Die Taube auf dem Dach

 
 
Klartext (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. April 2020
  • |
  • 250 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8375-2323-2 (ISBN)
 
Das Buch erzählt mit erfrischender Leichtigkeit die vier Generationen umfassende Geschichte einer Aufsteigerfamilie. Im Mittelpunkt steht das Ruhrgebietskind Barbara, so getauft wegen der Schutzpatronin der Bergleute, dem es gelingt, sich mit Energie und Kreativität aus der Enge seiner Herkunft zu befreien und diesen Impuls an die Nachkommen weiterzugeben.
Wie man sich "aus dem Staub macht", ohne die Bodenhaftung zu verlieren, ist eine spannende Lektüre mit Tiefgang und ein Leckerbissen für Sprachliebhaber. Vor allem aber ist es Kraftfutter für alle, die bereit sind, für ihre Träume zu kämpfen!
  • Deutsch
  • Essen
  • |
  • Deutschland
  • 1,02 MB
978-3-8375-2323-2 (9783837523232)
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Dagmar Gaßdorf, früher mit Sachbüchern hervorgetreten und vielen noch bekannt als Verlegerin der RUHR REVUE, legt mit "Die Taube auf dem Dach" ihren ersten Roman vor.
Die gebürtige Dortmunderin, die heute am Niederrhein lebt, hat an der Ruhr-Universität Bochum Sprachen studiert und promoviert, in führenden Funktionen großer Unternehmen gearbeitet, eine Werbeagentur geleitet und war und ist als Trainerin und in diversen Aufsichtsgremien und Ehrenämtern tätig.

Die Kommunion


"Ich krieg ein Perlo-Pettiko." Es gibt Sätze, die lange vergangene Szenarien auf einen Schlag lebendig werden lassen. Für Barbara war dies so ein Satz. Die Erinnerung an ihn war verbunden mit der sich leicht überschlagenden Stimme von Monika, die von ihrem Kleid für ein Ereignis sprach, das sie ihre "Kommion" nannte, das aber offiziell "Erste Heilige Kommunion" hieß. Monika wohnte in einem der hölzernen Behelfshäuser am Weg zur gemeinsamen Volksschule. Warum die Siedlung "Bukowina" genannt wurde, wusste Barbara nicht; aber sie freute sich über dieses erstaunlich melodische Wort für ein Ambiente, in dem ein Kamm mit Haaren auf dem Esstisch lag.

Ihr eigener Vorname gefiel Barbara nicht sonderlich. Gegen die Heilige der Bergleute konnte man zwar prinzipiell nichts haben, nachdem einer ihrer Großväter "unter Tage" gewesen war; aber die banale Phonetik musste man nicht mögen. Wenn irgendwo auf der Welt ein Kind seine ersten Wörter brabbelt, klingt das immer wie mama oder baba oder so ähnlich. Die Bildung von Verschlusslauten mit beiden Lippen, die beim Öffnen nach dem Saugen an der Brust fast automatisch einer Art "a" Platz machten, war vermutlich die simpelste aller Lautbildungen.

Barbara hatte einen Sinn für so etwas, und es wundert einen nicht, mit welchem Vergnügen sie später lernen sollte, dass es genau diese Lippen-Verschlusslaute sind, die in allen Sprachen der Welt vorkommen und von allen Kindern als erste gelernt werden und die allen Menschen, die ihre Sprache verlieren, als letzte verbleiben.

Der Bergbau-Opa, der in seinem Leben vermutlich am wenigsten damit gehadert hatte, wie er getauft worden war, Hinrich nämlich, war aus dem hohen Norden an die Ruhr gekommen: aus Husum. Innerhalb der westfälisch-katholischen Verwandtschaft war er vermutlich der einzige, dem die Heilige Barbara und alle anderen Heiligen und die gesamte praktizierte Frömmigkeit egal waren. Zur Kirche ging er jedenfalls nicht. Ob die Urgroßmutter, die nach den Erzählungen von Barbaras Mutter einen Hausaltar in ihrem Schlafzimmer hatte, an dem sie bei Gewitter Kerzen anzündete, den Schwiegersohn aus der grauen Stadt am grauen Meer gutgeheißen hatte? Darüber war in der Familie nie geredet worden. Das war tabu.

Ein merkwürdiges Wort, dachte Barbara. Mit seiner Betonung auf der zweiten Silbe stellte es sich quer zum Sprachfluss des Deutschen. Hätte man damals schon googeln können, hätte sie es getan und dabei gefunden, dass ein Seefahrer aus Thomas Cooks Team es im 18. Jahrhundert aus Polynesien importiert hatte, wo die Leute etwas, was heilig und unberührbar ist, als "tapu" bezeichnen. Das konnte für Orte gelten, die man nicht betreten darf, aber auch für Sachen, die man nicht essen darf. Eigentlich auch nicht anders als Fleisch, das am Freitag verboten war, fand Barbara, in deren Familie es dank dieser katholischen Marotte wenigstens einmal in der Woche das gab, was heute sowieso als gesünder gilt: Fisch.

Kuriose Wörter für kuriose Sachen faszinierten sie. Und das hier war kurios! Man wusste schließlich nicht, woher die Tabuverbote kamen und warum es sie gab, aber dass die, die sie befolgten, sie für selbstverständlich hielten. Es machte daher gar keinen Sinn zu fragen, warum denn der eher heidnisch wirkende Opa in eine Familie einheiraten durfte, die nach den Worten einer späteren Freundin von Barbara "Weihwasser pinkelte".

Man wusste überhaupt wenig über den Nordmann mit dem kantigen Kopf, denn er sprach wenig. Man fragte sich auch, was seine für eine Westfälin verblüffend lebensfrohe, rundliche, kleine Frau mit den Silberlöckchen an ihm gefunden hatte. Tatsache war, dass er es schweigend hinnahm, wenn sie zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten die gesamte Großfamilie bis hin zu den Verlobten der Enkelkinder in ihrer dafür eigentlich viel zu kleinen Wohnung versammelte und, von ihren Töchtern unterstützt, bekochte. Nur so viel stand fest: Nie wieder in ihrem späteren Leben, auch nicht bei so genannten Sterneköchen, sollte Barbara eine so traumhafte Rindfleischsuppe mit Eierstich und Markklößchen genießen und eine Bratensoße, für die man sogar den butterzarten Braten hätte stehen lassen. Tatsache war auch, dass der Opa es nicht merkte, wenn seine Frau ihn austrickste oder - wie Barbaras Mutter es konspirativer ausdrückte - "zu nehmen wusste".

Wenn man im Ruhrgebiet chronisch krank ist, hat es man immer "an" irgendetwas. Und dieser Opa hatte es "am Magen". Er legte deshalb Wert darauf, keine Butter, sondern Margarine zu essen. Der Oma, für die "gute Butter" getreu dem berühmten Kochbuch der Westfälin Henriette Davidis mit dem Titel "Man nehme" für schmackhafte Speisen der unübertroffene Geschmacksträger war, passierte es schon einmal, dass sie, wenn sie anlässlich von deren "großer Wäsche" zusammen mit ihrem Mann die Tochter Hildegard besuchte, um auf deren Kinder aufzupassen, die Margarine vergaß. Denn auf die Idee, seine Sachen selbst zu packen, wäre zu jener Zeit kein Ehemann gekommen; das galt als Frauensache. Tochter Hildegard kaufte aber keine Margarine. Sie schmeckte ihr nicht, und sie mochte auch keine bunten Becher auf dem Tisch; aus dem Becher heraus bekam man die Margarine aber nicht ohne Verlust. Die Oma dachte aber gar nicht daran, die Enkel zum Konsum zu schicken, um Margarine zu kaufen, wenn doch Butter im Hause war. Sie nahm vielmehr die Butter, ließ sie etwas weich werden und strich sie, die Enkel zu strengstem Schweigen verpflichtend, in ein Plastikgefäß mit Deckel, das von der Form her einem Margarinebecher glich. Der Opa hat es nicht bemerkt; aber die Enkelkinder hatten einen "Heidenspaß", wie die Oma das nannte - ein Wort, von dem zu vermuten steht, dass es inzwischen genauso verboten ist wie der Negerkuss und der Sarotti-Mohr.

Dass die Eigenheiten des Opas seiner Akzeptanz in der Familie keinen Abbruch taten, war besonders nach dem Tod seiner Frau einer stattlichen Knappschaftsrente zu verdanken, die er wegen seiner Staublunge bezog. Denn "am Magen" mochte er es nach eigener Überzeugung haben; doch "an der Lunge" hatte er es tatsächlich. Das machte den Bergbau-Opa bei allen seinen Kindern und deren Familien trotz seiner allseits bekannten kommunikativen Defizite zum umworbenen Hausgenossen, besserte dieses Familienmitglied doch das Haushaltsbudget auf, ohne groß zu stören. Denn den überwiegenden Teil seiner Tage verbrachte der Opa auf der Küchen-Eckbank und las Zeitung.

Ob er, wenn er sonntags vormittags im feinen Zwirn und mit gebügeltem Hemd zum Frühschoppen ging, gegenüber seinen Kumpels in der Kneipe genauso wortkarg war, konnte niemand sagen. Die Welt der Bergbau-Veteranen war eine ganz eigene, in sich geschlossene. Eines Tages wären sie ohnehin alle "weg vom Fenster" - eine Wendung, die der Neigung der Silikose-Geschädigten geschuldet war, zu ihren Lebzeiten am offenen Fenster nach Luft zu schnappen, bis sie irgendwann eben "weg vom Fenster" waren.

Barbara würde vermutlich eine kräftige Lunge entwickeln, denn täglich ging sie zu Fuß zur Schule, zwei Kilometer hin und zwei Kilometer zurück. Näher gab es keine katholische Volksschule, und ein Bus oder gar eine Straßenbahn fuhr auf der Strecke nicht. Auf Wunsch der Mutter holte sie die am Wege wohnenden Klassenkameraden ab - im Fall der Monika aus der Bukowina vorgeblich aus Christlichkeit (schließlich gehörte es sich nicht, Leute zu verachten, weil bei ihnen Kämme auf dem Esstisch lagen), aber ehrlicherweise wohl wegen der Sicherheit, denn in der Gruppe zu gehen war für die Kinder immer noch besser als allein. Und die Kinder aus der Bukowina wussten sich zu wehren.

Am Wege wohnte nämlich auch Uwe, ein etwas älterer, sogenannter böser Junge mit einem ebenso "bösen" Hund, der Freude daran hatte, vorbeikommende jüngere Kinder ohne erkennbaren Anlass zu quälen. Von Ludwig, den Barbara noch vor der Monika abholte und der von seiner verwitweten Mutter mit der strengen Hochsteckfrisur nur "Luckilein" gerufen wurde, war in solchen Situationen kaum Hilfe zu erwarten.

Luckilein, ein sehr früh in die Höhe geschossener, dünner Junge, saß beim Abholen meist zusammengefaltet zu einem Häuflein Elend auf der Treppe zu seinem Kinderzimmer im ersten Stock. Im Winter hörte man ihn schon von draußen heulen, weil er spätestens im Angesicht der zweiten Schneeflocke seine schweren Skischuhe anziehen musste, denn dies war die Zeit, in der federleichte Funktionskleidung noch nicht erfunden war.

Auch Barbaras Bruder Bernd, zwei Jahre jünger als sie und zwei Klassen unter ihr, heulte gelegentlich aus Wut. Er aber besonders im Sommer, wenn Mutter Hildegard ihn nötigte, die ungeliebte kurze Lederhose anzuziehen. Bernd kam sich in dieser aus Bayern importierten Trophäe der Eltern, die sie aus ihrem ersten, in der Wirtschaftswunder-Euphorie gebuchten Urlaub...

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