Felskaninchen und Ratten kamen liebend gerne zu Besuch.

Zwei Familien gingen wieder in den ersten Wochen. Die Familien Asis und Schimoni hielten durch, und der dritte Überdauernde war Chilik Jisraeli, Student der Politikwissenschaft in seinen Endzwanzigern, dessen mageres Gesicht eine dünngerahmte Brille und ein Schnurrbart zierten. Chilik war in Ma'aleh Chermesch aufgewachsen, doch verabscheute er dessen Bürgerlichkeit, träumte vom Pionierleben und der Erlösung des Landes und zog mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen im Kleinkindalter in einen der Wohnwagen. An einem Ort...

"Ein politischer Roman im allerbesten Sinne, der nie plump indoktrinieren will, sondern eine verwickelte Geschichte mit äußerster Genauigkeit und allen Ambivalenzen erzählt."

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen